Lateinamerikanische Literatur bezeichnet die in den Sprachen Lateinamerikas verfasste Literatur, überwiegend in den romanischen Sprachen Spanisch und Portugiesisch, auch Französisch.Siehe auch frankokaribische Literatur, davon beeinflusst das Haitianische-Kreolisch usw. Die lateinamerikanische Literatur wurde als ein Schmelztiegel der Kulturen (crisol de culturas) bezeichnet.Rubén Bareiro Saguier: La Literatura latinoamericana: crisol de culturas (unesdoc.unesco.org), S. 27 Doch trugen lateinamerikanische Intellektuelle und Literaten auch maßgeblich zur Identitätsbildung ihrer jeweiligen Nationen bei. mini|hochkant|Historia verdadera de la conquista de la Nueva España (1632) von Bernal Díaz del Castillo.
Je nach Definition werden neben der hispanoamerikanischen bzw. iberoamerikanischen Literatur die Literaturen in den vielen Sprachen der indigenen Ethnien Süd- und Mittelamerikas dazu gezählt, außerdem die afrobrasilianische Literatur (Poesia negra usw.).Vgl. z. B. die Auswahl-Bibliographie (unesdoc.unesco.org) Es gibt beispielsweise auch eine auf Spanisch verfasste lateinamerikanische Literatur in den Vereinigten Staaten.Vgl. z. B. Thorsten Thiel: There is More than One Site of Resistance: Ironie und Parodie im zeitgenössischen Roman der Chicanos/as. Heidelberg: Winter, 2003 (American Studies, Band 98)
In der Folge prägten sich regionale bzw. nationale Literaturtraditionen deutlicher aus, da zwischen den jungen Nationalstaaten immer weniger Austauschbeziehungen bestanden und sich stattdessen die einseitige Orientierung an Europa – in Abkehr von spanischen Vorbildern vor allem am französischen Symbolismus – verstärkte. Während dieser und der Modernismo in der Lyrik dominierten, wurde die Epik der 1920er und 1930er Jahre durch einen sozialrealistischen Stil geprägt, der sich durch verstärkte Orientierung auf das Alltagsleben der indigenen Bauern oder Bergarbeiter und auf regionale Besonderheiten auszeichnete. Dazu gehören peruanische Andinismo und der brasilianische Indigenismo.
Die Literatur der 1940er bis 1980er Jahre war in vielen Ländern durch den Magischen Realismus geprägt. Zu diesem Boom trug die Entstehung eines globalen spanischsprachigen Buchmarktes im 20. Jahrhundert bei, der heute 550 Millionen potenzielle Leser umfasst. Jedoch wird der Magischen Realismus nach dem Abebben des auch von der US- und europäischen Nachfrage getriebenen Booms als Macondismo kritisch gesehen.
Kolonialzeit und 19. Jahrhundert
Wichtige Momente der frühen lateinamerikanischen Literatur sind die Ankunft der Vertreter der Kolonialmächte (Conquista), die Mission der Jesuiten, die zu eigenständigen Formen barocker Literatur führte,Heinz Krumpel: Barock und Moderne in Lateinamerika: ein Beitrag zu Identität und Vergleich zwischen lateinamerikanischem und europäischem Denken. Peter Lang, Frankfurt 2008. sowie die Unabhängigkeit der Länder von der Kolonialherrschaft. Der Untergang der indigenen Großreiche und der demographische Kollaps wurde selten zum Thema literarischen Schaffens. Hingegen finden viele vorspanische Mythen finden bis heute Eingang in die lateinamerikanische Literatur.Magdalena Chocano, William Rowe, Helena Usandizaga (Hrsg.): Huellas del mito prehispánico en la literatura latinoamericana. Madrid, Frankfurt 2011.
Die Ideen der Aufklärung wurden in Lateinamerika meist erst zeitgleich mit denen der Romantik – also während des Kampfes um die Unabhängigkeit und danach – rezipiert, und zwar vor allem von jesuitischen Reformern. Herders Historismus regte die Lateinamerikaner zum Überdenken ihrer Kultur, Sprache und historischen Identität an. Insbesondere befreiten die französische Revolution und der Sturz Ferdinand VII. das Denken im spanischen Mutterland wie in den Kolonien von klerikalen Fesseln, förderten aber die Wissenschaftsgläubigkeit. Auch die Rezeption der Werke Alexander von Humboldts trug zur Stärkung eines kreolischen Selbstbewusstseins bei; Simón Bolívar empfing aus ihnen sowie aus dem Denken Rousseaus und Jeremy Benthams viele Anregungen. Dennoch beschränkten sich die Wirkungen der Aufklärung in einer nach wie vor feudalen Gesellschaft auf eine kleine gebildete Minderheit.Vgl. dazu und zum Folgenden: Heinz Krumpel: Aufklärung und Romantik in Lateinamerika. Ein Beitrag zu Identität, Vergleich und Wechselwirkung zwischen lateinamerikanischem und europäischem Denken. Frankfurt, Berlin, Bern usw. 2004, und: Manfred Kossok: Aufklärung in Lateinamerika: Mythos oder Realität? In: E. Werner u. a. (Hrsg.): Aspekte der Aufklärungsbewegung in Lateinamerika, Deutschland, Rußland und der Türkei. Berlin 1974, S. 5–18.
Romantik, Costumbrismo, Realismus Seit der Unabhängigkeit ist das zentrale Thema der lateinamerikanischen Literatur das Suchen und Darstellen der nationalen Identität. Die Befreiungskriege waren vom Aufschwung der nationalen Romantik begleitet.Emilio Carilla: El romanticismo en la América Hispánica. (1958) 3. Auflage Madrid 1975. Im frühen 19. Jahrhundert suchte die Erzählliteratur Lateinamerikas Anschluss an europäische Vorgaben der Romantik und entwickelte nebenbei eine eigene, mit lokalen Themen verbundene Prosa. Die koloniale Prägung hatte die Menschen an Traditionen und Klassizismus gebunden. Nun konnten sie dieser Gebundenheit durch die Literatur entfliehen. Die Vertreter der frühen Romantik – die Generation der vor 1830 geborenen Autoren wie der Argentinier Esteban Echeverría – thematisierte nicht nur die nationale Befreiung, sondern postulierten auch die Befreiung des Individuums von den caudillos, den Anführern von Bürgerkriegen und frühen Diktatoren.Theile 1962, S. 8 Zugleich entflammte der Kampf für die Gleichberechtigung der indigenen Bevölkerung und der Sklaven, in dessen Zusammenhang die Gattung des Sklavenromans (novela abolicionista) entstand, die von dem Kubaner Felix Tanco y Bosmeniel (1797–1871) begründet wurde (Petrona y Rosalía 1838). Ein weiteres Beispiel hierfür ist der Roman Francisco von Anselmo Suárez y Romero (1818–1878). 1841 wurde in Spanien der Roman Sab (dt. Ausgabe 1997) von der aus Kuba stammenden Autorin Gertrudis Gómez de Avellaneda in Spanien veröffentlicht, der nicht nur die Lage des schwarzen Sklaven Sab, sondern auch die Rechtlosigkeit der Frauen kritisiert.
Das Individuum mit seiner inneren Welt steht im Mittelpunkt der romantischen Literatur. Insbesondere der Liebesroman erlangte große Bedeutung. Dabei geht es meist um eine tragische, unerfüllte Liebe, die mit dem Tod beider Protagonisten enden kann. Neben der Liebe wird auch der Natur nun eine größere Bedeutung beigemessen. In der Lyrik und Prosa finden sich detailreiche, idyllische Naturbeschreibungen wieder, die neben der Beschreibung der Naturphänomene auch den Gefühlszustand des Schriftstellers widerspiegeln. Diese Merkmale der Romantik kehren u. a. häufig in den Werken des Argentiniers José Mármol wieder. Weitere Vertreter der Romantik in Lateinamerika sind Jorge Isaacs (Kolumbien) und Juan León Mera (Ecuador). mini|hochkant|Ricardo Palma Mit dem Costumbrismo entstand seit den 1830er Jahren eine in ganz Lateinamerika (später auch in Brasilien) verbreitete realistische Erzählströmung, die die agrarische Prägung der jungen Staaten, aber auch die zunehmende Verbürgerlichung widerspiegelte und sich dabei teils romantischer Motive, teils auch der Satire und Gesellschaftskritik bediente. Sie zielte auf realistische Typenbildung und teils überspitzt verdichtete Sittenbilder, machte auch marginalisierte Gruppen sichtbar und herrschte in regionalen Variationen lange auf dem gesamten Halbkontinent vor.
Die nach 1830 geborene zweite Generation romantischer Literaten wächst in einem politisch ruhigeren Klima auf. Autoren wie der Peruaner Ricardo Palma überwinden die Begrenztheit der costumbristischen Schilderungen und führen die relatos in die Nähe der modernen Erzählung. In volkstümlichen kurzen Geschichten, von Palma tradiciones genannt,Theile 1962, S. 8 f. treten die Sozialkritik und der Nationalismus in den Hintergrund, während das Lokalkolorit und die Mundart mitsamt ihren Archaismen von ihm kreativ herausgearbeitet wird.
Den Realismus vertritt eine nach etwa 1845 geborene Generation von Autoren, die mit der zunehmenden Einwanderung aus verschiedenen europäischen Ländern und mit entsprechenden kulturellen Einflüssen konfrontiert ist. Immer mehr Lateinamerikaner machen sich als Diplomaten oder Journalisten auf nach Europa, vor allem nach Paris. Zu den Vorbildern der stilistisch stärker verdichteten erzählenden Literatur dieser Zeit zählen u. a. Théophile Gautier, E. T. A. Hoffmann und Edgar Allan Poe. Gleichzeitig wächst die Aufmerksamkeit für die rassische und kulturelle Diversität im eigenen Lande, für die Afroamerikaner, Indios, Mestizen, Mulatten und Zambos.Theile 1962, S. 9 f. mini|hochkant|Os Sertões (Krieg im Sertão) von Euclides da Cunha Die Einflüsse des Positivismus, Darwinismus und Rassentheorien führten gegen Ende des Jahrhunderts zu einer systematischen Abwertung der Kultur der Indigenen, die man in der Literatur häufig als eine zum Untergang verurteilte Rasse darstellte.
mini|hochkant|Machado de Assis In der Folge prägten sich regionale bzw. nationale Literaturtraditionen immer deutlicher aus. Die jungen Nationalliteraturen emanzipierten sich immer stärker von spanischen bzw. portugiesischen Vorbildern. Der Begriff „Lateinamerika“ und seine Verwendung anstelle des Begriffs Iberoamerika reflektierte diesen Prozess, der zur stärkeren Orientierung an französischen Vorbildern des Symbolismus und Naturalismus führte. Zur Entstehung dieser Nationalliteraturen trugen die relativ geringen kulturellen Austauschbeziehungen zwischen den lateinamerikanischen Staaten bei, die durch die zu Europa und später zu den USA ersetzt wurden. Erste Zweifel an der Rolle ihrer nationalistischen weißen Eliten werden in den vielseitigen, meist ironischen Werken des brasilianischen Autors Joaquim Maria Machado de Assis deutlich, eines Mulatten, der als Autodidakt die literarischen Konventionen sprengte und zur wichtigsten Figur des brasilianischen Realismus wenn nicht der brasilianischen Literatur überhaupt wurde. Sein Realismus ist jedoch immer wieder gebrochen durch romantische, impressionistische und subjektive Elemente, was seiner Prosa eine große Originalität verleiht. Zweifel an den republikanischen Idealen und am positivistischen Fortschrittsglauben artikuliert auch der (selbst vom Darwinismus beeinflusste) Soziologe und Ingenieur Euclides da Cunha. Die gänzliche kulturelle Unabhängigkeit des Kontinents forderte Ende des 19. Jahrhunderts José Martí.
Die Anfänge des Modernismo