Dieser Artikel behandelt die Geschichte der Landwirtschaft in der Schweiz. Vorgeschichte (bis 1850) Die Bedeutung in vielen Regionen des schweizerischen Mittellandes war über Jahrhunderte geprägt durch die Dreizelgenwirtschaft. Diese dreifeldrige Fruchtwechsel gliederte sich wie folgt:

Jahr: Winterung; Wintergetreide (meist Dinkel) Jahr: Sommerung; Sommergetreide (meist Hafer oder Gerste) Jahr: Brache

In jeder Zelge besass der einzelne Bauer seinen Acker. Es handelte sich nicht um einen Arbeitsverband von Bauern, sondern um eine Dorfgemeinschaft. Die Dreizelgenwirtschaft liess eine intensive Viehhaltung nicht zu. Die gemeinsame Weide auf der Brache, der ungedüngten Allmend und den Stoppelfeldern sowie die mangelhafte Winterfütterung boten nur ein karges Futter. Jahrhundertelang wurden Waldbäume entastet, Lebhäge „auf den Stock gesetzt“ und die blattreichen Zweige auf den Lauben als Winterfutter aufgehängt und getrocknet. Nicht zu Unrecht sprach man später von Waldvernichtung, Waldmisshandlung oder Waldschinderei. Hochwald, wie wir ihn heute kennen, war selten vorhanden; buschförmige Vegetation herrschte vor. Die Landwirtschaft erstarrte in der Dreizelgenwirtschaft.[vgl. Lehmann, Josef 2003:13–15] Mit der landwirtschaftlichen Nutzung hat sich die Biodiversität mit Beginn der Waldrodungen seit Jahrhunderten laufend erhöht, etwa durch neue Wiesen, Weiden, Obstgärten und Hecken. Die Trendwende erfolgte ab Mitte des 20. Jahrhunderts.

In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte im Mittelland die erste landwirtschaftliche Revolution ein und zog sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hin. Für die Landwirtschaft bedeutet das 18. Jahrhundert die Morgenröte einer neuen, besseren Zeit. Junge Landedelleute nahmen die Bewirtschaftung ihrer Landgüter selbst in die Hand und suchten die Landwirtschaft, insbesondere die Viehhaltung, zu heben und zu fördern. Die Fesseln der Dreizelgenwirtschaft wurden gesprengt. Man begann mit der Stallfütterung, der sorgfältigen Lagerung von Mist und Gülle und baute auf der früheren Brachzelg KartoffelnBenedikt Meyer: Die Kartoffel Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 13. Mai 2019 und Futtergräser (Luzerne, Klee) an. Die Allmende wurde parzelliert und unter den Bauern aufgeteilt. Ein neues Ziel trat in den Vordergrund, nämlich genug Vieh zu halten, um das eigene Land mit ausreichend Hofdünger zu versorgen. Einer der Miststöcke, Lebhäge und den vermehrten Ackerbau propagierte war der Arzt Laurenz Zellweger, ein Mitglied der Naturforschende Gesellschaft in Zürich. Während der Hungerkrise 1770–71 verbreitete sich der Kartoffelanbau zusehends. Mitten in dieser Entwicklung brach 1789 die Französische Revolution aus. Man war aufgeschlossen für Neuerungen.

1816 war das Jahr ohne Sommer. In jenem Sommer gab es 80 Prozent mehr Regentage als normal, die Temperatur war um 2,5 Grad zu tief. Noch im Juli schneite es mehrfach bis ins Flachland. Am schwersten traf es den Osten des Landes und dort besonders Regionen wie Glarus oder das Zürcher Oberland, wo die Menschen gerade von der Landwirtschaft auf die Textilproduktion umstiegen und deshalb auf den Import von Getreide angewiesen waren. Dieses blieb aus und die Preise schossen mancherorts auf das Sechsfache. In Appenzell Innerrhoden verhungerte etwa ein Zehntel der Bevölkerung. In der Not wurden gedörrte Kartoffelschalen verschlungen, Brei aus Knochenmehl oder zerriebenem Heu gekocht oder Katzen und Hunde gegessen. Infolge kam es erneut zu Missernten und Hungersnöten und einer grossen Auswanderungswelle, mitverursacht durch Konjunktureinbrüche in der Textilindustrie. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte sich Johann Rudolf Steinmüller für die Gründung einer landwirtschaftlichen Gesellschaft ein, welche für den Kanton St. Gallen 1818 ins Leben gerufen wurde und als deren erster Präsident er von 1819 bis 1835 tätig war. Ab 1820 wurden Fleischbänke durch grosse städtische Schlachthäuser ersetzt. Die im 19. Jahrhundert neu aufkommenden Talkäsereien verwerteten Milchüberschüsse und die dabei anfallende Molke ermöglichte zusammen mit Kartoffeln eine vermehrte Schweinehaltung. Die Konkurrenz zwischen Alp- und Talkäsereien, welche sich bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts abzeichnete, verschärfte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch. 1823 wurde in Amsoldingen durch die Landwirte eine der ersten Käsereigenossenschaften gegründet, die noch heute existiert. 1842 wurde Oswald Heer erster Präsident des Zürcher Landwirtschaftlichen Kantonalvereins. 1844 wurde der Bauernverein Graubünden gegründet. Im selben Jahr begann Rudolf Maag in Dielsdorf mit der Herstellung von Knochenmehldünger. 1846 wurde der Sentenhof an die Familie Ineichen verkauft, die ihn heute noch führt. Am 9. Juni 1846 erschien erstmals das Wochenblatt für Landwirthschaft und Gartenbau (heute Schweizer Bauer). In den 1840er-Jahren wütete die Kartoffelfäulnis, verursachte Ernteausfälle und trieb viele Leute in die Emigration, insbesondere nach Russland und Übersee. Während der Kartoffelkrise war auch Kaspar Köpfli aus Sursee in die USA gezogen. 1831 hatte er in Illinois die Kolonie «Helvetia» gegründet.

Gründung erster Bildungs- und Kontrollstationen (zwischen 1850 und 1880) In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mussten die Menschen lernen, sich den Erfordernissen einer Industriegesellschaft anzupassen. Völlig neue Technologien veränderten ihren Alltag und die Naturwissenschaften boten ganz andere als die bisher geltenden Erklärungen für die Lebensvorgänge und die landwirtschaftliche Produktion an.

Mit dem 19. Jahrhundert beginnen in der Schweiz daher auch die Versuche kantonale landwirtschaftliche Lehranstalten ins Leben zu rufen. Mit der neuen Bundesverfassung des Jahres 1848 beginnt sich auch in der Schweiz der moderne Wohlfahrtsstaat zu entwickeln. Die Staatsrechnung der Fünfzigerjahre weist die ersten, allerdings noch sehr bescheidenen landwirtschaftlichen Subventionen aus.[vgl. Lehmann, Josef 2003:19–23] Diese Bundesbeiträge ab 1851 wurden ohne gesetzliche Umschreibung hauptsächlich an die landwirtschaftlichen Hauptvereine ausbezahlt.

Bis um 1850 versorgte sich die überwiegende Mehrzahl der Haushalte durch Subsistenzwirtschaft. 1851 wurde der Konsumverein Zürich gegründet und 1853 die landwirtschaftliche Schule Strickhof. Auf Initiative der Ökonomischen Gesellschaft Bern, wurde 1860 die Ackerbauschule Rütti in der Gemeinde Zollikofen gegründet. Die Chemische Düngerfabrik in Marthalen begann im gleichen Jahr Phosphatdünger aus Knochenmehl und Superphosphat herzustellen. Auch die Mechanisierung der Landwirtschaft setzte in dieser Zeit ein. Die zweite Agrarrevolution dauerte ungefähr von 1850 bis 1950. Zur Förderung der Alpwirtschaft wurde 1863 der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verein gegründet. Langjähriger Präsident war u. a. Rudolf Schatzmann.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts musste die Schweiz ihr Brotgetreide selbst anbauen. Die Hauptaufgabe der Landwirtschaft sah die Obrigkeit in der Selbstversorgung der Feudal- und Stadtstaaten mit Getreide. Erst um 1860 fing man an, grössere Mengen von Getreide aus den Donauländern (Ungarn, Russland) und später auch aus Übersee (Amerika) zu importieren.[vgl. Lehmann, Josef 2003:27] Dieser Vorgang wurde durch die Entwicklung der Eisenbahn und von Dampfschiffen begünstigt. Das billige Getreide aus den USA führte in den 1870er Jahren zu einer Agrarkrise, was rund ein Viertel der Bauern wegen der Zinslast in den Konkurs trieb. Dies löste bei den verbleibenden Landwirten eine Umstrukturierung vom Getreidebau zur Milchwirtschaft aus, wofür sie auf neue Kredite angewiesen waren. Diese Zeit war auch durch die sogenannte Kartoffelschnapspest geprägt, welche jedoch noch lange anhielt.

1865 wurde Wander gegründet, 1866 die Anglo-Swiss Condensed Milk Company und Nestlé. 1868 begann die Juragewässerkorrektion. Ab den 1870er setzte die Agrarpolitik des Bundes ein, um zunächst die Rationalisierung der Produktion zu fördern.

Seit 1871 können an der ETH Zürich Agrarwissenschaften studiert werden. Die drei ersten Professoren wurden Adolf Kraemer, Anton Nowacki und Ernst Schulze. Im selben Jahr begann auch die Fabrique d'engrais chimiques in Freiburg mit der Herstellung von Superphosphat. 1872 trat das erste Bundesgesetz zur Bekämpfung der Viehseuchen in Kraft und der Bundesrat rief die Abteilung Viehseuchenpolizei ins Leben. 1874 gründete Conrad Schenkel in Elsau die erste moderne landwirtschaftliche Genossenschaft. 1878 wurde das Eisenbahn- und Handelsdepartement in Handels- und Landwirtschaftsdepartement umbenannt, welchem 1881 die Abteilung Landwirtschaft angegliedert wurde. Die Landwirtschaft und die Ernährung folgten immer mehr den Gesetzen der Globalisierung.

1880 wurde der Höchststand beim Hopfenanbau erreicht. Im selben Jahr nahm die Schweizer Hagel-Versicherung ihren Anfang.

In diesem Zeitraum wurden auch zahlreiche Viehschauen ins Leben gerufen, beispielsweise in Stein, Urnäsch«Bin heute noch Feuer und Flamme für die Viehzucht»: Der Viehzucht-Chef aus Urnäsch über Kühe, Kritik und das 125-Jahr-Viehschau-Jubiläum, Samuel Ryter, 25. September 2024, Appenzeller Zeitung und 1885 in Gais.

Geburtsstunde der Forschungsanstalten (1874–1914) Der erste Schritt des schweizerischen Bundes hin zu landwirtschaftlichen Forschungsanstalten war der Ausbau der ETH Zürich, wo 1878 die beiden ersten Eidg. landwirtschaftlichen Versuchsanstalten entstanden: die Schweiz. Samenkontrollstation und die Schweiz. Agrikulturchemische Untersuchungsstation. Beide Stationen wuchsen sehr rasch. Vor allem die Samenkontrollstation entwickelte sich zu einem Institut von Weltruf. Ihr Gründer, Friedrich Gottlieb Stebler, leitete sie 42 Jahre lang geschickt und erfolgreich. Untersucht wurden Dünge- und Futtermittel, Böden, Milch, Weine, Hofdünger usw. Einen Schwerpunkt bildete die Weiterentwicklung von Analysemethoden.[vgl. Lehmann, Josef 2003:29] Dies war der Ausgangspunkt zur späteren Gründung des Standorts Reckenholz der heutigen Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon ART. Allerdings wurde der zweite Standort, Tänikon TG, erst 1969 eröffnet, damals als Forschungsanstalt für Agrarwirtschaft und Landtechnik.[vgl. Popp, Hans 2001:4–5] Neben der Agrikulturchemischen Untersuchungsstation der ETH Zürich, sorgten auch die landwirtschaftlichen Genossenschaften für einen regen Absatz der Handelsdünger. Die Einfuhren stiegen in den folgenden Jahrzehnten immer weiter an.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Westschweizer Reben von Krankheiten heimgesucht. Dies war die Geburtsstunde der Waadtländer Rebenforschungsstation im Jahr 1886 und schliesslich auch der Eidgenössischen Forschungsanstalt in Changins, die durch die Fusion der Eidg. Forschungsstation für landwirtschaftliche Chemie (1886 gegründet), des Eidgenössischen Saatgut-Kontrolllabors (1898 gegründet) und der Eidgenössische Rebenforschungsstation (1915 gegründet) entstand. Die Versuchsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil existierte bereits seit 1890. 1902 übernahm der Bund diese Anstalt. Diese beiden Standorte, Changins und Wädenswil, fusionierten etwas mehr als hundert Jahre später zur Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW.