Die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) (oder nur Aktion Sühnezeichen), besonders im englischsprachigen Ausland auch unter Action Reconciliation / Service For Peace (ARSP) bekannt, ist eine deutsche Organisation der Friedensbewegung.
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. wurde 1958 am Rande der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland von Lothar Kreyssig initiiert und ihre Gründung vorangetrieben. Die Organisation ist besonders durch ein internationales Freiwilligenprogramm und die Organisation von Workcamps in Europa bekannt.
Ziele ASF organisiert Freiwilligendienste und Begegnungsprogramme (Friedensdienste) in Europa, Israel und in den USA. Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und ihren Folgen ist für die Organisation seit 1958 Motiv und Verpflichtung für konkretes Handeln in der Gegenwart. Freiwillige begleiten Holocaustüberlebende und ehemalige Zwangsarbeiter, unterstützen Menschen mit Behinderungen, sozial Benachteiligte und engagieren sich in Gedenkstätten und Organisationen gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus.
Auszüge aus der Vereinssatzung der ASF § 2 Zweck und Arbeitsweise
Der Verein ist eine Organisation, die – in Aufnahme und Weiterführung des Gründungsaufrufes von 1958 – die Versöhnung mit den vom nationalsozialistischen Deutschland überfallenen wie von der Vernichtung bedrohten Völkern und Menschengruppen und die Entwicklung der Friedensfähigkeit zum Ziel hat. Zweck des Vereins ist somit die Förderung der Völkerverständigung und der Bildung. Er verwirklicht seine Aufgaben insbesondere durch: a) kurzfristige und langfristige Freiwilligendienste im In- und Ausland in Projekten zur Unterstützung von Menschen mit Behinderungen, sozial Benachteiligten, älteren Menschen, in Gedenkstätten und Museen, in Forschungsinstitutionen und politischen Initiativen (steuerbegünstigte Organisationen und Körperschaften); b) Seminare und Bildungsangeboten für Freiwillige, Multiplikatoren und eine interessierte Öffentlichkeit; c) Hilfe für Opfer von Gewaltherrschaft durch Freiwilligendienste, Kampagnen, Spendenaufrufe oder Sammelaktionen; d) Information der Öffentlichkeit über die vom Verein verfolgten Ziele. (PDF; 0,3 MB)
Geschichte der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
Vorgeschichte Die Vorgeschichte von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) beginnt mit dem Versagen der Kirchen in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus und mit dem Widerstand gegen das Hitler-Regime. So gehörte Lothar Kreyssig, der Gründer von Aktion Sühnezeichen, zum Widerstand innerhalb der Bekennenden Kirche. Mit der Unterstützung einiger Gleichgesinnter wie z. B. Martin Niemöller, Gustav Heinemann, Elisabeth Schmitz und später auch Franz von Hammerstein thematisierte er in der Nachkriegszeit das Versagen der Kirchen und drängte auf Buße und Umkehr.
Gründungsaufruf der Aktion Sühnezeichen 1954 versuchte Lothar Kreyssig auf dem Kirchentag in Leipzig zum ersten Mal, Mitstreiter für seinen Versöhnungsdienst zu finden. Sein Aufruf fand jedoch kaum Gehör. „Dass etwas richtig und notwendig ist, genügt noch nicht für die Verwirklichung in Raum und Zeit. Die Stunde dafür muss da sein“, schrieb er später in seiner unveröffentlichten Autobiographie. Vom 26. bis 30. April 1958 tagte schließlich die Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands abwechselnd in Spandau (West-Berlin) und in Weißensee (Ost-Berlin). Zu diesem Zeitpunkt war die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland noch eine gesamtdeutsche Versammlung, auf der die Synodalen aus der Bundesrepublik und aus der DDR gemeinsam berieten. 1958 wurde äußerst kontrovers über den westdeutschen Militärseelsorgevertrag und eine mögliche Atombewaffnung der Bundeswehr diskutiert. In dieser aufgewühlten Stimmung verlas Präses Lothar Kreyssig am letzten Verhandlungstag der Synode den Aufruf zur Gründung von Aktion Sühnezeichen. Zahlreiche Synodale unterzeichneten den Aufruf noch am selben Abend.
Dieser Aufruf stellte nicht nur ein Schuldbekenntnis dar, sondern forderte auch konkrete Konsequenzen. Jedoch funktionierte dies nicht in der Weise, dass die Aktion Sühnezeichen Hilfe anbot, sondern darum bat, helfen zu dürfen. Diese in der Kirchengeschichte einmalige, demütige Haltung war eine Absage an jedes bevormundende Funktionalisieren des Sühnegedankens. Sie sollte die Bereitschaft signalisieren, sich einzulassen, also im Tun und im Dialog zu lernen – denn die Bitte setzt auf Gespräch, auf Antwort und auf neues Tun.
Aktion Sühnezeichen wurde ursprünglich als gesamtdeutsche Organisation gegründet; die Spaltung Deutschlands machte jedoch eine gemeinsame Arbeit unmöglich. So entwickelten sich in den beiden deutschen Staaten zwei Organisationen mit einem gemeinsamen Ziel, aber unterschiedlichen Schwerpunkten in der praktischen Arbeit.
ASF in der Bundesrepublik Deutschland Die Arbeit der westdeutschen ASF begann 1959 in den Niederlanden und in Norwegen in Form von Bauprojekten. Bald folgten weitere Projekte in anderen Ländern. Freiwillige halfen z. B. beim Bau einer Synagoge in Villeurbanne und der Versöhnungskirche von Taizé in Frankreich, bei der Errichtung eines Kindergartens in Skopje/Jugoslawien, bei der Installation einer Bewässerungsanlage auf Kreta/Griechenland, beim Bau einer internationalen Begegnungsstätte in der zerstörten Kathedrale von Coventry in Großbritannien. Die Arbeit in Israel konnte 1961 nach der Beendigung des Eichmann-Prozess mit einem Projekt in einem Kibbuz begonnen werden. Ab Mitte der 1960er-Jahre veränderte sich das Einsatzgebiet der Freiwilligen langsam. Es gab immer weniger Bauprojekte und es kamen v. a. Projekte in der Gedenkstätten-, Alten- und Sozialarbeit dazu. In den 1980er-Jahren wurden weitere Projektstellen in den Bereichen Strukturelle Diskriminierung, Arbeit für Menschenrechte und Nachbarschaftshilfe etabliert. Im September 1985 publizierte ASF zusammen mit der AGDF (Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden) auf dem 21. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf die fünf Düsseldorfer Friedensthesen gegen militärische Abschreckungspotentiale, für eine gerechtere Verteilung des Reichtums auf der Welt, für eine Verweigerung des Kriegsdienstes, für Gewaltfreiheit.
ASZ in der DDR Die ostdeutsche Aktion Sühnezeichen (ASZ) konnte nach 1961 aufgrund des Mauerbaus keine Freiwilligen mehr zu den Projekten in Westeuropa entsenden. Da die DDR den Mythos des „antifaschistischen Staats“ propagierte und eine Haftung für die Folgen des Nationalsozialismus verweigerte, waren die Projekte der ASZ am Anfang nur auf das Gebiet der DDR und den innerkirchlichen Raum begrenzt. 1962 begann die Sühnezeichen-Arbeit mit dem Aufbau und der Entwicklung von Sommerlagern, in denen Menschen aus verschiedenen Ländern für zwei bis drei Wochen zusammen lebten und arbeiteten. Dieser so bescheidene und beschwerliche Anfang wurde zum Fundament zukünftiger Arbeit. Auf diesem Fundament konnten die Strukturen und Konzeptionen für die Arbeit der Aktion Sühnezeichen in der DDR aufgebaut werden. In den Jahren 1965 und 1966 konnten dennoch Freiwilligengruppen in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Seelsorgeamt Magdeburg nach Auschwitz, Majdanek, Stutthof und Groß-Rosen fahren. 1967 und 1968 scheiterten weitere Reisen zu Gedenkstätten in der Volksrepublik Polen und in der ČSSR trotz Einladungen an der staatlichen Visa-Verweigerung. Erst nach Einführung des visafreien Reiseverkehrs im Jahr 1972 zwischen der DDR und Polen sowie der CSSR konnten wieder deutsche Jugendliche und nun auch polnische und tschechoslowakische Freiwillige an Sommerlagern in Polen und Einsätzen in der DDR teilnehmen. 1979 arbeitete erstmals eine Gruppe in Buchenwald. Auf diese Weise fand nun ein Teil der Sommerlager außerhalb der Kirche statt. Ab 1981 wurde die Anzahl der Sommerlager in diesen Arbeitsbereichen erweitert; so etwa in Buchenwald, Sachsenhausen, Ravensbrück und Mittelbau-Dora. Sühnezeichen-Gruppen waren ab dieser Zeit an der Erhaltung und Wiederherstellung von jüdischen Friedhöfen in fast allen Regionen der DDR beteiligt. Von 1962 bis 1992 nahmen über 12.000 Freiwillige an den Sommerlagern von ASZ teil.
Wiedervereinigung bis heute Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden die beiden deutschen Organisationen vereinigt. Dabei blieben die beiden unterschiedlichen Formen von Freiwilligendiensten – langfristige Freiwilligendienste von ASF und kurzfristige Freiwilligendienste und Sommerlager von ASZ – erhalten. Seit Ende der 1990er-Jahre erhöht ASF die Anzahl der Projektstellen, um auf die veränderte Nachfrage und neue Möglichkeiten wie den Europäischen Freiwilligendienst zu reagieren.
Am 27. Mai 2018 wurde in einem Festakt in der Französischen Friedrichstadtkirche das 60-jährige Bestehen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste gefeiert.
Aktuelle Arbeitsfelder der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Langfristige Freiwilligendienste ASF entsendet momentan pro Jahr rund 160 Freiwillige in Länder, die in besonderem Maße unter der NS-Herrschaft gelitten haben: Belarus, Belgien, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Israel, die Niederlande, Norwegen, Polen, Russland, Tschechien, Ukraine und USA. Aufgrund des russischen Angriffskrieges ist derzeit kein Freiwilligendienst in der Ukraine möglich. Aufgrund der politischen Lage ruhen auch die Programme in Belarus und Russland. Die Freiwilligen sind überwiegend junge Menschen zwischen 18 und 27 Jahren. Vielfach kann der Freiwilligendienst auch als Europäischer Freiwilligendienst oder Freiwilliges Soziales Jahr anerkannt werden. Die Freiwilligen unterstützen und begleiten Überlebende der Shoah und ihre Nachkommen, arbeiten in Gedenkstätten mit, kümmern sich um ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, sozial Benachteiligte und Flüchtlinge und engagieren sich in Stadtteilprojekten und Antirassismusinitiativen.
Projektländer Belarus Seit 1992 entsendet ASF jährlich Freiwillige nach Belarus. In den 1960er Jahren gab es bereits erste Sommerlager. Schwerpunkt der Freiwilligenarbeit sind die Begleitung und Unterstützung für Shoah-Überlebende und ehemalige NS-Zwangsarbeiter sowie für Kinder und Erwachsene mit Behinderungen, etwa in den Projekten Geschichtswerkstatt Minsk und im Zentrum der Kinderonkologie in Minsk. Aufgrund der politischen Lage musste das Freiwilligenprogramm in Belarus vorerst unterbrochen werden.
Belgien Die Arbeit in Belgien begann 1964 mit dem Wiederaufbau eines Jugendheims für Jugendliche in Ath. Zurzeit entsendet ASF nach Belgien elf Freiwillige. Sie engagieren sich z. B. in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen wie z. B. in der Archengemeinschaft in Brugge/Mourkerke, in der Sozial- und Flüchtlingshilfe, der Jugendarbeit und in Projekten für historische und politische Bildung, wie jenes im Jüdischen Museum von Belgien. Seit 2004 gibt es ein eigenes Länderbüro von ASF in Belgien. Neben der Betreuung der Freiwilligen liegt die Hauptaufgabe des Büros auch in der Kontaktpflege mit den Institutionen der Europäischen Union und weiterer in Brüssel ansässiger Organisationen. In diesem Sinne nimmt das belgische Länderbüro eine besondere Stellung gegenüber anderen Länderbüros ein.
Frankreich In Frankreich ist ASF seit 1961 aktiv. Die ersten Projekte beinhalteten die Hilfe beim Aufbau der Versöhnungskirche in Taizé und einer Synagoge in Villeurbanne. Nach Frankreich entsendet ASF zurzeit ca. 17 Freiwillige. Sie arbeiten hier z. B. mit älteren Menschen, mit Überlebenden der Shoah und deren Nachkommen sowie mit wohnungslosen und sozial benachteiligten Menschen und Menschen mit Behinderung.
Griechenland