mini|Conrad Johann Glückselig 1864–1934
Conrad Johann Glückselig (* 13. Juli 1864 in Weidenberg; † 2. Oktober 1934 in Vaihingen auf den Fildern)Günther Widmer, Ortssippenbuch Vaihingen a. d. Fildern 1587–1930, 2 Bände, Selbstverlag 2012, 1. Band A-M, S. 413, Archiv Historisches Vaihingen a.d.F. e.V. war ein deutscher Heilpraktiker, Theosoph, Spagyriker, Paracelsist und Großhändler.
Leben und Wirken Kindheit und Jugend – Amerika Glückselig wurde 1864 als Sohn eines Schneidermeisters und einer Müllerstochter geboren.Eltern: Leonhard Glückselig (* 17. Juli 1829 in Weidenberg; † 18. Februar 1907 in Nürnberg) und Magdalena Ströbel (* 23. Juli 1842 in Neumühle; † 15. November 1909 in Nürnberg) aus Goldkronach, siehe Stadtarchiv Nürnberg, Bestand C 27/II Nr. 671/397, siehe auch C 27/II, Nr. 721/2357
Glückselig besuchte die Volksschule in Weidenberg. Anschließend absolvierte er für drei Jahre eine Lehrerausbildung. Nach eigenem Bekunden hatte er „nicht das Zeug zu diesem Beruf.“ Fünf Jahre diente er als Freiwilliger bei der Bayreuther Infanterie und begann anschließend sein Arbeitsleben als Stenograph. Später wurde er Geschäftsführer in der Nürnberger Exportniederlassung eines New Yorker Handelshauses für kunstgewerbliche Artikel. Als das Unternehmen im Jahr 1889 wegen protektionistischer Tendenzen unter US-Präsident William McKinley nach New York verlegt wurde, nahm man Glückselig mit. Am 12. Juni 1892 heiratete er in New Jersey und am 27. Mai 1893 kam das erste Kind zur Welt.Ehefrau: Johanna Louise Theresine Grieshammer (* 20. August 1868 in Bayreuth-St. Georgen; † 1961). Tochter eines Kaufmanns und Gutspächters aus Grünbaum bei Bayreuth. Erstes Kind: Hans Ludwig (* 27. Mai 1893 in New Jersey) Wegen „Krankheit und Lohndifferenz“ kehrte die Familie im Oktober 1893 nach Deutschland zurück.Conrad Johann Glückselig: Mein Lebenslauf. 5 Seiten, undatiert, zwischen Juli 1933 und September 1934, S. 1, Archiv Historisches Vaihingen a.d.F. e.V. Abgedruckt in: Folkmar Schiek. Conrad Johann Glückselig (1864–1934). Vaihingen 2018, S. 137–144, hier S. 137.Evang.-Luth. Pfarramt Bayreuth-St. Georgen: Geburtsregister. 1868, Nr. 103, und Trauungs-Register. Band 5, 1862, Blatt 113, Nr. 8, 5. Juni.Günther Widmer: Ortssippenbuch Vaihingen a. d. Fildern., S. 413.
Wanderjahre Nach der Rückkehr wohnte die Familie zunächst in Leipzig. Glückselig besuchte dort einen Kurs im Ambulatorium des Hydrotherapeuten Louis Kuhne und anschließend einen weiteren Kurs bei dessen Berliner Schüler Lothar Volkmar. Danach betrieb er eine Naturheilpraxis: 1894 bis 1896 in Nürnberg – 1896 bis 1897 in Bindlach bei Bayreuth – 1897 bis 1898 in Bayreuth – 1898 bis 1904 wieder in Nürnberg – 1904 bis 1906 in Botnang – ab 1906 in Vaihingen a.d.F. Von 1895 bis 1905 kamen vier weitere Kinder zur Welt.Elise (* 22. Mai 1895 in Nürnberg; † 1999 in Filderstadt) – Heinrich Christian Fürchtegott (* 3. Juli 1897 in Bindlach) – Luise Katharine (* 22. Dezember 1901 in Nürnberg; † Dezember 1961) – Helene Katharine (* 3. Mai 1905 in Stuttgart-Westheim)
Spagyrik – Esoterik – Stift Neuburg Ab 1896 beschäftigte Glückselig sich mit der von Cesare Mattei begründeten Elektrohomöopathie und – unter Bezug auf die Schriften des Paracelsus – mit alchemistischer Spagyrik. Er richtete sich ein chemisches Labor ein, in dem er ab 1906 Medikamente herstellte, die er „Arkanen nach Paracelsus“ nannte.
Ab 1897 beschäftigte Glückselig sich mit okkulten Dingen. Nach Aussage seiner Tochter Elise hatte er in Bayreuth „viel Umgang mit einem Medium Namens Götz“ und seine Frau schien es zu unterstützen, dass „zu dieser Zeit immer wieder spiritistische Sitzungen mit diesem H. Götz veranstaltet wurden. Damals eine große Sensation für Bayreuth, wo Hoch und Nieder sich einfanden“.Brief von Elise Glückselig an G. H. Davin, Rohr 20.6.1943, 3 Seiten handschriftlich, ohne Unterschrift, S. 1, Archiv Historisches Vaihingen a.d.F. e.V. In Nürnberg lernte Glückselig 1898 den Theosophen John Lutz kennen, der ihn nach Aussagen seiner Tochter Elise zur Theosophie brachte. Die beiden pflegten eine über 35-jährige Freundschaft, auch noch als Lutz nach Point Loma (Kalifornien) auswanderte. Glückselig war nach Aussagen seiner Tochter Elise Leiter der theosophischen Gesellschaft in Nürnberg.Brief von Elise Glückselig an G. H. Davin, Rohr 20.6.1943, 3 Seiten handschriftlich, ohne Unterschrift, S. 2, Archiv Historisches Vaihingen a.d.F. e.V.
Der Lyriker, Anthroposoph und Alchemist Alexander von Bernus hatte 1908 das Stift Neuburg bei Heidelberg geerbt. Dort richtete er sich ein Laboratorium ein, in dem er spagyrische Arzneimittel herstellte. Das Basiswissen zu seiner medizinisch-pharmazeutischen Tätigkeit lieferte ihm eine umfangreiche Sammlung alchemistischer Drucke vornehmlich des 16. bis 18. Jahrhunderts.Franz Anselm Schmitt. Alexander von Bernus. Dichter und Alchymist. Leben und Werk in Dokumenten. Hans Carl, Nürnberg 1971, S. 130, S. 143Hans-Ulrich Kolb und Joachim Telle. Schattenbeschwörung. Wirkungsgeschichtliche Noten zum lyrischen und alchemistischen Werk von Alexander von Bernus. In: Heidelberger Jahrbücher. XVII, Springer, Berlin-Heidelberg – New York 1973, S. 86–128, hier: S. 120–121Joachim Telle und Annelies Stöckinger. Die Alchemiebibliothek Alexander von Bernus in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe : Katalog der Drucke und Handschriften. Harrassowitz, Wiesbaden 1977 (Digitalisat)Nadine Englhart (Hrsg.) Hermann Sinsheimer. Gelebt im Paradies. Gestalten und Geschichten. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2013, S. 137–138
Im Mai 1914 holte von Bernus Glückselig als Laboranten in seine Dienste. Der Dichter Friedrich Schnack erinnerte sich in seinem Roman «Beatus und Sabine» an Glückselig, dem er während seines Aufenthalts im Stift begegnet war: „Mitten in den Monat [Mai 1914] platzte der Besuch eines schnurrigen Mannes. Es war ein Naturheilkundiger aus Stuttgart, doch sah er aus wie ein Jünger der kabbalistischen Geheimwissenschaften oder ein Schüler Saturns. Im Gegensatz zu seinem seraphischen Namen Glückselig durchfurchten düstere Falten, Runzeln und Rinnen sein Gesicht, die Lippen waren verkniffen, als hätten sie verbittert das Gelübde der Schweigsamkeit abgelegt, das sie aber nie hielten. …“Friedrich Schnack. Beatus und Sabine. Ein Roman. Jakob Hergner, Hellerau 1927, Achtes Kapitel, S. 40–48
Zwischen 1914 und 1921 arbeiteten Bernus und Glückselig zusammen. In dieser Zeit war auch Rudolf Steiner häufig im Stift Neuburg.F. A. Schmitt. Alexander von Bernus. Nürnberg 1971, S. 107–110 1922 betrieb Glückselig unabhängig von Bernus sein eigenes «Spagyrisches Laboratorium Samariter» in Ziegelhausen.Spagyrisches Laboratorium Samariter (Conrad Joh. Glückselig), Ziegelhausen bei Heidelberg, IX. 1922, Liste der Heilmittel mit Indikationen, Archiv Historisches Vaihingen a.d.F. e.V. Spätestens 1923/24 kehrte er nach Vaihingen zurück.
Vaihingen – Nationalsozialismus – Kurt Feder Im März 1925 begann Glückselig mit dem Großhandel von apothekenpflichtigen Arzneimitteln.Amtsoberamt Stuttgart, Bescheinigung über die Anzeige des Arzneimittelhandels, Stuttgart, den 19. März 1925, Archiv Historisches Vaihingen a.d.F. e.V. Zitiert nach Folkmar Schiek. Conrad Johann Glückselig (1864–1934). Vaihingen 2018, S. 67 Am 14. September 1925 meldete er sein «Spagyrisches Laboratorium Paracelsus: Alchemia» an.Conrad Johann Glückselig, Schreiben an das Zollamt Böblingen, Anmeldung der Herstellung von Heilmitteln mit Branntwein, Vaihingenfildern, 14.9.1925. Zitiert nach Folkmar Schiek. Conrad Johann Glückselig (1864–1934). Vaihingen 2018, S. 67 Von 1922 bis 1933 konnte Glückselig die Existenz seiner Familie durch den Absatz seiner Heilmittel an Apotheken sichern und er war nicht darauf angewiesen, sich von seinen Patienten bezahlen zu lassen. Das drohte sich 1933/1934 zu ändern, denn er glaubte zu wissen, dass eine Vorschrift geplant sei, der zufolge „Heilmittel oder Vorbeugungsmittel herstellende Unternehmen einen wissenschaftlich gebildeten Arzt als Betriebsleiter und daneben einen ärztlichen Werbedirektor haben sollen.“ Dadurch sah er seine Existenz gefährdet.Conrad Johann Glückselig: Mein Lebenslauf. 5 Seiten, undatiert (zwischen Juli 1933 und September 1934) und nicht unterschrieben, S. 4, Archiv Historisches Vaihingen a.d.F. e.V. Abgedruckt in: Folkmar Schiek. Conrad Johann Glückselig (1864–1934). Vaihingen 2018, S. 137–144, hier S. 142–143 Er berief sich dabei auf eine Verlautbarung von Bernhard Hörmann, der ab Juni 1933 Herausgeber der Zeitschrift «Volksgesundheitswacht» war. In dieser Zeitschrift griff Hörmann die Heilmittelwerbung der pharmazeutischen Kleinindustrie an, die unwirksame Mittel für allerlei Krankheiten propagiere und damit statt eines gesundheitsbewussten Verhaltens die „Kranken-Selbstpfuscherei“ fördere.Detlef Bothe. Neue Deutsche Heilkunde 1933-1945. Dargestellt anhand der Zeitschrift „Hippokrates“ und der Entwicklung der volksheilkundlichen Laienbewegung. Matthiesen, Husum 1991, S. 211–215 Durch diese neue Entwicklung, so führte Glückselig in seinem Lebenslauf aus, „erklärt sich meine erzwungene Anmeldung zum H. D.,Heilpraktikerbund Deutschlands damit ich als Heilpraktiker auf legale Art die Existenz meiner Familie fristen kann.“
1933 trat Glückselig in die NSDAP ein. In einem zwischen Juli 1933 und September 1934 abgefassten Lebenslauf beschrieb er die Gründe dafür so:
Glückseligs NSDAP-Mitgliedschaft wird in einer Denkschrift bestätigt, welche der Hannoveraner Heilpraktiker Kurt Feder am 18. Juli 1934 an Adolf Hitler schickte.Abgedruckt in: Folkmar Schiek, Conrad Johann Glückselig (1864–1934) … Hamburg 2018, S. 209: Denkschrift von Kurt Feder an Adolf Hitler, 18. Juli 1934, 37 Seiten, ohne Unterschrift. Da am 1. Mai 1933 eine Aufnahmesperre für die NSDAP in Kraft trat, die erst ab 1937/1939 allmählich wieder gelockert wurde, muss Glückseligs Parteieintritt im März/April 1933 erfolgt sein.