Als Depersonalisierung werden Tendenzen in der Kunst, Literatur und Theater bezeichnet, die angesichts der Verunsicherung über die zentrale Stellung des Subjekts um 1900 radikal vom Individuellen abstrahieren, das Individuum als bloßes Objekt erscheinen lassen, es aggressiv deformieren oder parodieren, bei der Personendarstellung nur das Typische hervorheben, anthropomorphe Figuren geometrisch, technisch-mechanisch verformen oder aus Objekten wie Maschinenteilen konstruieren. mini|hochkant|Arcimboldo: Der Bibliothekar (1562), Schloss Skokloster
Frühe Beispiele Deformierte Körperformen und hyperbolische Verzerrungen waren jahrtausendelang in der Kunst nicht nur der außereuropäischen Völker dominant. Die aus frühzeitlichen Mythologien und der spätantiken und mittelalterlichen Kunst bekannte Groteske kann als eine Form der Depersonalisierung angesehen werden, weil sie Körperformen bis ins Phantastische übertreibt. Nach Michail Bachtin ist die Groteske in Literatur und bildender Kunst nicht nur eine in satirischer Absicht benutzte Hyperbel, sondern signalisiert eine grundlegende Ambivalenz: Einerseits erkennen wir in ihr die Realität wieder, andererseits empfinden wir moralische Befriedigung, indem wir das Dargestellte verhöhnen. Zugleich ist der groteske Körper keine individuelle Einheit, sondern nur ein Stadium eines dauernden Prozesses der Verwandlung und Erneuerung: Er ist entgrenzt, zerstückelt und wieder zusammengesetzt (wie die Chimäre mit ihrem Mischkörper), oder er besteht aus „Einbrüchen und Erhebungen“, zeigt sein Innenleben und seine Öffnungen.Michail Bachtin: Die groteske Körperkonzeption und ihre Quellen, in: Ders.: Rabelais und seine Welt: Volkskultur und Gegenkultur. Frankfurt 1995, S. 345 ff., 359 f. mini|hochkant|William Girometti: Illusorische Argumentation (1974). Das Bild zeigt den Einfluss von Arcimboldo. Eine radikalere Depersonalisierung findet sich in der manieristischen Kunst in den aus Pflanzen oder anderen Objekten zusammengesetzten Porträts Giuseppe Arcimboldos oder bei Jacopo da Pontormo, der Äste in Form von Frauenkörpern zeichnet. Darin spiegelt sich die Vorstellung der engen Verbindung der Elemente der Natur miteinander und der Einheit des Menschen mit dem Kosmos, der Tier- und Pflanzenwelt.Pavel Preiss: Zum Anthropomorphismus in der manieristischen Kunst. Dissertation, Universität Brünn 1964 online
Hingegen entwerfen die Tropen der petrarkistisch-manieristischen Lyrik bei der Beschreibung vor allem des weiblichen Körpers einen virtuellen Kunstkörper, der das natürliche Original übertreffen soll. Durch die Überbetonung der Künstlichkeit dieser Kunstkörper, die in der stilistischen Hyperbolik der Körpergedichte Hoffmannswaldaus einen Höhepunkt erreicht, wird die Naturfeindschaft der modernen Kunst antizipiert. Depersonalisierung und Denaturierung des weiblichen Körpers mediatisieren ihn vollständig und machen ihn zur „Schrift“.Torsten Voss: Die Vernichtung des Körpers durch die Geburt des Kunstwerks in der petrarkistisch-manieristischen Lyrik. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Bd. 83 (2009) 1, S. 103–127.
Moderne und Avantgarde Paradoxerweise zeigen sich sowohl Naturfeindlichkeit als auch Zivilisationskritik in der Tendenz zur Depersonalisierung in der Kunst und Literatur des Expressionismus und Futurismus, des synthetischen Kubismus, Dadaismus und anderer Strömungen der Avantgarde und des Primitivismus, die sich vom Naturalismus und Impressionismus abwenden. Darüber hinaus zielen viele Vertreter der Moderne in ihren Werken auf die Verdrängung oder Eliminierung von Affekten und bedienen sich dazu verschiedener Techniken der Depersonalisierung.Gregory Castle: The Literary Theory Handbook. Wiley-Blackwell 2013, S. 19. So kann die Depersonalisierung den Zugang zum Innenleben einer dargestellten konkreten Person verschließen.
Bildende Kunst mini|hochkant|Luigi Russolo: Plastische Synthese der Bewegungen einer Frau (1912), Musée de Grenoble. Das Bild zeigt den Einfluss der Bewegtbildfotographie. Während die vorimpressionistische realistische und naturalistische Kunst bemüht war, die Subjektivität des Künstlers und seine Bearbeitungsweise hinter der dargestellten Person zurücktreten zu lassen, hebt die Deformationsäthetik des Kubismus und Expressionismus durch die Dekomposition und Depersonalisierung der Objekte paradoxerweise die Persönlichkeit und Subjektivität des durch Mittel der radikalen Abstraktion und Konstruktion beliebig über die Körper verfügenden allmächtigen Künstlers hervor. Als frühes Beispiel kann Pablo Picassos Bild Les Demoiselles d’Avignon (1907) dienen, das mit allen akademischen Regeln der Darstellung des Körpers bricht.Bildanalyse auf singulart.com
In der kubistischen und expressionistischen Kunst spielt vor allem das „Primitive“, Archaische, Exotische, irrationalistisch-Wilde eine bedeutende Rolle. Einher geht das mit der Rezeption afrikanischer und polynesischen Kunst um 1900. Was von den Nationalsozialisten als „Barbarei“ verfemt wurde, lässt sich als radikalisierte Spielart „rousseauistischer, antizivilisatorischer Affekte“ gegen die entfremdete bürgerliche Lebensart, aber auch als künstlerisches Streben nach Reduktion, also nach immer einfacheren und abstrakteren Formen interpretieren.Jost Hernand: Fetisch oder Formelement? Das Bild des Schwarzen in expressionistischer Kunst. In: Ders.: Avantgarde und Regression, Leipzig 1995, S. 91f. Ähnliches gilt für den Surrealismus, der Menschen aus ihrem gewohnten Kontext reißt, zerlegt und als fremde Objekte erscheinen lässt. Ein Beispiel dafür ist Salvador Dalís programmatisches Bild Metamorphose des Narziss (1937), in dem der sich in einem See spiegelnde Narziss durch anamorphotische Verwandlung als steinerne Hand und sein Kopf als Ei erscheint.Freund, Dalí and the metamorphosis of Narcissus auf freud.org Schließlich findet sich die Tendenz zur Entgrenzung der geschlossenen Körperformen wie etwa in Marcel Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2 (2012).
mini|Zerschossene Geschützbatterie von Wyndham Lewis (1919). Das Bild zeigt außer drei überwiegend indifferent blickenden Offizieren eine Gruppe marionettenhaft verrenkter britischer Soldaten (nur an der charakteristischen Form der Helme erkennbar) auf einem von Granateinschlägen durchpflügten, scheinbar schwankenden Boden. Depersonalisierung ist auch ein Thema von Kunstwerken, die dissoziative Wahrnehmungsstörungen als Folge von Drogenerlebnissen oder Erfahrungen von psychisch Kranken visualisieren. Viele Kunstexperimente unter Drogeneinfluss entstanden in den 1960er und 1970er Jahren. In neuerer Zeit bekannt wurden die experimentellen Arbeiten von Bryan Lewis Saunders (* 1969).Bryan Lewis-Saunders: Autoportraits sous drogues: Une sélection. 2013.James Manning: Portrait of the artist as a walking drug experiment auf theage.com.au, 29. August 2012.
Theater mini|Nō-Maske: Je nach Neigung der Maske ergibt sich ein anderer Gesichtsausdruck Besonders für das plurimediale Theater der Avantgarden erwies sich der Körper des Schauspielers, der im Vergleich zum Dramentext oder zur Ausstattung immer wichtiger wurde, als ein problematisches Medium. Der Schauspieler arbeitet anders als der Maler oder Schriftsteller nicht mit abgelöstem Material, sondern mit seinem Körper, was den intendierten Ausdruck überlagert (Multicodierung). Daraus ergab sich der Zwang zur phänomenologischen Verfremdung, zur Reduktion, Abstraktion oder Maskierung wie im Nō-Spiel oder Kabuki (dort durch maskenhaft aufgetragene Schminke). Der Schauspieler sollte zum perfekten Zeichenträger, zum reinen Medium werden. So trug die Depersonalisierung zur Entwicklung des Theaters zur plurimedialen Kunst bei und befreite es von inhumanen Kontrollzwängen.
Erste Impulse kamen um 1890 von dem belgischen Dramatiker Maurice Maeterlinck. Beginnend mit Alfred Jarrys König Ubu wurde der Schauspieler radikal depersonalisiert, sein phänomenaler Körper wurde ersetzt durch eine artifizielle, rein semiotische Figur. Damit wurde er zum anthropomorphen Zeichenträger und der Zuschauer durch Abstraktion und Reduktion bei Bühnenbild und Schauspieler zum imaginierenden Mitschöpfer.Anke Bosse: Depersonalisierung des Schauspielers Zentrales Movens eines plurimedialen Theaters in Moderne und Avantgarden. In: Etudes Germaniques Nr. 264, 2011/4, S. 875–890. In vielen expressionistischen Dramen oder Brechts Lehrstücken wird die Depersonalisierung durch Vermeidung von Individualnamen unterstützt („Der Erste“, „Zweite“, „Dritte“ usw.). Auch die Verwesungsmetaphern in der Lyrik Gottfried Benns oder in Reinhard Goerings Tragödie Seeschlacht sind ein Zeichen expressionistischer Depersonalisierung.
Forciert wird die Depersonalisierung auch durch eine stilisierte Stimmführung und Technisierung im Theater Max Reinhardts oder durch Techniken wie die Biomechanik Wsewolod Meyerholds, die durch genau definierte Bewegungen und Haltungen die zu zeigenden Emotionen initiieren sollten. Auch der Tanz der 1920er Jahre wird durch geometrische, maschinenhafte Bewegungen geprägt (z. B. Oskar Schlemmers Triadisches Ballett).
Literatur Beispiele für die Beschreibung von Depersonalisierungsprozessen in der Literatur sind die Erzählung Die Verwandlung von Franz Kafka (1912), teilweise auch der Roman Der Ekel von Jean-Paul SartreMascha Elbers: Gefangen in der Unwirklichkeit auf spektrum.de, 24. Juli 2018 oder die Phantasie des kleinen Angestellten Luís von der Dekonstruktion und Zerstückelung seiner Geliebten im neorealistischen Roman Angst von Graciliano Ramos (1936). In neuerer Zeit steigt die Zahl der Beschreibungen von Depersonalisationserlebnissen aufgrund von Unfreiheit oder Verantwortungsdruck im Arbeitsprozess, z. B. in Das Glück in glücksfernen Zeiten (2009) von Wilhelm Genazino.Cora Roc: „Wir spüren nämlich nichts mehr, werte Dame“ – (Selbst-)Entfremdung bei Melle, Genazino und Von Steinaecker, in Germanica 55 (2014).
In der Literaturwissenschaft und Literaturkritik meint Depersonalisierung aber auch das Bestreben des Autors oder Literaturkritikers, die Aufmerksamkeit des Lesers von der Persönlichkeit des Urhebers wegzulenken auf den poetischen Text, die Tätigkeit des Schreibens oder die literarische Tradition, in der der Autor steht. Oft schaffen moderne Autoren eine Persona oder Maske, die die Persönlichkeit und die Affekte des Autors auslöschen soll.Gregory Castle: The Literary Theory Handbook. Wiley-Blackwell 2013, S. 19 f. Explizit verlangte T. S. Eliot: „Der Fortschritt eines Dichters bedeutet, andauernd sich selbst zu opfern, seine eigene Persönlichkeit auszulöschen.“T. S. Eliot; Tradition and the Individual Talent (1919), zit. nach Katharina Maier: T. S. Eliot, in: Die großen Literaten der Welt: Amerika und Asien. Wiesbaden 2007. Als Beispiele können Eliots episches Gedicht The Waste Land (1922) oder sein Frühwerk The Love Song of J. Alfred Prufrock dienen.
Musik In der Musik sind Depersonalisierungs- und Denaturalisierungstendenzen schwieriger zu beschreiben, da Musik ohnehin abstrakter und konstruierter ist als eine Kunst oder Literatur, welche die Wirklichkeit beschreiben will. In der Musik äußert sich die Tendenz beispielsweise in einem gewissen Neoprimitivismus der expressionistischen Komponisten,Hernand 1995, S. 94 in der Verdrängung der Emotion mittels Durchmathematisierung der Komposition (z. B. Zwölftonmusik), in der Ablehnung einer melodischen, als „natürlich“ empfundenen Stimmführung (z. B. durch extreme Intervalle wie bei Arnold Schönberg), durch reine Betonung des Geräuschhaften wie bei den Futuristen Luigi RussoloLuigi Rossolo: Die Kunst der Geräusche. Schott Music, Mainz 2000 und Filippo Tommaso Marinetti oder durch komplizierte, „konstruierte“, maschinenartige Polyrhythmik wie in Arthur Honeggers Pacific 231, in der die Fahrt mit einer Dampflokomotive evoziert wird.
Gesellschaftlicher Hintergrund