mini|Nordseite der Alten Nikolaikirche am Römerberg, Dezember 2008 mini|Grundriss Die spätgotische Alte Nikolaikirche ist eine evangelische Kirche in der Altstadt von Frankfurt am Main. Ihr Namenspatron ist der Heilige Nikolaus, der Schutzheilige der Fischer. Sie liegt nahe dem Main am Römerberg und ist als Teil eines charakteristischen Ensembles auch über Frankfurt hinaus bekannt. Der Mitte des 12. Jahrhunderts als Hofkapelle begründete Bau stammt in seiner heutigen Erscheinung aus dem 15. Jahrhundert und wird als eine der acht Dotationskirchen Frankfurts seit 1949 als Gotteshaus von der Evangelischen Paulsgemeinde genutzt. Seit 2006 ist die Ev. Indonesische Kristusgemeinde auch in der Alten Nikolaikirche beheimatet (davor seit 1973 als ökumenische Gemeinde). Die EIKG ist eine Kirchengemeinde der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, im Herzen von Frankfurt und mit Gemeindemitgliedern aus dem gesamten Rhein-Main Gebiet. In der Gemeinde versammeln sich Christinnen und Christen vor allem aus Indonesien oder mit indonesischem Hintergrund. Sie leben und bezeugen gemeinsam den christlichen Glauben nach indonesisch-kultureller Tradition und vor allem in indonesischer Sprache.
Geschichte Die staufische Eigenkirche und ihre Rechtsstellung (Mitte 12. Jahrhundert bis 1264) Im Gegensatz zu den meisten anderen mittelalterlichen Kirchen in Frankfurt am Main, von denen Entstehungszeit, Gründer, Gründungsmotiv und Zweckbestimmung dokumentiert oder zumindest glaubwürdig überliefert sind, stellt sich die Quellenlage im Falle der Alten Nikolaikirche für die Frühzeit äußerst dürftig dar. Vielen älteren Geschichtswerken galt das Weihedatum des 28. Mai 1142 in den Annalen des Klosters Disibodenberg als die erste schriftliche Erwähnung der dem heiligen Nikolaus von Myra geweihten Kapelle.Beispielsweise Anton Kirchner: Geschichte der Stadt Frankfurt am Main – Erster Theil. Commission der Jägerischen und Eichenbergischen Buchhandlungen, Frankfurt am Main 1807, S. 93 oder Georg Ludwig Kriegk: Geschichte von Frankfurt am Main in ausgewählten Darstellungen. Heyder und Zimmer, Frankfurt am Main 1871, S. 96. Schon 1853 konnte der Historiker und damalige Leiter des Frankfurter Stadtarchivs, Johann Friedrich Böhmer, dies als eine Falschauslegung entlarven, da die in den Annalen erwähnte capella sancti Nycolai zweifelsfrei auf das Kloster Disibodenberg und nicht auf Frankfurt zu beziehen ist.Johann Friedrich Böhmer: Fontes rerum Germanicarum – Band 3. Martyrium Arnoldi Archiepiscopi Moguntini und andere Geschichtsquellen Deutschlands im zwölften Jahrhundert. Cotta, Stuttgart 1853, S. 211. Die bis heute bekannten geschichtlichen Quellen zeigen nun für weit über hundert Jahre keine weitere Nennung des Gebäudes auf.
Aufgrund der fehlenden Schriftzeugnisse suchte die Frankfurter Geschichtsforschung schon um die Wende zum 20. Jahrhundert in der geographischen Lage und der Nähe zum Saalhof – hinter dem man seit dem 16. Jahrhundert die karolingische Königspfalz Frankfurt vermuteteDie fehlerhafte Einschätzung des Alters wurde erstmals 1562 vom Frankfurter Dekan und Historiker Johannes Latomus ausgesprochen und bis ins 20. Jahrhundert unkritisch in den Großteil der Literatur übernommen; vgl. Richard Froning: Frankfurt Chroniken und annalistische Aufzeichnungen des Mittelalters. Verlag Carl Jügel, Frankfurt am Main 1884, S. 69 u. 78 sowie Otto Stamm: Der königliche Saalhof zu Frankfurt am Main. Sonderdruck aus den Schriften des Historischen Museums Frankfurt am Main XII, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1966, S. 12–14. – eine Erklärung für die Existenz des Sakralbaus. Man nahm an, dass er für die vermeintlich bereits vorhandene, kleine Kapelle des Saalhofs ein Ausweichquartier bei Hochwasser oder gar ein vollständiger Ersatz für die königlichen Beamten gewesen sei.Carl Wolff, Rudolf Jung: Die Baudenkmäler von Frankfurt am Main – Band 1, Kirchenbauten. Selbstverlag/Völcker, Frankfurt am Main 1896, S. 34; Zitat: „Die Nicolai-Kapelle war auf königlichem Grund und Boden erbaut worden, wohl um als Ersatz der alten Hofkapelle im benachbarten Saalhofe bei Ueberschwemmungen zu dienen, oder weil die letztere aus Mangel an Raum dem gottedienstlichen Bedürfnisse der königlichen Beamten und des auf den Zusammenhang mit dem Königspalaste angewiesenen Theiles der Bevölkerung nicht mehr genügte.“.
mini|Befunde der archäologischen Ausgrabungen 1989 Grabungen von Heinrich Bingemer in den 1930er und Otto Stamm in den 1960er Jahren brachten allerdings zu Tage, dass der Saalhof eine rein staufische Königsburg des 12. Jahrhunderts war, und die Saalhofkapelle sogar erst um 1200 errichtet wurde.Stamm, Saalhof, S. 50–53; rezente dendrochronologische Untersuchungen der Saalhofkapelle, die erhaltene Holzteile auf 1208 datieren, haben Stamms Aussagen nochmals bestätigt. Die ältesten noch aufrecht stehenden bzw. sichtbaren Teile der Nikolaikirche stammen rein stilkritisch jedoch aus der Mitte des 13. Jahrhunderts und somit für Frankfurt klar nachstaufischer Zeit. Otto Stamm vertrat daher noch 1979 die Auffassung, dass die Kapelle somit ohne Vorgängerbauten und einen Bezug zum Saalhof um 1270 in einem Zuge errichtet worden sei.Otto Stamm: Gab es in Frankfurt am Main eine staufische Pfalz?. In: Fundberichte aus Hessen, Bd. 19/20, Selbstverlag des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen und Bonn, Wiesbaden 1980, S. 819–842.
Erst archäologische Grabungen des Jahres 1989, die nach Bodenfunden bei umfassenden Renovierungsarbeiten veranlasst wurden, konnten die Baugeschichte endgültig erhellen. Sie förderten unter der heutigen Nikolaikirche die Fundamente einer Ost-West-orientierten Saalkirche mit abgeschnürten Rechteckchor zu Tage, die zumindest sicher in das 12. Jahrhundert datiert werden konnte.Michael Mathias: Archäologische Ausgrabungen. In: Die Alte Nikolaikirche am Römerberg. Studien zur Stadt- und Kirchengeschichte (Studien zur Frankfurter Geschichte 32), Frankfurt am Main, Verlag Waldemar Kramer 1992, ISBN 3-7829-0419-2, S. 28 u. 30. Da für eine Kapelle in der Nähe des Saalhofs in dieser Zeit der Klerus aus rechtlichen Gründen, das Bürgertum aufgrund seiner damals noch geringen Bedeutung jedoch kaum in Frage kommt, beantworteten die Funde über die Entstehungszeit hinaus auch die Frage nach dem Gründer, der letztlich nur der König selbst gewesen sein kann.Roman Fischer: Die Nikolaikapelle im Mittelalter. In: Die Alte Nikolaikirche am Römerberg. Studien zur Stadt- und Kirchengeschichte (Studien zur Frankfurter Geschichte 32), Frankfurt am Main, Verlag Waldemar Kramer 1992, ISBN 3-7829-0419-2, S. 84, 85, 88 u. 89; der Autor des vorgenannten Werks schließt sich damit einer älteren Theorie von Fritz Arens an, da sie „die Frage nach Bauzeit, Bauherrn und Zweckbestimmung zufriedenstellend [beantwortet] und […] überdies den Vorteil [genießt], daß sie mit den archäologischen Befunden im Einklang [steht].“ Dazu passe auch das Nikolauspatrozinium der Kapelle, für das es für Pfalz- und Burgkapellen der Stauferzeit zahlreiche Beispiele gäbe.
Demnach entstand die Nikolaikapelle zusammen mit dem Saalhof wohl in der Regierungszeit des ersten Stauferkaisers Konrad III., der zwischen 1140 und 1149 vier Fürstenversammlungen nach Frankfurt einberief. Als Hofkapelle war sie Standort von geschichtlich bedeutenden Ereignissen wie Hof- und Reichstagen und wohl sogar Königswahlen. Die erst ein halbes Jahrhundert später entstandene Saalhofkapelle hat dagegen nur als Familienkapelle und Aufbewahrungsort der Reichsinsignien gedient.Fischer, S. 85. Die bei den Ausgrabungen gefundenen Grundmauern des Vorgängerbaus der Alten Nikolaikirche sind heute im Fußboden markiert und geben so einen Eindruck von den Dimensionen des zwar kleinen, aber für die Frankfurter Frühgeschichte bedeutenden Sakralbaus.
Rechtlich stand die Kapelle anders als die übrigen Frankfurter Kirchen seit ihrer Gründung als Eigenkirche ausschließlich dem königlichen Hof und seiner Burgmannschaft, den milites, zur Verfügung, die auch während des Interregnums ihre Vorrechte wahrten. Nach dem Eigenkirchenrecht war der Kaplan direkt vom König eingesetzt, unterstand nach dem kanonischen Recht aber in seiner Amts- und Lebensführung dem Erzbischof von Mainz, der die Aufgabe zudem auch an andere Geistliche, etwa solche des Bartholomäusstifts delegieren konnte. Dieses Delegationsrecht stand auch dem König zu, der es zum Beispiel über den städtischen Schultheißen ausüben lassen konnte. Es ist allerdings zu bemerken, dass das Eigenkirchenrecht bereits seit Papst Gregor VII. als Simonie bekämpft und im Rahmen des Investiturstreits schließlich vollständig zurückgedrängt wurde, so dass einzig die Nutzung als Hofkapelle die späte Gründung als Eigenkirche noch logisch und als kirchenrechtlich unbedenklich erscheinen lässt.Fischer, S. 94 u. 95.
Ausbau und Inkorporation im 13. Jahrhundert (1264 bis 1292) mini|Spätromanisches Turmuntergeschoss mit Rundbogenfenstern und frühgotisches Turmoktogon, um 1250 Mit einer Urkunde vom 24. September 1264 setzen die schriftlichen Quellen über den Sakralbau ein. Das Kapitel des Bartholomäusstiftes bezeugte gemeinsam mit der Stadtgemeinde, dass ein Ritter Rudolf von Praunheim dem Kantor Cristan und dem Kaplan Godeschalk von St. Nikolai einen Hof verkauft habe.Johann Friedrich Böhmer, Friedrich Lau: Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt. Band I 794–1314. J. Baer & Co, Frankfurt am Main 1901–1905, S. 120 u. 121, Urkunde Nr. 252, 24. September 1264. Sechs Jahre später vermachte der Frankfurter Bürger Wicker auf der Brücke „beati Nycolai“, in der Urkunde in einer Aufzählung mit den anderen damals existierenden Sakralbauten Frankfurts genannt, einen regelmäßigen jährlichen Zins von sechs leichten Pfennigen.Böhmer, Band I 794–1314. S. 147 u. 148, Urkunde Nr. 296, Mai 1270. Somit ist rein von den Quellen her erst ab diesen Zeitpunkt, dem Mai 1270, eine Nikolaikapelle als eigenständiges Gebäude in Frankfurt gesichert (terminus post quem). Das Datum ist zugleich der erste echte Beleg für ein bürgerliches Engagement um die Nikolaikapelle, was die ab Mitte des 13. Jahrhunderts stark ansteigende Bedeutung des Bürgertums reflektiert.
Ungefähr um dieselbe Zeit entstand als erste Erweiterung des Ursprungsbaus der Kirchturm, der im Norden an den Rechteckchor des ersten Kirchenbaues anschloss. Sein Erdgeschoss mit spätromanischen, noch rundbogigen Fenstern, sowie die beiden darüber anschließenden, bereits in frühgotischen Formen gestalteten Geschosse stellen heute den ältesten Teil der Kirche dar. Ferner erhielt der Rechteckchor nun im Osten eine halbrunde Apsis und das Langhaus wurde nach Westen verlängert.Markus Grossbach: Die bauliche Entwicklung bis zum Ausgang des Mittelalters. In: Die Alte Nikolaikirche am Römerberg. Studien zur Stadt- und Kirchengeschichte (Studien zur Frankfurter Geschichte 32), Frankfurt am Main, Verlag Waldemar Kramer 1992, ISBN 3-7829-0419-2, S. 57–59, 64–67, 71 u. 72. Die Errichtung des Turms kann durchaus in Zusammenhang mit einem Wunsch der aufstrebenden Bürgerschaft gesehen werden, weniger einen Kirchturm denn eine Überwachungsplattform für das Markt- und Messgeschehen am Römerberg wie am Mainufer zu schaffen, wofür der Turm der Nikolaikirche ideal geeignet war. Dies erscheint auch vor dem Hintergrund des Privilegs von 1240 logisch, das der Frankfurter Messe zu der enormen Bedeutung verhalf, die sie geradezu sprichwörtlich die folgenden Jahrhunderte prägte.Fischer, S. 88 u. 89.
mini|links|Frühgotisches Tympanon in der Westmauer, um 1250