mini|hochkant=1.3|alt=Ein Kriegsschiff, das mit einem wilden Muster aus schwarzen und weißen Streifen lackiert wurde. Die Konturen des Schiffes sind nicht mehr zu erkennen.|Die amerikanische West Mahomet in Dazzle camouflage, 1918 mini|hochkant=1.3|Dazzle in der Kunst: „Two American Ships in Dazzle Camouflage“, Gemälde von Burnell Poole, 1918 Dazzle camouflage, oder dazzle painting, in den USA manchmal razzle dazzle genannt, sind Methoden, Schiffe und Fahrzeuge zur Täuschung des Gegners mit einem speziell gestalteten Anstrich zu versehen, wie sie insbesondere von der Royal Navy und der United States Navy im Ersten Weltkrieg sowie in geringerem Umfang im Zweiten Weltkrieg angewandt wurden. Dieser Anstrich bestand aus vielfältigen Mustern geometrischer Formen, die sich in kontrastierenden Farben abwechselten. Die Idee wird dem britischen Marinemaler Norman Wilkinson zugeschrieben.

Während Formen der eigentlichen Tarnung versuchen, ein Zielobjekt möglichst zu verbergen, hatte der Dazzle-Anstrich einen anderen Sinn. Er sollte es dem Feind erschweren, Größe, Richtung und Geschwindigkeit eines Schiffes oder eines anderen Objekts zu bestimmen. Norman Wilkinson erklärte 1919, der Feind habe in die Irre geführt werden sollen, welchen Kurs ein Schiff fuhr, damit er eine schlechtere Angriffsposition einnehme.

Dazzle wurde von der Admiralität in Großbritannien und dann von der US Navy eingesetzt. Jedes so angestrichene Schiff hatte ein anderes, eigenes Muster. Damit wurde es dem Feind unmöglich gemacht, sofort die Schiffsklasse zu erkennen. Folglich erprobte man eine große Zahl von Dazzle-Schemata. Ob dieser Anstrich erfolgreich war, wird kontrovers diskutiert. Wegen der vielen Faktoren, die in die Bewertung einfließen, ist es schwierig, Erfolge zu messen.

Der technische Fortschritt beendete die Diskussion über Dazzle. Eine immer effektivere Luftaufklärung sowie die Entwicklung des Radars erleichterten es dem Feind, ein Schiff zu orten und einzuschätzen.

Im 21. Jahrhundert nutzen einige Fahrzeughersteller eine ähnliche Art von schwarz-weiß Musterung, um ihre Prototypen und Erlkönig-Fahrzeuge bei Versuchen vor öffentlicher Beobachtung zu tarnen. Auch von Künstlern werden Abwandlungen von Dazzle-Mustern gelegentlich genutzt, um Objekte kontrastreich in Szene zu setzen.

Herkunft des Namens Die Bezeichnung für diese Tarntechnik leitet sich von dem englischen Wort to dazzle ab, das „blenden“ oder „verwirren“ bedeutet. Die anglo-amerikanische Bezeichnung razzle dazzle („Durcheinander/Tumult“) hat allenfalls umgangssprachlichen Charakter und kommt in offiziellen Dokumenten der US-Streitkräfte nicht vor. Möglicherweise prägten Journalisten den Begriff, die sich auf ein sogenanntes Trick Play mit gleichem Namen aus dem American Football berufen, bei dem der Runningback den Ball nimmt und ihn zu einem Receiver wirft. Damit versucht die Offense, die Defense glauben zu lassen, es sei ein anderer Spielzug.

Entwicklungsgeschichte

Erster Anlauf Der britische Zoologe John Graham Kerr schlug 1914 in einem Brief an Winston Churchill die Anwendung einer neuen Tarntechnik für britische Kriegsschiffe im Ersten Weltkrieg vor und skizzierte das seiner Meinung nach anwendbare Prinzip der „Dazzle Camouflage“. Dabei sei es das Ziel „zu verwirren – nicht zu verbergen“, indem man die Umrisse des Schiffes auflöst. Kerr verglich den Effekt mit dem, den die Muster bei einer Reihe von Landtieren, Giraffen, Zebras und Jaguaren, erzeugten. Auf den ersten Blick schien Dazzle eine „suboptimale“ Form der Tarnung zu sein, die die Aufmerksamkeit eher auf das Schiff lenkt, anstatt es zu verbergen, vor allem vor dem Hintergrund des Einsatzgebietes. Die Idee entstand, nachdem es den alliierten Marinen nicht gelungen war, einigermaßen wirksame Mittel zu entwickeln, um ihre Schiffe bei allen Wetterbedingungen unsichtbar zu machen.

Anhand des Zebra-Beispiels schlug Kerr vor, die vertikalen Linien, zum Beispiel der Schiffsmasten und Schornsteine, mit unregelmäßigen weißen Streifen zu durchbrechen. Das würde die Schiffe weniger auffällig machen und „die Schwierigkeit einer genauen Entfernungsbestimmung erheblich vergrößern“. Auch würde dadurch das Erscheinungsbild typischer, erkennbarer Formen minimiert, was die Typenbestimmung erschwere.

Kerr regte im gleichen Brief auch Konterschattierung an, also den Einsatz von Farbe, um die Eigenschattierung auszulöschen und so das Erscheinungsbild von festen, erkennbaren Formen zu glätten. Zum Beispiel schlug er vor, die Schiffsartillerie oben grau zu bemalen und unten in Weiß abzustufen, damit die Geschütze vor einem grauen Hintergrund verschwänden. Ebenso riet er, dunklere Bereiche des Schiffes weiß und hellere in Grau zu bemalen, wiederum mit glatten Abstufungen dazwischen, um Formen und Strukturen nahezu unsichtbar werden zu lassen. Kerr hoffte, dadurch ein gewisses Maß an sowohl „rein optischer Unsichtbarkeit“ zu erreichen als auch – speziell bei der Entfernungsmessung – Verwirrung beim Feind zu erzielen.

Wegen dieser Vermischung von Zielen wie auch ihrer Skepsis gegenüber „jeglicher Theorie, die auf Analogien mit Tieren basiert“, behauptete die Admiralität im Juli 1915, „verschiedene Versuche“ durchgeführt zu haben, und beschloss, die Vorschläge von Kerr nicht zu übernehmen, sondern ihre Schiffe weiterhin in einfarbigem Grau zu streichen. Alle nachfolgenden Briefe von Kerr brachten keine Änderung dieser Entscheidung.

Zweiter Anlauf Der amerikanische Maler Abbott Handerson Thayer hatte schon vor Kerr eine „Theorie der Tarnung auf der Grundlage von Gegenschattierung und störender Färbung“ entwickelt, die er bereits 1909 in dem Buch Concealing-Coloration in the Animal Kingdom veröffentlichte. Wasserfarbtafeln zu frühen, als „American-Dazzle“ bekannten, mehrfarbigen künstlerischen Muster wurden in der NARA-200-Jahr-Ausstellung „Designs for Democracy“ erneut bekannt.

Thayer sah im Februar 1915 eine Möglichkeit, seine theoretischen Überlegungen zu verwirklichen, und schrieb einen Brief an Churchill. Darin schlug er vor, U-Boote wie Fische, zum Beispiel Makrelen, zu tarnen. Auch regte er an, Schiffe weiß zu streichen, um sie „unsichtbar“ zu machen. Seine Ideen wurden von der Admiralität zwar in Betracht gezogen, aber zusammen mit Kerrs Vorschlägen als „Freak-Methoden zum Bemalen von Schiffen … von akademischem Interesse, aber nicht von praktischem Nutzen“ abgelehnt.

Dritter Anlauf Norman Wilkinson, ein Marinemaler und Reserveoffizier der Royal Navy, stimmte zwar mit Kerr überein, dass das Hauptziel des Dazzle-Anstrichs eher ein Verwirren als ein Verbergen war. Er war aber anderer Meinung, wie diese Verwirrung erzeugt werden solle. Wilkinson wollte es dem Gegner erschweren, den Typ, die Größe, die Geschwindigkeit und den Kurs eines Schiffes einzuschätzen, und dadurch feindliche Schiffskommandanten dazu bringen, falsche oder schlechte Schusspositionen einzunehmen. Für einen Beobachter würde es schwierig, genau zu erkennen, ob das Heck oder der Bug in Sicht ist; und es wäre dementsprechend schwierig abzuschätzen, ob sich das beobachtete Schiff auf die Position des Beobachters zu oder von ihr weg bewege.Michael Glover: “Now you see it… Now you don’t”, The Times, 10. März 2007.

Wilkinsons Vorstellung waren eine Vielzahl von relativ großen Flächen mit stark kontrastierenden Farben, um den Feind über den wahren Kurs eines Schiffes zu täuschen.Tim Newark, Camouflage. Thames and Hudson / Imperial War Museum (2007). Seite 74. Obwohl die Dazzle-Camouflage bei manchen Lichtverhältnissen oder aus nächster Nähe die Sichtbarkeit eines Schiffes tatsächlich erhöhen konnte,Forbes, Peter (2009). Dazzled and Deceived: Mimicry and Camouflage. Yale University Press. Seite 90 – 91. ISBN 978-0-300-17896-8. war Wilkinson der festen Überzeugung, dass das auffällige Muster die Umrisse des Schiffsrumpfs (zugegebenermaßen nicht der Aufbauten)Forbes, Peter (2009). Dazzled and Deceived: Mimicry and Camouflage. Yale University Press. Seite 97. ISBN 978-0-300-17896-8. verdecken, den korrekten Kurs des Schiffes verschleiern und es schwieriger machen würde, das Schiff zu treffen.Forbes, Peter (2009). Dazzled and Deceived: Mimicry and Camouflage. Yale University Press. Seite 96. ISBN 978-0-300-17896-8.

Entscheidung Letztlich nahm die Admiralität Wilkinsons Idee auf, da die damalige Lage des Seekrieges wirksames Handeln erforderte. Dabei wurde merkwürdigerweise Kerrs wissenschaftliche Überlegung, basierend auf bekannten Tarnmethoden, der neuartigen Färbung und der Konterschattierung zugunsten des unwissenschaftlichen Ansatzes von Wilkinson fallen gelassen.Forbes, Peter (2009). Dazzled and Deceived: Mimicry and Camouflage. Yale University Press. Seite 89 – 100. ISBN 978-0-300-17896-8. Kerrs Argumentation war klar, logisch aufgebaut und basierte auf jahrelangen Studien, während Wilkinsons Erklärungen zwar einfach strukturiert und über weite Strecken unbelegt waren, aber inspirierend präsentiert wurden, basierend auf den Wahrnehmungen eines kreativen Künstlers. Mitentscheidend dürfte auch gewesen sein, dass die Entscheidungsträger der Admiralität sich mit der Person des sozial gut vernetzten Wilkinson wohler fühlten als mit dem als „stur und pedantisch“ bezeichneten Kerr.Forbes, Peter (2009). Dazzled and Deceived: Mimicry and Camouflage. Yale University Press. Seite 92. ISBN 978-0-300-17896-8.

Wilkinson behauptete später, von den auf der Zoologie basierenden Tarntheorien von Kerr und Thayer nichts gewusst zu haben, und sagte, nur von der „alten Unsichtbarkeitsidee“ aus der Römerzeit gehört zu haben. Darin berichtet Vegetius, dass „Venetisches Blau“ (eine bläulich-grüne Farbe wie die des Meers) während der Gallischen Kriege zur Tarnung von Schiffen verwendet wurde, als Julius Caesar seine Erkundungsschiffe losschickte, um Informationen entlang der Küste Großbritanniens zu sammeln.Robert Cushman Murphy. "Marine camouflage". The Brooklyn Museum Quarterly. Brooklyn Institute of Arts and Sciences (January 1917). Seite 35–39.

Angestrebte Wirkungsweise und Beweisführung mini|Angestrebte Wirkung: Illustration des Blicks durch das Periskop eines U-Boot-Kommandanten: Schiff mit Dazzle camouflage (links) und gleiches Schiff ungetarnt (rechts). Die auffälligen Markierungen verdecken den Kurs des Schiffes.

Störung der Entfernungsmessung 1973 entwickelte Robert F. Sumrall, der Kurator des US-Marinemuseums, in Übereinstimmung mit den Überlegungen John Graham Kerrs von 1914 eine Theorie, nach der die Dazzle Camouflage die Koinzidenzentfernungsmessung der Marineartillerie wie von Wilkinson beabsichtigt tatsächlich beeinflusst haben könnte. Die optischen Geräte, die dafür verwendet wurden, hatten einen Mechanismus, der von einem Soldaten bedient wurde, um die Entfernung zu berechnen. Der Soldat verstellte die Mechanik so lange, bis die beiden Halbbilder des anvisierten Ziels zu einem vollständigen Bild ausgerichtet waren.

Dazzle, so argumentierte Sumrall, sollte das erschweren, da kollidierende Muster selbst dann ungewöhnlich aussahen, wenn die beiden Hälften perfekt ausgerichtet waren. Für den Fall, dass ein U-Boot-Periskop tatsächlich solche Entfernungsmesser hatte, konnte dies durchaus ein entscheidender Faktor sein. Die Muster enthielten manchmal auch eine falsche Bugwelle, um es dem Gegner zu erschweren, die Geschwindigkeit des Schiffes einzuschätzen.

Verschleierung von Kurs und Geschwindigkeit Der Historiker und Fernsehmoderator Sam Willis stellte Überlegungen an: Da Wilkinson wusste, dass es unmöglich war, ein Schiff mit Farbe „unsichtbar“ zu machen, war das „extreme Gegenteil“ die für Wilkinson zielführende Antwort. Auffällige Formen und heftige Farbkontraste sollten feindliche U-Boot-Kommandanten verwirren.