Abū Ṭāhir as-Silafī (; Aḥmad b. Muḥammad b. Aḥmad al-Iṣbahānī) war ein Gelehrter der Rechtsschule der Schāfiʿiten im 11. Jahrhundert vor allem mit Wirkungskreis Alexandria. In der islamischen Literatur ist er mit seiner Kunya und Nisbe berühmt (schuhra) geworden. Ibn Challikān (1211–1282) gab ihm den Ehrentitel (laqab) ṣadr ad-dīn: Anführer der Religionadh-Dhahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ, Band 21, S. 39..
Er ist gegen 1079 in Isfahan Iran geboren. Über sein Geburtsjahr gibt es bei den Biographen unterschiedliche Angaben. Selbst as-Silafī gibt zwei Jahresdaten an: einmal das Jahr 472/Juli 1079 – Mai 1080, das er eigenhändig aufgeschrieben haben soll und das geschätzte Jahr 475/Juni 1082 – April 1083, denn er soll ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein, als Nizām al-Mulk ermordet wurde (1092).adh-Dhahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ, Band 21, S. 27. Er sagt ferner: „Man hat bei mir in Isfahan zu Beginn des Jahres 492/Oktober 1098 (an Vorlesungen) mitgeschrieben als ich ungefähr 17 Jahre alt war und noch keinen Bartwuchs hatte – wie al-Buchārī, möge Gott Erbarmen mit ihm haben – , ich meine als man bei ihm studierte.“Siehe as-Subkī: Ṭabaqāt aš-Šāfiʿiyya al-kubrā, Band 6, S. 33. Ed. ʿAbd al-Fattāḥ Muḥammad al-Ḥilw und Maḥmūd Muḥammad al-Ṭanāḥī. Kairo 1968. Einem weiteren Bericht zufolge nahm as-Silafī bereits an den Vorlesungen des damals schon betagten Gelehrten der Hanbaliten Rizq Allāh, ʿAbd al-Wahhāb b. ʿAbd al-ʿAzīz, Abū Muḥammad b. at-Tamīmī (gest. 1095) teil und wird die Art seiner Teilnahme an dessen Vorlesungen und Sitzungen mit den Worten beschrieben: „In der Dschūrdschīrī-MoscheeDschūrdschīr ist ein Stadtteil in Iṣfahān mit einer unter diesem Namen bekannten Moschee, die als Versammlungsort von Gelehrten galt; Yāqūt, Muʿdscham al-buldān, Bd. 2, S. 180–181. war ich (nur) als Zuschauer anwesend. Danach nahm ich an seinen (Vorträgen) als Zuhörer teil...“.adh-Dhahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ, Band 18, S. 612, Zeile 8-9. Den biographischen Nachrichten zufolge wuchs as-Silafī im sozialen Milieu von Gelehrten unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen in Isfahan auf. In der Folgegeneration hebt der bedeutende Geograph und Literaturwissenschaftler Yāqūt ar-Rūmī al-Ḥamawī (1179–1229) die Bedeutung der Stadt für die islamischen Wissenschaften mit Hinweis auf Berichte Dritter lobend hervor: Der Daddschāl wird in Isfahan erscheinen. In Isfahan sind Gelehrte und religiöse Würdenträger in allen Disziplinen erschienen, die in keiner anderen Stadt aufgetreten sind. Dies betrifft vor allem den hohen Wert der Vermittlung von (früheren) Werken. Die Einwohner der Stadt erreichen ein hohes Alter, dennoch schenken sie dem Studium des Ḥadīth (d.h. Ḥadīthe zu hören) stets große Aufmerksamkeit. Die Stadt hat unzählige Wissenschaftler...Yāqūt ar-Rūmī, Muʿdscham al-buldān, Bd. 1, S. 209. Beirut. Das Urteil von Gotthard Strohmaier, Avicenna, München 1999, S. 135 wird in diesem Zusammenhang wohl zu relativieren sein.
Einstimmigen Berichten zufolge starb er in fortgeschrittenem Alter Ende August 1180 nach dem Morgengebet in Alexandria, Ägypten. Er galt als einer der bedeutendsten Gelehrten auf den Gebieten der Ḥadīthliteratur, Koranexegese, der Koranrezitation, der islamischen Literatur und vor allem in der Weitergabe früherer Schriften aus dem Ost- und Westislam in seinem Studienkreis im Ägypten des 12. Jahrhunderts. Er wird mit anderen Größen des Jahrhunderts, wie mit dem Gelehrten al-Ghazālī und dem Staatsmann Saladin, genannt, die in der Nachwelt als geistige Erneuerer ihres Jahrhunderts (Mudschaddid) gelobt werden. Hierbei beruft sich das islamische Gelehrtenleben auf einen fiktiven Spruch des Propheten Muhammad, der gesagt haben soll: „Gott wird zu Beginn eines jeden Jahrhunderts jemanden an die islamische Gemeinschaft (Umma) entsenden, der ihre Religion erneuert.“
Seine Reisen und Schriften Der ägyptische Biograph und Rechtswissenschaftler Tādsch ad-Dīn as-Subkī (1327–1370) fasst die Studienreisen as-Silafīs, d. h. seine Reisen, um Wissen und Kenntnisse in den islamischen Wissenschaftsdisziplinen zu erlangen (al-riḥla fī ṭalab al-ʿilm), in dessen Biographie kurz zusammen.as-Subkī: Ṭabaqāt aš-Šāfiʿiyya al-kubrā, Band 6, S. 34–37. In seinem „Reiselexikon“ (s. unten) nennt al-Silafī selbst 31 Reiseziele, die er zu Studienzwecken vor seiner endgültigen Wahlheimat Alexandria aufgesucht hatte.So der Herausgeber zahlreicher arabischer Bücher Baššār ʿAwwād Maʿrūf in seiner kritischen Rezension der ersten Ausgabe des Werkes durch Bahīǧa al-Ḥasanī (Band 1. Dār al-ḥurrīya, Bagdad 1978) in der irakischen Zeitschrift al-Maurid, Band 1 (1979), S. 380.
Irak – die Pilgerfahrt – Die östlichen Provinzen Bereits im Juli 1100 hielt er sich zu Studienzwecken in Bagdad auf und begab sich von dort aus mit seinem Vater über Kufa auf die Pilgerfahrt, wo er als Schüler zu Gelehrtenkreisen von Mekka und Medina ebenfalls Kontakt hatte. Im Jahre 1106, auf dem Rückweg von der Pilgerfahrt, hielt er sich in Basra auf, um anschließend die Gelehrtenzentren in Rayy, Dinawar, Qazvin und Nehawand bis nach Aserbaidschan zu besuchen. Über Āmid kehrte er dann in den Irak zurück.
Aus einer Erzählung as-Silafīs geht hervor, dass solche Studienreisen auch mit persönlichen Enttäuschungen verbunden sein konnten. Er berichtet: „Sofort nach meiner Ankunft in Bagdad in Juli/August 1100 hatte ich nur den Wunsch, Ibn al-Baṭir aufzusuchen. Ich trat dann bei ihm ein, – er war ein mürrischer alter Lehrer – und sagte: ich bin Deinetwegen aus Isbahān gekommen. Er sprach: ‚lies vor!‘ – in seiner Aussprache sprach er statt R ein Ghain.Der angedeutete Sprechfehler geht auf die Aussprache des velaren Spiranten anstelle des „gerollten Zungenspitzen-r“ zurück. Wolfdietrich Fischer: Grammatik des klassischen Arabisch. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1972, S. 18. Wegen Abszessen an meinem Körper las ich ihm dann auf dem Boden liegend vor. Da sagte er: ‚schau' diesen Hund an.‘ Daraufhin entschuldigte ich mich wegen der Abszesse und weinte wegen seiner Äußerung. Ich las siebzehn Ḥadīthe vor und ging dann weg. Nachher las ich ihm ungefähr fünfundzwanzig Hefte vor und er war nicht mehr so.“adh-Dhahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ, Band 19, S. 48 in der Vita des Ibn al-Baṭir (gest. 1101). Siehe auch: Tādsch ad-Dīn as-Subkī|as-Subkī: Ṭabaqāt aš-Šāfiʿiyya al-kubrā, Band 6, S. 34.
Über eine durchaus fruchtbare Begegnung as-Silafīs mit dem Bagdader Gelehrten Ibn aṭ-Ṭuyūrī, al-Mubārak b. ʿAbd al-Ǧabbār aṣ-Ṣayrafī (gest.1106) berichtet adh-Dhahabī in seinem Gelehrtenlexikonadh-Dhahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ, Band 19, S. 213–216., demnach as-Silafī bereits im Alter von 11 Jahren eine große Auswahl von Überlieferungen von seinem Lehrer übernommen haben soll. Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī spricht sogar von einhundert Heften (ǧuzʾ), die zu seiner Zeit als aṭ-Ṭuyūriyyāt bekannt gewesen sind.adh-Dhahabī:Siyar aʿlām an-nubalāʾ, Band 19, S. 215–216. Gemäß Anmerkung des Herausgebers ist diese Sammlung in der Ẓāhirīya-Bibliothek (heute: Bibliothek Asad) in Damaskus auf 286 Blättern erhalten. Herausgegeben von Dasmān Yaḥyā Maʿālī und ʿAbbās Ṣaḫr al-Ḥasan. Riyāḍ, 2004. In seinem Muʿǧam al-mufahras, S. 316.Herausgegeben von Muḥammad Šakkūr al-Mayādīnī. Beirut 1998 nennt er das Buch als eine Auswahl der von Ibn aṭ-Ṭuyūrī überlieferten Ḥadīthe in zwei Bänden. Die aus 1344 Ḥadīthen zusammengesetzte Sammlung weist in ihrer Auswahl keine inhaltlich festgelegte Systematik auf. Im Anhang hat as-Silafī zusätzliche Traditionen hinzugefügt, die nicht auf die aṭ-Ṭuyūrīyyāt zurückgehen. Weitere Passagen in diesem Anhang hat wiederum as-Suyūtī (1445–1506) mit seinem direkten Quellenhinweis auf as-Silafī nachgetragen. Die Vorlesungen aus dieser relativ umfangreichen Traditionssammlung sind gemäß Kolophonvermerk am 27. September 1172 bei as-Silafī in Alexandria abgeschlossen worden.
Ein kleines Fragment aus dem Buch an-Nāsiḫ wal-mansūḫ von Qatāda ibn Diʿāma (gest. 735-736) über die Abrogationsfrage in den Koranwissenschaften ist ebenfalls in der Überlieferung nach Ibn aṭ-Ṭuyūrī erhalten. as-Silafī gab es später in seinem Haus in Alexandria am 27. August 1176 an einen seiner Schüler aus Isfahan mit seinem folgenden schriftlichen Vermerk am Kolophon weiter: „Dies ist ein korrekter Vortrag, wie er eingetragen ist“ und nennt anschließend seinen oben genannten Lehrer, von dem er das Werk nach dessen Originalvorlage bereits in Bagdad erhalten hatte.Herausgegeben von Ḥātim Ṣāliḥ aḍ-Ḍāmin. Beirut 1988, S. 31–32. Diese Werküberlieferung ist später auch bei Ibn Ḥadschar al-ʿAsqalānī attestiert, der das Werk in seinem al-Muʿdscham al-mufahras – im Kapitel über koranexegetische Schriften nennt.Herausgegeben von Muḥammad Šakkūr Maḥmūd al-Mayādīnī. Beirut 1998. S. 109, Nr.372.
Damaskus 1115 erreichte er „mit großem Wissen“ (so adh-Dhahabī) Damaskus, wo er zwei Jahre studierte und unterrichtete. Dort entstand seine erste Materialsammlung als lose Aufzeichnungen und Kommentare zu seinem „Reiselexikon“,adh-Dhahabī:Siyar aʿlām an-nubalāʾ. Band 21, S. 16. (Muʾassasat ar-risāla. Beirut 1984.). die er allerdings dann in Alexandria ab 1117 fortgeschrieben haben muss, da es zahlreiche Berichte über seinen Lehrbetrieb und seine Begegnungen in der Stadt enthält (siehe unten). Der Chronist von Damaskus Ibn ʿAsākir (1105–1176), der in seinem Hauptwerk Geschichte der Stadt Damaskus in 70 gedruckten Bänden alle Persönlichkeiten islamischer Wissenschaften anführt, die die Stadt besucht hatten, nennt seinen Zeitgenossen as-Silafī in dessen Kurzbiographie: „Er kam zu uns nach Damaskus als Ḥadīth-Schüler im Jahre 1115, hielt sich dort längere Zeit auf und schrieb dort von mehreren unserer Gelehrten (ihre Schriften) ab … Er unterrichtete Ḥadīth in Damaskus und einige unserer Lehrer hörten bei ihm. Mir ist es nicht gelungen, bei ihm zu hören. Ich studierte (die Schriften) in seinem Vortrag bei mehreren Gelehrten … Er erteilte mir die Überlieferungsrechte zu allen seiner Ḥadīthe, die mir mein Bruder, möge Gott Erbarmen mit ihm haben, weitergab.“Taʾrīch madīnat Dimašq. Band 5, S. 208–209. Ed. ʿUmar b. Gharāma al-ʿUmarī. Damaskus 1995. Er schildert das Auftreten as-Silafīs in Damaskus auch an einer anderen Stelle, im Lexikon seiner Lehrer (Muʿǧam aš-šuyūḫ), mit einigen inhaltlichen Kürzungen: „uns berichtete Abū Tāhir as-Silafī“ (mit vollständigem Namen) „in Form der Iǧāza. Er kam zu uns nach Damaskus. Ich hörte seine Vorlesung an mehrere unserer Gelehrten. Mir ist es nicht gelungen, bei ihm zu hören. Er (d.h. as-Silafī) sagte: uns berichtete al-Qāsim b. al-Faḍl al-Thaqafī in Isfahān…“.Gest. Juni 1096; adh-Dhahabī:Siyar aʿlām an-nubalāʾ Band 19, S. 8–11, wo as-Silafī ihn als angesehenen Gelehrten lobt. (as-Silafīs Isnad wird anschließend bis zum Prophetenḥadīth zurückgeführt).Ibn ʿAsākir:Muʿǧam aš-šuyūḫ, Band 1, S. 92–93. Ed. Wafāʾ Taqī ad-Dīn. Dār al-Bašāʾir. Beirut 2000.
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