mini|Das ehemalige Institutsgebäude in der Hans-Fallada-Straße 20. Das Institut für Fennistik und Skandinavistik an der Universität Greifswald wurde 1918 als Nordisches Institut gegründet und ist damit das älteste Institut der Fennistik und Skandinavistik in Deutschland, das neben dem Angebot von Sprachkursen auch fachwissenschaftlich arbeitet.Vgl. Friese: 75 Jahre Nordisches Institut der Universität Greifswald. 1993, S. 6.Friese weist darauf hin, dass es an anderen deutschen Universitäten schon früher neuskandinavische Sprachkurse gab, die an entsprechenden Lektoraten gehalten wurden, wie bspw. in Kiel (seit dem 19. Jh.), in Berlin (seit 1907) und Jena (seit 1913). Das Institut ist heute in die drei Lehrstühle Fennistik, Neuere Skandinavische Literaturen und Skandinavistische Sprachwissenschaft aufgeteilt und umfasst des Weiteren fünf Sprachlektorate. In den angebotenen Bachelor- und Masterstudiengängen sowie in Lehramtsstudiengängen für Gymnasien und Regionalschulen liegt der Schwerpunkt auf philologischen Lehrinhalten, der Landeskunde und dem Erlernen nordeuropäischer Sprachen (zurzeit – Stand Oktober 2023 – umfasst das reguläre Lehrangebot die Sprachen Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Estnisch und Finnisch). Eng an das Institut angebunden ist der Verein „Nordischer Klang e.V.“, der seit 1992 in Kooperation mit den Mitarbeitenden und Studierenden des Instituts das Kulturfestival Nordischer Klang veranstaltet – das größte jährliche Festival für nordeuropäische Kultur außerhalb Skandinaviens.

Institutsgeschichte Die „Schwedenzeit“ und Gründung des Instituts Studien zu Nordeuropa haben in Greifswald eine lange Tradition, vor allem aufgrund des Kontaktes der Stadt und der Universität zu den nördlichen Nachbarländern, der sich durch die günstige Lage an der Ostsee ergibt.Vgl. Langer: Die Universität Greifswald als Mittler zwischen Schweden und deutschen Territorien (16. – 18. Jahrhundert). 1990, S. 27. Die Geschichte der Universität Greifswald ist geprägt durch enge Beziehungen in den Ostseeraum, vor allem zu Schweden. 1456 gegründet, zählt die Universität zu den ältesten im Ostseeraum. Nachdem Vorpommern und Rügen nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges unter die Verwaltung der schwedischen Krone fielen,Vgl. Schmidt: Der Dreißigjährige Krieg. 2010, S. 81. galt die Universität nunmehr als die älteste in Schweden. In dieser „Schwedenzeit“ von 1648 bis 1815 entwickelte sich die Universität zu einem Bindeglied zwischen Greifswald und Schweden. So studierten beispielsweise im 17. Jahrhundert zwei der bekanntesten schwedischen Barockdichter in Greifswald, Georg Stiernhielm (1598–1672) und Lasse Lucidor (1638–1674). Aus dieser Zeit stammen wertvolle schwedische Bibliotheksbestände.

Ein Institut, das speziell auf Nordeuropa-Studien ausgerichtet war, gab es zur Schwedenzeit allerdings noch nicht. Sehr wohl aber fanden erste Vorlesungen zur schwedischen Sprache und Literatur statt, die vom Dichter und Philosophen Thomas Thorild (1759–1808) gehalten wurden. Diese akademische Beschäftigung mit schwedischer Philologie dürfte die erste ihrer Art an einer Hochschule im deutschsprachigen Raum gewesen sein.Vgl. Magon: Die Geschichte der Nordischen Studien und die Begründung des Nordischen Instituts. 1956, S. 245.Diese Vorlesungen fanden ausschließlich auf Schwedisch statt und hatten aus diesem Grund nur eine begrenzte Reichweite. Außerdem wurden vor allem altnordistische Themen von Vertretern der germanistischen Philologie bearbeitet, z. B. befasste sich Karl Robert Klempin (1816–1874) mit Eddaliedern und nordischer Mythologie.Vgl. Magon: Die Geschichte der Nordischen Studien und die Begründung des Nordischen Instituts. 1956, S. 260. links|mini|261x261px|Erster Institutsdirektor Gustaf Dalman Nach einem gescheiterten Versuch des Theologen Friedrich Wilhelm von Schubert (1788–1856) im Jahr 1821Vgl. Fietz: Nordische Studenten an der Universität Greifswald in der Zeit von 1815 bis 1933. 2004, S. 52. kam es schließlich im Jahr 1918 zur Gründung eines Nordischen Instituts an der Universität Greifswald auf Veranlassung der preußischen Regierung: „Vorausgegangen waren viele Gespräche und langwierige Verhandlungen seit dem Sommer 1917, nachdem anfangs 1917 das Preußische Abgeordnetenhaus beschlossen hatte, im Rahmen einer verstärkten Pflege der Auslandsstudien an den preußischen Universitäten auch den Norden Europas miteinzubeziehen.“Friese: 75 Jahre Nordisches Institut der Universität Greifswald. 1993, S. 1. Ein wichtiger Faktor in diesen Verhandlungen stellte der Erste Weltkrieg dar, da man im Falle eines Sieges beabsichtigte, die preußische Weltpolitik grundlegend auszubauen, wie es aus einem Beitrag von Karl Lamprecht hervorgeht: „Werden wir in jedem Falle, besonders in dem eines Sieges, einer Weltpolitik großen Stils zugedrängt, so muß die Nation vor allem anderen zunächst selbst auf die Höhe weltpolitischen Denkens gehoben werden.“Lamprecht ca. 1916/17, zit. nach Höll: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. 1997, S. 4.

Am Tag der ersten Jahresversammlung, dem 4. Oktober 1918, wurde das Institut feierlich eröffnet; zum ersten geschäftsführenden Direktor wurde der Geheime Konsistorialrat und Palästinawissenschaftler Gustaf Dalman (1855–1941) gewählt.

Da die preußische Regierung eine Ausweitung der Forschung im Sinne einer „wissenschaftlichen Auslandskunde“Dieser Begriff ist eines der Hauptanliegen einer Denkschrift, die vom Orientalisten Carl Heinrich Becker verfasst wurde und der preußischen Regierung bei den Überlegungen zur Erweiterung der Auslandsstudien vorlag.Vgl. Höll: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. 1997, S. 4. forderte, blieb die Forschung des jungen Nordischen Instituts nicht allein auf die Schwerpunkte nordische Philologie und das Altnordische beschränkt, sondern wurde um zusätzliche Disziplinen wie Rechts-, Geografie, Politik- sowie Wirtschaftswissenschaften erweitert. Die Öffnung zu aktuellen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fragestellungen zog weiterhin einige wichtige Veränderungen im Lehrangebot nach sich, da nun Sprachkenntnisse in neu-skandinavischen Sprachen zwingend notwendig wurden.Vgl. Höll: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. 1997, S. 5. So wurden erstmals neben Lehrveranstaltungen zum Altnordischen auch Dänisch, Finnisch und Schwedisch unterrichtet. Dafür wurde 1919 ein schwedisches, 1921 ein finnisches und 1931 ein dänisches Lektorat gegründet – das finnische Lektorat war das erste seiner Art auf deutschem Boden.Vgl. Menger: Zur Geschichte des Finnischlektorats an der Universität Greifswald. 2009, S. 34. Ein isländisches Lektorat folgte 1934, das allerdings aufgrund struktureller Umwandlungen zu diesem Zeitpunkt gleich ein eigenständiges Institut bildete.Siehe Abschnitt 1.2: Das Nordische Institut von 1933 bis 1945. Das isländische Lektorat war ebenfalls das erste seiner Art in Deutschland und dessen Gründung war der Anlass dafür, dass im Gegenzug ein festes deutsches Lektorat an der Universität Island in Reykjavík eingerichtet wurde.Vgl. Mitteilungen der Islandfreunde. 1934, S. 61. Für den Norwegisch-Unterricht konnten allerdings bis 1945 keine festen Regelungen gefunden werden; die Sprachkurse wurden teilweise von norwegischen Staatsbürgern gehalten, ohne jedoch einem festen Lektorat zugeordnet zu sein.Vgl. Friese: 75 Jahre Nordisches Institut der Universität Greifswald. 1993, S. 6 sowie Höll: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. 1997, S. 14.

Das Institut zog im Laufe der Zeit mehrmals um, wie bei Höll dokumentiert: „Von 1918 bis 1929 war das Nordische Institut in anfangs zwei, seit 1919 in vier ehemaligen Räumen des Geographischen Seminars in der Domstraße 14 untergebracht, nachdem durch das Entgegenkommen [Gustav] Brauns ursprüngliche Behelfsvarianten (Turnhalle in der heutigen Fallada-Straße, Fechthalle Kuhstraße, Domstraße 9 oder 10) verworfen werden konnten. Der nachfolgende Umzug in das Gebäude des Germanistischen Instituts Stralsunder Straße 11 wie auch die 1932/33 erfolgte Verlegung in das Haus Roonstraße/Ecke Pommerndamm (heute Rudolf-Petershagen-Allee 1) brachten jeweils erheblichen Raumgewinn.“Höll: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. 1997, S. 13. Ende der 1960er Jahre bezog man das Haus in der Hans-Fallada-Straße 20, das fast 50 Jahre lang als Standort des Instituts diente. Im September 2018 zog das Institut in den neuen zentralen Campus für Sozial- und Geisteswissenschaften am Ernst-Lohmeyer-Platz 3.

Die ersten Lehrstuhlinhaber der Nordischen Philologie forschten auch zur Deutschen Philologie: Wolf von Unwerth (1886–1919) war von 1918 bis 1921 Lehrstuhlinhaber für Deutsche und Nordische Philologie. Ihm folgten 1921 Paul Merker (1881–1945), welcher neben nordischer Philologie auch eine Professur in Neugermanistik innehatte, und 1928 Leopold Magon (1887–1968), Professor für Deutsche und Nordische Philologie. Magon war nicht nur Lehrstuhlinhaber, sondern übernahm auch die Position des Direktors des Nordischen Instituts ab 1928. 1933 wurden die bestehenden Länderabteilungen in eigene Länderinstitute umgewandelt, sodass Magon als Geschäftsführender Direktor nunmehr das Dänische, Norwegische und Isländische Institut leitete, während dem Schwedischen Institut bis 1945 der Historiker Johannes Paul (1891–1990) vorstand und Hans Grellmann (1898–1945) das Institut für Finnlandkunde leitete, das 1922 gegründet worden war und welchem bis 1933 der Geografieprofessor Gustav Braun (1881–1940) vorgestanden hatte. Besonders erwähnenswert ist in diesem Kontext, dass Walter Baetke (1884–1978), der vor allem für sein auch heute noch viel genutztes Wörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur (1965/1968) bekannt ist, im Sommersemester 1934 in Greifswald lehrte, bevor er nach Leipzig ging.Vgl. Höll: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. 1997, S. 31.

Das Nordische Institut entwickelte sich zunehmend zum Mittelpunkt der Nordeuropaforschung in der Weimarer Republik – auch wenn sich in den 1920er Jahren auch drei weitere Standorte (Kiel, Hamburg und Berlin) als skandinavistische Zentren etablieren konnten, deren Forschung über die traditionelle Disziplin der Altnordistik hinausging.Vgl. Höll: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. 1997, S. 16. 1923 wurde etwa die erste Ausgabe der institutseigenen akademischen Publikationsreihe Nordische Studien herausgegeben und ab 1928 erschien die Zeitschrift Nordische RundschauVgl. Nordische Studien. Greifswald 1923–1939 und Nordische Rundschau. Vierteljahresschrift. Hrsg. von den Nordeuropa-Instituten der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. DeGruyter, Leipzig und Westermann, Braunschweig 1928–1939. Siehe auch Punkt 1.5. Publikationen. Weiterhin bestand ein enger wissenschaftlicher Austausch mit den nordischen Ländern in Form von Gastvorträgen von nordeuropäischen Wissenschaftlern sowie eine enge Zusammenarbeit mit der schwedischen Universität Lund.Vgl. Höll: Die Nordeuropa-Institute der Universität Greifswald von 1918 bis 1945. 1997, S. 12.

Das Nordische Institut von 1933 bis 1945