Der Begriff Risikointelligenz (in der deutschsprachigen Literatur oft auch Risikokompetenz) hat seinen Ursprung in der Pädagogik und Psychologie. Er kann allerdings auch auf Bereiche der Rechtswissenschaft, der Linguistik, der Biologie und insbesondere auf den wirtschaftswissenschaftlichen Kontext übertragen werden.

Während die Risikobeurteilung die Analyse und Bewertung des Risikos vornimmt, beschreibt die Risikointelligenz die Gestaltung risikobehafteter Entscheidungen und ist somit der Verhaltensökonomik zuzuordnen.

Definition Für den Begriff der Risikointelligenz existieren verschiedene Definitionsansätze.

Gemäß Apgar setzt sich Risikointelligenz aus allen vergangenen und zukünftigen Erfahrungen zusammen, die bei der Lösung von Problemen, welche ein Verständnis für Risiken verlangen, relevant sind. Des Weiteren betont er, dass sich der Begriff sowohl auf ein Individuum als auch auf die Fähigkeit einer Organisation, Risiken effektiv abzuwägen, beziehen kann. Dies schließt die Kategorisierung, Charakterisierung und Einschätzung von Gefahren, die Wahrnehmung von Beziehungen und das Handeln nach entsprechenden Informationen mit ein. Auch eine effektive Kommunikation und die Anpassung an neue Umstände sind dabei entscheidend.

Einen dynamischen Ansatz wählen Funston und Wagner. Sie zielen vor allem auf den Mehrwert ab, den risikointelligentes Handeln bei einer verbesserten Entscheidungsfindung durch das Steuern von Risiken erwirken kann. Risikointelligenz ist dabei die entscheidende Fähigkeit, zwischen zwei Arten von Risiko zu unterscheiden. Zum einen ist das Risiko gemeint, welches zur Schadensvorbeugung minimiert werden sollte und zum anderen das aufzunehmende Risiko, welches zur Erlangung von Wettbewerbsvorteilen notwendig ist.

Evans führt hingegen zwei Kritikpunkte an den beiden genannten Begriffserklärungen von Funston und Wagner bzw. Apgar an. Für sein Verständnis sind die benutzten Definitionen zu vage formuliert und umfassen zu viele Fähigkeiten, sodass sie für die Praxis nicht umsetzbar und dadurch nicht wissenschaftlich messbar sind. Aus diesem Grund beschränkt Evans sich auf die Definition, dass Risikointelligenz die kognitive Fähigkeit eines Individuums ist, Wahrscheinlichkeiten präzise vorherzusagen. Diese Begriffsbestimmung umfasst jedoch keine objektiven Wahrscheinlichkeiten, sondern setzt vielmehr die subjektive Interpretation der Wahrscheinlichkeiten voraus. Somit involviert Evans die Beurteilung des Kenntnisstandes, die eine Person zu einem bestimmten Thema hat. Weiterhin hebt der Autor hervor, dass er bewusst auf Werturteile in seiner Definition verzichtet, indem er sich nur auf Wahrscheinlichkeiten bezieht, unabhängig davon, ob sie auf ein negatives oder positives Ergebnis gerichtet sind.

Chrobok und Gleißner konzentrieren sich bei ihrer Definition vorrangig auf die Risikointelligenz von Unternehmen. Damit ist die Kompetenz einer Organisation gemeint, die Transparenz über die einzelnen Risiken und den aggregierten Gesamtrisikoumfang schafft, und somit die Risiken bei ihren unternehmerischen Entscheidungen angemessen berücksichtigt. Demzufolge muss ein risikointelligentes Unternehmen fähig sein, die Risiken effizient zu bewältigen.

Im Gegensatz dazu benutzt Drewniok eine individualbezogene Sichtweise auf den Begriff der Risikointelligenz. Für sie stellt es die Fähigkeit dar, sich in der Mitte von Selbstunterschätzung und Selbstüberschätzung zu platzieren. Folglich wird, ähnlich wie bei Evans, die Einschätzung der Sicherheit des Wissens zu einem Sachverhalt in den Mittelpunkt gestellt. Durch die unterschiedliche Risikoeinstellung von Personen bedeutet dies allerdings auch, dass die Individuen unterschiedliche Ausgangspositionen besitzen, um ihre Risikointelligenz zu verbessern. Die benötigten Fähigkeiten sind jedoch identisch.

Während die bisher genannten Definitionen die Risikointelligenz von der betriebswirtschaftlichen Seite betrachten, legen Craparo, Magnano, Paolillo und Costantino ihren Fokus auf die psychologische Erklärung des Begriffes. Risikointelligenz ist gemäß den Autoren eine psychologische Ressource, die sowohl kognitive als auch emotionale Eigenschaften enthält. Konkret gesagt ist es die Fähigkeit, effektiv Vor- und Nachteile einer Entscheidung zu bestimmen und es ermöglicht einer Person, unsicherere Situationen als Möglichkeit und nicht als Bedrohung wahrzunehmen.

Zusammenfassend kann die Aussage getroffen werden, dass die Definitionen sich in dem Adressaten, also die Organisation oder das Individuum, und in der Ausprägung eines Werturteils unterscheiden.

Bedeutung Während sich Unternehmen gezielt mit dem Risikomanagement befassen und dabei eine Vermeidung von negativ assoziierten Risiken anstreben, erlangt die Auseinandersetzung mit Risikointelligenz, also dem gezielten Einsatz risikobehafteter Entscheidungen, weniger Beachtung. Dass die Bedeutung risikointelligenter Handlungen dabei oft unterschätzt wird, beweisen wirtschaftliche Katastrophen, wie beispielsweise die weltweite Finanzkrise ab 2007.

Vermehrt prägen sowohl wirtschaftliche als auch politische Unsicherheiten die Märkte und fordern daher den bewussten Umgang mit Risikointelligenz und damit die Fähigkeit, Risiken objektiv beurteilen und dabei Wahrscheinlichkeiten richtig abschätzen zu können. Ein Individuum mit einer hohen Risikointelligenz ist eher in der Lage, eine unsichere Informationsstruktur oder Veränderungsprozesse adäquat zu interpretieren.

Drewniok beschreibt das Eingehen von Risiken als Voraussetzung für langfristiges Wachstum, Erfolg und die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Auch der amerikanische Finanzanalyst Tilman erklärt den Einsatz von Risikointelligenz für Investoren und Finanzinstitutionen als Schlüsselkomponente für einen langfristigen Erfolg. Lovallo und Sibony bewiesen außerdem in einer Studie von McKinsey eine Erfolgssteigerung um sechs Prozent durch den Einsatz risikointelligenter, geschulter Entscheidungsprozesse von Managern im Unternehmen. Analog dazu erkennt Festag einen generellen Förderungsbedarf zur Verbesserung von Risikointelligenz insbesondere für Fachpersonal wie Betriebswirte, dessen risikointelligente Entscheidungen Einfluss auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen nehmen. Hierbei geht er auf die angeborene Veranlagung zu risikointelligentem Verhalten bei jedem Menschen ein. Voraussetzung für die individuelle Ausprägung und Weiterentwicklung dieser Fähigkeiten und somit für einen angemessenen Umgang mit Risiko ist eine frühzeitige Vermittlung von Risikokompetenz durch erzieherische Maßnahmen. Damit ist insbesondere die Zeit ab dem Kindergarten und noch vor dem Berufsleben gemeint.

Messung Zwischen 2007 und 2012 haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Michigan Technological University einen psychologischen Test für die Risikointelligenz entwickelt. Durch nur wenige Testaufgaben aus dem Bereich der Prozentrechnung soll der „Berlin Numeracy Test“ in kürzester Zeit die Fähigkeit zur Interpretation von Informationen zu Risikowahrscheinlichkeiten feststellen. Die Ergebnisse der Forschungen zeigten, dass die Risikointelligenz eng mit dem mathematischen Verständnis bzw. der statistischen Kompetenz eines Menschen bezüglich der Interpretation von Daten verknüpft ist.

David Apgar schuf indes mit dem Risk Intelligence Quotient (Risk IQ) ein Verfahren, das die Fähigkeit der Testpersonen zur Bewertung erlernbarer Risiken messen soll. Das Scoring-Verfahren zur Ermittlung des Risk IQ basiert auf fünf Elementen, die sich auf unterschiedliche Arten von Risiken beziehen. In Relation zu Personen, die im Beruf oder Alltag mit ähnlichen Risiken konfrontiert sind, soll per Selbsteinschätzung ein Wert von 0-2 zu jedem der Elemente angegeben werden. Während 0 bedeutet, dass andere Personen der gleichen Berufsgruppe die Risiken besser beurteilen können, steht ein Wert von 2 für eine überdurchschnittliche hohe Urteilungsgabe erlernbarer Risiken. Neben der Messung von Risikointelligenz soll der Test zusätzlich die Grundlage zur Verbesserung unterdurchschnittlich ausgeprägter Elemente bieten.

Chrobok und Gleißner betrachten Risikointelligenz als Teil des betriebswirtschaftlichen Risikomanagements. Im Jahr 2012 entwarfen die beiden Autoren in einem Fachbeitrag eine Liste aus 14 quantitativen Orientierungsfragen, die dem Management eines Unternehmens per Selbsteinschätzung helfen sollen, den „Risk Intelligence Indicator“ (RII) zu ermitteln. Über drei unterschiedliche Antwortmöglichkeiten zu jeder Teilfrage lässt sich eine Gesamtsumme bilden, die dem RII entspricht. Dieser Indikator soll die Möglichkeit zur Einschätzung der im Unternehmen vorhandenen Risikointelligenz bieten und gleichzeitig Verbesserungsansätze aufzeigen.

Craparo et al. haben in einer psychologischen Studie eine Skala zur Messung der „Subjective Risk Intelligence“ anhand der vier Faktoren Vorstellungskraft, Problemlösungsfähigkeit, Einstellung gegenüber Unsicherheiten und die emotionale Stressempfindlichkeit entwickelt. Dabei sollen 21 Aussagen über einige Verhaltensweisen und psychische Zustände hinsichtlich der eigenen Lebenserfahrung bewertet werden. Anhand der Ausprägungen der gegebenen Antworten wird die individuelle Risikointelligenz bestimmt.

Verbesserung der Risikointelligenz Die meisten Menschen besitzen eine geringe Risikointelligenz. Allerdings ist diese notwendig, um die zunehmende Unvorhersehbarkeit und Unsicherheit zu bewältigen. Aus diesem Grund sollte die Fähigkeit für risikointelligentes Handeln methodisch verbessert werden. Evans nennt in diesem Zusammenhang generelle Anforderungen, die an Methoden zur Förderung der Entwicklung der Risikointelligenz, gestellt werden sollen. Zum einen sollen die Nutzer durch die Methoden daran gewöhnt werden, die Wahrscheinlichkeiten in numerischen Werten zu definieren. Dies ist entscheidend, um auch die Risiken in Prozentwerten anzugeben. Dadurch werden die Risiken erst explizit. Aussagen wie „es ist wahrscheinlich“ sind zu vage formuliert, sodass Personen diese unterschiedlich interpretieren. Andererseits sollte das verwendete Instrument schnell und klar definiertes Feedback liefern. Dies kann bspw. durch den Abgleich des prognostizierten mit dem eingetretenen Wert erwirkt werden. Zudem sollte die Methode nur ein enges Fachgebiet abdecken. Weiterhin ist es wichtig, Erfahrungen mit Wahrscheinlichkeitsangaben zu sammeln. Dadurch können Individuen ihre Risikointelligenz trainieren.

Ein weiterer Ansatz zur Erweiterung der Risikointelligenz besteht aus drei Punkten. Erstens ist es notwendig, die eigene Risikoeinstellung zu reflektieren. Dabei darf die Risikointelligenz nicht mit der Risikoeinstellung verwechselt werden. Während das Erstgenannte eine kognitive Fähigkeit ist, ist die Risikoeinstellung eine Eigenschaft, welche dazu führt, dass einige Menschen sich eher risikoavers oder risikofreudig verhalten. Zweitens ist es wichtig, die psychologische Seite des Risikos zu verstehen. Dabei gibt es verschiedene Wahrnehmungsverzerrungen, welche die Risikowahrnehmung einschließlich der Analyse und Bewertung des Risikos beeinträchtigen.

Overconfidence: Dies ist die Diskrepanz zwischen dem, was man weiß und dem, was man zu wissen glaubt. Damit ist es häufig die Ursache für das Wagen riskanter Entscheidungen. Optimism Bias: Die Menschen beurteilen generell die Zukunft zu optimistisch und überschätzen dadurch die Wahrscheinlichkeiten für positive Entwicklungen. Dadurch ist es möglich, dass zu viele Risiken eingegangen werden. Loss Aversion: Damit ist die Tendenz gemeint, Verluste höher als gleichwertige Gewinne zu gewichten. Dies führt dazu, dass Risiken trotz guter Ausgangssituation vermieden werden. Confirmation Bias: Die Menschen bevorzugen bei ihrer Entscheidungsfindung Informationen, die ihre Ziele bestätigen, und vernachlässigen dadurch Informationen, welche ihre Auffassungen widerlegen.