Zeitleiste Oberbadischer Aufstand im September 1923

Fr 14. September Generalstreik in Lörrach und Umgebung und Verhandlungserfolg Sa 15. September Wiederaufnahme der Arbeit nach Verhandlungserfolg am Vortag Mo 17. September Besetzung Lörrachs durch Schutzpolizei; Bruch der Zusagen durch die Unternehmer; Kämpfe zwischen Schutzpolizei und proletarischen Hundertschaften der KPD; erneute Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern mit neuer Einigung Di 18. September Verstärkung der Schutzpolizei in Lörrach; die Polizei gewinnt die Kontrolle über die Stadt zurück; Verhängung des Ausnahmezustandes Fr 21. September Betriebsräteversammlung beschließt Wiederaufnahme der Arbeit am Montag 24. Mo 24. September Wiederaufnahme der Arbeit; Abzug der Schutzpolizei aus Lörrach Di 25. September Aufhebung des Ausnahmezustandes

Der Oberbadische Aufstand 1923 war eine vom 14. bis 24. September 1923 dauernde Auseinandersetzung zwischen kommunistischen Arbeitern einerseits, den Unternehmern und der Republik Baden andererseits, wobei das Zentrum der Unruhen im Badischen Oberland war.

Abgrenzung Durch die zeitliche Nähe zu dem für Oktober 1923 geplanten kommunistischen Putsch (Deutschen Oktober) und der Verwicklung beteiligter Personen in die örtlichen Unruhen und die lokale Vorbereitung des geplanten deutschlandweiten Aufstandes, werden diese beiden Vorgänge irrtümlich oft vermischt.

Das Vorspiel nach dem Mord an Walther Rathenau im Sommer 1922 Am Samstag, den 24. Juni 1922 wurde der Reichsaußenminister Walther Rathenau in Berlin ermordet, wobei die Täter der rechtsextremistischen Organisation Consul zugeordnet wurden. Zu dieser Zeit tagte in Leipzig der 11. Kongress des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, der am gleichen Tag für Dienstag, den 27. Juni zu einem Generalstreik und Kundgebungen aufrief.Aufruf des Gewerkschaftskongresses. In: Vorwärts vom 25. Juni 1922, Morgenausgabe Der Allgemeine freie Angestelltenbund, die SPD, USPDAufruf der SPD und USPD im Vorwärts vom 25. Juni 1922 und KPD schlossen sich dem Aufruf an. Auch die demokratischen bürgerlichen Parteien beteiligten sich.Ursula Büttner: Weimar: die überforderte Republik 1918–1933, S. 191Aufruf zur Karlsruher Trauerkundgebung im Badischen Beobachter vom 26. Juni 1922 Millionen Deutsche demonstrierten in Protestkundgebungen und Trauerzügen gegen den konterrevolutionären Terror, aber der Bürgerkrieg, auf den die Terroristen gesetzt hatten, blieb aus.siehe Martin Sabrow: Mord und Mythos. Das Komplott gegen Walther Rathenau 1922. In: Alexander Demandt (Hrsg.): Das Attentat in der Geschichte. Böhlau, Köln 1996, S. 323f.

In Lörrach wurde die Demonstration zum Schutze der Republik am 27. Juni 1922 von den Lörracher SPD-Landtagsabgeordneten Adolf Kieslich und Ernst Rösch geleitet.Das Zentrum und die DDP beteiligten sich in Lörrach nicht an der Kundgebung; siehe Bernnat S. 115 Am Rande der offiziellen Veranstaltung kam es zu Ausschreitungen, bei denen junge Burschen mit roter Fahne in Schulgebäude eindrangen. Fürstenbildnisse und andere als republikfeindlich angesehene Symbole wurden entfernt und zerstört. Vor der zweiten Demonstration am darauffolgenden Dienstag, den 4. Juli 1922 wurden aufgrund der Vorgänge vom 27. Juni im Bezirksamt Polizeikräfte bereitgehalten, die bei wiederholten Ausschreitungen eingreifen sollten. Als die demonstrierende Menge erfuhr, dass im Lörracher Bezirksamt 52 Gendarmen zusammengezogen waren, wurde dies von den Demonstranten als Provokation empfunden und es wurde der Abzug der Polizisten gefordert. Die Verhandlungen für die aufgebrachten Demonstranten führte der KPD-Landtagsabgeordnete Max Bock. Die Gendarmen wurden schließlich vom Bezirksamt zum Amtsgericht verlegt, worauf sich die Demonstranten entfernten.Ausschreitungen in Baden. In: Freiburger Zeitung vom 6. Juli 1922, 1. Blatt vom 6. Juli 1922; abgerufen am 19. November 2018 Innenminister Remmele (SPD) missbilligte in der Landtagssitzung vom 17. Juli 1922 den von der Bezirksverwaltung Lörrach unter dem Oberamtmann Leopold Gräser mit den Demonstranten ausgehandelten Kompromiss.Sitzungsprotokoll des Badischen Landtags 79. Sitzung am 17. Juli 1922, Spalte 3750–3752; Innenminister Remmele zu den Vorgängen in Lörrach am 27. Juni 1922 und 4. Juli in Lörrach; abgerufen am 19. November 2018 Remmele bezog sich dabei auch auf die Basler Presse, die von einer Niederlage der Polizeigewalt und der Staatsautorität geschrieben hatte und kam zum Schluss: „Das verträgt keine Staatsverwaltung auf die Dauer…“Sitzungsprotokoll des Badischen Landtags 79. Sitzung am 17. Juli 1922, Spalte 3751 Diese Niederlage und die Vorwürfe aus den Fraktionen seiner Koalitionspartner legten die Grundlage für seine Haltung im Herbst des folgenden Jahres.

Politisches Umfeld im Herbst 1923 Auf rückständige deutsche Reparationszahlungen, die durch den Friedensvertrag von Versailles von 1919 bestimmt worden waren, reagierten Frankreich und Belgien mit der Ruhrbesetzung. Den passiven Widerstand hiergegen finanzierte die Reichsregierung mit der Banknotenpresse, wodurch die Hyperinflation von 1923 ausgelöst wurde. Die Arbeitslosigkeit stieg, die Reallöhne fielen ins Bodenlose und die KPD erhielt immer mehr Zulauf. Auch nachdem die Cuno-Streiks zum Regierungswechsel in Berlin geführt hatten, kam es in vielen Städten Badens und Deutschlands zu Demonstrationen von Arbeitern und Erwerbslosen, wobei finanzielle Einmalhilfen und die Sicherung der Reallöhne zur Linderung der Not gefordert wurden.

Die lokale Situation im Bezirksamt Lörrach 1922 hatten im Weiler Stadtteil Leopoldshöhe die Bauarbeiten für eine neue Siedlung begonnen, wobei zeitweise über 1500 Arbeiter beschäftigt waren, die auch von auswärts rekrutiert wurden.siehe Mundhenke S. 57 Im Wiesental, das zu den Bezirksämtern Lörrach und Schopfheim gehörte, war die Textilindustrie der wichtigste Arbeitgeber.siehe Mundhenke S. 24 Die Löhne lagen in der Textilindustrie unter denen anderer Branchen wie z. B. der Metallindustrie.siehe Mundhenke S. 29 Die Textilunternehmen waren vielfach in schweizerischer Hand und die unmittelbare Grenznähe mit dem Vergleich zur Schweiz ließ die negativen Effekte der Inflation für die Menschen noch deutlicher werden als in grenzferneren Gegenden.siehe Mundhenke S. 46 Die Nachfrage der Schweizer Kunden, die aus ihrer Sicht billig in Lörrach einkaufen konnten, trieb die Preise weiter nach oben und verstärkte die Lebensmittelknappheit.siehe hierzu auch Bernnat S. 118 Anfang September erhoben die Arbeiter in Rheinfelden die Forderung nach einer Einmalzahlung von 50 Schweizer Franken zur Linderung der Not. Die exportorientierten Rheinfelder Betriebe – insbesondere der chemischen Industrie – sahen sich dazu in der Lage und wollten einen Streik vermeiden. Die Arbeiterschaft anderer Orte und Branchen sah hierin ein Beispiel und erhob nun ebenfalls diese Forderung.siehe Engler S. 167 In der Badischen Arbeitsgemeinschaft für Textilindustrie verhandelten die Textilgewerkschafter und die Industriellen über Lösungen. Wortführer auf Gewerkschaftsseite war Adolf Kieslich und auf Seiten der Industriellen Albert Vogelbach – beide aus Lörrach. Noch am 13. September verhandelten die Tarifparteien in Freiburg, wobei es zu keinem Ergebnis kam.Hugo Ott: Lörrachs Weg zur Industriestadt. Die Zeit von 1918 bis 1945. In: Lörrach. Landschaft · Geschichte · Kultur. Lörrach 1982, S. 326Engler schreibt auf S. 168, dass am 13. September die Löhne für die Textilindustrie neu festgesetzt wurden; Bernnat S. 120 berichtet, dass die Textilarbeiter das Lohnabkommen abgelehnt hätten und ihr Gewerkschaftssekretär, Adolf Kieslich, deswegen heftig kritisiert wurde.

Ablauf Durchsetzung wirtschaftlicher Forderungen am 14. September mini|KPD Landtagsabgeordneter Max Bock Am 12. September 1923 forderten die Bauarbeiter in Weil am Rhein als Inflationsausgleich eine Verdreifachung ihres Stundenlohns. Nach Ablehnung dieser Forderung wurde für den 14. September ein Demonstrationszug nach Lörrach angekündigt und am Morgen dieses Tages zogen etwa 2000 Bauarbeiterin der amtlichen Darstellung ist nur von 1000 Demonstranten die Rede Die Unruhen im Oberland. In: Badischer Beobachter Nr. 213 vom 18. September 1923 nach Lörrach, wo sie um 9 Uhr eintrafen. Dem Zug wurde eine rote Fahne vorangetragen.siehe Gugelmeier S. 78/79 Internet Archive Die Führung des Zuges lag bei den Betriebsräten und kommunistischen Obmännern – die Gewerkschaften und die SPD hatten wenig Einfluss. Abordnungen des Demonstrationszuges zogen vor die Betriebe in Lörrach und Umgebung und erreichten deren Stilllegung. Die streikenden Arbeiter und Arbeiterinnenin der Textilindustrie gab es in den Belegschaften einen hohen Frauenanteil marschierten in das Lörracher Zentrum, wo sich um den Marktplatz schließlich etwa 15000 Menschen versammelten. Im Kreisgebäude kam es unter Leitung des Lörracher Oberamtmanns Leopold Gräser und des Oberbürgermeisters Erwin Gugelmeier zunächst zu einer Besprechung über die Nahrungsmittelversorgung an der neben Vertretern der städtischen und staatlichen Behörden die Lebensmittelhändler teilnahmen und mit den Arbeitern verhandelten. Diese wurden durch ihre Betriebsräte vertreten, aber inzwischen konnten die Gewerkschaftsführer wieder mehr Einfluss geltend machen.siehe Mundhenke S. 59

Die wartende Menge wurde zunehmend unruhiger und war mit dem Ergebnis der Besprechung über die Nahrungsmittelversorgung nicht zufrieden, sondern verlangte unmittelbar Verhandlungen mit den Unternehmen. Eine Abordnung der Arbeiter holte die Unternehmer in Begleitung des Lörracher Bürgermeisters Heinrich Graser an den Verhandlungstisch. Nur der Fabrikant Vogelbach verweigerte seine Teilnahme. Die Verhandlungen begannen etwa um 18 Uhr und erst gegen 21:30 Uhr konnte der kommunistische Landtagsabgeordnete Max Bock das Verhandlungsergebnis verkünden. Neben einer einmaligen Zahlung von 50 Schweizer Franken pro Beschäftigten,„Bei der Kapitalverflechtung der Industrie mit der Schweiz war diese Forderung verständlich und auch im Rahmen der Möglichkeiten.“ siehe Paul Rothmund: Soziale Unruhen der Nachkriegszeit. In: Der Kreis Lörrach, Stuttgart 1980, S. 349 sollten ab 17. September die Löhne laufend der Inflation angepasst werden. Zudem sollten die Preise für lebenswichtige Waren und Dienstleistungen einer Missbrauchskontrolle unterliegen.

Ausschreitungen am 14. September Nachdem Oberamtmann Gräser und Bürgermeister Gugelmeier bereits gegen 13 Uhr den Landeskommissär Schneider in Freiburg von der zunehmenden Aggressivität der demonstrierenden Menge informiert und um Polizeiverstärkung gebeten hatten, erfolgte um 16.30 Uhr der Befehl an zwei Hundertschaften der Freiburger BereitschaftspolizeiDie korrekte Bezeichnung für die kasernierten badischen Polizeieinheiten in Baden war von Juli 1920 bis 1927 Gruppenpolizei (Siehe hierzu Bernhard Schreiber: Die Sicherheitskräfte in der Republik Baden 1918–1933 – Von der Volkswehr zur Einheitspolizei, 2002, S. 206–239.) Die in den Berichten und Abhandlungen verwendeten Begrifflichkeiten sind verwirrend. Teilweise ist von Schutzpolizei (SchuPo) die Rede, teilweise von Sicherheitspolizei (SiPo). Gugelmeier verwendete den heute noch verständlichen Begriff Bereitschaftspolizei, der deswegen auch in diesem Artikel verwendet wird. Zudem finden sich statt der Bezeichnung Hundertschaft die Bezeichnungen Polizeibereitschaft, Bereitschaft oder Bereitschaftszüge. Die beiden ursprünglich in Müllheim stationierten Hundertschaften wurden 1922 nach Rastatt verlegt. Im September 1923 war Müllheim lediglich eine Zwischenstation der aus Freiburg anrückenden Gruppenpolizei. zunächst bis Müllheim vorzurücken, wo sie um 18.45 Uhr eintrafen. Gleichzeitig kam vom Bezirksamt Lörrach die Lagebeurteilung, dass ein Einsatz der Bereitschaftspolizei nicht erforderlich sei.siehe Lux S. 69 In den dazwischenliegenden Stunden hatten sich allerdings drei Ausschreitungen in Lörrach ereignet.

Der Gefängnissturm mini|Gefängnis Lörrach (Aufnahme von 2011)