Predatory Publishing, deutsch etwa „räuberisches Veröffentlichen“, ist ein betrügerisches Geschäftsmodell bestimmter Open-Access-Verlage. Die im Deutschen manchmal als „Raubverlage“ bezeichneten Unternehmen geben vor, vollwertige wissenschaftliche Fachzeitschriften herauszugeben, und verlangen von den Autoren die im Open-Access-Segment üblichen Publikationsgebühren (Article Processing Charges), ohne dafür die redaktionellen und publizistischen Dienstleistungen zu erbringen, die bei seriösen Fachzeitschriften erwartet werden, wie z. B. ein ordentliches Peer Review. Solcherart minderwertige Zeitschriften werden als Raubjournale, englisch als predatory journals oder Pseudo-JournalsNadine Eckert: Wissenschaftliche Publikationen. So erkennt man Raubjournale. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 116, Heft 49, 6. Dezember 2019, S. B 1900 f. bezeichnet.
Ein weiterer zum Predatory Publishing gehörender Betrugsbereich sind die Predatory Conferences oder Predatory Meetings. Es handelt sich um Tagungen, die den Anschein einer legitimen wissenschaftlichen Konferenz erwecken sollen, aber keine angemessene redaktionelle Kontrolle über die eingereichten Beiträge bieten. Teilweise wird mit der Beteiligung prominenter Wissenschaftler geworben, die in Wirklichkeit gar nicht involviert sind. Auch im Bereich der Buchveröffentlichungen gibt es Verlage, die zu Beiträgen in Sammelbänden aufrufen, diese massiv bewerben und ohne wissenschaftliche Begutachtungsverfahren gegen Gebühr veröffentlichen.
Der Ausdruck Predatory Publishing wurde 2012 von Jeffrey Beall, einem ehemaligen Bibliothekar für interne Wissenschaftskommunikation an der Universität von Colorado, geprägt.T. Scott Plutchak: The Health Sciences Publishing Environment. In: Susan K. Kendall (Hrsg.): Health Sciences Collection Management for the Twenty-First Century. Lanham/Boulder/New York/London 2018, S. 20John Grant: Corrupted Science: Fraud, Ideology and Politics in Science (Revised & Expanded). Sea Sharp, Tucson 2018, S. 129 Dieser führte in der bis Januar 2017 regelmäßig aktualisierten, online abrufbaren Beall’s List von ihm als eingestufte Verlage auf.Jeffrey Beall: Scholarly Open Access – Critical analysis of scholarly open access publishing (seit Januar 2017 faktisch offline) Die Liste wurde unter anderem nach einer Beschwerde von Frontiers Media durch Beall selbst gelöscht; eine Untersuchung der Universität von Colorado wurde ohne Befund beendet.Paul Basken: Why Beall's List Died — and What It Left Unresolved About Open Access. In: The Chronicle of Higher Education, 12. September 2017.Paul Basken: Why Beall's blacklist of predatory journals died. In: University World News, 22. September 2017. Die Liste wird aber von der anonymen Gruppe Predatory Journals weitergeführt.
Systematische Untersuchungen erbrachten, dass vor allem unerfahrene Autoren und solche aus Entwicklungs- und Schwellenländern bevorzugt bei solchen Verlagen publizierten. Autoren aus den Entwicklungs- und Schwellenländern seien dabei nicht zuletzt von der Aussicht auf eine breite Wahrnehmung ihrer Forschungsergebnisse infolge der freien Zugänglichkeit ihrer Artikel bei verhältnismäßig geringen Publikationsgebühren motiviert; viele der in der Beall-Liste enthaltenen Verlage operieren von solchen Ländern aus.Margaret H. Kearney: Predatory Publishing: What Authors Need to Know. In: Research in Nursing & Health. 38, 2015, S. 1–3. doi:10.1002/nur.21640Jingfeng Xia, Jennifer L. Harmon, Kevin G. Connolly, Ryan M. Donnelly, Mary R. Anderson, Heather A. Howard: Who publishes in „predatory“ journals?. In: Journal of the Association for Information Science and Technology. 66, Nr. 7, 2014, S. 1406–1417. doi:10.1002/asi.23265 Andererseits kann das Predatory-Publishing-Modell gezielt von unter Publikationsdruck stehenden Nachwuchswissenschaftlern aus Industrieländern benutzt werden, um Forschungsarbeiten minderer Qualität oder mit marginalem Erkenntnisgewinn als „Peer-Reviewed“ in einem seriös aufgemachten Periodikum zu veröffentlichen.Svea Eckert, Peter Hornung: Exclusiv im Ersten: Fake Science – Die Lügenmacher. NDR, gesendet am 23. Juni 2018. Ähnliches gilt für Betrüger mit kommerziellen Interessen, die gefälschten technischen oder medizinischen Studien zur Nützlichkeit ihres Produktes mithilfe von Raubverlagen den Anschein von wissenschaftlicher Fundiertheit verleihen können.
Geschichte 2008 machte der Kanadier Gunther Eysenbach, Herausgeber einer frühen Open-Access-Zeitschrift, „auf schwarze Schafe unter den Open-Access-Verlagen und -Zeitschriften“ aufmerksamGunther Eysenbach: Black sheep among Open Access Journals and Publishers. Gunther Eysenbach Random Research Rants Blog, 8. März 2008 (mit Postskripten vom 21. April, 23. April und 3. Juni 2008), abgerufen am 21. Juli 2018 und hob im Blog Verleger und Zeitschriften hervor, die mit übermäßigem Spam Autoren und Redakteure anlocken, insbesondere Bentham, Dove Medical Press und Libertas Academica. Im gleichen Jahr machte der britische Journalist Richard Poynder in einer Interviewreihe auf die Praktiken aufmerksam, die „die Möglichkeiten der neuen Umgebung ausnutzen“.Richard Poynder: The Open Access Interviews: Dove Medical Press. Open and Shut? (Blog) 5. November 2008, abgerufen am 21. Juli 2018 (weitere Interviews mit verschiedenen Protagonisten der Open-Access-Bewegung sind auf Poynders Webpräsenz verlinkt). 2009 wurden weitere Zweifel an der Ehrlichkeit bestimmter Open-Access-Zeitschriften angemeldet.Peter Suber: Ten challenges for open-access journals. In: SPARC Open Access Newsletter, 2. Oktober 2009.Jeffrey Beall: Bentham Open. The Charleston Advisor. Bd. 11, Nr. 1, 2009, S. 29–32 online Aus Sorge um die Spamming-Praktiken ihrer „schwarzen Schafe“ gründeten die führenden Open-Access-Verlage 2008 die Open Access Scholarly Publishing Association. 2009 hatte der Blog Improbable Research entdeckt, dass die Zeitschriften von Scientific Research Publishing anderswo publizierte Arbeiten dupliziert hatten;Marc Abrahams: Strange academic journals: Scam? 22. Dezember 2009. Abgerufen am 13. Januar 2015. über diesen Fall wurde anschließend in Nature berichtet.Katharine Sanderson: Two new journals copy the old. In: Nature News. 463, Nr. 7278, 13. Januar 2010, S. 148–148. doi:10.1038/463148a PMID 20075892. Abgerufen am 11. April 2013. 2010 reichte der Cornell-University-Absolvent Phil Davis (Betreiber des Blogs Scholarly Kitchen) ein Manuskript ein, das einen sinnfreien, mittels der Software SCIgen erstellten Inhalt hatte und gegen Gebühr angenommen (aber dann vom Autor zurückgezogen) wurde.Paul Basken: Open-Access Publisher Appears to Have Accepted Fake Paper From Bogus Center. In: The Chronicle of Higher Education, 10. Juni, 2009. Es wurde berichtet, dass Raubverlage sich weigerten, Zurückziehungen eingereichter Manuskripte zu akzeptieren, und dadurch die Einreichung bei einer anderen Zeitschrift verhinderten.Alison McCook: U.S. government agency sues publisher, charging it with deceiving researchers. Retraction Watch. 26. August 2016. Abgerufen am 2. November 2016.Megan Molteni: The FTC is Cracking Down on Predatory Science Journals. In: Wired, 19. September 2016. Abgerufen am 2. November 2016.
Im August 2016 reichte die Federal Trade Commission (FTC) Klage gegen die indische OMICS-Verlagsgruppe (einschließlich ihrer Töchter iMedPub und Conference Series) und deren Präsidenten Srinubabu Gedela ein.Ivan Oransky, Adam Marcus: FTC sues OMICS group: Are predatory publishers' days numbered? 2. September 2016. (Abgerufen am 21. Juli 2018) Akademiker und Forscher würden über den Charakter der Verlagsprodukte getäuscht und das Fälligwerden einiger Hunderter bis einiger Tausender Dollar an Publikationsgebühren würde bis zur Annahme des Manuskripts für die Veröffentlichung verschwiegen.David C. Shonka: Complaint for permanent injunctionand other equitable relief. United States District Court Nevada, Las Vegas, 25. August 2016.Carl Straumsheim: Federal Trade Commission begins to crack down on 'predatory' publishers. Inside Higer Ed News, 29. August 2016, abgerufen am 3. September 2016. Die FTC reagierte damit auch auf wachsenden Druck aus dem akademischen Sektor, endlich gegen Raubverlage vorzugehen. Die OMICS-Gruppe wies die Vorwürfe auf ihrer Website zurück und beschuldigte die etablierten Verlage der Konspiration. Nach einem Urteil von 2019 darf der Verlag in den USA nicht mehr tätig werden und muss 50 Millionen Dollar Strafe zahlen.#FakeScience: Hohe Geldstrafe für pseudowissenschaftlichen Verlag, Tagesschau, 3. April 2019 Im Jahr 2020 bestätigte ein durch Omics angerufenes Berufungsgericht das Urteil und die Strafzahlung.https://cdn.ca9.uscourts.gov/datastore/memoranda/2020/09/11/19-15738.pdf
Bohannons Experiment 2013 reichte John Bohannon, Mitarbeiter der Zeitschrift Science, bei einer Reihe von Open-Access-Zeitschriften ein völlig fehlerhaftes Manuskript über die angebliche Wirkung eines Flechtenbestandteils ein und veröffentlichte das Resultat in einem Text mit dem Titel Who’s Afraid of Peer Review?Bohannon, John (2013): Who’s Afraid of Peer Review? Science. 342 (6154): 60–65, doi:10.1126/science.342.6154.60, PMID 24092725; Data and Documents. („Wer hat Angst vorm Peer-Review?“). Etwa 60 % der Zeitschriften hatten die gefälschte Arbeit akzeptiert, darunter das Journal of Natural Pharmaceuticals, während 40 % sie ablehnten, darunter die bekannte PLOS ONE.
„Dr. B. Trüger“ 2015 erfanden vier polnische Psychologen eine fiktive unterdurchschnittliche Wissenschaftlerin namens Anna O. Szust (von ) und ließen sie sich um eine Redaktionsstelle bei 360 englischsprachigen wissenschaftlichen Zeitschriften bewerben. Szusts Qualifikationen waren düster; sie hatte nichts veröffentlicht und keine redaktionelle Erfahrung. Die in ihrem Lebenslauf aufgeführten Bücher und Buchkapitel sowie die Verlage waren frei erfunden.
Ein Drittel der Zeitschriften, bei denen sich Szust bewarb, wurde der sogenannten Beall-Liste entnommen, die nur Zeitschriften mutmaßlicher Raubverlage enthält. Vierzig dieser Zeitschriften akzeptierten Szust als Herausgeberin ohne Hintergrundüberprüfung und oft innerhalb von Tagen oder sogar Stunden. Im Vergleich dazu erhielt sie von den 240 Zeitschriften der Kontrollgruppe, die im Directory of Open Access Journals (DOAJ) und im Journal Citation Reports (JCR) geführt werden und bestimmte Qualitätsstandards erfüllen einschließlich ethischer Veröffentlichungspraktiken, nur minimale bis gar keine positive Resonanz.Piotr Sorokowski: Predatory journals recruit fake editor. In: Nature. 22. März 2017. Von den 120 DOAJ-Zeitschriften akzeptierten sie immerhin acht. Das DOAJ hat inzwischen einige (aber nicht alle) der betroffenen Journale aussortiert. Von den 120 JCR-Zeitschriften bot keine einzige Szust eine Position an.
Die Ergebnisse des Experiments wurden im März 2017 in Nature veröffentlicht und erregten erhebliches Aufsehen.Jeffrey Kluger: Dozens of Scientific Journals Offered Her a Job. But She Didn't Exist. In: Time, 22. März 2017, abgerufen am 26. Juli 2018.Gina Kolata: A Scholarly Sting Operation Shines a Light on 'Predatory' Journals. In: The New York Times, 22. März 2017, abgerufen am 22. März 2017.Alan Burdick: “Paging Dr. Fraud”: The Fake Publishers That Are Ruining Science. In: The New Yorker, 22. März 2017, abgerufen am 31. Oktober 2021.
SCIgen
SCIgen ist ein Computerprogramm, das nach dem Zufallsprinzip Informatik-Fachartikel mittels einer kontextfreien Grammatik erstellt. Seine Texte wurden von einer Reihe von Raubzeitschriften und Raub-Konferenzen akzeptiert.
Merkmale Beschwerden im Zusammenhang mit räuberischen Open-Access-Publikationen richten sich unter anderem gegen das Verlangen von sehr hohen Geldbeträgen für die Publikation von Artikeln in Verbindung mit einem mangelhaften Peer-Review-Verfahren. erst nach Annahme der Manuskripte ergangene Hinweise auf Artikelgebühren,