mini|Torturm um 1950 (Ruine) mini|x150px|1515: Erste bekannte Darstellung der Burg (vor dem Bauernkrieg). Ausschnitt aus einem Fresco im Kloster St. Georgen (Stein am Rhein) Ganzes Wandbild siehe: Wandbild im Kloster

Die Geschichte der Küssaburg beruht zur Frühzeit auf Annahmen, die sich aus geographischen Bedingungen und aus der Geschichte der Orte im Umfeld ableiten sowie militärischen Maßnahmen zugrunde liegen – etwa mit der Annahme, dass Kelten und Römer einen taktisch bedeutsamen Platz nicht unbefestigt gelassen hätten.

Die Ruine der Küssaburg (auch Schloss Küssenberg) befindet sich im südlichen Baden-Württemberg an der Schweizer Grenze im östlichen Landkreis Waldshut in der Gemarkung der Gemeinde Küssaberg.

Zur urkundlichen Erstnennung gibt es in der Literatur verschiedene Angaben: Ob es sich dabei um den Küssenberg, möglicherweise um einen bebauten Platz handelte (888); später um ein Adelsgeschlecht, von dessen Namen auf eine Burg Rückschluss erfolgte (1135/1141) oder um die eindeutige Erwähnung einer Burg, ist ohne eine erneute Einsicht in die Urkunden nicht definitiv zu entscheiden.

Im gesamten Verlauf ist die Geschichte der Burg in der Literatur bis heute nicht zusammenhängend erfasst:

mini|x200px|Die Burg heute (Zeichnung W. Pabst)

Namensbildung Zur Namensgebung gibt es zwei wissenschaftlich begründete Ableitungen und einige regionale, poetische und auch spekulative Deutungen, die sich auf Vergleiche im Wortklang oder in der Schreibweise beziehen.

mini|Die Küssaburg von Küßnach aus. Bild von Eduard Schuster, 1908

Ortsnamen leiten sich im Allgemeinen von zwei Faktoren ab – zum einen von Namen von Begründern und Besitzern, zum andern von topographischen Merkmalen – Geländebezeichnungen –, wobei „die Gewässernamen (Hydronyme) sehr dauerhaft an der einmal benannten geographischen Erscheinung haften bleiben, dauerhafter als die Siedlungsnamen und daß sie auch etwaige Bevölkerungsverschiebungen, zum Beispiel Völkerwanderungen überstehen konnten.“Albrecht Greule: Gewässernamen im Landkreis Waldshut. In: Heimat am Hochrhein 1985, Südkurier Verlag, Konstanz 1984, S. 86.

Es ist zu beachten, die Ortsnamen (Burg) Küssenberg und Küßnach in der Namensgebung im Verbund zu untersuchen, zumal sie auch historisch zusammengehören. Beide sind „zusammengesetzte Namen (Komposita)“, dabei Küßnach – „mit -bach oder -ach/-a als zweitem Bestandteil (Grundwort). […] Während -bach erst im Deutschen zu dem Grundwort der Flußnamengebung wurde, gehören Zusammensetzungen mit -ach/-a als zweiter Komponente in ältere, germanische Zusammenhänge […] in der Völkerwanderungszeit oder noch früher. […] Es wäre nicht sinnlos, dort mit keltischen Namen zu operieren.“Albrecht Greule: Gewässernamen im Landkreis Waldshut., 1984, S. 87 f.

Bei -ach oder -a …

Historische Belege.Die historischen Belege (1. Hälfte des 15. Jh. Kussach, 1500 Küssnacht usw.) deuten darauf hin, dass der Ort Küßnach in althochdeutscher Zeit Kussinaha hieß. Das Bestimmungswort ist der Personenname Kusso, im Genetiv Kussin. Aus Kussinaha entstanden entweder Küssenach (Küssnach) oder durch Tilgung der Genetivendung -in Küssach. Demgegenüber war Küssaberg ursprünglich ein um das Grundwort -berg erweitertes dreigliedriges Kompositum Kussin-ach-berg. Solche Trikomposita haben die Neigung, verkürzt zu werden, indem zum Beispiel das mittlere Glied schwindet: Kussinberg (vergleiche 1168 Chussenberc). Es konnte aber auch bereits dadurch gekürzt werden, dass als Bestimmungswort die Kurzform des Hydronyms (Küssach oder Küssa) verwendet wurde, vergleiche ca. 1216 Chussachperg und 1239 Kussaberg. (Albrecht Greule: Gewässernamen im Landkreis Waldshut., 1984, S. 93 f.)

mini|hochkant=1.3|Burgberg vor der Klettgauebene, 1958

Nach Albrecht Greule ist als Bestimmungswort ein Personenname – Kusso (Genetiv Kussin) – zu sehen, in Verbund mit dem Grundwort -ach in Küßnach. Dies gilt dann auch – durch denselben Besitzer beider Orte – in der Übertragung auf (Burg) Küssaberg.

Eine zweite Version geht ebenfalls von einem zusammengesetzten Namen aus: im Bestimmungswort von dem Personennamen ‚Cossinius‘:

In der Heimatforschung Emil Müller-Ettikon: „Auf dem Küssenberg saß ein Kelte, der sich Cossinius nannte, ein Geschlechtername, der mehrfach bezeugt ist. Er gab auch dem Dorfe Küßnach den Namen. Die -ach kommt hier nicht von dem germanischen aha = ach, was fließendes Gewässer bedeutet […], sondern ist das keltische Suffix -akos, lateinisch akum, das den Besitz, die Zugehörigkeit zu einer Person ausdrückt.“Emil Müller-Ettikon: Was die Namen über die Entstehung der Siedlungen verraten. In: Der Klettgau. Hrsg.: Bürgermeister Franz Schmidt im Auftrag der Stadt Tiengen/Hochrhein, 1971, S. 61.

Beide Deutungen werden von dem Archäologen Jürgen Trumm erwogen:

mini|Römerstraße von Dangstetten nach Bechtersbohl

„Diese These ist verlockend, wenngleich römische Funde von der Gemarkung Küßnach bislang nicht bekannt geworden sind. Küßnach wäre demnach der einzige vordeutsche Name nördlich des Rheins bzw. des Bodensees zwischen Aaremündung und Bregenz. Denkbar ist aber auch ein germanischer Ortsname, zusammengesetzt aus einem Personennamen (z. B. ‚Chusso‘) und einem Gewässernamen mit dem Suffix -ach (für Wasser).“Jürgen Trumm: Die römerzeitliche Besiedlung am östlichen Hochrhein. Heft 63, Theiss Verlag, Stuttgart 2002, S. 224. J. Trumm nennt dazu als Quellen u. a.: St. Sonderegger Die Ortsnamen, in: Ur- und frühgeschichtliche Archäologie der Schweiz. VI. Das Frühmittelalter, (Basel 1979), S. 70–96. und B. Boesch: Die Gewässernamen des Bodenseeraumes. Beitr. z. Namensforschung N. F. 16, 1981, S. 23–39.

In der Schweizer Nachbarschaft, im Ort (Küssnacht am Rigi) liegt das Gewicht auf der ‚gallo-römischen Deutung‘.„Der Name Küssnacht ist eine Bildung aus einem lateinischen Personennamen wie Cossinius, Cossonius, Cusin(n)ius oder ähnlich sowie der keltischen Ortsnamenendung -akos/-acum und bedeutet damit ‚Landgut des Cossinius‘. Damit geht der Ortsname in eine Zeit zurück, als die keltische Bevölkerung anfing, lateinische Personennamen zu verwenden.“ (Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 492.)

Die Vielzahl der poetischen, manchmal auch spekulativen Namenserklärungen, die sich meist auf Vergleiche im Wortklang oder in Schreibweisen beziehen, hat Wolf Pabst, Küssaberg, zusammengefasst.

Lage und Bedeutung Die Ruine der Küssaburg befindet sich auf dem Plateau des Küssenberg, eine Erhebung des südlichen Ausläufers des Randengebirges, der die Landschaft Klettgau vom Hochrhein abgrenzt.

Bestimmend für die historische Bedeutung des Küssenberges und der Befestigungsanlagen auf dem Gipfel ist die unmittelbar mögliche Kontrolle eines uralten Verkehrs- und Handelsweges aus dem Alpenvorland über den Rhein nach Norden.

Der Rundblick gestattet dort die Sicht auf diesen von den Römern ab 15 v. Chr. zur Heerstraße ausgebauten Weg südlich vom Rheinübergang zwischen den heutigen Orten Bad Zurzach/Schweiz und Rheinheim (Küssaberg) und nach Norden über die Klettgauebene auf den dort westlich gelegenen Ort Oberlauchringen sowie östlich bis zu den Randenbergen bei Schaffhausen und bis zur Anhöhe über der Stadt Stühlingen mit dem Schloss Hohenlupfen. Es wird vermutet, dass hier in römischer Zeit jeweils Wach- und Signaltürme errichtet waren.

Nach der Römerzeit reduzierte sich die Bedeutung auf regionale Aspekte, etwa als Wallburg und Refugium für die Bewohner umliegender Ortschaften, in erster Linie wohl für Küßnach und Bechtersbohl. Nach der Einbindung der Alemannia in das Frankenreich und den sich verfestigenden germanischen Staatsbildungen ab dem 6. Jahrhundert könnte die Bedeutung wieder angewachsen sein. Ob der Ort eine Rolle in den alemannischen Aufständen gegen die Karolingerherrscher spielte, ist nicht bekannt. Nachdem fränkische Grafen die Kontrolle über die von Karl dem Großen gegründeten Gaue übernommen hatten, wurde eine Burg auf dem Küssenberg zum Sitz der Klettgaugrafen.

mini|x200px|Die Burg um 1600 (Zeichnung W. Pabst) In den folgenden Jahrhunderten der Reichsbildung, der Gründung der Eidgenossenschaft und der Entstehung europäischer Kriege ist eine strategische Rolle der Festung anzunehmen, sie wurde jedoch auch zur Zwingburg einer sich selbst bewusst werdenden Bauernschaft, konnte von diesen jedoch nie erobert werden.

Im Dreißigjährigen Krieg zeigte sich dann, dass sich in der Folge großräumiger politischer Konfliktlagen und auch militärtechnischer Entwicklungen die Bedeutung fester Plätze auflöste.

Nach der Zerstörung 1634 wurde die Küssaburg nicht mehr erneuert und verfiel.

Vorgeschichte Nicht nur die gesicherte Lage machte es wahrscheinlich, dass der Platz schon in Urzeiten besiedelt war. Nahe gelegene Hochflächen und Quellen boten Menschengruppen ein günstiges Umfeld:

Frühzeit

Kelten Angenommen werden kann auch, dass der Küssenberg von Kelten befestigt war. Zwar gibt es auch im weiteren östlichen Vorfeld der Burg noch Wälle oder Wallanlagen, doch ist eine Bestimmung ohne archäologische Untersuchungen nicht möglich. Da das Plateau der Küssaburg durch die nach drei Seiten steil abfallenden Berghänge und dem schmalen ‚Schlauch‘ am Schwachpunkt der östlichen Seite gut abgeriegelt werden konnte, kann ein keltisches Befestigungswerk vorausgesetzt werden, da auch ähnlich an alten Verkehrswegen gelegene Höhenburgen in der Region wie die Wallburg Semberg, der Hornbuck bei Riedern am Sand oder der Birnberg bei Grießen auf keltische bzw. noch frühzeitliche Bebauung zurückgeführt werden.

Römer mini|Das „Heidengäßle“ – die römische Heerstraße bei Bechtersbohl

Zudem wird vermutet, dass an gleicher Stelle vor etwa 2000 Jahren ein Wach- und Signalturm stand, um das Teilstück der römischen Heerstraße von Tenedo (Bad Zurzach/Schweiz) bis Juliomagus (Schleitheim/Schweiz) zu sichern. Am Fuß des Berges befand sich ein Gallo-römischer Umgangstempel. Eine Luftbildaufnahme, die zur Entdeckung des Tempels führte, zeigt neben der Trasse der Heeresstraße noch eine Reihe weiterer Gebäude um den Tempel, sodass von einer umfangreichen römischen Bebauung dieses Bereichs vor der Burg ausgegangen werden kann.Jürgen Trumm: Ein gallo-römischer Umgangstempel bei Oberlauchringen. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1995, Theiss-Verlag, Stuttgart 1996, S. 217 ff.

Die Funde und Befunde von der Bronzezeit bis ins frühe Mittelalter machen eine sehr alte Befestigung auf dem Berg wahrscheinlich, die dabei errichteten Befestigungswerke sind jedoch oberirdisch nicht mehr sichtbar. Der Heimatforscher Egon Gersbach: „Soviel sei indessen hervorgehoben, dass die meisten dieser Plätze [wie auf dem Küssenberg] infolge ihrer günstigen Verteidigungslage und unter Ausnutzung schon vorhandener Befestigungsruinen immer wieder und häufig genug bis in das frühe Mittelalter hinein bevorzugt besiedelt worden sind oder im hohen Mittelalter zum Burgenbau angereizt haben. Dabei können die mehr oder weniger stark zerfallenen älteren Befestigungswerke durch die jüngere Überbauung bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet oder völlig zerstört oder abgeräumt worden sein. Gerade den umfangreichen und besonders tiefschürfenden Erdbewegungen, die mit dem Ausbau der hochmittelalterlichen Burgen in Stein verbunden waren, sind auf den davon betroffenen, räumlich meist beschränkten Plätzen die einst gewiß vorhanden gewesenen vorgeschichtlichen Sicherungsanlagen zumeist restlos zum Opfer gefallen.“Egon Gersbach: Urgeschichte des Hochrheins. 1969, S. 196.

mini|Römische Straßenplatte mit eingehauener Wagenspur