mini|Ev. Kirche Reichenbach Reichenbach ist als Sitz der Gemeindeverwaltung der Hauptort der Gemeinde Lautertal (Odenwald) im Landkreis Bergstraße in Hessen und deren nach Einwohnerzahl größter Ortsteil. Es liegt (Luftlinie) 50 Kilometer südlich von Frankfurt am Main und 33 Kilometer nördlich von Heidelberg.

Geographie mini|Blick ca. 500 m nordwestlich von Knoden ins Lautertal und Reichenbach mit 5–10 m mächtigem verkieseltem Barytgang (rote Linie) mini|Reichenbach im Lautertal mit Auerbacher Schloss im Hintergrund

Der Ortsteil Reichenbach liegt im Zentrum des oberen Tales der Lauter im Odenwald. Es entstand als geschlossenes Haufendorf bei einseitiger Tallage. In der Ortslage münden von links (Süden) kommend der Reichenbach und von Norden kommend der Graulbach zusammen mit dem Felsbach in die Lauter. Im Norden schließt die Gemarkung das Felsenmeer mit ein, das sich auf der bewaldeten Südostflanke des 514 Meter hohen Felsberg ausbreitet. Das Gebiet des Ortsteils besteht aus der Gemarkung Reichenbach mit einer Fläche von 880 Hektar, davon sind 275 Hektar Wald. In der Gemarkung liegen die folgenden aktuellen bzw. historischen Siedlungsplätze: Wüstung Grauelbach Wüstung Hohenrode Hof Hohenstein Hof Höllenacker Siedlung Rödchen

Im Westen reicht die Gemarkung bis zum „Teufelsberg“ (374 m), dem das Naturdenkmal „Borstein“ vorgelagert ist, und im Südosten bis zum Hohenstein. Der 1901 auf dem Felsberg erbaute Ohlyturm ist der höchste Punkt der Gemarkung Reichenbach.

Die nächstgelegenen Ortschaften sind im Norden Beedenkirchen, im Nordosten Lautern, Knoden mit Breitenwiesen und Schannenbach im Südosten sowie Elmshausen im Südwesten.

Eine geografische Besonderheit – die sich auch im Namen des Ortes widerspiegelt – ist, dass neben der Lauter weitere neun Bäche in den Ort fließen und über die Lauter in den Rhein bei Gernsheim entwässern. Dies sind der Felsbach, der Felsenmeerbach, der Graulbach, der Tränkbach, der Bach von Katzenstein, der Vorbach, der Reichenbach, der Schachertbach/Flutgraben und das Höhwiesenbächlein, auch Haurodbach genannt. Ein Großteil dieser Bäche fließt im Ort unterirdisch. Durch den Zusammenfluss der Gewässer und die besondere Topografie von Reichenbach, mit relativ steilen Hängen, können bei Starkregen große Wassermassen in den Ort gelangen und tiefer gelegene Ortsteile überfluten. Um die Wassermassen der Lauter nach Starkregen aufhalten zu können, befindet sich oberhalb des Ortes, im Lautertal, ein Hochwasserrückhaltebecken.

Geschichte Von den Anfängen bis zum 18. Jahrhundert Die erste urkundliche Erwähnung des Orts erfolgte 1012 unter dem Namen Richinbach, als König Heinrich II. auf Bitten von Abt Bodo des Klosters Lorsch diesem den Forst- und Wildbann innerhalb der Mark Michelstadt und der „Mark Heppenheim“ auf ewig verlieh. Der Name Reonga, der in den Grenzbeschreibungen der „Mark Heppenheim“ aus den Jahren 773 und 795 vorkommt, bezieht sich nicht auf Reichenbach, sondern auf einen Grenzpunkt der Mark auf dem Höhenrücken Felsberg – Neunkirchner Höhe.Regesten der Stadt Heppenheim und Burg Starkenburg, Nr. 3 und 5

Als Kaiser Friedrich II. im Jahre 1232 die bisherige Reichsabtei Lorsch dem Erzbistum Mainz und dessen Bischof Siegfried zur Reform überstellte, befand sich das Gebiet des späteren Amtes Schönberg, zu dem auch Reichenbach gehörte, im Besitz der Kurpfalz. Aus dem Jahr 1488 ist bekannt, dass der Pfalzgraf dort Bede von 11 Huben und drei Hofstätten bezog.

Aus dem Mittelalter sind eine Reihe Grundherren überliefert. So traten die Adelsgeschlechter von Bolanden, von Nackheim und die Schenken von Erbach auf, die Güter in Reichenbach als pfälzische Lehen empfingen. Die Hohe Gerichtsbarkeit über den Ort wurde durch die Zent Heppenheim ausgeübt, deren oberster Richter der 1267 erstmals erwähnte Burggraf auf der Starkenburg (über Heppenheim) war. Die Niedere Gerichtsbarkeit wurde durch das Ortsgericht ausgeübt, das die Pfalzgrafen zeitweise den Kreisen zu Weinheim und Lindenfels als Lehen vergaben. Das Adelsgeschlecht derer von Weinheim starb 1407 aus und ihr Erbe fiel an die Ulner von Dieburg. Aus dem Jahr 1514 ist überliefert, dass das Gericht aus dem Schultheiß und acht Schöffen bestand, die im Hause des Wirts Christian Hansen im Namen des Pfalzgrafen, des Ulner von Dieburg und des Schenken von Erbach Recht sprachen. In den Jahren 1561 und 1563 kamen die pfälzischen und ulnerschen Anteile durch Tausch an die Grafen zu Erbach. Reichenbach gehörte unter erbachischer Herrschaft zum Amt Schönberg.Gustav Simon: Die Geschichte der Dynasten und Grafen zu Erbach und ihres Landes, Verlag Brönner, Frankfurt a. M. 1858, S. 147ff (online bei Google Books)

Im Zuge der Bayrischen Fehde verwüsteten Truppen des Landgrafen Wilhelm II. von Hessen im Jahr 1504 die Burg Schönberg und das ganze Tal der Lauter. Der Landgraf führte als Vollzieher der gegen die Kurpfalz verhängten Reichsacht einen Feldzug gegen die Kurpfalz und deren Verbündete, zu denen auch die Grafen von Erbach zählten.

Im 16. Jahrhundert hielt die Reformation auch im Odenwald Einzug. Bis 1544 hatten die Grafen von Erbach für ihre Grafschaft das lutherische Glaubensbekenntnis eingeführt, und auch die pfälzischen Herrscher sympathisierten offen mit dem lutherischen Glauben, aber erst unter Ottheinrich (Kurfürst von 1556 bis 1559) erfolgte der offizielle Übergang zur lutherischen Lehre. Die Untertanen hatten ihren Herrschern damals auch in Glaubensfragen zu folgen (Cuius regio, eius religio, lateinisch für wessen Gebiet, dessen Religion). In kirchlicher Hinsicht war Reichenbach ursprünglich eine Filiale der Pfarrei Bensheim, allerdings hatte der Ort bereits vor der Reformation eine eigene Pfarrei. Nach der Reformation gehörten zum lutherischen Kirchspiel Reichenbach die Filialdörfer Hohenstein (heute ein Forsthaus in der Gemarkung Reichenbach), Lautern, Gadernheim, Raidelbach, Elmshausen sowie die Lutheraner der ehemals erbachischen Orte Knoden und Breitenwiesen. Die letzten beiden Orte waren 1561 zusammen mit Mittershausen, Mitlechtern, Schannenbach, Ober-Laudenbach und Scharbach gegen den pfälzischen Anteil an Reichenbach eingetauscht worden. Den großen Zehnt in Reichenbach erhielt zu zwei Dritteln die Herrschaft Erbach und zu einem Drittel das Domkapitel zu Mainz. Vom kleinen Zehnten erhielt die Erbacher Herrschaft ebenfalls zwei Drittel, während die Pfarrei in Reichenbach ein Drittel erhielt.

Anfang des 16. Jahrhunderts erhielten die Schenken Valentin I. und Eberhard XI. vom Pfälzer Kurfürsten Ludwig VI. die „lehnsherrliche“ Genehmigung zur Anlage eines Bleibergwerks in Reichenbach. Diese erste Betriebsphase dauerte nicht lange, denn nach dem Eindringen von Wasser wurde die Grube wieder aufgegeben. Später wurde der Betrieb mehrfach wieder aufgenommen, wobei nach Kupfer und Silber geschürft wurde. Erst 1944 wurden die Bergbauaktivitäten endgültig eingestellt. (Siehe auch Liste von Bergwerken im Odenwald.)

Nach den Verwüstungen in der Bayerischen Fehde konnte sich das Amt Schönberg erholen bis zum Dreißigjährigen Krieg, der 1618 begann. Besonders in den letzten Friedensjahren war eine rege Bautätigkeit in Schloss Schönberg und den Dörfern zu verzeichnen. Spätestens 1622 hatte auch das Amt Schönberg unter dem Krieg zu leiden, als das Amt von Truppen der Liga mehrfach überfallen und geplündert wurde. Mitte der 1630er Jahre folgte mit dem Schwedisch-Französischen Krieg das blutigste Kapitel des Dreißigjährigen Krieges. Aus der Region berichteten die Chronisten aus jener Zeit: „Pest und Hunger wüten im Land und dezimieren die Bevölkerung, sodass die Dörfer öfters völlig leer stehen“. Als im Jahre 1648 Friede geschlossen wurde, war die Bevölkerung in der Region auf ein Viertel geschrumpft, etliche Dörfer waren über Jahre menschenleer. Nach kurzer Friedenszeit folgten die französischen Reunionskriege, die für die Region neue Heimsuchungen brachten. Im Herbst 1696 wurde im Pfälzischen Erbfolgekrieg das Schloss Schönberg überfallen. Erst mit dem Frieden von Rijswijk, 1697, zogen sich die Franzosen hinter den Rhein zurück.

Im Jahr 1717 kam es zur Teilung des Erbacher Grafenhauses und Schloss Schönberg wurde Sitz der jüngeren Linie Erbach-Schönberg unter Graf Georg August zu Erbach-Schönberg. Dieser erhielt die Ämter Schönberg und König und die Hälfte der Herrschaft Breuberg. Die Linie Erbach-Schönberg machte die Burg zu ihrem Wohnsitz, wodurch sie ihren heutigen Schlosscharakter erhielt.

Vom 19. Jahrhundert bis heute Am 14. August 1806 erhob Napoleon die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt zum Großherzogtum. Die Grafschaft Erbach wurde mediatisiert zum größten Teil in das Großherzogtum eingegliedert. Dazu gehörte auch das „Amt Schönberg“, das vorerst als standesherrschaftliches Amt erhalten blieb.

Der Wiener Kongress 1814/15 bestätigte die Zugehörigkeit der ehemaligen Grafschaft Erbach zum „Fürstentum Starkenburg“ des Großherzogtums Hessen. 1816 wurden im Großherzogtum Provinzen gebildet und das zuvor als „Fürstentum Starkenburg“ bezeichnete Gebiet in „Provinz Starkenburg“ umbenannt. 1821/22 wurden im Rahmen einer umfassenden Verwaltungsreform die Amtsvogteien in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen des Großherzogtums aufgelöst und Landratsbezirke eingeführt, wobei 1822 das Amt Schönberg dem Landratsbezirk Lindenfels zugeteilt wurde. Im Rahmen dieser Reform wurden auch Landgerichte geschaffen, die jetzt unabhängig von der Verwaltung waren. Die Landgerichtsbezirke entsprachen in ihrem Umfang den Landratsbezirken, und für den Landratsbezirk Lindenfels war das Landgericht Fürth als Gericht erster Instanz zuständig. Für das Amt Schönberg wurde die Niedere Gerichtsbarkeit im Namen der Standesherren durch den Landrat ausgeübt. Erst 1826 gingen alle Funktionen des ehemaligen standesherrschaftlichen Amts Schönberg an die Landesinstitutionen über. Diese Reform ordnete auch die Verwaltung auf Gemeindeebene. So war die Bürgermeisterei in Reichenbach auch für Hohenstein zuständig. Entsprechend der Gemeindeverordnung vom 30. Juni 1821 gab es keine Einsetzungen von Schultheißen mehr, sondern einen gewählten Ortsvorstand, der sich aus Bürgermeister, Beigeordneten und Gemeinderat zusammensetzte.

Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1829 über Reichenbach:

1832 wurden Kreise geschaffen. Nach der am 20. August 1832 bekanntgegebenen Neugliederung sollte es in Süd-Starkenburg künftig nur noch die Kreise Bensheim und Lindenfels geben; der Landratsbezirk von Heppenheim sollte in den Kreis Bensheim fallen. Noch vor dem Inkrafttreten der Verordnung zum 15. Oktober 1832 wurde diese aber dahingehend revidiert, dass statt des Kreises Lindenfels neben dem Kreis Bensheim der Kreis Heppenheim als zweiter Kreis gebildet wurde, zu dem jetzt Reichenbach gehörte. Mit der Großherzoglichen Regierungsverordnung Nr. 37 vom 31. Dezember 1839 wurde mit Wirkung zum 15. Januar 1840 Reichenbach dem Kreis Bensheim zugeteilt.

Ab 1839 wurde die Nibelungenstraße von Bensheim ins Lautertal bis Lindenfels ausgebaut und damit ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Infrastruktur des vorderen Odenwaldes geschaffen. Eine weitere Verbesserung wurde durch die Eröffnung der Main-Neckar-Bahn 1846 erreicht, die Bensheim zunächst mit Langen, Darmstadt und Heppenheim verband und wenig später bis Frankfurt, Heidelberg und Mannheim reichte.

Im Neuestes und gründlichstes alphabetisches Lexicon der sämmtlichen Ortschaften der deutschen Bundesstaaten von 1845 findet sich folgender Eintrag:

Am 31. Juli 1848 wurden in den Provinzen die Kreise und die Landratsbezirke des Großherzogtums abgeschafft und durch „Regierungsbezirke“ ersetzt, wobei die bisherigen Kreise Bensheim und Heppenheim zum Regierungsbezirk Heppenheim vereinigt wurden. Bereits vier Jahre später, im Laufe der Reaktionsära, kehrte man zur Einteilung in Kreise zurück und Reichenbach wurde wieder Teil des Kreises Bensheim.