Nový Bor, bis 1948 Bor u České Lípy (deutsch Haida), ist die zweitjüngste Stadt des Okres Česká Lípa in der Region Liberec im Norden der Tschechischen Republik.
Geographie Der Ort liegt zwischen dem südlichen Abhang des Lausitzer Gebirges (Lužické hory) und dem Böhmischen Mittelgebirge (České středohoří) rund acht Kilometer nördlich von Česká Lípa (Böhmisch Leipa) zu Füßen des markanten Spitzkegels des Klíč (Kleis; ). Durch Nový Bor fließt der Bach Šporka (Rohnbach).
Stadtgliederung Die Stadt Nový Bor besteht aus den OrtsteilenČásti obcí, auf uir.cz Arnultovice (Arnsdorf) mit Dolní Arnultovice (Niederarnsdorf) und Horní Arnultovice (Oberarnsdorf) Bukovany (Bokwen) mit Chomouty (Komt) Janov (Johannesdorf) Nový Bor (Haida) mit Hřebenka (Neu Kottowitz) Pihel (Pihl) mit Dolní Pihel (Niederpihl), Horní Pihel (Oberpihl) und Pihelsko (Pihlerbaustellen) Grundsiedlungseinheiten sind Borský vrch, Bukovany, Dolní Arnultovice, Dolní Pihel, Horní Arnultovice, Horní Pihel, Hřebenka, Chomouty, Janov, Lesná, Lesní hřbitov, Městský les, Nová Skalice, Nový Bor-střed, Pod Klíčem, Pod lomem, Pod nádražím, Pod skalkou, Rumburských hrdinů, Sídliště Západ, Skalická, U divadla, U koupaliště, U Krystalu, U lesa, V lomech und Za nádražím.Základní sídelní jednotky, auf uir.cz
Das Gemeindegebiet gliedert sich in die Katastralbezirke Arnultovice u Nového Boru, Bukovany u Nového Boru, Janov u Nového Boru, Nový Bor und Pihel.Katastrální území, auf uir.cz
Geschichte links|mini|250px|Luftbild von Nový Bor
Entstehung im 18. Jahrhundert
Hayda wurde im Jahre 1702 gegründet, als der zu Arnsdorf (heute Arnultovice) gehörende Meierhof „Haydaer Hof“ parzelliert wurde und dort ein Dorf mit 21 Häusern entstand. Nach Übernahme der Herrschaft durch die Grafen Kinský 1710 begann es sich schnell zu entwickeln und hatte im Jahr 1713 bereits 90 Einwohner. 1724 wurde hier durch Josef Palme der erste Vorläufer der heute noch bestehenden, für ihre Lüster weltweit berühmten Glasfirma Reinhold Palme Söhne gegründet, die sich nach der Vertreibung 1945 in Schwäbisch Gmünd niederließ. zur Familie Palme siehe 1749 wurde die erste Kapelle errichtet. Entscheidende Bedeutung für den Aufschwung hatte der Bau der Kaiserstraße an der Strecke Prag–Rumburg–Zittau, an dem Graf Kinsky einen beträchtlichen Anteil hatte. Dieser entschied sich, die vorteilhafte Lage der Gemeinde auszunutzen und das wirtschaftliche Zentrum hierher zu verlagern. Graf Kinsky gründete hier 1757 die erste Weberei und Kaiserin Maria Theresia erhob das Dorf am 26. Februar 1757 zu einem freien unbefestigten Markt.
Rasch konzentrierte sich hier die Glasverarbeitung und der Verkauf des Glases aus den Glashütten der Umgebung, denn bereits 1754 war hier die erste Glasverkaufsgesellschaft entstanden. Haida wurde zum Zentrum der Glasverarbeitung in Nordböhmen. Hier war der Wirkungsort von Friedrich Egermann, der durch seine Erfindungen wie Achatglas, Perlmutt- und Biskuit-Emaille, Lithyalinglas, die gelbe und vor allem die rote Lasur 1832 Weltgeltung erlangte.
1869 wurde die Glasfachschule Haida gegründet, die 1926 mit der Glasfachschule in Steinschönau zusammengelegt wurde und entscheidend an der Entwicklung der böhmischen Glaskunst beteiligt war. Die Entwürfe wurden von Joh. Oertel & Co. verwirklicht und vertrieben. Diese Kunstgläser wurden auch über die Wiener Werkstätte weltweit verkauft. Um 1880 hat der Ort bereits 2737 Einwohner und war ein Zentrum der Porzellanfabrikation und des Glashandels. Auch die bekannte Firma Brüder Rachmann für Glasraffinierung und -handel verlegte 1884 ihren Sitz von Langenau nach Haida.zur Familie Rachmann siehe Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts war Haida auch Sitz eines Bezirksgerichts (Gerichtsbezirk Haida) bzw. im Bezirk Böhmisch Leipa.
Rumburger Aufstand In Rumburg waren Anfang 1918 nach der Oktoberrevolution aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassene tschechische Soldaten untergebracht, die an die Front in Italien verlegt werden sollten. Aus Protest dagegen marschierten sie am 21. Mai 1918 von Rumburg aus über das Lausitzer Gebirge und besetzten Haida, von wo sie über Česká Lípa nach Prag vorrücken wollten. Sie wurden jedoch von einer Übermacht des Grenzschutzes umzingelt und nach kurzem Kampf gefangen genommen. Am 29. Mai 1918 verurteilte das Militärtribunal in Haida 21 der Anführer zum Tode; an sieben von ihnen wurde am Abend desselben Tages das Urteil vollstreckt. An der Stelle der Hinrichtung wurde im Jahre 1923 ein Denkmal errichtet, welches im November 1938 entfernt wurde. Heute steht hier ein Granitdenkmal und auf dem Friedhof in der Nähe befinden sich sieben Gräber mit den Namen der Hingerichteten.
Zwischenkriegszeit 1919 kam Haida zur neugeschaffenen Tschechoslowakischen Republik (ČSR). Nach dem Münchner Abkommen von 1938 war es bis Mai 1945 Teil des Landkreises Böhmisch Leipa im Reichsgau Sudetenland, Regierungsbezirk Aussig, des Deutschen Reichs. Die deutsche Wehrmacht besetzte am 3. Oktober 1938 die Stadt.
Nachkriegszeit bis Ende der ČSSR mini|Rathaus Die Stadt kam nach dem Zweiten Weltkrieg zur wiedererrichteten Tschechoslowakei. Ein Großteil der deutschsprachigen Bevölkerung wurde 1945/1946 vertrieben und ausgesiedelt. Soldaten der tschechischen Revolutionsgarden haben in der Zeit der Vertreibung am 2. Juni 1945 acht deutsche Männer und Frauen aus Haida gefoltert und vor dem Rathaus erschossen, ein weiterer Deutscher wurde am folgenden Tag willkürlich aus einem Vertreibungstransport über die Grenze herausgeholt und getötet. Zur Abschreckung wurden die Hingerichteten vierundzwanzig Stunden an Ort und Stelle belassen und dann in einem Massengrab beerdigt.
Der Vorfall wurde in der Öffentlichkeit lange verschwiegen. Durch ArbeitenJan Tichý: Divoký odsun 1945 v Boru u České Lípy, Mai 2005 (tschechisch) des Publizisten und Schriftstellers Jan Tichý in der Novoborský měsíčník (Haidaer Monatsschrift) wurde er nach der Samtenen Revolution öffentlich gemacht. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes haben Vertreter der Stadt erstmals auch der neun deutschen Opfer gedacht und am Versöhnungskreuz auf dem Waldfriedhof einen Blumenstrauß niedergelegt. Auf Bitten der Hinterbliebenen hat die Vertretung der Stadt Nový Bor am 25. Januar 2006 für die Errichtung eines Gedenksteins in deutscher und tschechischer Sprache auf dem Waldfriedhof von Nový Bor gestimmt. Hierauf folgte eine überregionale Kontroverse mit einer Petition zur Entfernung des Denkmals. Einige von diesen acht Personen waren aktive Mitglieder der NSDAP und einer sogar SS-Mann.
1947 erfolgte die offizielle Zusammenlegung der Gemeinden Bor u České Lípy und Arnultovice, nachdem diese bereits unter Herrschaft des Deutschen Reichs 1942 erfolgt war. Die Umbenennung in Nový Bor wurde 1948 verkündet.22/1949 Sb Zwischen 1949 und 1961 war Nový Bor Bezirksstadt des Okres Nový Bor.
1948 wurden die 55 übrig gebliebenen Glasmanufakturen und -betriebe unter der Firmenbezeichnung Borocrystal n.p., einem Staatsbetrieb, vereinigt. 1953 wurde Borocrystal mit einem weiteren Staatsbetrieb (Borské sklárny) zum Kombinat Borské sklo (wörtlich Borer Glas) zusammengeschlossen. Daraufhin wurde von 1965 bis 1967 durch das jugoslawische Kombinat Union Engineering ein neues Produktionsareal erschlossen und errichtet. 1972 wurde dieser Betrieb in Crystalex umbenannt. Eine rege Bautätigkeit mit neuen Wohnvierteln und Umbau der Stadt ging von 1970 bis 1985, womit die Einwohnerzahl stark stieg. Im Zeitraum 1985 bis 1989 wurde bei ZPA Nový Bor der Computer IQ 151 produziert.
Demokratisierung Am 18. November 1989 fingen wie auch anderenorts in der Tschechoslowakei erste Proteste gegen das realsozialistische System an, die in der Samtenen Revolution mündete. Am 1. Dezember 1989 wurde als Folge der ersten freien Kommunalwahlen in Nový Bor ein neuer Stadtrat und Bürgermeister vereidigt.
Bevölkerung Bis 1945 war Haida überwiegend von Deutschböhmen besiedelt, die vertrieben wurden.
Bevölkerungsentwicklung bis 1945
Jahr Einwohner Anmerkungen 1830 1.243 in 223 HäusernJohann Gottfried Sommer: Das Königreich Böhmen. Band 1: Leitmeritzer Kreis, Prag 1833, S. 292–293, Ziffer 14).Jahrbücher des böhmischen Museums für Natur- und Länderkunde, Geschichte, Kunst und Literatur. Band 2, Prag 1831, S. 197, Ziffer 18). 1900 3.110 deutsche EinwohnerMeyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Band 8, Leipzig und Wien 1907, S. 627. 1930 4.158 1939 3.450
Bevölkerungsentwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs
(Stand: 31.12. des jeweiligen Jahres)
Jahr Einwohner 1971 7.759 1980 10.435 1990 15.168 2000 12.455 Jahr Einwohner 2010 12.259 2020 11.582 2022 11.485
Städtepartnerschaften Aniche, Frankreich Břeclav, Tschechien Frauenau, Deutschland Leerdam, Niederlande Mednogorsk, Russland Nybro, Schweden Oybin, Deutschland
Sehenswürdigkeiten
mini|hochkant|Pfarrkirche Pfarrkirche Maria Himmelfahrt (Kostel Nanebevzetí Panny Marie), 1747–1749 zunächst als Kapelle errichtet und 1786–1788 vom Baumeister Johann Wenzel Kosch in ihre gegenwärtige Form umgebaut; 1893 wurden noch kleinere Veränderungen durchgeführt. Sie ist ein spätbarocker Zentralbau mit einem Turm, dessen Zwiebeldach mit zwei Laternen ausgestattet ist. An das ovale, mit einer Lünettenwölbung abgeschlossene Kirchenschiff schließt sich der halbkreisförmige Altarraum mit zwei Balkonen an. Die klassizistische Ausstattung stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts, der Hauptaltar mit seiner plastischen Ausstattung von I. M. Platzer ist aus dem Jahre 1792. Die Innenausstattung wird ergänzt von sechs Glas-Kronleuchtern aus den hiesigen Glaswerken und farbigen Glasfenstern mit figuralen Motiven (Johannes der Täufer und die Madonna) von Karl Meltzer aus Skalice (Langenau).
Ehemaliger herrschaftlicher Schüttboden, heute Sitz der Stadtverwaltung. Dieses barocke zweistöckige lange Gebäude hat ein Mansarddach. Im Portal über dem Eingang mit verzierten Türpfosten sind Rokoko-Kartuschen mit dem Stadtwappen, hinter dem Eingang im Durchgang das neu eingerichtete Wappen und auf Metalltafeln neuzeitliche Bilder aus der Vergangenheit und Gegenwart der Stadt.
mini|links|Glasmuseum Glasmuseum (Sklářské muzeum): Eine erste Ausstellung von Glas-Kunstwerken wurde 1893 vom Fachverband der Glaswerker im Rathaus eingerichtet. Heute befindet es sich im gegenüberliegenden Empire-Gebäude, das im Jahre 1804 der Glashändler Johann Christoph Socher nach der Rückkehr von seinem erfolgreichen dreizehnjährigen Aufenthalt in Mexiko bauen ließ; aus dieser Zeit stammt auch das Portal mit einem Anker – dem Symbol seines Exportgeschäftes. In der Eingangshalle ist die Werkstatt eines Glasmalers aus dem 19. Jahrhundert installiert; über der Treppe ist eine Unterglasmalerei, die die Geschichte der Stadt symbolisiert. Die ständige Ausstellung der geschichtlichen Entwicklung der Glasindustrie in Böhmen wird regelmäßig durch aktuelle Einzelausstellungen ergänzt.
Marktplatz mit dem zweistöckigen Postgebäude, einem bedeutenden Jugendstil-Bau mit Kuppel aus dem Jahre 1904 an der Südwestecke, dem weiträumigen Gebäude der Schule, das an der Stelle des ursprünglichen Piaristen-Kollegiums und Gymnasiums aus dem Jahre 1763 an der südöstlichen Seite des Platzes gebaut worden und den meist einstöckigen Empire-Bürgerhäusern, die um das Jahr 1800 und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut worden sind; sie sind aus Holz, gemauert oder mit einem hölzernen Obergeschoss, oft mit dekorierten steinernen Türpfosten versehen.
Wirtschaft, Bildung, Kultur, Verkehr mini|rechts|Lasvit Die Glasindustrie hat in der Stadt Haida eine lange Tradition. 1930 wurden in der Stadt 68 Unternehmen registriert, die sich mit dem Handel, der Herstellung oder der Veredelung von Glas befassten, darunter Crystalex, Glasgruppe Bohemia Crystalex Trading (BCT), Egermann, Crystal, Ajeto, Slavia und weitere.