mini|Heirat Napoleons I. mit Marie-Louise, 1810
Die Heirat Napoleons I. mit Marie-Louise war Bestandteil der Heiratspolitik Napoleon Bonapartes. Der französische Kaiser hatte bereits in den Jahren zuvor viele seiner Familienmitglieder gezielt mit europäischen Fürsten verheiratet. Er selbst war standesamtlich und kirchlich mit Joséphine de Beauharnais getraut. Die Kaiserin und erste Ehefrau Napoleons konnte aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters jedoch keinen Thronfolger mehr gebären. Napoleon trennte sich daher von Joséphine und suchte nach einer neuen Gemahlin. Er favorisierte aus machtpolitischen Beweggründen zunächst eine Eheschließung mit der Schwester des russischen Zaren, Anna Pawlowna. Nachdem Alexander I. Napoleons Pläne zurückgewiesen hatte, fädelte der österreichische Außenminister Metternich eine Heirat mit Marie-Louise, der Tochter von Kaiser Franz I., ein. Nach Metternichs Kalkül sollte die Verbindung mit Napoleon das Habsburgerreich vor einer weiteren existenziellen Gefährdung durch Frankreich bewahren und dem Land eine Erholung von den Folgen des gerade verlorenen Fünften Koalitionskrieges ermöglichen.
Unter großer höfischer Prachtentfaltung fanden insgesamt drei Trauungen statt. Bei der ersten Vermählung in Wien handelte es sich um eine Stellvertreterhochzeit, bei der Napoleon persönlich nicht anwesend war. Zu einer Begegnung des Paares kam es erst am 27. März 1810 bei Compiègne. Es folgte am 1. April 1810 in Saint-Cloud eine zivile und am 2. April 1810 eine kirchliche Trauung in Paris. Die politischen Konsequenzen der Heirat waren ambivalent. Marie-Louise brachte zwar einerseits am 20. März 1811 einen Sohn und Thronfolger zur Welt. Andererseits konnten die verwandtschaftlichen Beziehungen zum Haus Habsburg nicht den Kriegseintritt Österreichs 1813 auf die Seite der antinapoleonischen Koalition verhindern. Nach dem Sturz Napoleons im Frühjahr 1814 kehrte Marie-Louise an den Hof ihres Vaters zurück. Auf dem Wiener Kongress wurden ihr die Herzogtümer Parma, Piacenza und Gustalla zugesprochen, die sie bis zu ihrem Tod regierte. Sie blieb mit Napoleon bis zu dessen Tod im Jahr 1821 formal verheiratet. Danach heiratete sie in morganatischer Ehe den österreichischen General Adam Albert von Neipperg und nach dessen Tod den Grafen Charles-René de Bombelles.
Vorgeschichte Das Thronfolgeproblem mini|hochkant|Napoleons erste Ehefrau: Joséphine de Beauharnais
Napoleon, der sich 1804 selbst zum Kaiser der Franzosen gekrönt hatte, plante, eine eigene Dynastie zu gründen. Die Umwandlung des Konsulats in ein erbliches Kaisertum machte einen männlichen Thronfolger notwendig. Nach der Verfassung konnte der Kaiser, wenn er keine natürlichen Nachkommen hatte, seine Nachfolge durch die Adoption eines Sohnes oder Enkels seiner Brüder regeln.Johannes Willms: Napoleon. Eine Biographie. Beck, München 2009, S. 376. Aus Sicht von Napoleons Umfeld konnte jedoch nur ein leiblicher Sohn Anerkennung finden. Napoleons Ehefrau Joséphine war kurz vor der Kaiserkrönung schon 41 Jahre alt, weshalb die Forderung lauter wurde, sich von ihr scheiden zu lassen und erneut zu heiraten. Anlässlich seiner Krönung wollte sich Napoleon von Papst Pius VII. salben lassen. Dem deshalb in Paris weilenden Papst beichtete Joséphine, ohne kirchlichen Segen mit Napoleon verheiratet zu sein. Da ihre standesamtliche Trauung von der katholischen Kirche nicht anerkannt wurde, konnte der Papst Napoleon drohen, nicht an der Krönung teilzunehmen. Napoleon lief damit Gefahr, die Krönung vor den Augen der aus ganz Europa angereisten Diplomaten absagen zu müssen. Am Abend des 1. Dezember 1804 – einen Tag vor der Krönung – ließen sich Napoleon und Joséphine in einer Kapelle in den Tuilerien trauen. Dies geschah mit Wissen des Papstes, wurde aber vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Da das Kirchenrecht keine Scheidung erlaubt, schien Joséphine ihre Stellung an der Seite Napoleons gesichert zu haben.Thierry Lentz: Le sacre de Napoléon, 2 décembre 1804. Nouveau Monde Édition. Paris 2003. S. 132.
links|mini|hochkant|Hortense de Beauharnais zusammen mit ihrem Sohn, Napoléon-Charles
Auch in anderer Hinsicht konnte Joséphine den dynastischen Ambitionen Napoleons zunächst gerecht werden. Noch in der Zeit des Konsulats hatte sie ihn überzeugen können, ihre Tochter Hortense mit seinem Bruder Louis zu verheiraten. Auf diese Weise war bereits am 11. Oktober 1802 mit Napoléon Charles ein Kind geboren worden, das Napoleon, wenn auch inoffiziell, zu seinem Nachfolger erklärte und es bei dessen Volljährigkeit adoptieren wollte. Napoléon Charles verband Joséphines Familie mit der Napoleons, was ihre Stellung weiter stabilisieren sollte. Der frühe Tod von Napoléon Charles am 5. Mai 1807 machte Joséphines Konzept von einer eigenen Dynastie jedoch zunichte. Das Thronfolgeproblem wurde erneut aktuell. Am kaiserlichen Hof wurden abermals Stimmen laut, die dem Kaiser zu einer Scheidung von Joséphine rieten. Vor allem der ehemalige Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord und Polizeiminister Joseph Fouché taten sich hier hervor.Thierry Lentz: Le Premier Empire. 1804–1815. Fayard, Paris 2018, S. 502–504.Kate Williams: Joséphine. désir et ambition. Laffont, Paris 2013, S. 234.
Napoleon schenkte dieser Kritik jedoch kein Gehör, solange er noch davon ausging, selbst unfruchtbar zu sein. In seinen zahlreichen außerehelichen Affären, etwa mit Madame Duchatel, Félicie Longroy und Carlotta Gazzani, hatte er keine Kinder gezeugt. Joséphine hatte hingegen zwei Kinder aus erster Ehe. Selbst als eine von Napoleons Geliebten, Éléonore Denuelle, schwanger wurde, zog er seine Vaterschaft in Zweifel. Er hielt Joachim Murat für den Vater. Allerdings wies der am 15. Dezember 1806 geborene Léon Denuelle große äußerliche Ähnlichkeiten mit Napoleon auf.Jean Tulard: Napoléon Les grands moments d’un destin. Paris 2006, S. 37.
Scheidung von Joséphine mini|hochkant|links|Die polnische Geliebte Napoleons: Maria Walewska mini|Künstlerische Darstellung von der ohnmächtigen Kaiserin Josephine
Gegen die Entscheidung für eine Scheidung sprach die Beliebtheit Joséphines im Volk und Napoleons persönliche Zuneigung zu ihr. Andererseits hatte im Jahr 1809 die Schwangerschaft seiner polnischen Mätresse Maria Walewska gezeigt, dass er zeugungsfähig war, also möglicherweise noch einen Thronfolger zeugen konnte. Diesmal erkannte Napoleon auch seine Vaterschaft an. Schließlich führte ihn der am 12. Oktober 1809 gescheiterte Attentatsversuch durch Friedrich Stapß vor Augen, wie bedroht das französische Imperium im Falle seines Todes wäre. Nur durch einen leiblichen Sohn, der ihm auf den Thron nachfolgen konnte, glaubte er, den dauerhaften Fortbestand seines Kaiserreiches sichern zu können. Dennoch unterrichtete Napoleon seine Ehefrau erst mehr als einen Monat nach seiner Rückkehr aus Österreich über sein Scheidungsvorhaben. Er war ihr beispielsweise unter dem Vorwand, auf die Jagd zu gehen, nach Schloss Fontainebleau ausgewichen. Am 30. November 1809 lud er Joséphine schließlich zu einem gemeinsamen abendlichen Dinner ins Tuilerienschloss ein. Anschließend rechtfertigte er sich, im Interesse Frankreichs sich von ihr trennen zu müssen. Daraufhin soll Joséphine in Ohnmacht gefallen sein oder zumindest so getan haben. Napoleon soll seinen Schlosspräfekten François-Joseph de Bausset gerufen haben, um Josephine in ihr Schlossappartement zu tragen. Am 15. Dezember 1809 gegen 20:00 Uhr gaben Napoleon und Joséphine ebenfalls in den Tuilerien im offiziellen Kreis der kaiserlichen Familie, hoher staatlichen Würdenträger und Offiziere ihre zivile Scheidung bekannt. Auf Druck Napoleons beeilte sich am 9. Januar 1810 auch die Pariser Diözesenbehörde, die kirchliche Heirat für ungültig zu erklären.Jean Tulard: Diplomatische Spiele und das dynastische Problem. Die Ehe von Napoleon und Marie-Louise In: 1810. Die Politik der Liebe: Napoleon I und Marie-Louise in Compiegne, Ausstellungskatalog des Nationalmuseums im Schloss Compiegne. Réunion des Musées nationaux, Paris 2010, S. 16.Kate Williams: Joséphine. désir et ambition. Laffont. Paris 2013, S. 334–335.
Bündnispolitische Überlegungen für eine Neuverheiratung links|mini|hochkant|Befürworter der Scheidung: Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord
Bei der Suche nach einer neuen Ehefrau kamen nur drei Kandidatinnen in die nähere Auswahl: eine sächsische Prinzessin, eine Schwester des russischen Zaren Alexanders I. und Marie-Louise, die Tochter des österreichischen Kaisers. Mit solchen Heiratsverbindungen wollte Napoleon, der seinen Aufstieg nicht der Geburt, sondern seinen militärischen Erfolgen und politischem Geschick verdankte, sein Herrscherhaus endgültig in die Reihe der etablierten Dynastien Europas integrieren. Gegenüber Marie-Louise gab es aufgrund des Österreichisch-Französischen Krieges von 1809 zunächst noch Vorbehalte. Nach dem Sieg über Österreich hatte Napoleon sogar die Zerstückelung der Habsburgermonarchie vorgesehen. Er hatte bereits ein Dekret vorbereiten lassen, das Ungarn in die Unabhängigkeit entlassen sollte. Gedrängt von Talleyrand willigte Napoleon jedoch in Gespräche mit dem Wiener Hof ein. Talleyrand beabsichtigte ein Bündnis mit Österreich, mit dessen Hilfe er ein machtpolitisch stabiles Gleichgewicht in Europa installieren wollte. Auf diese Weise sollten weitere die Kräfte Frankreichs überfordernde Feldzüge verhindert und eine dauerhafte Friedensordnung etabliert werden. Durch die Verheiratung mit Napoleon erhoffte sich auch Marie-Louises Vater Kaiser Franz I. die Festigung der politischen Verhältnisse. Es lag im österreichischen Interesse, eine Heirat Napoleons mit der russischen Prinzessin Anna Pawlowna zu vereiteln, da ansonsten eine Umklammerung durch Frankreich im Westen und das Zarenreich im Osten drohte. Daher reagierte Franz I. auf einen Brief vom 23. Februar 1810, in dem Napoleon um die Hand Marie-Louises bat, positiv.Jean Tulard: Diplomatische Spiele und das dynastische Problem. Die Ehe von Napoleon und Marie-Louise. In: 1810. Die Politik der Liebe: Napoleon I und Marie-Louise in Compiegne, Ausstellungskatalog des Nationalmuseums im Schloss Compiegne. Réunion des Musées nationaux, Paris 2010, S. 17.
mini|hochkant|Österreichischer Vermittler der Heirat: Klemens Wenzel Lothar von Metternich