mini|Christian von Boetticher (2010) Christian von Boetticher (* 24. Dezember 1970 in Hannover) ist ein deutscher Manager, Verbandsfunktionär, Politiker der CDU und Kunstsammler.
Von Boetticher war in den Jahren 1999 bis 2004 Abgeordneter des Europäischen Parlaments, von 2005 bis 2009 Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume in Schleswig-Holstein, ab Juli 2009 auch Minister für Soziales, Gesundheit, Familie und Senioren und stellvertretender Ministerpräsident, von 2009 bis 2011 Fraktionsvorsitzender der CDU-Landtagsfraktion und von 2010 bis 2011 auch Parteivorsitzender der CDU Schleswig-Holstein und Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2012. 2011 trat er von diesen politischen Ämtern als Folge einer veröffentlichten früheren Beziehung zu einer 16-jährigen Schülerin zurück.
Von September 2015 bis Juli 2022 war er Geschäftsführer des Lebensmittelherstellers Peter Kölln (Köllnflocken), von 2020 bis 2026 Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie und ist seit 2020 Vorsitzender des Förderkreises des Deutschen Feuerwehrverbandes. Von 2015 bis 2021 war er Bundesvorsitzender der Deutsch-Baltischen Gesellschaft.
Biografie Familie Von Boetticher stammt aus der kurländischen Linie der Familie Boetticher. Er wurde als Kleinkind innerhalb der Familie adoptiert. Sein Vater Walter von Boetticher (* 1931) ist ein Enkel des Arztes und Privatgelehrten Walter von Boetticher (1853–1945), Urenkel des Kunsthistorikers Friedrich von Boetticher (1826–1902) und über seine Großmutter Ururenkel des Hamburger Politikers Johann Friedrich Anton Wüppermann (1790–1879). Seine Mutter Heinke von Boetticher, geb. Wenzel (1936–2019Traueranzeige in der FAZ vom 19. Januar 2019) ist die Tochter des Westerländer Amtsgerichtsdirektors Kurt Wenzel (1903–1967) und seiner Frau Inge Wenzel, geb. Mensinga (1907–1999)Stiftung Deutsches Adelsarchiv (Hrsg.), Genealogisches Handbuch des Adels, Bd. 83 der Gesamtreihe. Adelige Häuser B Bd. XV, C.A. Starke Verlag, Limburg an der Lahn 1984, S. 7–58 (20), sowie Urenkelin des Flensburger Arztes und Wegbereiters der Geburtenkontrolle Wilhelm Mensinga (1836–1910).Hans Hellmuth Qualen: Die Geschichte der Familie Qualen und von Qualen, Kiel 1987, S. 185 Christian von Boetticher heiratete 2020 standesamtlich und 2022 kirchlich die Deutsch-Griechin Sarah Bairaktaris und hat mit ihr Zwillingssöhne. Die kirchliche Trauung in der Hamburger Hauptkirche Sankt Michaelis vollzog der evangelisch-lutherische Pastor im Ruhestand Jens Motschmann.
Ausbildung und Beruf Von Boetticher wuchs in Unterglinde im Kreis Pinneberg auf und besuchte das Theodor Heuss-Gymnasium in Pinneberg. Nach dem Abitur im Jahr 1990 absolvierte er zwei Jahre lang bei der Luftwaffe eine Ausbildung zum Reserveoffizier beim Objektschutzregiment der Luftwaffe. Er ist Oberleutnant der Reserve. Ab 1992 studierte er Rechtswissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Universität Hamburg. Während seiner Studienzeit in Kiel trat er der Landsmannschaft Slesvico-Holsatia/Cheruscia zu Kiel im Coburger Convent bei. 1997 bestand er das Referendarexamen mit dem Schwerpunkt Europa- und Völkerrecht, sowie 2001 die Assessorprüfung. Im selben Jahr wurde er in Hamburg bei Ulrich Karpen mit der Arbeit Parlamentsverwaltung und parlamentarische Kontrolle zum Dr. iur. promoviert.Universität Hamburg, Fachbereich Rechtswissenschaft: Dissertationen Sommersemester 2002 2002 wurde er als Rechtsanwalt zugelassen und arbeitete bis 2005 als Partner in einer Pinneberger Kanzlei. In den Jahren 2005 bis 2012 ruhte seine Zulassung. Von 2012 bis 2015 war er erneut anwaltlich tätig, diesmal in einer Hamburger Wirtschaftskanzlei.
Politische Karriere in der CDU 1992 bis 1999 Boetticher trat 1987 in die Junge Union ein und wurde 1988 Mitglied der CDU. Von 1992 bis 1996 war er Mitglied im CDU-Ortsvorstand in Appen, zuletzt als stellvertretender Vorsitzender. 1993 wurde er erstmals als Beisitzer in den CDU-Kreisvorstand Pinneberg gewählt und erhielt nach den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein 1994 ein Mandat im Pinneberger Kreistag. Hier wirkte er im Jugend-, Sport- und Kulturausschuss und als Aufsichtsrat der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft des Kreises Pinneberg mbH. 1995 wurde er zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden der CDU-Pinneberg gewählt und verblieb in diesem Amt bis 1999. Bei den Kommunalwahlen 1998 errang Boetticher erneut ein Kreistagsmandat und fungierte nunmehr als stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Mitglied im Haupt- und Finanzausschuss. Zeitgleich wurde er auch Gemeindevertreter der Gemeinde Appen.
Abgeordneter im Europaparlament (1999 bis 2004) Bei der Europawahl 1999 erreichte die CDU in Schleswig-Holstein überraschend 50,5 % der Stimmen, so dass neben dem Spitzenkandidaten Reimer Böge auch von Boetticher als Listenkandidat auf Platz 2 in das Europäische Parlament einzog.
In Brüssel und Straßburg war Boetticher Mitglied im Ausschuss für Freiheiten und Rechte der Bürger, Justiz und innere Angelegenheiten sowie im Petitionsausschuss. Er gehörte der Delegation zu Japan und dem gemischt-parlamentarischen Ausschuss EU/Lettland an, der den Beitritt des Landes 2004 in die EU vorbereitete. 2000/2001 fungierte er als Obmann der EVP/ED-Fraktion im Ad-hoc-Ausschuss Echelon, der amerikanische Geheimdiensttätigkeiten gegen europäische Unternehmen und Bürger untersuchte. Boetticher wirkte unter anderem als Berichterstatter des Parlaments zur Fortentwicklung des Schengener Informationssystems, zum Ausbau von Europol und zur Errichtung einer Agentur für die Operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen (Frontex).
Von 2003 bis 2005 war er Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Pinneberg. Die Wiederwahl ins Europäische Parlament hatte er bei der Europawahl 2004 knapp verpasst.
Minister in Schleswig-Holstein (2005 bis 2009) Im August 2004 wurde von Boetticher vom CDU-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2005 Peter Harry Carstensen ins Schattenkabinett berufen und dort zuständig für Landwirtschaft und Umwelt.Carstensen stellt vorzeitig Schattenkabinett vor. In: Die Welt vom 23. August 2004 Nach dem gescheiterten Versuch von Heide Simonis (SPD), sich erneut zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen, kam es am 27. April 2005 zur Bildung einer Großen Koalition. Boetticher gehörte dem Kabinett von Ministerpräsident Carstensen als Minister für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein an.
Unter seiner Leitung wurde die Landwirtschafts- und Umweltverwaltung neu gegliedert. Aus den 41 Förstereien entstanden 2008 die Schleswig-Holsteinische Landesforsten als Anstalt des öffentlichen Rechts.Landtagsdrucksache 16/1582 vom 3. September 2007 Aus den dezentralen Ämtern für Ländliche Räumen, den Umweltämtern und dem Nationalparkamt wurden ebenfalls 2008 der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-HolsteinKüste, Watt, Meer – nun alles in einer Behörde. In: Hamburger Abendblatt vom 12. Januar 2008 und 2009 das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume geschaffen.In: Blog Lübeck Tea-Time vom 23. Januar 2009 2009 gelang es von Boetticher, zusammen mit dem Umweltminister von Niedersachsen, Hans-Heinrich Sander, die Deklaration des Wattenmeer der Nordsee zum UNESCO-Welterbe zu erreichen.Pressemitteilung des Niedersächsischen Umweltministeriums vom 26. Juni 2009 Umstritten waren u. a. die von ihm vorgenommenen Änderungen der JagdzeitenverordnungKiel erlaubt Abschuss von Elstern und Krähen. In: Hamburger Abendblatt vom 11. August 2005, die Änderung des LandesnaturschutzgesetzesNaturschutzgesetz beschlossen – Streit geht weiter. In: Die Welt vom 22. Februar 2007 und die Ausweisung von Vogelschutzgebieten, u. a. auf Eiderstedt.Minister hatte schweren Stand. In: Husumer Nachrichten vom 27. Juni 2008.
Nachdem von Boetticher im Jahr 2005 den CDU-Kreisvorsitz an Ole Schröder abgegeben hatte, wurde er 2006 auf dem Bundesparteitag der CDU in den Vorstand der Europäischen Volkspartei (EVP) gewählt. Von 2008 bis 2010 war er stellvertretender Vorsitzender des Bundesfachausschusses Ernährung und Landwirtschaft der CDU Deutschland unter Peter Bleser.vom 18. April 2008. und Beisitzer in den Landesvorstand der CDU Schleswig-Holstein.
Nach dem Bruch der Großen Koalition im Juli 2009 wurden alle SPD-Minister zum Ablauf des 21. Juli 2009 von Ministerpräsident Carstensen aus ihren Ämtern in der Landesregierung entlassen. Die Leitung der betroffenen Ministerien wurde unter den verbliebenen Kabinettsmitgliedern aufgeteilt; von Boetticher wurde dabei als Nachfolger von Gitta Trauernicht die Zuständigkeit für das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie und Senioren übertragen.Spiegel Online: Chaos in Kiel: Carstensen feuert SPD-Minister. Auf: Spiegel Online am 20. Juli 2009 Am 23. Juli 2009 wurde er als Nachfolger von Ute Erdsiek-Rave zum stellvertretenden Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein berufen.
Fraktions- und Parteivorsitzender, Spitzenkandidat (2009 bis 2011) Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2009 gewann er für die CDU erstmals nach 26 Jahren das Direktmandat im Wahlkreis 28 (Pinneberg, Halstenbek, Schenefeld).
Die CDU-Fraktion wählte ihn am 29. September 2009 mit 28 von 34 Stimmen zum Fraktionsvorsitzenden als Nachfolger von Johann Wadephul, der in den Deutschen Bundestag wechselte. Er fungierte auch als medienpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion und leitete als solcher ab 2010 die AG Medien der Fraktionsvorsitzenden-Konferenz von CDU/CSU in den Ländern.
Ebenfalls 2010 wurde von Boetticher zum ersten Mal in den Landesvorstand des Wirtschaftsrates der CDU berufen. Am 18. September 2010 wurde er auf dem 63. Landesparteitag der CDU Schleswig-Holstein als Nachfolger von Peter Harry Carstensen zum Landesvorsitzenden gewählt. Nachdem der amtierende Ministerpräsident Carstensen auf eine weitere Kandidatur verzichtet hatte, wurde von Boetticher am 6. Mai 2011 auf dem Parteitag in Norderstedt mit 209 von 240 Stimmen zum Spitzenkandidaten der CDU für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2012 gewählt.Boetticher wird CDU-Spitzenkandidat. In: FocusOnline, abgerufen am 7. Mai 2011.
Von März 2011 bis zu seinem Rücktritt am 14. August 2011 war von Boetticher Vorsitzender des Medienpolitischen Expertenkreises der CDU Deutschlands.Medienpolitischer Expertenkreis der CDU braucht neuen Vorsitzenden. Auf: Medien-Blog des DIMBB vom 14. August 2010.
Rücktritt 2011 und Ausscheiden aus dem Parlament 2012 Anfang August 2011 wurde eine frühere, 2010 beendete Beziehung von Boettichers zu einer 16-jährigen Schülerin bekannt. Nach Kritik aus der eigenen Partei trat er am 14. August 2011 als Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl und als Landesvorsitzender zurück und gab am Folgetag auch den Fraktionsvorsitz auf.
Die persönlichen und parteipolitischen Hintergründe, die zum Rücktritt führten, wurden umfangreich in dem Dossier Christian von Boetticher: Feind, Todfeind, Parteifreund aufgearbeitet, das die Journalisten Ulf B. Christen, Volker ter Haseborg, Karsten Kammholz und Lars-Marten Nagel am 29. Dezember 2011 im Hamburger Abendblatt veröffentlichten.Christian von Boetticher: Feind, Totfeind, Parteifreund. In: Hamburger Abendblatt. 29. Dezember 2011. Die Autoren wurden dafür im Februar 2013 mit dem Medienpreis des Deutschen Bundestages 2012 ausgezeichnet.Medieninformation auf der Seite des Deutschen BundestagesHamburger Lehrstück. In: Das Parlament 2013, Nr. 10–11.