Hans-Georg Geyer (* 19. Juli 1929 in Nauheim im Kreis Groß-Gerau; † 10. Dezember 1999 in Darmstadt) war ein deutscher Philosoph und evangelischer Theologe.
Leben und Wirken (Quellen:Die biographischen Angaben folgen: Hartmut Ruddies: Hans-Georg Geyer: Leben und Werk. Ein Porträt in Perspektive. In: Katharina von Bremen (Hrsg.): Gott und Freiheit. Theologische Denkanstöße Hans-Georg Geyers. Institut für Kirche und Gesellschaft, Schwerte-Villigst 2008, S. 9–24; Hartmut Ruddies: Biogramm Hans-Georg Geyer. In Hans-Georg Geyer: Andenken. Theologische Aufsätze. Hrsg. v. Hans Theodor Goebel, Dietrich Korsch, Hartmut Ruddies, Jürgen Seim. Tübingen 2003, S. 507; Henning Theißen: Geyer, Hans-Georg. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL) (im Erscheinen); Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 375-) Werdegang Hans-Georg Geyer wurde am 19. Juli 1929 in Nauheim in der Nähe von Groß-Gerau als erster Sohn einer Handwerkerfamilie geboren; sein Vater war der Werkzeugmacher Wilhelm Geyer, seine Mutter Elise Geyer, geborene Balz. Nach vierjähriger Volksschulzeit besuchte er ab Ostern 1939 bis Kriegsende die Groß-Gerauer Oberschule für Jungen. Nach dem Abitur am Realgymnasium in Darmstadt studierte er ab dem Wintersemester 1948/1949 Germanistik, Anglistik und Geschichte an den Universitäten Mainz und Frankfurt am Main, ab dem Sommersemester 1950 Philosophie im Hauptfach und als Nebenfächer Evangelische Theologie und Neuere Germanistik in Frankfurt. Seine wichtigsten Lehrer waren Hans-Georg Gadamer, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Wolfgang Cramer, auf dessen Anregung er seine Dissertation Die methodische Konsequenz der Phänomenologie Edmund Husserls schrieb, mit der er 1954 zum Dr. phil. promoviert wurde.
Schon in Frankfurt lernte er bei Karl Gerhard Steck das Werk Karl Barths kennen und schätzen. Und obgleich Gadamer und Cramer ihm ein Habilitationsangebot machten, studierte er ab dem Wintersemester 1954/1955 Evangelische Theologie in Göttingen und in Bonn, vorwiegend bei Hans Joachim Iwand, Ernst Bizer und Walter Kreck, als dessen Assistent er 1958 mit der Dissertation Welt und Mensch. Zur Frage des Aristotelismus bei Melanchthon zum Dr. theol. promoviert wurde. Im Wintersemester 1964/1965 habilitierte sich Geyer 1964 in Bonn mit der Schrift Von der Geburt des wahren Menschen. Probleme aus den Anfängen der Theologie Melanchthons.
Hans-Georg Geyer war ab 1958 verheiratet mit Lieselotte Geyer, geborener Schneider.
Akademische Lehrtätigkeit 1964 bis 1967 war Geyer Dozent an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, 1967 bis 1971 war er ordentlicher Professor für Systematische Theologie an der Universität Bonn. Hier war er nunmehr direkter Kollege seines theologischen Doktorvaters Kreck, mit dem er regelmäßig das gemeinsame Oberseminar hielt. Von 1971 bis 1982, dem Zenit seiner akademischen Wirkung, war Geyer Professor für Systematische Theologie in Göttingen, wo er 1974/1975 auch als Dekan tätig war. Er wohnte zu dieser Zeit in Bovenden. Von 1982 bis 1988 war er Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Frankfurt am Main. Geyer war Mitherausgeber der Zeitschriften Predigt im Gespräch, Evangelische Theologie und Verkündigung und Forschung.
Kirchliche Wirksamkeit Von 1964 bis 1984 gehörte Geyer dem Theologischen Ausschuss der Evangelischen Kirche der Union (EKU) an, für den er wegweisende Vorlagen zu kirchenoffiziellen Voten und Stellungnahmen aus den Bereichen Christologie (1968), politische Ethik (1973) und Ekklesiologie (1981) schrieb. Seine Gremientätigkeit wurde dabei von den sozialethischen Implikationen seines Theologiekonzepts bestimmt und führte immer wieder zu Kritik am kirchlichen Lebensstil im Westen. Obwohl Geyer nicht ordiniert war und nie ein kirchliches Amt bekleidete, war er ein regelmäßiger und engagierter Prediger im Bonner und Göttinger Universitätsgottesdienst. Bei einer Tagung der Jungen Christlichen Friedenskonferenz im September 1960 in Prag beteiligte er sich mit einer Bibelarbeit.Reinhard Scheerer, Ex oriente pax. Eine Geschichte der Christlichen Friedenskonferenz, Teil 1: 1959–1968, S. 415
Politisches Engagement In Geyers Wuppertaler Zeit fielen die Anfänge des gesellschaftlichen Aufbruchs in der Bundesrepublik. Er hat diesen Aufbruch engagiert, aber auch mit eigenen Akzenten begleitet – durch Aktivitäten im Bonner „Republikanischen Klub“, im affirmativen Eingehen auf Anliegen der Studentenbewegung, in öffentlichen politischen Reden (etwa auf der im Zentrum Bonns abgehaltenen Kundgebung gegen die Notstandsgesetze). Seine Vorlesungen zu theologischen Themen implizierten stets politische Schlussfolgerungen für die christliche Gemeinde – Einsatz für Demokratie, Kritik an Kapitalismus und Ausbeutungsverhältnissen. Zusammen mit seinem ehemaligen Lehrer Walter Kreck setzte er sich in den Zeiten der Blockkonfrontation für Spannungsabbau und Verständigung mit der DDR ein. Noch in den 1980er Jahren unterstützte er von Frankfurt aus die Friedensbewegung.
Theologie Hans-Georg Geyer steht – wie seine Lehrer Kreck, Iwand und Steck – für eine Theologie, die nicht vom Streben nach allzeitiger Gültigkeit charakterisiert ist, sondern die sich ihrer Entstehung als Menschenwerk in einer bestimmten Zeit der eigenen Unvollständigkeit bewusst ist.Die meisten Zitate stammen aus Aufsätzen in: Katharina von Bremen (Hrsg.): Gott und Freiheit. Theologische Denkanstöße Hans-Georg Geyers. Tagungsprotokolle – Institut für Kirche und Gesellschaft, Schwerte 2008. Die Zitate von Hans-Georg Geyer aus: Hans-Georg Geyer: Andenken. Theologische Aufsätze. Hrsg. v. Hans Theodor Goebel, Dietrich Korsch, Hartmut Ruddies, Jürgen Seim. Tübingen 2003.
Der Gott der Bibel und der Gott der Metaphysik Geyer versteht „das metaphysische Denken schon in seinen griechischen Anfängen von der in ihm wirksamen praktischen Absicht her: der Sicherstellung dessen, was ist, gegen seine Vergänglichkeit. Dem, was in seiner Unterworfenheit unter die Zeit in sich selbst keinen Stand hat, verleiht Metaphysik einen solchen durch Vermittlung mit dem umfassenden Sein des Ganzen und dessen Grund … Diese Übermacht des Allgemeinen hält sich, folgt man Geyer, sowohl in der Wendung zur transzendentalen Subjektivität als auch in der Wendung zu einer Empirie durch, die durch das Sammeln von Daten zu Gesetzmäßigkeiten kommen will.“Edgar Thaidigsmann: Gottes Selbstsein und das Selbstwerden des Menschen. Theologisch – anthropologische Überlegungen im Anschluss an H.-G. Geyer. In: Katharina von Bremen (Hrsg.): Gott und Freiheit. Theologische Denkanstöße Hans-Georg Geyers. Institut für Kirche und Gesellschaft, Schwerte-Villigst 2008, S. 151.
Auch ein von der Modernität geprägtes Verständnis von christlichem Glauben als „Religion des identischen Leben“ geht nach Geyer von einem noch immer metaphysisch bestimmten Religionsbegriff aus. Der christliche Glaube ist aber „nicht ein Bezug des Menschen zum eigenen Sein, sondern die Wahrnehmung der Beziehung Gottes zum menschlichen Sein als der eigensten Tat Gottes selbst in der einzigartigen und einmaligen Geschichte Jesu Christi“.Hans-Georg Geyer: Andenken. Theologische Aufsätze. Hrsg. v. Hans Theodor Goebel, Dietrich Korsch, Hartmut Ruddies, Jürgen Seim. Tübingen 2003, S. 110 f. Der Gott der Metaphysik und der Gott der Bibel sind nicht dasselbe. Die Geschichte Jesu Christi „lehrt, dass Gott sterben kann und dass vom Tod dieses Gottes her Menschen im Glauben die Kraft bekommen, wirklich irdisch, endlich zu sein und sterben zu können.“Gerrit W. Neven: Von der Metaphysik zur Parusie. Hans-Georg Geyer in der intellektuellen Debatte über eine Kernfrage des 20. Jahrhunderts. In: Katharina von Bremen (Hrsg.): Gott und Freiheit. Theologische Denkanstöße Hans-Georg Geyers. Institut für Kirche und Gesellschaft, Schwerte-Villigst 2008, S. 47–49.
„Glaube und Vernunft sind in einer dialektischen Einheit von Identität und Nicht-Identität zu denken wie Christengemeinde und Bürgergemeinde. Ihre Identität liegt nicht in dem Teilbestand von Einsichten, der beiden gemeinsam ist. Vielmehr in der Wahrheit, die ihnen beiden voraus ist in Jesus Christus. Und Glaube wie Vernunft wären zu denken als durch die eine und selbe Wahrheit Jesu Christi je verschieden in Dienst genommen oder doch in Dienst zu nehmen. Das schließt ein: Glaube und Vernunft sind auf diese Wahrheit angewiesen und haben zugleich die Aussicht, an dieser Wahrheit je aktuell teil zu bekommen. Auch die säkulare Vernunft. Wenn Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen … Das bedeutet in der Sicht des Glaubens auch die Freilassung der Vernunft, der Kultur in ihre Weltlichkeit. Diese Einsicht hat ihre Entsprechung darin, dass die christliche Gemeinde auf dem nicht-religiösen säkularen Staat besteht.“Hans Theodor Goebel: Glaube und Vernunft — Wahrheit und Freiheit. Aus Anlass der Regensburger Vorlesung von Papst Benedict XVI. In: Katharina von Bremen (Hrsg.): Gott und Freiheit. Theologische Denkanstöße Hans-Georg Geyers. Institut für Kirche und Gesellschaft, Schwerte-Villigst 2008, S. 40.
Jesus Christus Im Zentrum der christlichen Verkündigung steht die „Botschaft vom Kreuzestod Jesu Christi … (Hier) liegt der Richtpunkt christlichen Denkens an und Redens von Gott. Wer Gott ist und worin sein Wesen besteht, das kann im christlichen Glauben angemessen nur aus dem Ansatz gedacht werden, daß der Kreuzestod Jesu Christi Gottes eigene, ein für allemal geschehene Tat für alle ist – wie es aus dem Anfang jenseits des Endes, d.h. aus der Auferstehung, offenbar geworden ist“Hans-Georg Geyer: Andenken. Theologische Aufsätze. Hrsg. v. Hans Theodor Goebel, Dietrich Korsch, Hartmut Ruddies, Jürgen Seim. Tübingen 2003, S. 107f. „Die Gabe der Menschen gegenüber Jesus besteht in einem Todesurteil … Diese Gabe des Tötens wird von Gott nicht angenommen, sondern durch die Gegengabe des Lebens außer Kraft gesetzt … Die menschliche Hybris wird hier nicht, wie bei Aischylos, durch Bestrafung beantwortet, sondern mit Vergebung.“Manfred Josuttis: Die Befreiung des Menschen vom Zwang seiner Freiheit. In: Katharina von Bremen (Hrsg.): Gott und Freiheit. Theologische Denkanstöße Hans-Georg Geyers. Institut für Kirche und Gesellschaft, Schwerte-Villigst 2008, S. 63–64.
Die Auferweckung Jesu Christi von den Toten ist nicht ein Element der vom Tod begrenzten und „der Vergangenheit anheimfallenden Wirklichkeit.“ Sie ist „die aufsprengende Erweiterung dieser Wirklichkeit“. In ihr hat „der Tod seinen absoluten Grenzwert verloren“.Hans-Georg Geyer: Andenken. Theologische Aufsätze. Hrsg. v. Hans Theodor Goebel, Dietrich Korsch, Hartmut Ruddies, Jürgen Seim. Tübingen 2003, S. 182f.
In der Geschichte Jesu Christi ist das Reich Gottes angebrochen. Rückblickend auf Jesu irdisches Leben bedeutet die Selbstidentifikation Gottes mit Jesus Christus: „Christus interpretiert durch sein Reden und Tun Gott in der Welt; er führt uns vor Augen, wer Gott für uns und mit uns ist. Mit einer Wendung E. Jüngels gesprochen: Er ist das ‚authentische Gleichnis Gottes‘.“Christian Link: Mimetische Praxis. H.-G. Geyers Überlegungen zur Wahrheitsfähigkeit der Kirche. In: Katharina von Bremen (Hrsg.): Gott und Freiheit. Theologische Denkanstöße Hans-Georg Geyers. Institut für Kirche und Gesellschaft, Schwerte-Villigst 2008, S. 135.
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