mini|Gifthütte und Adalbert-Säule hinter der Apollinariskirche Die Gifthütte in Prag – tschechisch Jedová chýše – war eine Gastwirtschaft auf dem Windberg in der oberen Neustadt.Karl Kraus: Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin 1913-1936 (2005)
Bedeutung In Prag waren die Frauenfächer damals räumlich getrennt, die Geburtshilfe im Kaiser-Franz-Joseph-Pavillon und die Gynäkologie in einem Gebäude auf dem Windberg bei St. Apollinaris (Prag). Dort, wo die Weinberggasse in die Appolinarisgasse einmündete und der Komplex der Institutsgebäude aufhörte, schien die Gegend einen dorfähnlichen Charakter angenommen zu haben. Vor dem letzten Häuschen stand auf einem Piedestal der steinerne Adalbert von Prag von 1677. Das Häuschen war die Schänke, die von Karl Julius Keim besungene „Gifthütte“. Nur eine Kegelbahn und der Wirtsgarten trennten sie von St. Apollinaris (Prag).Adolf Siegl: Die Elegie an Prag des Dr. med. Keim. Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Bd. 18 (1973), S. 197–201.
Diese Gegend war das bevorzugte Viertel der Mediziner, die in der nahe gelegenen Gebäranstalt Geburtshilfe lernten. Bereits 1789 eröffnet, bot sie den Studenten ein preiswertes Mittagessen. In der Gifthütte kamen nicht nur Studenten, sondern auch die Assistenten der Kliniken und die Ärzte der unweit gelegenen Irrenanstalt. Des Abends gesellten sich dazu das dienstfreie weibliche Personal der medizinischen Institute, die Hörerinnen der Hebammenkurse und schließlich die Dienstmädchen der in den Instituten wohnenden Professoren der medizinischen und philosophischen Fakultät. Eine Spezialität dieser beliebten „Jodoform-Kränzchen“ war die 6. Tour der Quadrille, die sich bis in die Tiefe des Wirtsgartens hinauszog. Einmal, in den 1870er Jahren, war der Pfarrer von St. Appolinaris über das Leben und Treiben in der Gifthütte sehr verstimmt. Er richtete eine Eingabe an Ferdinand Weber von Ebenhof, Direktor der Landesgebäranstalt und Bruder des Statthalters Philipp Weber von Ebenhof. Der Pfarrer wandte sich gegen die Tanzveranstaltungen und ersuchte Weber, den Hebammen den Besuch der Jodoform-Kränzchen zu verbieten. Er richtete nichts aus; denn Weber, der im Kreise seiner Hörer und Mitarbeiter den täglichen Frühschoppen in der Gifthütte trank, legte die Beschwerde ad acta und beließ alles beim alten. In seinen Erinnerungen berichtet Robert Raudnitz von einer Episode in der späteren Zeit der Gifthütte:
Bis zur Teilung der Prager Universität in die deutsche Karl-Ferdinands-Universität und die tschechische Karls-Universität sollen deutsche Corpsstudenten und Burschenschafter durchaus mit tschechischen Medizinern so manches Quodlibet absolviert haben; aber nach dem Anwachsen der Nationalitätenkämpfe blieben die deutschen Mediziner bald ganz aus. Auch die tschechischen Studenten, denen nun die passenden Streitobjekte fehlten, mieden daraufhin das Lokal. Nach mehreren Besitzerwechseln und Versteigerungen verödete es schließlich völlig. 1935 wurde das Gebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.Kateřina Bečková: Zmizelá Praha. Nové město, Praha 1998, S. 354.
Siehe auch Prager Neustadt#Obere Neustadt Prager Senioren-Convent
Literatur Egon Erwin Kisch: Die Abenteuer in Prag. Verlag Ed. Strache, Wien Prag Leipzig 1920. Wilhelm Klein: In memoriam: Die Gifthütte. Deutsche Hochschulwarte, X. Jg., September 1930, Heft 4, S. 64. Hartmut Binder: Prag. Literarische Spaziergänge durch die Goldene Stadt, 5. Auflage. Vitalis Verlag, Prag 2017, S. 296–299.
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Einzelnachweise
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