Die aus Japan stammenden Medien Anime und Manga sind in Deutschland ein wesentlicher Teil des Animationsfilm- und Comicmarktes und verfügen über eine gemeinsame Fanszene wie auch Unternehmenslandschaft. Anime (jap. ) und Manga (jap. ) sind im Deutschen Lehnwörter aus dem Japanischen und bezeichnen in Japan produzierte Animationsfilme und Comics. Japan besitzt die umfangreichste Trickfilmkultur und den größten Comicmarkt weltweit. Beide Medien, bereits in Japan eng miteinander verwoben, kamen durch den gegenseitigen Medienverbund unterstützt seit den 1970er Jahren nach Deutschland und haben seit den 1990er Jahren größeren Erfolg, was insbesondere auf den deutschen Comicmarkt gewirkt hat. Alle deutschsprachigen Verlage von Mangas und Animes befinden sich in Deutschland, ähnlich dominieren deutsche Veranstaltungen und Organisationen die deutschsprachige Szene.
Historische Entwicklung Bis in die 1950er Jahre Der Begriff „Manga“ als Name für die Drucke des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai aus dem 19. Jahrhundert wurde in der deutschsprachigen Kunstliteratur bereits seit Ende des gleichen Jahrhunderts verwendet, meist in der heute veralteten Schreibweise „Mangwa“. Die erste und zugleich negativ gefärbte Verwendung des Wortes „Manga“ als Bezeichnung für japanische Comics in deutschsprachigen Medien findet sich erst in einer Sonderbeilage der Zeitschrift stern von 1977: „(…) Höchste Auflagen haben die „Mangas“, Strip-Magazine mit Sadismen, bei deren Anblick vermutlich gar der alte Marquis de Sade noch Neues hätte lernen können“.Nick Barkow: Bald sind sie Nummer eins in der Welt, in: JAPAN, Sonderteil zu stern Nr. 28 vom 30. Juni 1977, S. 22–24
Anime-Filme und -Serien kommen nach Deutschland Die ersten Manga-Veröffentlichungen in Deutschland, zuerst 1982 Barfuß durch Hiroshima – Eine Bildergeschichte gegen den Krieg von Keiji Nakazawa im Rowohlt Verlag, hatten wenig bis keinen Erfolg, obwohl sie hinsichtlich Leserichtung, Veröffentlichungsform und teils auch Farbe an westliche Lesegewohnheiten angepasst waren. Barfuß durch Hiroshima wurde als Taschenbuch aufgemacht wie ein Textwerk und richtete sich explizit an erwachsene Leser, der damals in Deutschland fast unbekannte Begriff „Manga“ blieb unerwähnt. Das Buch wurde als „Bildergeschichte“ bezeichnet, wegen mangelnden Erfolgs die Fortsetzungen dann verworfen. 1989 folgte ein weiterer Versuch mit dem Sachmanga Japan GmbH, der das angesprochene Fachpublikum jedoch nicht erreichen konnte. Akira 1991 wurde gespiegelt und koloriert in Alben veröffentlicht, aber konnte ebenfalls nicht mehr als einen Achtungserfolg erreichen. Anime dagegen hatten seit Beginn der 1960er Jahre zunehmend Erfolg in Deutschland, wenn auch beschränkt auf Kinder- und Familienunterhaltung.
Als erster Anime in Deutschland wurde ab dem 16. März 1961 der Film Der Zauberer und die Banditen von Toei Animation aus dem Jahr 1959 in den Kinos gezeigt.
Die erste Anime-Serie im deutschen Fernsehen war Speed Racer von 1967, die die ARD im November und Dezember 1971 zeigte. Wegen Protesten von Eltern, Pädagogen und Medien wurden nur drei von ursprünglich acht geplanten Folgen ausgestrahlt. Generell wurde seitdem auf Serien mit japanischen Szenarien verzichtet und vor allem auf kinderfreundliche Serien des World Masterpiece Theater gesetzt, bei denen keine Proteste zu befürchten waren.Ralf Vollbrecht: Anime – Ein Phänomen aus Japan. In: Deutsches Filminstitut – DIF / Deutsches Filmmuseum & Museum für angewandte Kunst (Hrsg.): ga-netchû! Das Manga Anime Syndrom. Henschel Verlag, 2008. S. 24–26, ISBN 978-3-89487-607-4. So haben sowohl die ARD als auch das ZDF die in Italien und Frankreich erfolgreiche Serie UFO Robot Grendizer (Goldorak) wegen zu hoher Brutalität abgelehnt. Mit Ausnahme von Captain Future, gegen das es ebenfalls zahlreiche Proteste von Eltern gab und vor dem in den 1980er-Jahren sogar in einigen Schulbüchern gewarnt wurde, umfassten Animes im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen nur Serien für jüngere Kinder. Auch stammten diese teilweise aus Koproduktionen, wie Heidi, Wickie und die starken Männer, Die Biene Maja und Nils Holgersson. Die Motivation für diese Koproduktionen war vor allem ökonomisch: die deutschen wie die anderen europäischen Sender wollten durch Produktionen in Japan Geld sparen, während die japanischen Studios in Europa Geld verdienen wollten. Die bis dahin für die deutschen Programme genutzten osteuropäischen Studios lieferten nicht mehr genug Material und Animes waren für die deutschen Sender ein geeignetes Medium einer Zusammenarbeit, da sich Bilder leicht weltumspannend verständlich einsetzen lassen. Der Einkauf bereits fertiger Serien schied jedoch aus, da „die japanischen Produktionen entweder eine heile oder eine grausame und sehr oft auch groteske Welt [zeigten] in einem Design das für viele zu lieb oder zu abstoßend, auf jeden Fall aber geschmacklos und schwer verständlich wirkte“, so der beim ZDF damals verantwortliche Joseph Göhlen. Daher wurde stets darauf geachtet, dass die Serien im zeichnerischen Stil wie in der Handlung dem westlichen Empfinden und gesellschaftlichen Vorstellungen entsprachen. Es gab eine Redaktion für die Konzepte in Deutschland und amerikanische Cartoonisten und Autoren zeichneten Designs und schrieben die Szenarien. Die Programme waren dennoch Gegenstand teils heftiger Kritik, die Sendungen würden den Geschmack des jungen Publikums verderben. Der Verantwortliche wurde nach Erstausstrahlung der Biene Maja als „Insekten-Jupp“ bezeichnet oder gar kriminell genannt.Josef Göhlen: Suspekt, doch erfolgreich – Der Weg der Anime ins ZDF. in ga-netchû! Das Manga Anime Syndrom. S. 234–139. Henschel Verlag, 2008. Heidi wird heute als erste wirklich populäre Anime-Serie in Deutschland benannt, wobei sie erstmals ein größeres Publikum erreichte, da neben Kindern auch Senioren zu den Zuschauern zählten. Die Koproduktionen schafften dabei eine erste Akzeptanz für die Ästhetik von Animes, auf die in späteren Jahrzehnten Serien für Jugendliche aufbauen konnten.Daniel Kothenschulte: Opulenz und Beschränkung – Stile des frühen Anime. In: Deutsches Filminstitut – DIF / Deutsches Filmmuseum & Museum für angewandte Kunst (Hrsg.): ga-netchû! Das Manga Anime Syndrom. Henschel Verlag, 2008. S. 50f, 56f., ISBN 978-3-89487-607-4. Als Anime wahrgenommen wurden sie dabei nicht, die Herkunft von Animeserien wurde bis in die 1990er Jahre hinein von den Sendern versteckt, um Assoziationen mit ebenfalls aus Japan nach Deutschland kommenden pornografischen Animes zu vermeiden.
Mit dem Aufkommen des Privatfernsehens in den späten 1980er und 1990er Jahren wurde größere Vielzahl von Anime-Serien im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Jedoch waren die meisten dieser Serienlizenzen keine bewussten Einkäufe seitens der Fernsehsender, sondern kamen durch italienische/europäische Programmpakete, in denen neben westlichen Zeichentrickserien auch vereinzelt Anime enthalten waren, auf den deutschen Markt. Viele davon sind in anderen europäischen Ländern und Japan schon weit vor der deutschen Erstausstrahlung gezeigt worden.
Folgend eine Liste der Anime-Serien im deutschen Fernsehen bis 1990. Deutsche Erstausstrahlung Serie Sender1971Speed RacerARD1972Calimero (italienische Koproduktion)ZDF1974Wickie und die starken Männer (deutsche Koproduktion)ZDFBarbapapa (französische Koproduktion)ZDF1976Die Biene Maja (deutsche Koproduktion)ZDF1977Kimba, der weiße LöweZDFPinocchio (deutsche Koproduktion)ZDFHeidiZDF1978SindbadZDF1979Es war einmal (Manga Nihon Bukashi Banashi)ZDF1980Captain FutureZDFMarcoBayern 31981Nils Holgersson (deutsche Koproduktion)ZDF1984Tao Tao (deutsche Koproduktion)ZDFNiklaas, ein Junge aus FlandernSat 1Puschel, das EichhornZDFAlice im Wunderland (deutsche Koproduktion)ZDF1985Rascal der WaschbärZDFKum-KumSat 1PerrineSat 11986D’Artagnan und die 3 MuskeTiere (spanische Koproduktion)Sat 11988Anne mit den roten HaarenSat 1Chuck, der schlaue BieberTele 5Jackie und Jill und die BärenkinderSat 1Saber Rider und die Starsheriffs (amerikanische Koproduktion)Tele 51989Die geheimnisvollen Städte des Goldes (französische Koproduktion)DFFDie Abenteuer des Sherlock Holmes (italienische Koproduktion)Sat 1Pixi im WolkenkuckucksheimSat 1Lucy in AustralienTele 5Odysseus 31 (französische Koproduktion)Tele 5Um die Welt mit Willy Fog (spanische Koproduktion)Tele 51990Alle meine FreundeARDKoalabärchens StreifzügeSat 1Alfred J. Kwak (internationale Koproduktion)ZDFCubitus, der Wuschelhund (internationale Koproduktion)RTL Plus
Die ersten deutschen Kauf-Animes gab es im Jahr 1975 auf sogenannten TED-Bildplatten (Abkürzung von ), analogen Vinyl-Bildplatten, die eine Spieldauer von ca. 10 Minuten pro Seite hatten und nur von einem einzigen Abspielgerät der Firma Telefunken gelesen werden konnten. Sie verschwanden bereits im folgenden Jahr wieder vom Markt. Bei den darauf angebotenen Anime handelte es sich um einzelne Folgen der Serien , Hotte Hummel und . Der erste Anime-Spielfilm, den es in Deutschland zu kaufen gab, war der Film Perix der Kater und die 3 Mausketiere (jap. , ) von Toei Animation aus dem Jahr 1969, der Ende der 1970er-Jahre von der Firma piccolo film stark gekürzt auf Super-8-mm-Film angeboten wurde. In der DDR lief er als Der gestiefelte Kater im Fernsehen und Kino.
In den 1980er-Jahren erschienen zahlreiche Animes auf VHS-Kassetten. Wie im Fernsehen geschahen die Veröffentlichungen nicht durch bewusstes lizenzieren japanischer Lizenzgeber, sondern waren französischer, amerikanischer und italienischer Abstammung. Die ersten VHS-Kassetten, mit denen gezielt Fans japanischer Animationen angesprochen werden sollten und bei denen ausdrücklich Japan als Produktionsland genannt wurde, stammten aus dem Jahr 1986. Damals wurden unter dem Label „“ einzelne Folgen der Serien Die Abenteuer der Honigbiene Hutch, Demetan der Froschjunge und Macross veröffentlicht, wobei darauf geachtet wurde, das Originalmaterial möglichst unverändert zu lassen – der japanische Vor- und Abspann blieben erhalten, und vorkommende Songs wurden japanisch belassen. „“ verschwand jedoch bereits 1987 wieder vom Markt.
Neben den Veröffentlichungen für Kinder war der Anime-Videomarkt in der Anfangszeit von erotischen Werken geprägt, die von Trimax herausgebracht wurden. Diese vertrieb ihre Videos vor allem über Videotheken und Beate-Uhse-Läden. Diese Importe führten neben der verborgenen Herkunft der Kinderserien auch dazu, dass die Begriffe „Manga“ und „Anime“ noch bis nach 2000 von vielen eng mit pornografischen oder stark gewalthaltigen Werken verknüpft wurden.
Liste der Animevideos, vor dem ersten Animelabel, OVA Films, bis 1990: Veröffentlichungsjahr Titel Format1975Speed Racer (einzelne Folgen)TED-BildplatteJudo Boy (einzelne Folgen)TED-BildplatteHotte Hummel (einzelne Folgen)TED-BildplatteEnde der 70erPerix der Kater und die 3 MuskeltiereSuper 8Goldorak – Kampf der Welten (4 Folgen)Super 880erAngel das Blumenmädchen (9 Folgen)VideoCleopatra und die tollen RömerVideoDas Ende aller TageVideoUltraman schlägt zurück (4 Folgen)VideoRaumstation Cyborg 009VideoDäumelinchenVideoDemetan, der Froschjunge (2 Folgen)VideoDie SchwanenprinzessinVideoMärchenweltVideoMacross (4 Folgen)VideoMasters of the Future (15 Folgen)VideoRemi (Zusammenschnitt)VideoRobby, der pfiffige Roboter (Zusammenschnitt)Video1982Angriff der Dinomonster (4 Folgen)VideoBlinki – Der außerirdische WunderzwergVideoDie Abenteuer des fantastischen Weltraumpiraten Captain Harlock (14 Folgen)VideoDie kleine MeerjungfrauVideo1984Aladin und die WunderlampeVideoAlibaba und die 40 RäuberVideo1985Goshu, der CellistVideo1986SternenkriegerVideo1987Alakazam und der König der TiereVideoDie elf hungrigen KatzenVideoHardyman räumt aufVideo1989Die SchatzinselVideo1990Die zwölf MonateVideo
Boom in den 1990er Jahren