Ulrich Cubicularius (eigentlich Ulrich Kammerknecht oder Kammer; * um 1520/23 in Bruchsal; † 20. November 1586 in Pfaffenhoffen) war ein deutscher evangelischer Theologe, der in Babenhausen, in Niederungarn (in der heutigen Slowakei) und in der Herrschaft Lichtenberg der Grafschaft Hanau-Lichtenberg (im heutigen Département Bas-Rhin, Frankreich) wirkte.
Leben Studium in Heidelberg Vdalricus Kammerer Prussellensis dioc. Wormac. (= aus Bruchsal, Wormser Diözese) immatrikulierte sich am 15. Oktober 1538 als Katholik an der – damals noch „altgläubigen“ – Universität Heidelberg.Gustav Toepke (Bearb.): Die Matrikel der Universität Heidelberg, Bd. I Von 1386–1553. Carl Winter, Heidelberg 1884, S. 570 (Google-Books). Die Stadt Bruchsal lag in der Diözese Speyer. Ulrich Kammerer gehörte dem Bistum Worms an, obwohl er nicht auf dessen Territorium geboren war,Der Matrikeleintrag könnte auch eine Ungenauigkeit enthalten. möglicherweise war er Wormser Kleriker. Sein eigener Vater vollzog erst 25 Jahre später den Übertritt von der römisch-katholischen zur evangelischen Kirche. Im Juni 1540 wurde Vldaricus Kamerknecht in Heidelberg Baccalaureus artium.
Franciscus Cammerknecht (Kamerknecht) aus Bruchsal Spirensis diocesis – wohl ein naher Verwandter – erhielt 1555 ein Stipendium an der Heidelberger Burse des Collegiums DionysianumGerhard Merkel (Bearb.): Stipendienstiftungen und Stipendiaten vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges. (Libri actorum Universitatis Heidelbergensis. Reihe C). Winter, Heidelberg 2008, S. 241 mit Anm. 3 und 4. und war 1557 Stadtschreiber im kurmainzischen Gernsheim.Franz Fiedler: Gernsheim am Rhein. Beiträge zu Geschichte, Kunst, Kultur, Natur und Wirtschaft. Otto, Heppenheim 1981, S. 440.
Schulmeister in Babenhausen 1542 bis 1544 war Ulrich Kammerknecht Schulmeister in Babenhausen.Marie-Joseph Bopp: Die evangelischen Gemeinden und Hohen Schulen in Elsass und Lothringen von der Reformation bis zur Gegenwart, Bd. I. Degener, Neustadt an der Aisch 1963, S. 526 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Der Landesherr Philipp IV. von Hanau-Lichtenberg hatte 1544 im Amt Babenhausen durch den Reformator Erasmus Alber, der nach einem Streit mit dem Grafen im Herbst 1545 von Erasmus Sarcerius abgelöst wurde, die Reformation einführen lassen. Wahrscheinlich im Zusammenhang der Auseinandersetzungen um Alber, der „auch für richtige und christliche Ordnung der Schule in Babenhausen sorgen“ wollte,Vgl. Carl Varrentrapp: Zwei Briefe Melanchthons an Graf Philipp IV. von Hanau-Lichtenberg. In: Forschungen zur deutschen Geschichte 21 (1881), S. 341–353, bes. S. 347. fühlte sich Ulrich Kammerknecht ungerecht behandelt. Er bat den Grafen um seine Entlassung, immatrikulierte sich 1544 als Huldaricus Kammerknecht Baccalaur[eus] Heid[elbergensis] an der protestantischen Universität Marburg und am 6. Juni 1545 als Vdalricus Cammerknecht Bruchsalensis Sueuus (= aus Bruchsal, ein Schwabe) zum Theologiestudium an der Universität Wittenberg.
Studium in Wittenberg und Jena Philipp IV. von Hanau-Lichtenberg schrieb im Mai 1546 an Philipp Melanchthon, dass er dem Schulmeister Kammerknecht, der „noch etliche jar zu studiren und alsdann kirchenverwaltungen anzunehmen gemeint“ sei, angeboten hatte, „ihn drei Jar zu Wittenberg in der Universitet zu erhalten“, wenn dieser sich verpflichten würde, ihm anschließend fünf Jahre lang „um eine billige (= angemessene) Entlohnung als Pfarrer und Prediger“ zu dienen. Melanchthon bat er, in diesem Sinne auf Kammerknecht einzuwirken.; Carl Varrentrapp: Zwei Briefe Melanchthons an Graf Philipp IV. von Hanau-Lichtenberg. In: Forschungen zur deutschen Geschichte 21 (1881), S. 341–353, bes. S. 352. Kammerknecht seinerseits fragte Melanchthon gemeinsam mit Sarcerius und dem Hanauer Pfarrer Philipp Neunheller brieflich um Rat, ob er das Angebot des Grafen annehmen solle. Auf Bitten einiger Pfarrer und des hanau-lichtenbergischen Rates Johannes Knebel von Katzenelnbogen1544 setzte sich Knebel bei Graf Philipp IV. für Erasmus Alber ein, 1554 war er Amtmann zu Buchsweiler. wollte er erlittenes Unrecht vergessen. Sein befürwortendes Antwortschreiben an Kammerknecht, das Melanchthon im August 1546 erwähnt, blieb nicht erhalten.
Ulrich Kammerknecht nahm das Stipendium des Grafen Philipp IV. an; möglicherweise diente der Briefwechsel mit Melanchthon vor allem dazu, den Hanauer Grafen nach der Auseinandersetzung um Alber in ein besseres Licht zu setzen. 1547 während des Schmalkaldischen Krieges stockte der Geldtransfer von Babenhausen nach Wittenberg,Peter Gbiorczyk: Die Beziehungen Philipp Melanchthons zur Grafschaft Hanau. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte (2014), S. 2–60, bes. S. 33. doch Kammerknecht konnte das Studium 1548/49 an der neu gegründeten Höheren Landesschule Jena abschließen.Georg Mentz, Reinhold Jauernig (Bearb.): Die Matrikel der Universität Jena, Bd. I. Gustav Fischer, Jena 1944, S. 71: „Cubicularius, Ulr., Bruchsellen, 1548 und 1549a“. Er wurde am 13. März 1549 durch Johannes Bugenhagen Pommeranus in Wittenberg ordiniert und von Graf Philipp IV. zum Predigtamt berufen.Georg Buchwald: Wittenberger Ordiniertenbuch, Bd. I. Georg Wigand, Leipzig, 1894, Nr. 988, S. 63 (PDF bei Magyar Evangélikus Digitális Tár (MEDiT) Konyv Site – Ungarische Lutherische Digitale Bibliothek). Kammerknecht benutzte seither vermehrt auch den latinisierten Familiennamen Cubicularius.
Pfarrer der Freien Bergstadt Schemnitz in Niederungarn Vom Herbst 1552Johann Kachelmann: Geschichte der ungrischen Bergstädte und ihrer Umgebung, Bd. III. Stephan Mihalik, Schemnitz 1867, S. 165 (Google-Books); János Breznyik: A Selmecbányai Ágost. Hitv. Evang. Egyház és lyceum története, Bd. I. Ágost Ö. Joerges, Selmecbánya 1883, S. 287f. bis 1564 (spatio octo annorum integro) war Ulrich Cubicularius evangelischer deutschsprachiger Prediger in der königlichen Freien Bergstadt Schemnitz (heute Banská Štiavnica) im ungarischen Komitat Hont des Habsburgerreiches. Ihm zugeordnet war Johann (Ján) Senensis († nach 1597)Johann Samuel Klein: Nachrichten von den Lebensumständen und Schriften Evangelischer Prediger in allen Gemeinen des Königreichs Ungarn, Bd. III. Victor Hornyánszky, Pest 1873, S. 389–393 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). als Prediger für die „slavische“ oder „wendische“ (slowakischsprachige) Gemeinde.Victor Hornyánsky: Beiträge zur Geschichte Evangelischer Gemeinden in Ungarn. Hornyánsky & Hummel, Pest 1863, bes. S. 243–246 (Google-Books) u. a.
Der Graner Erzbischof Miklós Oláh (Nicolaus Olahus) versuchte 1558, den Klerus in seinem Gebiet auf die Dekrete der zweiten Tagungsperiode (1551–1552) des Konzils von Trient zu verpflichten und Beiträge der Bergstädte zur Finanzierung des Konzils einzutreiben.Viliam Cifaj: Die Reformation in den westslowakischen Städten. In: Gustav Reingrabner, Gerald Schlag (Hrsg.): Reformation und Gegenreformation im Pannonischen Raum (= Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland. Band 102). Bürgenländisches Landesmuseum, Eisenstadt 1999, S. 157–164. Als sein Beauftragter legte Archidiakon Johann Deretzky den Pfarrern des Komitates Hont im August 18 Artikel vor, die sie unterschreiben sollten.Abdruck in: Johannes Ribini: Memorabilia Augustanae confessionis in regno Hungariae a Ferdinando I. Vsqve Ad III. Lippert, Bratislava 1787, S. 112–114.
Eine Vorladung des Erzbischofs auf den 16. September 1558 nach Kláštor pod Znievom (Znió-Váralja) in Komitat Turz (Turóc) mit Androhung der Exkommunikation wurde vom Schemnitzer Pfarrer ebenso ignoriert wie eine zweite Vorladung vom 17. September an Cubicularius und Johann Senensis mit 5-tägiger Fristsetzung. Auf einer Tagung in Kremnitz (Kremnica) verabschiedete der Ausschuss des Bundes der sieben niederungarischen Bergstädte Dilln (Banská Belá), Libethen (Ľubietová), Kremnitz, Königsberg (Nová Baňa), Neusohl (Banská Bystrica), Pukanz (Pukanec) und Schemnitz am 23. September 1558Michael Dionys Doleschall: Die wichtigsten Schicksale der Evangelischen Kirche, Augsburgischen Bekenntnisses, in Ungarn. Hartmann, Leipzig 1828, S. 158. eine von Ulrich Kammerknecht ausgearbeitete Bekenntnisschrift.Márta Fata: Ungarn, das Reich der Stephanskrone, im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung 60). Aschendorff, Münster 2000, S. 69, u. a. Das Bekenntnis stellt eine erweiterte Fassung der 1548 durch Leonhard Stöckel auf Grundlage der Confessio Augustana ausgearbeiteten oberungarischen Confessio Pentapolitana dar.
Diese sogenannte Confessio Montana oder Confessio Heptapolitana (Glaubensbekenntnis der Sieben Bergstädte) von 1558 wurde am 6. Dezember 1559 auf einer Synode in Schemnitz von allen Pfarrern unterschrieben und anschließend Kaiser Ferdinand I. und dem Graner Erzbischof Oláh vorgelegt. 1577 und 1580 wurde die Confessio Heptapolitana erneut von Synoden bekräftigt.
Am 4. Mai 1560 wurden Ulrich Cubicularius, Johann Senensis sowie die Kapläne Bernhard Illés († 1583) und Abraham Sturm († nach 1568),In Passau von Bischof Wolfgang von Salm zum Priester geweiht, Kaplan in Schemnitz seit 1555, nahm 1568 von dort Abschied („Urlaub“); János Breznyik: A Selmecbányai Ágost. Hitv. Evang. Egyház és lyceum története, Bd. I. Ágost Ö. Joerges, Selmecbánya 1883, S. 164 und 288. die an der Diözesan-Synode von Tyrnau (Trnava) am 26. April 1560 nicht teilgenommen hatten, von Erzbischof Miklós Oláh und Weihbischof Andreas Dudith, Titularpropst von Felhévíz (bei Óbuda), durch ein Schreiben an den Schemnitzer Stadtrat bei Androhung von Exkommunikation und Interdikt vorgeladen.János Breznyik: A Selmecbányai Ágost. Hitv. Evang. Egyház és lyceum története, Bd. I. Ágost Ö. Joerges, Selmecbánya 1883, S. 160–162 (Anm.). Cubicularius verließ Schemnitz am 6. Mai und reiste in das Ausland („Elend“) nach OlmützJános Breznyik: A Selmecbányai Ágost. Hitv. Evang. Egyház és lyceum története, Bd. I. Ágost Ö. Joerges, Selmecbánya 1883, S. 163 und 166f. in Mähren ins Exilium. Richter und Rat der Stadt schrieben am 22. Juli 1560 an König Ferdinand I., dass sie den Pfarrer nach einem Befehl des Erzbischofs Oláh aus Furcht vor Unruhen „heimlich und still haben abfertigen müssen“.János Breznyik: A Selmecbányai Ágost. Hitv. Evang. Egyház és lyceum története, Bd. I. Ágost Ö. Joerges, Selmecbánya 1883, S. 165. Bereits am 24. August 1560 benachrichtigte man Cubicularius, dass er zurückkehren könne.Johann Samuel Klein: Nachrichten von den Lebensumständen und Schriften Evangelischer Prediger in allen Gemeinden des Königreichs Ungarn. Bd. II, Diepold und Lindauer, Leipzig / Ofen 1789, S. 85f.
Als der Rektor des Schemnitzer Gymnasiums Johann Hensel († 1580),Später Lehrer in Kaschau (Košice); István Monok: Lesestoffe deutscher Bürger in Kaschau in der Frühen Neuzeit. In: Zeitschrift für Mitteleuropäische Germanistik 4 (2014), S. 127–144, bes. S. 132 und 139. der 1560 Ratsherr war, wegen Ehebruch (Schwängerung seiner Dienstmagd) vom Magistrat zum Tode verurteilt worden war, wurde er 1563 nach Fürbitte des Ulricus Cubicularius zur Landesverweisung begnadigt.Dániel Kanka: Brevis notitia clariorum gymnasii Evangelicorum Schemnitziensis rectorum. In: Examen publicum anniversarium in gymnasio E. C. A. Schemnitziensi … 1807. (Gymnasialprogramm). Sulzer, Schemnitz 1807; János Breznyik: A Selmecbányai Ágost. Hitv. Evang. Egyház és lyceum története, Bd. I. Ágost Ö. Joerges, Selmecbánya 1883, S. 334–337.