Relationale Soziale Arbeit – im Fachdiskurs auch als Relationale Sozialarbeit oder international als Relational Social Work bezeichnet – ist ein theoretisches und methodisches Paradigma der Sozialen Arbeit, das menschliches Sein, soziale Probleme sowie professionelle Interventionen konsequent aus ihren Beziehungsgefügen heraus erklärt und gestaltet). Im Gegensatz zu essentialistischen Ansätzen, die soziale Phänomene auf inhärente Eigenschaften von Individuen oder statische gesellschaftliche Strukturen reduzieren, rückt die RSA das „Dazwischen“ – die dynamischen Wechselwirkungen, Relationen und Prozesse des Ordnens – in den Mittelpunkt der Betrachtung. Soziale Realität besteht nicht aus Akteuren, die in Interaktion treten, sondern die Akteure selbst konstituieren sich erst dynamisch durch ihre fortlaufenden, relationalen Transaktionen – „person as environment“ statt „person in environment“. Soziale Arbeit wird aus dieser Perspektive zur Intervention in sich ständig wandelnden relationalen Kontexten bzw. Beziehungsdynamiken.
Verortung Relationale Perspektiven sind in den in den folgenden sozialwissenschaftlichen Diskursen vor allem der letzten beiden Jahrzehnte mit unterschiedlicher Verwendung und den theoretischen Hintergründen des Begriffs zu finden:
Neurobiologie (Humberto Maturana 1982, S. 141–142) Systemtheorie (Niklas Luhmann 1984, S. 41) Akteur-Netzwerk-Theorie (Bruno Latour 2010) Netzwerktheorie nach (Harrison White 2008) Resonanztheorie von (Hartmut Rosa 2016 Relationalem Konstruktivismus (Björn Kraus 2017a) Erziehungswissenschaft (Walter Herzog 2001) Soziologie (Mustafa Emirbayer 2017, Roger Häußling 2010, S. 64) Sozialen Arbeit (Bernd Dewe/Hans-Uwe Otto 2012; Früchtel, Straßner & Schwarzloos 2016; Köngeter 2009; Fabian Kessl 2013; Björn Kraus 2013, 2016); Fabio Folgheraiter 2017, 2018; Silke Gahleitner 2017
Hintergrund „Soziale Arbeit“ entstand im 19. Jahrhunderts mit der „sozialen Frage“ und sollte „Soziale Probleme“, die als Abweichungen von Maßstäben definiert wurden, instrumentell, das heißt, zielbezogen verändern. Die Existenz des Sozialen galt dabei als selbstverständlich. Die RSA verwirft die Vorstellung, dass Soziale Arbeit per se „sozial“ sei, als prä-relationale Hypothese und geht eher davon aus, dass die Herstellung des Sozialen die eigentliche Aufgabe sei, ein Prozess des Verknüpfens und Versammelns, der auch scheitern kann. Verbindungen zu schaffen, gilt als schwieriges und aufwändiges Unterfangen mit ungewissem Ausgang. Das Zentrum der relationalen Intervention sind nicht Personen oder Strukturen, sondern Verknüpfungen.
Ethik Ethisch und kulturübergreifend korrespondiert dieser Ansatz mit dem afrikanischen Humanismus-Prinzip des Ubuntu, welches in der Redewendung „Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen“ zum Ausdruck kommt - Existenz und Identität des Einzelnen werden als untrennbar mit der Gemeinschaft und dem Wohlergehen aller anderen verflochten begriffen.
Theoretische Grundlagen Die Akteur-Netzwerk-Theorie nach Bruno Latour (2010) ersetzt den statischen Begriff der sozialen Ordnung durch den Prozessbegriff des kontinuierlichen „Ordnens“ (ordering). Das Soziale wird nicht als festes, übergeordnetes Gebilde oder als soziale Kategorien betrachtet, sondern interaktional als ein fortlaufender, flüchtiger Prozess der Verknüpfung und Übersetzung. Es hinterlässt empirisch beobachtbare Spuren vor allem in konkret hervorgebrachten Beziehungen und Netzwerken - Assemblagen, ist aber ansonsten ein fluider, zirkulierender Prozess sei, der mit klassischen, auf „Gegenstände“ ausgerichteten Methoden nicht zu erfassen ist. Das Soziale wird nicht als vorhanden unterstellt, sondern seine Herstellung und Beobachtung als schwieriges und aufwändiges Unterfangen begriffen. Ein zentrales Merkmal ist hierbei die Einbeziehung von nicht-menschlichen Akteuren, z.B. Räumen und digitalen Plattformen oder Natur, die in ihren relationalen Verknüpfungen mit Handlungsfähigkeit (agency) ausgestattet werden.
In der relationalen Netzwerktheorie nach Harrison White (2008) werden Identität und Handeln von Personen durch wechselseitige Beobachtungen, Einflussnahmen und das Navigieren in verschiedenen Netzwerkdomänen (netdoms) erklärt. Der Kombinationsbegriff weist auf den sozialen Aspekt der Beziehungen und des Handeln (network) hin, sowie auf den kultureller Aspekt der Bedeutung (domain). Die Person wird nicht als Entität gefasst, sondern als bundle of identities (Bündel von Identitäten), als individuelles Muster von Netzwerkzugehörigkeiten, wobei die jeweilige Identität durch wechselseitige Beobachtungen, Einflussnahmen (control, vielleicht mit „soziale Regulation“ zu übersetzen) und Positionsbildung (footing) in diesen Netzwerken entsteht. Control führt zu sozialer Struktur, die aber dynamisch bleibt, wobei Stories die Kommunikationen sind, die etwas über Beziehungen und Einschätzungen aussagen, es sind Deutungen, die verbinden oder unterscheiden. Netzwerkdomänen, verstanden als dynamische soziale Strukturen UND kulturelle Sinngebilde, werden als sozialräumlich, global und historisch miteinander verwoben verstanden, wodurch diese relationale Perspektive die interaktionale Mikroebene (Face-to-Face-Kommunikation) mit der Makroebene gesellschaftlicher Ungleichheiten verbindet. Nach Iris Clemens (2016) entscheidet die Position im Netzwerk darüber, welche „Navigationskompetenzen“ (2019) Akteure ausbilden können. Das alltägliche Bewegen in und das Wechseln (switching) zwischen divergenten, heterogenen Netzwerken generiert Differenzerfahrungen und erweitert den Handlungsradius, während Unzugänglichkeit von Netzwerken strukturelle Löcher (Burt 1992) reproduziert.
Der relationale Konstruktivismus nach Björn Kraus (2019) ist eine erkenntnistheoretische Erklärung dafür, dass menschliche Subjekte ihre Wirklichkeiten immer in Beziehung respektive in Abhängigkeit zu anderen Subjekten (Lebenswelt) und materiell-strukturellen Umweltbedingungen (Lebenslage) konstruieren. Der Fokus liegt weder auf dem seine Wirklichkeiten konstruierenden Subjekt, noch alleine auf den sozialen und materiellen Strukturen und Umweltbedingungen die es bestimmen, sondern auf den Relationen zwischen dem einen und dem anderen (Lebenswelt-Lebenslage-Konzeption). Für die professionelle Praxis bedeutet dies, dass Soziale Arbeit nicht instruktiv-kausal intervenieren kann. Sie kann die Wirklichkeitskonstruktionen von Adressatinnen und Adressaten lediglich feinfühlig und deren Eigensinn respektierend – beeinflussen.
Einen zentralen Stellenwert für die Bestimmung gelingender Relationen nimmt die Resonanztheorie von Hartmut Rosa (2016 und 2018) ein, der das Soziale als ein affizierendes, aber auch unverfügbares Beziehungsgeschehen begreift. Das Gelingen zeigt sich in Form von wechselseitiger Resonanz. Professionelle und Adressaten werden im interaktiven Prozess voneinander berührt, antworten auf diese Impulse und verändern (anverwandeln) sich dabei selbst. Gelingende Soziale Arbeit schafft demnach Resonanzräume, die sich einer instrumentellen Steuerung entziehen.
Konzepte relationaler Professionalität Konzept des Sozialen Helfens: Fabio Folgheraiter (2017 und 2018) entwickelt in seiner „Relational Theory of Social Work“ eine netzwerkbasierte. An sozialräumliche Konzepte erinnernde Praxis des Helfens, die nicht Individuen, sondern Netzwerke adressiert. Als „relational guides“ (Beziehungsbegleiter) unterstützen Sozialarbeitende die Etablierung und Koordination von „supportive and problem-solving networks“ mit den Grundprinzipien wie Reziprozität, Mitverantwortung, Stärkenorientierung und Partizipation.
Relationale Professionalität: Das von Stefan Köngeter (2009) begründete Konzept der „relationalen Professionalität“ verweist darauf, dass Adressaten, Fachkräfte, Auftragebende, Träger, etc nicht vorgängig sind, sondern erst in den Relationen hervorgebracht werden, die sie hierzu machen. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind in ein komplexes Geflecht aus Arbeits-, Institutionen- und Sozialbeziehungen eingebunden, das Wissen, soziale und individuelle Probleme, Ressourcen, Räume, Ziele, sozialarbeiterische Interventionen ect. kontinuierlich prozessiert, definiert und transformiert. Professionalität ist nicht primär als individuelle Eigenschaft oder Kompetenz einer Fachkraft zu denken, sondern als etwas, das relational – im unscharfen Beziehungsgeflecht mehrerer Akteure - immer wieder neu hergestellt werden muss.
Die Beziehungsprofession: In der Formulierung der Sozialen Arbeit als „Beziehungsprofession“ nach Silke Gahleitner (2017) steht das biopsychosoziale und therapeutische Element im Vordergrund. Auf der Basis eines diagnostischen Fallverstehens werden emotional tragfähige, von professioneller Nähe geprägte Arbeitsbeziehungen initiiert. Diese fungieren als „schützende Inselerfahrungen“ und bieten eine korrigierende Alternativerfahrung zu individualisierter und traumatisierender Isolation. Im Prozess werden diese Kontakte sukzessive zu tragfähigen, mehrdimensionalen Beziehungen und Netzwerken im Lebensumfeld weiterentwickelt.
Relationale Sozialarbeit als versammelnder, kollaborativer Prozess: Nach Frank Früchtel (2016) wird Relationale Sozialarbeit als ein versammelnder und kooperativer Prozess der Problemvergemeinschaftung verstanden. Hilfe auslösende Probleme werden nicht als individuelles Defizit verstanden, sondern als verbindende Anlässe, um reziproke Prozesse des Gebens, Nehmens und Erwiderns zu gestalten. Aus relationaler Perspektive reduziert sich die Praxis der Sozialen Arbeit nicht instrumentell auf die Bearbeitung von präsentierten Problemlagen, sondern bringt Menschen miteinander in Berührung, indem sie affizierend, zeremoniell oder ästhetisch agiert. Menschen haben ein ausgeprägtes Vermögen zur intuitiven Einfühlung in die Gefühle und Absichten anderer Wesen (Rizzolatti/Fogassi/Gallese 2006), spüren eine existenzielle Verbindung im Mitgefühl, das vor allem durch das Leiden anderer prärational ausgelöst wird ((Schopenhauer 2002, S. 488)). Sie tendieren dazu, sich quasi rhythmisch aufeinander einzuschwingen (Rosa) und können sich mit einer „Theorie of Mind“ (vgl. Leslie 2000) vorstellen, was in anderen vorgeht. Menschen haben Der Homo Oeconomicus ist eine Verkürzung, denn genauso wie der eigene Nutzen Befriedigung schafft, haben Menschen, Freude am Kooperieren und Helfen (Tomasello (2010, S. 58) und bekommen durch sie Anerkennung zu Gemeinschaft. Wirksamkeit muss nicht notwendigerweise instrumentell, problemlösend sein, unabhängig davon gibt es auch eine „soziale“ Wirksamkeit des gemeinsamen Tragens, Bewältigens oder Aushaltens.
Praxis