mini|Das Kleinkastell Gheriat esh-Shergia im Verbund des Limes Tripolitanus

Das Kleinkastell Gheriat esh-Shergia, auch Gheriat es Scerghia, ist ein ehemaliges römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Tripolitanus, einem tiefgestaffelten System von Kastellen und Militärposten,Michael Mackensen: Kastelle und Militärposten des späten 2. und 3. Jahrhunderts am „Limes Tripolitanus“. In: Der Limes 2 (2010), S. 20–24; hier: S. 22. in der römischen Provinz Africa proconsularis beziehungsweise Numidia zuständig war. Die kleine Befestigung, die im frühen 20. Jahrhundert in ein italienisches Fort umgewandelt wurde, befindet sich in der gleichnamigen Oase am Nordrand des Fessan und der Sahara im Munizip al-Dschufra in Libyen. Nahebei liegt der heutige Oasenort Qaryat. Die hochaufragenden Reste der Umfassungsmauer des Kleinkastells sind auf einem Felssporn über der von Norden in die Wüstenstadt Ash Shurayf führenden Straße zu besichtigen.

Lage Der für eine kleine Abteilung errichtete Garnisonsort wurde auf einem rund 300 Meter langen und zwischen 260 und 330 Meter breiten, nach Süden, Westen und Norden aufragenden Felssporn errichtet. Diese als Plateau ausgebildete Erhebung fällt über eine Klippe mit viel Schuttgeröll rund 20 Meter zur südwestlich gelegenen Oase hin ab. Deren Zentrum befindet sich in einem schmalen nordöstlich orientierten Wadi, das rund einen Kilometer südlich des Felssporns bereits auf rund 490 Höhenmeter ansteigt. Die den Platz weithin beherrschende Fortifikation nimmt nur den südlichen Bereich des Felssporns ein, die Fernsicht nach Norden ist jedoch sehr eingeschränkt. Im Bereich des Wadis verläuft von Norden kommend eine historische Handelsroute in den Fessan. Zum nächstgelegenen 2,25 Hektar großen Kastell bei Gheriat el-Garbia, das in einer Entfernung von rund 20 Kilometern lag,Graeme Barker, David Gilbertson, Barri Jones, David J. Mattingly (Hrsg.): Farming the Desert. The UNESCO Libyan Valleys Archaeological Survey. Volume Two: Gazetteer and Pottery. UNESCO, Paris 1996 (u. a.), ISBN 92-3-103273-9, S. 125. bestand Sichtkontakt. Zusätzlich gab es die Möglichkeit einer Signalverbindung.David J. Mattingly: Tripolitania. University of Michigan Press, 1997, ISBN 0-472-10658-9, S. 104. Der moderne Oasenort liegt westlich des Kastells. Er wird durch eine bereits früher gut ausgebaute Straßentrasse,Richard Goodchild (1951): Roman sites on the Tarhuna plateau of Tripolitania. In: Libyan studies. Select papers of the late R. G. Goodchild. Elek, London 1976, ISBN 0-236-17680-3, S. 43–77; hier: S. 50. die in den Jahren 1980 bis 1981 vollständig erneuert wurde, mit der Stadt Mizda (Kastell MizdaKastell Mizda bei ) verbunden.Graeme Barker, David Gilbertson, Barri Jones, David J. Mattingly (Hrsg.): Farming the Desert. The UNESCO Libyan Valleys Archaeological Survey. Volume One: Synthesis. UNESCO, Paris 1996 (u. a.), ISBN 92-3-103214-3, S. 21. Die Oasen Gheriat esh-Shergia und Gheriat el-GarbiaKastell Gheriat el-Garbia bei liegen am Ende zweier Nebenwadis, die beide in das große Wadi Zemzem münden. Westlich von ihnen erstreckt sich nach Süden hin das unwirtliche Felsplateau der Hammada al-Hamra.

Forschungsgeschichte Der britische Archäologe Richard Goodchild (1918–1968) wurde durch seine langjährigen Untersuchungen in Tripolitanien ab 1946Olwen Brogan: Obituary – Richard Goodchild. In: Azania. Archaeological Research in Africa 3 (1968), S. 9. einer der ersten, die ein umfassendes Bild der römerzeitlichen Aufsiedlung und des Limes Tripolitanus in dieser Region zeichnen konnten. Er war es auch, der das nach dem verlorenen Afrikafeldzug (1940–1943) von den italienischen Truppen verlassene Fort Bacone bei Gheriat esh-Shergia aufsuchte, um dort nach den Überresten des Kleinkastells zu suchen. Im Jahr 1949 berichtete er zusammen mit seinem Kollegen John Bryan Ward-Perkins (1912–1981) erstmals von dieser Fundstätte.Richard Goodchild, John Bryan Ward-Perkins: The “Limes Tripolitanus” in the Light of Recent Discoveries. In: The Journal of Roman Studies 39 (1949), S. 81–95; hier: S. 93. Zu Beginn der 1970er Jahre besuchte der französische Archäologe René Rebuffat die Stätte.René Rebuffat: Trois nouvelles campagnes dans le sud de la Tripolitaine. In: Comptes rendus des séances de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 4 (1975), S. 495–505; hier: S. 499. Die nächste wichtige Untersuchung fanden 1980 unter dem britischen Archäologen David Mattingly statt, der an einem mehrjährigen UNESCO-Programm (UNESCO Libyan Valleys Survey) teilnahm, das unter anderem klären sollte, wie es die Römer geschafft hatten, die landwirtschaftliche Nutzung in den kargen Regionen des libyschen Hinterlandes zum Blühen zu bringen.

Baugeschichte Wie noch im frühen 20. Jahrhundert, als die italienische Besatzung am Kastell eine neue Garnison einrichtete, befand sich bereits in der Antike an der Oase von Gheriat esh-Shergia eine bedeutende Handelsroute in den Fessan.Graeme Barker, David Gilbertson, Barri Jones, David J. Mattingly (Hrsg.): Farming the Desert. The UNESCO Libyan Valleys Archaeological Survey. Volume Two: Gazetteer and Pottery. UNESCO, Paris 1996 (u. a.), ISBN 92-3-103273-9, S. 125. Diese Tatsache wird die verantwortlichen römischen Offiziere und Geometer dazu bewogen haben, an diesem beherrschenden Platz einen Militärposten zu errichten. Auch am größeren Militärplatz Gheriat el-Garbia führte ein Zugang in den Fessan, doch scheint der Weg über Gheriat esh-Shergia bedeutender gewesen zu sein. In diesem Sinne könnte das kleine Gheriat esh-Shergia als entferntes „Auge“ von Gheriat el-Garbia angesehen werden.David Gilbertson, Peter Hayes, Graeme Barker, Chris Hunt (Hrsg.): The UNESCO Libyan Valleys Survey VII: An Interim Classification and Functional Analysis of Ancient Wall Technology and Land Use. In: Libyan Studies 15 (1984), S. 45–70; hier: S. 70. Der Platz bot zudem eine letzte Möglichkeit, Wasser, Datteln, Getreide und Gemüse zu fassen, um die Weiterreise über die kahle Hammada al-Hamra bestehen zu können.

Die rechteckige, 38,80 × 26 Meter (= 0,10 Hektar) große, an drei Seiten sehr gut erhaltene Umfassungsmauer, ist bis auf eine Höhe von rund sieben Metern erhalten geblieben. Sie besteht aus sehr sauber zugerichteten Quaderblöcken von maximal 0,70 Metern Höhe und wurde aus anstehendem Kalkstein gewonnen.Richard Goodchild (1954): Oasis forts of Legio III Augusta on the routes to the Fezzan. In: Papers of the British school at Rome 22 (1954), S. 56–68; hier: S. 62. Die erhaltenen Gebäudeecken sind leicht abgerundet und abgeschrägt, ein Merkmal wie es auch am Kleinkastell Gasr Banat festgestellt worden ist.Kleinkastell Gasr Banat bei Das Fundament beider Bauwerke springt leicht vor. Dort fand sich auch datierbare Keramik, die in das dritte nachchristliche Jahrhundert verweist. Wie die Innenbebauung von Gheriat esh-Shergia ausgesehen haben mag, ist bisher unklar,Michael Mackensen, Hans Roland Baldus: Militärlager oder Marmorwerkstätten. Neue Untersuchungen im Ostbereich des Arbeits- und Steinbruchlagers von Simitthus/Chemtou. Philipp von Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3461-3, S. 72 (Fußnote). doch gibt es laut Mattingly an der rauer belassenen Innenseite der Umfassungsmauer Anzeichen dafür, dass dort Mauern angebaut worden waren. Der Wissenschaftler erkannte, dass die von außen sichtbaren rechteckigen Quader im Inneren des Kleinkastells ursprünglich wohl mit Bruchsteinmauerwerk hinterfüttert und verstärkt waren. Dieses Mauerwerk ist jedoch fast vollständig abgefallen und/oder zerstört worden. Unmittelbar an diese innere Wandung wiederum, stießen offenbar die das Bauwerk im Inneren strukturierenden raumtrennenden Mauerzüge. Insgesamt ist mit einem ursprünglich mindestens zweistöckigen Bauwerk zu rechnen. Der Zugang zu einem der heute zerstörten Innenräume lässt sich noch anhand von einem Paar massiven Schwellensteinen feststellen, die allem Anschein nach noch in situ erhalten geblieben sind. Da die drei erhaltenen Seiten der Umfassungsmauer keinerlei Durchbrüche aufweist, die auf einen Eingang zu dem Kleinkastell hinweisen könnten, muss dieser Zugang von der heute zerstörten Südostseite erfolgt sein, die über dem Abhang zur Oase hin lag.Richard Goodchild (1954): Oasis forts of Legio III Augusta on the routes to the Fezzan. In: Papers of the British school at Rome 22 (1954), S. 56–68; hier: S. 60.

Welche Einheit das Kleinkastell belegte, ist unbekannt. Daher kann nicht gesagt werden, ob hier eine reguläre Einheit, eine Vexillation der in Gheriat el-Garbia gelegenen Truppe oder Limitanei stationiert waren.

Datierung Wie der britische Archäologe David Mattingly ausführte, wurde in der Vergangenheit im Allgemeinen angenommen, dass das Kleinkastell von Gheriat esh-Shergia jünger datiert als die wesentlich größere Anlage von Gheriat el-Garbia, welche anhand der 1965 entdeckten und 1966 veröffentlichten Bauinschrift wohl in die Jahre 198 bis 201 n. Chr., die Zeit des Statthalters Quintus Anicius Faustus (198–201), datiert werden kann.Graeme Barker, David Gilbertson, Barri Jones, David J. Mattingly (Hrsg.): Farming the Desert. The UNESCO Libyan Valleys Archaeological Survey. Volume Two: Gazetteer and Pottery. UNESCO, Paris 1996 (u. a.), ISBN 92-3-103273-9, S. 99. Der während der Regierungszeit des Kaisers Septimius Severus (193–211) amtierende Anicius Faustus ließ als legatus Augusti pro praetore der gerade verfassungsmäßig neu eingerichteten Provinz NumidiaJoachim Ott: Die Beneficiarier. Untersuchungen zu ihrer Stellung innerhalb der Rangordnung des Römischen Heeres und zu ihrer Funktion. (= Historia. Einzelschriften 92), Steiner, Stuttgart 1995, ISBN 3-515-06660-8, S. 25. die römische Außengrenze nach Süden hin militärisch ausbauen und errichtete mehrere neue Garnisonsorte.John S. Wacher, The Roman world, Volume 1, Routledge, London/New York 2002, ISBN 0-415-26315-8, S. 252–253. Mattingly sah es als vorstellbar an, dass Gheriat esh-Shergia auch älter, also eine vorseveranische Gründung sein könnte. Der Archäologe zog als möglichen Beweis für diese These die von ihm festgestellte Befundlage am rückwärtig gelegenen Gasr Banat heran, dessen Konstruktion der von Gheriat esh-Shergia sehr ähnelt. Zudem konnte am Gasr Banat sogenannte „African Red Slip Ware“ (ARS), ein in Nordafrika produzierter Terra-Sigillata-Typus, datiert werden. Laut dem von dem Keramikexperten John W. Hayes erarbeiteten Katalog gehört die ARS vom Gasr Banat dem Typ 27 anDavid J. Mattingly: Farming the Desert. The UNESCO Libyan Valleys Archaeological Survey. Gazetteer and pottery. Band 2, UNESCO, 1996, ISBN 92-3103273-9, S. 263. und ist damit zwischen den Jahren 160 und 220 n. Chr. hergestellt worden.