Der Lette-Verein ist eine Stiftung des öffentlichen Rechts für schulische Berufsausbildungen sowie Träger von drei Berufsfachschulen, einer Fachschule und drei Schulen des Gesundheitswesens in Berlin.
Geschichte mini|Gedenktafel am Lette-Verein, in Berlin-Schöneberg mini|alt=Lette-Haus|Lette-Haus, Abdruck eines Stichs von C[arl] Rechlin in der Zeitschrift „Über Land und Meer“ 1877 ; im oberen rechten Bildteil sind zu sehen v. l. n. r. Jenny Hirsch, Anna Schepeler-Lette, Kronprinzessin Victoria und Kronprinz Friedrich-Wilhelm von Preußen mini|Gedenktafel in Berlin-Kreuzberg Am 27. Februar 1866 gründeten Berliner Bürger und Bürgerinnen den Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts. Wilhelm Adolf Lette wurde zum Gründungsvorsitzenden gewählt. Der Verein stand unter dem Protektorat der Kronprinzessin Victoria von Preußen und wurde von zahlreichen einflussreichen Familien und Firmen Berlins und Preußens gefördert. Namhafte Personen der deutschen Frauenbewegung wie Jenny Hirsch, Ulrike Henschke, Franziska Tiburtius engagierten sich im und für den Verein.Jenny Hirsch: Geschichte der fünfundzwanzigjährigen Wirksamkeit (1866 bis 1891) des unter dem Protektorat Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Friedrich stehenden Lette-Vereins zur Förderung höherer Bildung und Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts. Lette-Verein, Berlin 1891. online in der DNB
Der Verein war Mitglied im 1869 gegründeten Dachverband Verband Deutscher Frauenbildungs- und Erwerbsvereine, im 1894 gegründeten Dachverband Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) und im 1908 gegründeten Verein für das Deutschtum im Ausland, Schulverein e. V. (VDA).
Unverheiratete Frauen aus dem Bürgertum hatten zur Zeit der Vereinsgründung nur wenige Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt angemessen zu verdienen, so zum Beispiel als Lehrerin oder Gouvernante. Der Verein unterstützte die Öffnung weiterer Berufsfelder für Frauen. Dazu förderte er Ausbildungsstätten und -institutionen wie z. B. das Atelier von Emma Planck sowie Absatzmöglichkeiten für von Frauen hergestellte Produkte.
Im Unterschied zu dem 1865 im sächsischen Leipzig von Frauen gegründeten Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF), der sich für ähnliche Ziele einsetzte, stand der Lette-Verein zunächst unter überwiegend männlicher Leitung. Der Gründungsvorsitzende, Wilhelm Adolf Lette, setzte sich für die Mädchen- und Frauenbildung ein, lehnte aber die politische Emanzipation der Frauen ab, da politische Tätigkeit von Frauen zu jener Zeit in Preußen verboten war. Die Erwerbstätigkeit der bürgerlichen Frauen sollte ihrer ökonomischen Absicherung dienen. Dies war aufgrund der demografischen Lage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr allein durch Verheiratung möglich. Als Ideal galt den führenden Persönlichkeiten des Vereins das gleichberechtigte Zusammenwirken von Männern und Frauen in der Gesellschaft sowie die Eigenverantwortlichkeit eines jeden Menschen.Doris Obschernitzki: "Der Frau ihre Arbeit!" : Lette-Verein ; zur Geschichte e. Berliner Institution 1866 bis 1986. Hentrich, Berlin 1986.
Nach dem Tod Wilhelm Adolf Lettes 1868 wurden zuerst Franz von Holtzendorff (Jurist) und ab April 1872 Lettes Tochter Anna Schepeler-Lette für den Vereinsvorsitz gewählt.zeitgenössischer Pressebericht: Unter der Leitung von Anna Schepeler-Lette wurde der Verein zum Schulträger und gründete 1872 die Handels- und Gewerbeschule mit Sitz in der Berliner Königgrätzer Straße, heute Stresemannstraße.Jana Haase: Handels- und Gewerbeschule des Lette-Vereins. 2020, In: Digitales Deutsches Frauenarchiv. URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/handels-und-gewerbeschule-des-lette-vereins zuletzt besucht am: 27. Januar 2023. Später kamen mit steigendem Bedarf der Industrie, Forschung und Medien an Fachkräften weitere Schulen dazu. So wurden Telegraphistinnen, Setzerinnen, Buchbinderinnen, Kunststickerinnen, Gutssekretärinnen, Diätassistentinnen, Zeichenlehrerinnen, Hauswirtschafts- und Gewerbelehrerinnen, Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Bibliotheksassistentinnen, Modezeichnerinnen und -direktricen und andere ausgebildet.zeitgenössischer Pressebericht: Jenny Hirsch: Geschichte der fünfundzwanzigjährigen Wirksamkeit (1866 bis 1891) des unter dem Protektorat Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin Friedrich stehenden Lette-Vereins zur Förderung höherer Bildung und Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts. Lette-Verein, Berlin 1891. online in der DNB
1890 wurde unter der Leitung von Dankmar Schultz-Hencke die Photographische Lehranstalt gegründet. Frauen, denen noch kein Zugang zu universitärer Bildung möglich war, konnten sich hier auf wissenschaftlicher Grundlage ausbilden lassen, um später in Forschung und Entwicklung an der Seite männlicher Wissenschaftler zu arbeiten. Die Lehrerin und spätere Direktorin der Lehranstalt Marie Kundt war entscheidend an der Entwicklung zahlreicher Berufe beteiligt, die auf der Technik bildgebender Verfahren beruhen und bis heute von hoher Relevanz sind. Dazu gehören die wissenschaftliche Fotografie, die Röntgenfotografie oder die Mikrofotografie – Ausgangspunkte für die heutige Metallographie, medizinisch-technische Assistenz und chemisch-biologische Laborassistenz.Jana Haase: Photographische Lehranstalt des Lette-Vereins. 2020. In: Digitales Deutsches Frauenarchiv. URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/photographische-lehranstalt-des-lette-vereins zuletzt besucht am: 27. Januar 2023.
1902 bezog der Verein das von Alfred Messel errichtete Gebäude am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg bei Berlin, heute Ortsteil Berlin-Schöneberg.zeitgenössischer Pressebericht: Die Einweihung des neuen Lette-Hauses. In: Berliner Tageblatt. 19. Oktober 1902.zeitgenössischer Pressebericht: Das neue Heim des Lette-Vereins in Berlin. In: Illustrirte Zeitung. 30.10.1902, S. 638–639. Dem Gebäude, als Schulbau für eine Frauenschule konzipiert, liegen der Grundgedanke der Kommunikation und des sozialen Handelns wie auch das Prinzip der Frauenklause zugrunde. Kreisförmig gruppieren sich um einen großen Innenhof sechs weitere Höfe, die im Grundriss die Form einer Bienenwabe ergeben. Sitzbänke in den Höfen und ausgeweiteten Flurecken schaffen Raum und Atmosphäre für Kommunikation im Sinne sokratischer Lehre. Verwaltung, Bibliothek und Speisesaal befanden sich auf der ersten Etage und bildeten das Zentrum des Geschehens.
1910 wurde eine Fotografieklasse für Männer unter Leitung von Carola Lohde eingerichtet. Seit 1982 sind alle Schulen des Lette-Vereins koedukativ.Doris Obschernitzki: "Der Frau ihre Arbeit!" : Lette-Verein ; zur Geschichte e. Berliner Institution 1866 bis 1986. Hentrich, Berlin 1986.
In den privaten Schulen des Lette-Vereins unterrichteten trotz des in Preußen geltenden Lehrerinnenzölibats verheiratete Frauen, so z. B. Elly Heuss-Knapp und Dora Lux. Seinem Grundsatz, Frauen in technischen Berufen zu fördern.
1933 leistete der Verein keinerlei Widerstand und passte sich den Erfordernissen des Nationalsozialismus an. Jüdisches Lehrpersonal und jüdische Schülerinnen wurden entlassen. Insgesamt mussten etwa fünfzig Prozent der Lehrerinnen gehen. Der Unterricht war nun durch die NS-Ideologie geprägt. Beispielsweise wurde die Notwendigkeit von Zwangssterilisation unterrichtet.Stange, Heike; Ladwig-Winters, Simone; Lau, Dayana: „Spezial: Biographische Spurensuche – Lette Verein 1933–1945“, in: LETT'S TALK – Die Menschen vom Lette Verein Berlin, Podcast des Lette Vereins Berlin, Moderation: Frank Sandmann, veröffentlicht am 14.02.2021. URL: https://podcasts.apple.com/de/podcast/spezial-biographische-spurensuche-lette-verein-1933-1945/id1556807122?i=1000511675916 (letzter Zugriff: 19.06.2026) 1944 wurde der Verein in eine Stiftung des öffentlichen Rechts umgewandelt. Der überzeugte Nationalsozialist und spätere Oberbürgermeister von Görlitz Hans Meinshausen wurde Vereinsführer.ASH: BERLIN UND LETTE-VEREIN IM NATIONALSOZIALISMUS, 12.3.2021, URL: https://www.ash-berlin.eu/hochschule/presse-und-newsroom/ash-berlin-und-lette-verein-im-nationalsozialismus/?utm_source=chatgpt.com
Aus den bestehenden Ausbildungsgängen und im Zusammenhang mit den neuen technischen Entwicklungen sowie den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes entstanden auch nach 1945 immer wieder neue Ausbildungsgänge wie Elektroassistentin, pharmazeutisch-technische Assistentin, Medieninformatik/Interaktive Animation, Ernährungs- und Versorgungsmanagement.
1984 wurde der Gebäudekomplex durch einen Neubau erweitert, in dem Labore Platz fanden. Heute ist der Lette-Verein ein modernes Berufsausbildungszentrum mit den aus seinen Ursprüngen entstandenen Bereichen Design und Technik, Ernährung und Versorgung, Gesundheit.
Der Lette-Verein nahm 2003 am Modellvorhaben Eigenverantwortliche Schule der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport teil. 2006 wurde ein neues Schulprogramm erarbeitet. Die Schulen setzen auf moderne und vielfältige pädagogische Methoden, die Selbständigkeit und Eigenverantwortung fördern. Ausbildungen und Ausbildungsinhalte werden laufend den aktuellen Bedürfnissen der Wirtschaft angepasst.
Ausbildungen Grundsätze Die Stiftung Lette-Verein ist Trägerin von drei Berufsfachschulen sowie drei Schulen des Gesundheitswesens – der Berufsfachschule für Design, Berufsfachschule für Ernährung und Versorgung mit der Fachschule für Ernährungs- und Versorgungsmanagement, der Technischen Berufsfachschule sowie der Schulen des Gesundheitswesens für Medizinisch-Technische Assistenz für Labor und Radiologie (MTA) und Pharmazeutisch-Technische Assistenz (PTA).
Der Lette-Verein unterliegt der staatlichen Kontrolle und die Ausbildungen am Lette-Verein sind staatlich anerkannt. In einigen Ausbildungsgängen können der Mittlere Schulabschluss (MSA) sowie die Berufsbildungsreife (BBR) und erweiterte Berufsbildungsreife (eBBR) und die Fachhochschulreife erworben werden. Durch die Gesellschaftsform Stiftung öffentlichen Rechts hat der Lette-Verein unter anderem die Freiheit, das Lehrpersonal selbst zu wählen.
Berufsfachschule für Design An der Berufsfachschule für Design werden junge Menschen in den Bereichen Foto-, Grafik- und Modedesign auf der Grundlage eines MSA und einer bestandenen Eignungsprüfung in theoretischen und praktischen Unterrichtsfächern drei Jahre lang ausgebildet, wobei die Ausbildungsgänge Grafik- und Modedesign derzeit modularisiert unterrichtet werden. Neben dem Erwerb von künstlerisch-gestalterischen, technischen und handwerklichen Kenntnissen und Fertigkeiten werden die Fähigkeiten zur selbständigen Planung, Arbeitsorganisation, Konzeptentwicklung und Ergebnisbeurteilung in einer beruflichen Erstausbildung entwickelt.
Meisterklasse Modedesign Von 2016 bis 2024 gab es im Ausbildungszweig Modedesign eine Meisterklasse: Jedes Jahr bekamen acht besonders talentierte Absolventinnen und Absolventen die Möglichkeit, ein zusätzliches Jahr lang ein Atelier in den Räumen des Lette-Vereins zu nutzen und gecoacht zu werden. Dieses Angebot unterstützte die Talente, sich für Wettbewerbe zu qualifizieren, die persönliche Handschrift zu schärfen und häufig auch in Film- und Fernsehproduktionen Erfahrungen zu sammeln (u. a. Babylon Berlin). 2016 gewann Sascha Johrden als einer von 100 Teilnehmenden im Rahmen des Leipziger Opernballs den „Leipziger Opernball Sophisticated Fashion Award“ mit einem handgefertigten Abendkleid. Die Meisterklasse wurde durch die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Soziales gefördert.Homepage des Lette-Vereins https://www.letteverein.berlin/ zuletzt aufgerufen am 27. Januar 2023.
Schulen für Ernährung und Versorgung