Tunumiisut ist der in Ostgrönland (Tunu) gesprochene der drei Hauptdialekte des Grönländischen. Das von den Tunumiit besiedelte Ostgrönland hat rund 3100 Einwohner, die mehrheitlich Tunumiisut sprechen.
Geschichte Man geht davon aus, dass die Vorfahren der Tunumiit, die wie die Vorfahren der Kitaamiut der Thule-Kultur angehörten, zwischen 1300 und 1500 aus Alaska nach Nordgrönland einwanderten. Dort trafen sie auf die Mitglieder der Dorset-Kultur, die kurz darauf ausstarben. Durch den Sprachkontakt wandelte sich der Dialekt der späteren Tunumiit dahingehend, dass er zu einem i-Dialekt wurde, was das markanteste Merkmal des Dialekts gegenüber den in Westgrönland gesprochenen u-Dialekten ist. Die Gruppe zog anschließend ins unbevölkerte Ostgrönland, während ein kleiner Teil südwärts in den Distrikt Upernavik zog, wo der Upernavik-Dialekt als Mischdialekt aus West- und Ostgrönländisch entstand. Einige der Tunumiit zogen bis nach Südostgrönland, wo sie ebenfalls auf Westgrönländer trafen, sodass auch hier wie um Upernavik ein westgrönländischer i-Dialekt, das Südgrönländische entstand.
Die Erforschung der Sprache begann Ende des 19. Jahrhunderts, als Gustav Frederik Holm mit der Frauenbootexpedition erstmals Ostgrönland erforschte. Mit an Bord waren der Katechet Johannes Hansen und sein Neffe Johan Petersen, der durch den Kontakt mit nach Südgrönland zugewanderten Tunumiit Ostgrönländisch sprach und verstand.Hother Ostermann: Hansêraq. Dansk Biografisk Leksikon.Mads Lidegaard: Joh. Petersen. Dansk Biografisk Leksikon. Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich der Eskimologe William Thalbitzer intensiv mit den Tunumiit und ihrer Sprache. In jüngerer Zeit galt Elisa Maĸe als Expertin des Tunumiisut.Jette Eistrup: Elisa Maqe. Dansk Kvindebiografisk Leksikon. Als bedeutendste und umfassendste Beschreibung des Dialekts gilt zudem die Arbeit von Pierre Robbe und Louis-Jacques Dorais aus den 1980er Jahren.
Phonologie Vokale Das ostgrönländische Vokalinventar entspricht dem des Westgrönländischen. Da es sich jedoch um einen i-Dialekt handelt, entspricht westgrönländisches häufig ostgrönländischem . Hierbei sind deutliche Züge von Vokalharmonie erkennbar. wird dann nicht zu , wenn es in der ersten Silbe des Wortes steht, im selben Morphem eine Silbe mit folgt, in der vorherigen Silbe ein etymologisches stand sowie nach einem bilabialen Konsonanten , oder . Das ostgrönländische Wort tunumiit entspricht deswegen dem westgrönländischen tunumiut. Allerdings sorgt die Vokalharmonie auch zu entgegengesetzten Entwicklungen und Hyperkorrektur, sodass das ostgrönländische ulumaat „Axt“ dem westgrönländischen ulimaat entspricht. Ein weiterer Lautwandel ist der von zu in bestimmten Positionen wie in saneraq „Seite“ > sanarngaq.
Konsonanten Labiale Alveolare/Palatale Velare Uvulare sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. Plosive , Frikative/Approximanten/Affrikaten , Nasale Flap
Das ostgrönländische Konsonanteninventar unterscheidet sich vom Westgrönländischen durch den Mangel an stimmlosen Frikativen, die alle zu Plosiven geworden sind ( > , > , > und > ).
Die intervokalischen kurzen Plosive , und sind hingegen zu , und lenisiert worden, während ursprüngliches und zu und nasaliert worden sind.
Die Phoneme und weisen im Ostgrönländischen spezielle Entwicklungen auf. Das westgrönländische ist wortinitial zu affriziert worden, während das westgrönländische vor im Ostgrönländischen nicht affriziert wird. , das im Westgrönländischen bei den meisten Sprechern mit zusammengefallen ist, ist wie zu geworden. Die gelängten Formen und entsprechen hingegen und . Das kurze ist ebenfalls zu geworden. ist wie zu geworden, wenn es etymologisch aus entstanden ist, während etymologisches zu oder nach uvularisiertem Vokal zu geworden ist.
Weiterhin hat im Laufe der Sprachgeschichte im Ostgrönländischen ein starker Konsonantenschwund stattgefunden. Zwischen zwei gleichen Vokalen schwinden , (auch < ) und (auch < ) sowie oft, weswegen inuk „Mensch“, ingerlavoq „er geht“, tiguaa „sie nimmt es“, nerivoq „er isst“ und pujortaat „Pfeife“ auf Tunumiisut iik, eertavoq, tiivaa, niivoq und poortaat lauten.
Grammatik Substantive Im Ostgrönländischen unterscheidet sich das Nominalsystem dadurch, dass Vokalstämme zu schwachen q-Stämmen geworden sind, die jedoch im Gegensatz zu den ursprünglichen schwachen q-Stämmen nicht geminieren. Da die auslautenden Konsonanten meist nicht ausgesprochen werden, muss die westgrönländische Nebenform des Ablativs als Standardform genutzt werden. Instrumentalis, Lokativ und Allativ werden jedoch häufig völlig gleich ausgesprochen. Weitere Unterschiede ist der fehlende Zusammenfall von Absolutiv und Ergativ Plural sowie der Zusammenfall von Vialis Singular und Plural. Im Folgenden ist das Flexionsparadigma des Wortes itteq „Haus“ (westgrönländisch illu) angegeben.
Kasus Singular Plural Singular Plural Absolutiv -Ø -(i)t itteq „Haus“ itti-t „Häuser“ Relativ -(vi)p -vit itti-(vi)p „des Hauses“ itti-vit „der Häuser“ Instrumentalis („mit“) -mik -nik itti-mik „mit dem Haus“ itti-nik „mit den Häusern“ Lokativ („in, an, auf“) -mi -ni itti-mi „im Haus“ itti-ni „in den Häusern“ Allativ („hin zu“) -mut -nut itti-mut „zum Haus“ itti-nut „zu den Häusern“ Ablativ („von her“) -minngaanii -ninngaanii itti-minngaanii „vom Haus“ itti-ninngaanii „von den Häusern“ Vialis („durch, über“) -kkut/-kkit -kkut/-kkit itti-kkut „über das Haus“ itti-kkut „über die Häuser“ Äqualis („wie, als“) -sut -sut itti-sut „wie das Haus“ itti-sut „wie die Häuser“
Wie im Westgrönländischen können auch im Tunumiisut alle Substantive possessiv flektiert werden. Hier ist der phonologisch bedingte Zusammenfall der einzelnen Flexionsformen noch deutlicher.
PossessorAbsolutiv Relativ Instrumentalis/Lokativ/Allativ/Ablativ Vialis Äqualis Sg. Pl. Sg. Pl. Sg. Pl. Sg. Pl. Sg. Pl. 1. Sg. Poss. itti-nga„mein Haus“ itti-kka„meine Häuser“ itti-ma„meines Hauses“ itti-mma„meiner Häuser“ itti-nni„in meinem Haus/meinen Häusern“ itti-kkut„über mein Haus/meine Häuser“ itti-sut„wie mein Haus“ itti-kkasut„wie meine Häuser“ 1. Pl. Poss. itte-rput„unser Haus“ itti-vut„unsere Häuser“ itti-tta„unseres Hauses/unserer Häuser“ itti-ttinni„in unserem Haus/unseren Häusern“ itti-ttingit„über unser Haus/unsere Häuser“ itti-ttisut„wie unser Haus/unsere Häuser“ 2. Sg. Poss. itti-t„dein Haus“ itti-lit„deine Häuser“ itti-vit„deines Hauses/deiner Häuser“ itti-nni„in deinem Haus/deinen Häusern“ itti-kkut„über dein Haus/deine Häuser“ itti-sut„wie dein Haus“ itti-liisut„wie deine Häuser“ 2. Pl. Poss. itti-si„euer Haus/eure Häuser“ itti-si„eures Hauses/eurer Häuser“ itti-tsinni„in eurem Haus/euren Häusern“ itti-tsingit„über euer Haus/eure Häuser“ itti-tsisut„wie euer Haus/eure Häuser“ 3. Sg. Poss. itti-(v)a„sein Haus“ itti-(v)at„seine Häuser“ itti-(v)ala„seines Hauses/seiner Häuser“ itti-(v)ani„in seinem Haus“ itti-(v)anni„in seinen Häusern“ itti-(v)asingit„über sein Haus/seine Häuser“ itti-(v)asut„wie sein Haus/seine Häuser“ 3. Pl. Poss. itti-(v)at„ihr Haus/ihre Häuser“ itti-(v)ala„ihres Hauses/ihrer Häuser“ itti-(v)anni„in ihrem Haus/ihren Häusern“ itti-(v)asingit„über ihr Haus/ihre Häuser“ itti-(v)asut„wie ihr Haus/ihre Häuser“ 4. Sg. Poss. itti-ni„sein eigenes Haus/seine eigenen Häuser“ itti-mii„seines eigenen Hauses/seiner eigenen Häuser“ itti-mii„in seinem eigenen Haus/seinen eigenen Häusern“ itti-mii„über sein eigenes Haus/seine eigenen Häuser“ itti-misut„wie sein eigenes Haus/seine eigenen Häuser“ 4. Pl. Poss. itti-li„ihr eigenes Haus/ihre eigenen Häuser“ itti-mii„ihres eigenen Hauses/ihrer eigenen Häuser“ itti-minni„in ihrem eigenen Haus/ihren eigenen Häusern“ itti-mikkit„über ihr eigenes Haus/ihre eigenen Häuser“ itti-misut„wie ihr eigenes Haus/ihre eigenen Häuser“
Verben Konjugation Bei den Verben ist ebenfalls der Zusammenfall zahlreicher Formen gegenüber dem Westgrönländischen bemerkbar. Als Beispielwort ist hier der ambivalente Stamm tagi- „sehen“ (westgrönländisch taku-) angegeben.
Indikativ Als übergeordneter Modus kann der Indikativ nicht in der 4. Person flektiert werden.
+ Indikativ Intransitiv Objekt 1. Sg. O. 1 Pl. O. 2. Sg. O. 2. Pl. O. 3. Sg. O. 3. Pl. O. 4. Sg. O. 4. Pl. O.Subjekt 1. Sg. tagi-vua — — tagi-vakkit tagi-vatsi tagi-varnga tagi-vakka — — 1. Pl. tagi-vuut — — tagi-vatsi tagi-vatsi tagi-varput tagi-varput — — 2. Sg. tagi-vulit tagi-varma tagi-vatsinga — — tagi-vat tagi-valit — — 2. Pl. tagi-vusi tagi-vatsinga tagi-vatsinga — — tagi-vatsi tagi-vatsi — — 3. Sg. tagi-voq tagi-vaanga tagi-vaalingit tagi-vaalit tagi-vaasi tagi-vaa tagi-vaat — — 3. Pl. tagi-pput tagi-vaannga tagi-vaalingit tagi-vaalit tagi-vaasi tagi-vaat tagi-vaat — — 4. Sg. — — — — — — — — — 4. Pl. — — — — — — — — —
Interrogativ Der Interrogativ kann nur in der 2. Person sowie intransitiv in der 3. Person flektiert werden.
+ Interrogativ Intransitiv Objekt 1. Sg. O. 1 Pl. O. 2. Sg. O. 2. Pl. O. 3. Sg. O. 3. Pl. O. 4. Sg. O. 4. Pl. O.Subjekt 1. Sg. — — — — — — — — — 1. Pl. — — — — — — — — — 2. Sg. tagi-vit tagi-vinga tagi-visinga — — tagi-viik tagi-vingit — — 2. Pl. tagi-visi tagi-visinga tagi-visinga — — tagi-visiik tagi-visiik — — 3. Sg. tagi-va — — — — — — — — 3. Pl. tagi-ppat — — — — — — — — 4. Sg. — — — — — — — — — 4. Pl. — — — — — — — — —
Imperativ/Optativ Der Imperativ kann nur in der 1. Person Plural und in der 2. Person flektiert werden, während die übrigen transitiven Formen vom Optativ ersetzt werden. Hierbei muss das Derivationsmorphem NIAR genutzt werden.
+ Imperativ/Optativ Intransitiv Objekt 1. Sg. O. 1 Pl. O. 2. Sg. O. 2. Pl. O. 3. Sg. O. 3. Pl. O. 4. Sg. O. 4. Pl. O.Subjekt 1. Sg. — — — tagi-niar-takkit tagi-niar-tatsi tagi-niar-tarnga tagi-niar-takka — — 1. Pl. tagi-niar-ta — — tagi-niar-tatsi tagi-niar-tatsi tagi-niar-tarput tagi-niar-tarput — — 2. Sg. tagi-nia-at tagi-nia-nnga tagi-niar-singa — — tagi-nia-ak tagi-nia-kkit — — 2. Pl. tagi-nia-atsi tagi-niar-singa tagi-niar-singa — — tagi-niar-siik tagi-niar-siik — — 3. Sg. — tagi-niar-tinga tagi-niar-tilingit tagi-niar-tilit tagi-niar-tisi tagi-niar-tiik tagi-niar-tingit — — 3. Pl. — tagi-niar-tinnga tagi-niar-tilingit tagi-niar-tittitik tagi-niar-tisi tagi-niar-tittik tagi-niar-titsiik — — 4. Sg. — — — — — — — — — 4. Pl. — — — — — — — — —
Daneben existiert noch ein vollständig neugebildeter Optativ.
+ Optativ Intransitiv Objekt 1. Sg. O. 1 Pl. O. 2. Sg. O. 2. Pl. O. 3. Sg. O. 3. Pl. O. 4. Sg. O. 4. Pl. O.Subjekt 1. Sg. tagi-iatsi-inga — — tagi-iatsi-ikkit tagi-iatsi-itsi tagi-iatsi-inga tagi-iatsi-ikkut — — 1. Pl. tagi-iatsi-ipput — — tagi-iatsi-itsi tagi-iatsi-itsi tagi-iatsi-ipput tagi-iatsi-ipput — — 2. Sg. tagi-iatsa-ngit tagi-iatsi-imma tagi-iatsi-itsinga — — tagi-iatsa-ngit tagi-iatsi-ilit — — 2. Pl. tagi-iatsi-itsi tagi-iatsi-itsinga tagi-iatsi-itsinga — — tagi-iatsi-itsi tagi-iatsi-itsi — — 3. Sg. tagi-iatsa-ngaa tagi-iatsa-ngaanga tagi-iatsa-ngaalingit tagi-iatsa-ngaalit tagi-iatsa-ngaasi tagi-iatsa-ngaat tagi-iatsa-ngat — — 3. Pl. tagi-iatsa-ngaat tagi-iatsa-ngaannga tagi-iatsa-ngaalingit tagi-iatsa-ngaalit tagi-iatsa-ngaasi tagi-iatsa-ngaat tagi-iatsa-ngat — — 4. Sg. — — — — — — — — — 4. Pl. — — — — — — — — —
Kausativ Der Kausativ und der Iterativ können in allen vier Personen flektiert werden.