mini|Ehemaliges Verwaltungsgebäude, jetzt Erinnerungsort

Das Unternehmen J. A. Topf & Söhne war ein Industriebetrieb in Erfurt. Es baute die Krematorien in verschiedenen Konzentrationslagern wie Buchenwald und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das Unternehmen installierte auch einige Entlüftungsanlagen und gasdichte Türen für die Gaskammern und führte technische Probeläufe der Öfen durch. Das ehemalige Verwaltungsgebäude ist heute der Erinnerungsort Topf & Söhne.

Unternehmensgeschichte Gründung als Maschinenfabrik mini|Regulirfeuerung System S. A. Topf & Söhne, Erfurt für Braupfannen, Malzdarren, Dampfkessel (Annonce 1891)

Im Jahr 1878 gründete Johann Andreas Topf (1816–1891) in Erfurt sein Unternehmen, das komplette Mälzereien und einzelne Brauereimaschinen sowie Siloanlagen, Schornsteine und gasdichte Türen und Fenster und auch davon abgeleitete industrielle Feuerungsanlagen plante und ausführte.Siehe zur Familie Topf Sein Sohn Ludwig Topf (1863–1914) erweiterte es zu einem Betrieb mit über 500 Mitarbeitern. Das Unternehmen errang während des Ersten Weltkriegs große Erfolge mit einer speziell für die Verbrennung von Braunkohle entwickelten Hochleistungs-Feuerung, die äußerst wirtschaftlich arbeitete. Ab 1914 gab es auch eine kleine Abteilung für die Entwicklung und Fertigung von Krematoriumsöfen, dieses Geschäft machte aber nur einen kleinen Teil vom Gesamtumsatz des Unternehmens aus.

Nach dem frühen Tod von Ludwig Topf wurde dessen Witwe Elsa Topf Inhaberin. Nach Umsatzeinbußen geriet das Unternehmen 1933 in Zahlungsschwierigkeiten, so dass ein Vergleichsverfahren eingeleitet wurde. 1935 übernahmen die Enkel des Unternehmensgründers, Ludwig Topf (1903–1945) und Ernst-Wolfgang Topf (1904–1979), gemeinsam die Leitung des Unternehmens.

Rüstungsbetrieb im Zweiten Weltkrieg mini|Geländeplan von J. A. Topf & Söhne 1944/45

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Produktion auf militärische Aufträge der Wehrmacht, wie z. B. Flugzeugteile, umgestellt. In den 1940er Jahren entschloss sich die Unternehmensleitung zur Zusammenarbeit mit dem Reichssicherheitshauptamt, das die Konzentrationslager verwaltete. Dabei wurde kein Druck von oben ausgeübt. Allerdings hatte sich die Liquidität des Unternehmens mit Kriegsbeginn verschlechtert; im April 1941 erreichte der Schuldenstand mit 497.000 Reichsmark einen Höhepunkt. Etwaige moralische Bedenken wurden vermutlich zurückgestellt, um das Unternehmen zu retten.Annegret Schüle: Technik ohne Moral, Geschäft ohne Verantwortung. In: Irmtrud Wojak, Susanne Meinl (Hrsg.): Im Labyrinth der Schuld. Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-37373-4, S. 203. Bedingt durch beständige Weiterentwicklungen der Ingenieure wurde das Unternehmen zum Hauptlieferanten von Verbrennungsöfen für Konzentrationslager. Das Berliner Unternehmen Kori war dabei der größte Konkurrent, obwohl deren Öfen wesentlich einfacher konstruiert waren.

Volkseigener Betrieb In Erfurt wurde das Unternehmen 1948 enteignet und konnte zunächst als Volkseigener Betrieb (VEB) unter der Bezeichnung Nagema Topfwerke Erfurt seine Tätigkeit fortsetzen. Mitte der 1950er Jahre wurde der Betrieb nach dem griechischen Widerstandskämpfer in VEB Maschinenfabrik Nikos Belojannis umbenannt. Später firmierte der Betrieb als VEB Erfurter Mälzerei- und Speicherbau EMS. Von 1970 bis 1990 gehörte der Betrieb zum Kombinat Fortschritt Landmaschinen, wurde nach dessen Auflösung im Zuge der Wende von der Treuhand in eine GmbH umgewandelt und war 1994 endgültig insolvent.

Entwicklung zum Erinnerungsort mini|Denkmal vor dem Verwaltungsgebäude

Das Unternehmen war aus dem Gedächtnis der Stadt und ihrer Bürger weitgehend verschwunden, als 1994 Die Tageszeitung berichtete, dass die Topf-Erben einen Restitutionsantrag für Unternehmensgelände und Fabrikantenvilla gestellt hatten. Durch den Artikel wurde auch bekannt, dass Topf & Söhne nicht nur die Verbrennungsöfen der Krematorien in Auschwitz, sondern auch die Lüftungsanlagen für die Gaskammern installiert hatte. Der Artikel löste eine Berichterstattung in der Lokalpresse als auch in internationalen Medien aus.Mary Williams Walsh: COLUMN ONE : Holocaust Haunts Heirs’ Bid : The Topf brothers built the ovens for the Nazi death camps. Now, their descendants want the factory and villa seized after the war--testing the limits of Germany’s tangled land restoration program. Los Angeles Times vom 2. September 1994

1997 gab der Kulturwissenschaftler Eckhard Schwarzenberger erstmals Anstöße für einen bewussten Umgang mit dem ehemaligen Unternehmensgelände. Gemeinsam mit Institutionen und Kulturträgern Erfurts und einem Förderkreis wurden Konzepte für die Erhaltung und geschichtsbewusste Nutzung des Geländes und der verbliebenen Gebäude entwickelt und in einen öffentlichen Diskurs eingebracht.

Von 2001 bis 2009 wurde das Gelände durch linke Aktivisten besetzt, die sich für einen Erinnerungsort und gegen den Abriss der Fabrikanlagen einsetzten. Nach der Räumung durch die Polizei wurden sie dennoch abgerissen, und es folgte eine Neubebauung des Areals. Nur das ehemalige Verwaltungsgebäude blieb erhalten und wurde 2011 als Erinnerungsort Topf & Söhne eröffnet. Es zeigt eine Ausstellung über die Verstrickungen des Unternehmens in den Holocaust. Der Erinnerungsort ist heute eine Einrichtung der Landeshauptstadt Erfurt und gehört zu ihren Geschichtsmuseen.

Zusammenarbeit mit SS zur Ausstattung der Konzentrationslager Bau von Verbrennungsöfen, Mitwirken am Gaskammerbau mini|Krematorium II im KZ Auschwitz-Birkenau (Juni 1943) mini|Krematorien von J. A. Topf und Söhne mit Knochenresten in den Brennkammern im KZ Buchenwald (14. April 1945) mini|Krematorien von J. A. Topf und Söhne im KZ Mauthausen (2016) mini|Arbeitszeitbescheinigung von Heinrich Messing bezüglich dem Einbau einer Entlüftungsanlage in die Gaskammer des Krematoriums II im KZ Auschwitz-Birkenau (16. August 1943)

Die Firma Topf und Söhne war für den Bau von Verbrennungsöfen in verschiedenen Konzentrationslagern verantwortlich, darunter Buchenwald, dessen Krematorium 1940 errichtet wurde, weil das städtische Krematorium (Weimar) das gar nicht bewältigen konnte, Groß-Rosen, Auschwitz Stammlager, Dachau, Gusen und Mauthausen. Die Muffelöfen waren zunächst transportabel, wurden später eingemauert und waren zuletzt stationär. Die zunächst einzelnen Brennkammern steigerten sich zu Zwei- und Dreimuffelöfen und wurden in Auschwitz-Birkenau auf bis zu acht Kammern erweitert.

Im Oktober 1941 begann die Zusammenarbeit mit Karl Bischoff, dem Bauleiter der SS in Auschwitz, für die Errichtung des Krematoriums II mit fünf Dreimuffelöfen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (siehe auch Gaskammern und Krematorien der Konzentrationslager Auschwitz). Außergewöhnlich war die Kapazität der Anlagen in Auschwitz-Birkenau für insgesamt 4.416 Leichen pro Tag.Annegret Schüle: Technik ohne Moral. S. 208. Diese Anlagen wurden von Ingenieuren des Unternehmens vor Ort installiert und auch repariert. Außerdem wurden auch Entlüftungsanlagen in den Gaskammern von Auschwitz eingebaut, die eine schnellere Entgasung und damit auch eine schnellere Abfolge der Tötungen ermöglichen sollten. Mitarbeiter des Unternehmens Topf & Söhne hatten durch ihre Tätigkeit im Vernichtungslager Einblick in die Verbrechen. So waren namentlich Heinrich Messing und Karl Schultze vor Ort, als es am 14. März 1943 zum ersten Massenmord im Krematorium II kam. Auch Aufzeichnungen, in denen Arbeiten am „Auskleidekeller“Annegret Schüle: Technik ohne Moral. S. 214 sowie als Dokument 34 in Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Auschwitz. München 1995, ISBN 3-492-12193-4. beschrieben sind, oder die Beschaffung von gasdichten Fenstern und Türen sowie Anzeigegeräten für Blausäure-Reste zeugen von einer Mitwisserschaft.

Der DDR-Politiker Bruno Baum zitiert die „Zentralkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Polen“Bei Baum ohne nähere Angabe. Bibliogr. Ergänzung: Konzentrationslager Oświęcim-Brzezinka (Auschwitz-Birkenau) - Auf Grund v. Dokumenten u. Beweisquellen / bearb. Jan Sehn (Hrsg.): Zentralkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Polen. Übers. v. Rita Tertel, Warszawa 1957. (Deutsche Fass. .) wie folgt:

Anfang 1943 übergab die Firma [Topf und Söhne] der Lagerleitung vier große neuzeitliche Krematorien, deren wesentlichster [sic] Bestandteil die Gaskammern waren. Die Krematorien waren mit den römischen Ziffern II, III, IV und V bezeichnet. Die Krematorien II und III besaßen je zwei unterirdische Kammern, in den Bauplänen Leichenkeller 1 und 2 genannt, die zusammen eine einzige für Menschen bestimmte Vergasungseinrichtung bildeten. Kammer 1 war 210 m² groß und 2,3 m hoch, Kammer 2 besaß 400 m² Fläche und war ebenfalls 2,3 m hoch. In den Krematorien IV und V wurde je eine sich über der Erde befindende Kammer mit einer Fläche von 580 m² eingerichtet, die die offizielle Bezeichnung „Badeanstalt für Sonderaktion“ trug.

Unter den erhalten gebliebenen Dokumenten der ehemaligen Lagerleitung Oswiecim befinden sich einige Aufträge der Zentralbauleitung des Lagers, aus denen hervorgeht, daß sowohl die Kammern Nr. 1 in den Krematorien II und III (Leichenkeller) als auch die Badeanstalten für Sonderaktion in den Krematorien IV und V mit gasdichten Türen, die vergitterte Gucklöcher mit 8 mm dickem unzerbrechlichem Glas hatten, versehen waren. Die eigentliche Bestimmung dieser mit mehr oder weniger unschuldigen Bezeichnungen getarnten Räume bezeugt die Korrespondenz des Leiters der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei, Bischoff, in der er diese Räume 'Vergasungskeller' nennt.Baum, Widerstand, erw. Neuausg. Kongress, Berlin 1957, S. 55f; 1962, S. 57f. im Kap. „Die wahren Schuldigen … sind die deutschen Konzerne.“ / Brief von SS-Hauptsturmführer Karl Bischoff an SS-Oberführer Hans Kammler vom 29. Januar 1943 zitiert bei Saul Friedländer: Die Jahre der Vernichtung. Band 2: Das Dritte Reich und die Juden 1939–1945. 2. Auflage. München 2006, ISBN 3-406-54966-7, S. 530–531.

Das Wort „Gaskeller“ findet sich in einer Telefon-Gesprächsnotiz, die Mitarbeiter des Unternehmens Topf und Söhne in Erfurt unter Datum vom 17. Februar 1943 anfertigten. Darin heißt es: „In Sachen: Zentral-Bauleitung der Waffen-SS, Auschwitz/Ost-Oberschl. Betrifft: Be- und Entlüftungsanlage. Es ruft an Herr Schultze und teilt folgendes mit: 1.) Das Entlüftungs-Gebläse Nr. 450 für den Gaskeller ist dort nicht aufzufinden, obwohl es angeblich bei uns abgegangen ist.“Hans Ulrich Thamer, Simone Erpel (Hrsg.): Hitler und die Deutschen - Volksgemeinschaft und Verbrechen. Dresden 2010, ISBN 978-3-942422-10-9 (Ausstellungskatalog). Abb. auf S. 131 = Telefonnotiz von Fritz Sandner, Oberingenieur von T&S, vom 17. Februar 1943.

Ingenieure wie Kurt Prüfergeb. 1891, gestorben 1952 in sowjetischer Gefangenschaft an den Folgen eines Schlaganfalls entwickelten ferner „Verbesserungsvorschläge“ für die sogenannte Expressarbeit: Dabei sollten jeweils drei Leichen in einem Ofen verbrannt werden. Die Konstrukteure wussten also, dass niemand fein säuberlich getrennte Asche zu Bestattungszwecken erhalten würde. Zu den „Verbesserungen“ zählte in Auschwitz auch eine Modifizierung der Öfen, bei der das aus den Leichen austretende Körperfett direkt in die Flammen geleitet und zur Befeuerung weiterverwendet wurde.

In einem erhaltenen Dokument, ein internes und „geheim“ gestempeltes Schreiben von Prüfer an die Geschäftsleitung seines Unternehmens vom 8. September 1942, werden die Kapazitäten der drei in Betrieb befindlichen Öfen mit „250 je Tag“, die der fünf in Bau befindlichen mit „800“ angegeben und zudem zwei Öfen in Aussicht gestellt, die weitere 800 Leichen täglich kremieren könnten. Das Unternehmen hatte solche Achtmuffel-Öfen für ein geplantes Großlager in Mogilew vorrätig; von Lieferungen dorthin seien „Öfen abgezweigt“ worden. Die SS verlangte mehr Öfen von Topf, „damit nun endlich einmal die dringenden Rufe verstummen würden“.