mini|Künstlerische Darstellung des Pak-Nam-Zwischenfalls von Joseph Nash: Die französischen Kanonenboote Inconstant und Comète werden von der siamesischen Küstenfestung beschossen Der Französisch-Siamesische Krieg (; ), auch französisch-siamesischer Konflikt oder kurz Siamkrise genannt, war ein kurzer Kolonialkrieg zwischen der Französischen Republik und dem Königreich Siam (dem heutigen Thailand) im Jahr 1893. Im Ergebnis musste Siam den größten Teil des heutigen Laos an das französische Kolonialreich abtreten.

Das aus siamesischer Sicht einschneidendste Ereignis des Krieges war der Pak-Nam-Zwischenfall (oder Zwischenfall von Paknam) am 13. Juli 1893. In der thailändischen Geschichtsschreibung wird der Konflikt als „Krise des Jahres 112“ (der Rattanakosin-Periode; , Wikrittakan Ro. So. 112) bezeichnet und stellt eine historische Zäsur dar. Nach dieser begann eine beschleunigte Modernisierung von Militär und Verwaltung und Orientierung am Westen, um einen völligen Verlust der Unabhängigkeit abzuwenden.

Hintergrund mini|Laotische Staaten vor Beginn der Kolonialisierung Indochinas (Stand 1750) Die kriegerische Auseinandersetzung von 1893 war Teil eines größeren Konflikts zwischen den beiden Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien sowie dem unabhängigen Königreich Siam um die Kolonialisierung des südostasiatischen Festlands (historisch Hinterindien oder Indochina genannt). Im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten die beiden europäischen Großmächte – Großbritannien von Britisch-Indien und den Straits Settlements im Süden der Malaiischen Halbinsel (z. B. Singapur), Frankreich von Cochinchina (dem Süden von Vietnam) aus – immer weitere Teile von Festlands-Südostasien unter ihre Kontrolle gebracht.

Bis zur Kolonisation durch europäische Mächte herrschte in Südostasien das Mandala-Modell: Es gab keine souveränen Flächenstaaten mit fixen Grenzen, sondern die Reiche bildeten schalenförmige, nach außen hin schwächer werdende Einflusssphären, die einander auch überlappen konnten. Nach dem Niedergang und Zerfall des laotischen Mandalas Lan Xang um 1707 gehörten die beiden laotischen Königreiche Luang Prabang und Vientiane sowohl zur Einflusszone Siams als auch der Vietnams (das dritte, Königreich Champasak, war ausschließlich Vasall Siams). Gleiches galt für Kambodscha. Sie blieben in inneren Angelegenheiten weitgehend autonom, mussten aber an den (bzw. die) jeweiligen Oberherrscher Tribut leisten. Es kam zu gelegentlichen Strafexpeditionen, wenn einer der untergeordneten Herrscher nach Unabhängigkeit strebte oder sich zu sehr an den jeweils anderen Suzerän anlehnte. Dabei wurde jeweils ein Teil der Bevölkerung als Zwangsarbeiter verschleppt und/oder Mitglieder des Adels als Geiseln genommen, um für die fortgesetzte Anerkennung der Oberherrschaft zu garantieren.

mini|Fortschreiten der französischen und britischen Kolonisation Indochinas (1862–1909) Nach der Errichtung französischer Protektorate über Cochinchina, Annam und Tonkin (entspricht Süd-, Zentral- und Nordvietnam) bis 1883 erhob Frankreich – gestützt auf die traditionelle Suzeränität Vietnams über die laotischen Staaten – auch den Anspruch auf die Oberherrschaft über Laos. Dabei ignorierte die französische Seite das Mandala-Modell der einander überlappender Einflusssphären und versuchte stattdessen das europäische Konzept territorialer Souveränität mit klar festgelegten Grenzen durchzusetzen und Siam folglich von seiner konkurrierenden Oberherrschaft auszuschließen. Alte kaiserliche Urkunden am vietnamesischen Hof in Huế, die laotische Fürstentümer (Müang) als Provinzen Vietnams verzeichneten (obwohl der faktische vietnamesische Einfluss dort minimal war), dienten den französischen Kolonialherren zur Untermauerung dieser Ansprüche.Martin Stuart-Fox: A History of Laos. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1997, S. 21. Dabei war die französische Kolonialpartei eigentlich weniger am dünn besiedelten und schwer zugänglichen Laos interessiert, wollte dieses aber als „Sprungbrett“ zu den ressourcen- und bevölkerungsreichen Gebieten westlich des Mekong nutzen.Martin Stuart-Fox: A History of Laos. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1997, S. 20.

Verhandlungen zur Einrichtung einer gemeinsamen französisch-siamesischen Grenzkommission, die den Grenzverlauf zwischen beiden Mächten untersuchen sollte, scheiterten. Jedoch schlossen Frankreich und Siam 1886 ein vorläufiges Abkommen, das Frankreich die Errichtung eines Vizekonsulats in Luang Prabang erlaubte und den französischen Handel dort regelte.Martin Stuart-Fox: A History of Laos. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1997, S. 22. Dies war – im Sinne des „Wettlaufs“ zwischen Frankreich und Großbritannien – auch eine Reaktion auf den drei Jahre zuvor geschlossenen Britisch-Siamesischen Vertrag, der Großbritannien Einfluss im siamesischen Vasallenstaat Lan Na (heute Nordthailand) einräumte und die Entsendung eines britischen Konsuls nach Chiang Mai vorsah.

Der französische Kolonialbeamte und Entdecker Auguste Pavie, der seit 1869 in Südostasien im Einsatz war, wurde zum französischen Vizekonsul in Luang Prabang ernannt. Pavie reiste durch das Land, vermaß es, studierte die Kulturen der verschiedenen Volksgruppen und knüpfte Kontakte zu den örtlichen Eliten. Zwischen 1865 und 1890 wurde der Norden von Laos und Vietnam wiederholt von sogenannten Ho, Banden südchinesischer Marodeure heimgesucht. Die Truppen einer siamesischen „Befriedungsexpedition“ in Nordlaos und Sip Song Chu Thai (eine Föderation der Tai-Völker im Bergland des heutigen Nordwest-Vietnam) zog sich kurz nach Pavies Ankunft in Luang Prabang mit ihren erbeuteten Gefangenen in Richtung Bangkok zurück, in der irrigen Ansicht, die siamesische Oberherrschaft würde nun anerkannt. In Luang Prabang blieb nur eine kleine siamesische Garnison zurück. Dies nutzte Kham Hum (Đèo Văn Trị), Fürst der „Weißen Tai“ von Sip Song Chu Thai, der sich mit Ho-Rebellen verbündete und griff Luang Prabang an. Die siamesischen Truppen flohen, während ein kambodschanischer Mitarbeiter Pavies den greisen König Oun Kham aus seinem brennenden Palast rettete und Pavie mit diesem den Mekong abwärts in das sichere Pak Lay reiste. So erwarb der Franzose das Wohlwollen des örtlichen Herrschers. Dieser erwog, sich statt des siamesischen Protektorats dem französischen zu unterstellen.Arthur J. Dommen: The Indochinese Experience of the French and the Americans. Nationalism and Communism in Cambodia, Laos, and Vietnam. Indiana University Press, Bloomington (IN)/Indianapolis 2001, S. 17.

Pavie erreichte 1888 die Anerkennung der Sip Song Chu Thai, deren Zugehörigkeit bis dahin zwischen Luang Prabang (und damit der siamesischen Einflusssphäre) und Tonkin (Französisch-Indochina) umstritten war, als Bestandteil Tonkins. Die Parti Colonial (Kolonialpartei) im französischen Parlament drängte aber auf eine weitere Ausdehnung der französischen Besitzungen in Indochina und eine aggressivere Politik gegenüber Siam. Sie forderte den Mekong als „unseren Fluss“, von dem sie sich einen verbesserten Handelsweg nach China erhoffte. Mittelfristig hoffte Pavie das ganze ehemalige Reich Lan Xang (das sich auf beiden Seiten des Mekong erstreckte) und sogar Siam unter französische Kontrolle zu bringen. Jean de Lanessan, ein Befürworter dieser offensiven Strategie, wurde 1891 neuer Generalgouverneur von Indochina. Das französische Konsulat in Bangkok wurde 1892 zur Gesandtschaft aufgewertet und Auguste Pavie stieg zum Gesandten auf. Sein ausdrücklicher Auftrag war es, Siam durch Verhandlungen zur Aufgabe von Laos zu bringen und dieses zu einem französischen Territorium zu machen.Peter und Sanda Simms: The Kingdoms of Laos. Six Hundred Years of History. Curzon Press, Richmond (Surrey) 1999, S. 206.

Auslöser Im September 1892 wurden zweiPeter und Sanda Simms: The Kingdoms of Laos. Six Hundred Years of History. Curzon Press, Richmond (Surrey) 1999, S. 207. oder dreiMartin Stuart-Fox: A History of Laos. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1997, S. 23. französische Händler auf Befehl der siamesischen Gouverneure in Nong Khai und Khammuan ausgewiesen, ihnen wurde Opiumschmuggel vorgeworfen. Unabhängig davon beging der französische Vizekonsul in Luang Prabang, Massie, der an Fieber erkrankt und auf dem Weg nach Saigon war, aus ungeklärten Motiven Suizid. Pavie und die französische Kolonialpartei nutzten diese beiden Vorfälle – die sie als Beweise für das „unzivilisierte“ Verhalten Siams darstellten – als Vorwand, gegenüber Siam eine Vergeltung zu verlangen. In Frankreich wurde eine chauvinistische Stimmung geschürt: Zeitungen behaupteten, dass Massie sich getötet hätte, weil er von siamesischer Seite schwer beleidigt worden sei. Zudem sei eine französische Flagge durch Anhängen eines Fischschwanzes entwürdigt worden. Pavie forderte nun, im Namen Frankreichs, Siam offiziell auf, seine Militärposten auf der Ostseite des Mekong zu räumen.Martin Stuart-Fox: A History of Laos. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1997, S. 24.

Verlauf mini|Karikatur in der britischen Zeitschrift The Sketch: Ein französischer Soldat greift einen siamesischen an, der als passive Holzfigur dargestellt ist. Das soll die Unterlegenheit und den geringen Widerstand der siamesischen Truppen widerspiegeln. Französische Offensive in Laos Im März 1893 entsandte der französische Generalgouverneur von Indochina drei Bevollmächtigte, jeweils begleitet von einer Militärkolonne, ins mittlere und südliche Laos. Die mittlere der drei Kolonnen, die das Tal des Se Banghiang hinab zum Mekong zog, stieß auf keinen siamesischen Widerstand. Die Truppen der acht in ihrem Weg liegenden Garnisonen zogen sich zurück. Die nördliche und südliche französische Kolonne stießen jedoch auf Widerstand. Die südliche nahm zunächst Steng Trung und Khong ein, ohne dass ein Schuss fiel, wurde dann aber auf der Insel Khong eingekesselt, wobei ein französischer Offizier starb und einer gefangen genommen wurde. Die nördliche vertrieb zunächst ohne Waffengewalt den siamesischen Bevollmächtigten aus Khammuan, fiel dann einem siamesischen Überraschungsangriff zum Opfer. Dabei starben der französische Kommandeur Grosgurin und seine vietnamesischen Soldaten (bis auf drei).Arthur J. Dommen: The Indochinese Experience of the French and the Americans. Nationalism and Communism in Cambodia, Laos, and Vietnam. Indiana University Press, Bloomington (IN)/Indianapolis 2001, S. 18.

Dies nahm die französische Kolonialpartei zum Anlass, die anti-siamesische Stimmung weiter anzuheizen und Rache zu fordern. Zugleich kam es in Bangkok zu Ausschreitungen gegen westliche Ausländer. Drei britische Marineschiffe wurden an der Mündung des Mae Nam Chao Phraya (Chao-Phraya-Fluss – der Hauptstrom Zentralthailands, der u. a. durch Bangkok fließt – zeitgenössisch Menam genannt) in den Golf von Siam stationiert, um notwendigenfalls britische Staatsbürger evakuieren zu können.Martin Stuart-Fox: A History of Laos. Cambridge University Press, Cambridge/New York 1997, S. 25.

Pak-Nam-Zwischenfall mini|„Der französische Wolf und das siamesische Lamm“, in der britischen Zeitschrift Punch