miniatur|Margarethe von Wied als Braut, Ölgemälde von Bartholomäus Bruyn d. Ä., 1534 Gräfin Margarethe von Wied-Runkel (* um 1506/10; † 5. August 1572 in Saverne) war eine deutsche Adelige, die wegen ihrer medizinischen Kenntnisse bekannt war und für ihre unentgeltlichen ärztlichen Ratschläge geschätzt wurde.
Herkunft Margarethe von Wied-Runkel war die Tochter von Graf Johann III. von Wied-Runkel-Isenburg (* um 1475/85; † 1533) und Gräfin Elisabeth von Nassau-Dillenburg (1488–1559); ihre Eltern hatten am 1. Februar 1506 geheiratet.Vgl. Urkunden vom 1505, 1506 und 1512; Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 3036 Gesamtinventar Altes Dillenburger Archiv, Nr. KHA Inv. A 2, Nr. 530–542). Margarethe war eine Nichte des Kölner Erzbischofs Hermann V. von Wied und des Münsteraner Bischofs Friedrich III. von Wied.
Unter ihren Geschwistern waren die Äbtissin Magdalena von Wied-Runkel von Nottuln und Elten, Graf Johann IV. von Wied-Runkel († 1581) und Erzbischof Friedrich IV. von Wied von Köln. Sie war verschwägert unter anderem mit Graf Anton I. von Isenburg-Büdingen-Ronneburg-Kelsterbach, den Grafen Ludwig und Wolfgang von Stolberg-Königstein, Graf Friedrich Magnus I. von Solms-Laubach, Gräfin Katharina von Hanau-Münzenberg und dem Reichserbschenken Christoph III. Schenk von Limpurg-Gaildorf (1531–1574).
Leben 1525 nahm ihr Vater Johann III. von Wied-Runkel für seine Tochter Margarethe ein Darlehen bei Graf Wilhelm von Nassau auf.Urkunde vom 28. August 1525; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 170 I Nassau-Oranien (Dillenburger Archiv), Nr. U 3264). Margarethe von Wied-Runkel war bei der Heiratsberedung 1518, bekräftigt 1523, von ihrem ersten Ehemann Bernhard von Bentheim-Steinfurt die Burg Altena in Schüttorf als Wittum zugesichert worden, nach dem frühen Tod ihres Mannes wurde sie jedoch 1528 abgefunden.Vgl. Heinrich Voort: Zur Geschichte der Burg Altena in Schüttorf. In: Jahrbuch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim 1971. (Das Bentheimer Land 72). Heimatverein der Grafschaft Bentheim, 1970, S. 143–161.
Margarete von Wied und ihr zweiter Ehemann Arnold von Manderscheid-Blankenheim nahmen 1546 bei Godert (Gotthard) von Densborn, Herr zu Lindweiler, Amtmann zu Hardt, ein Darlehen über 200 Joachimstaler auf, das zu 5 % verzinst und aus den Schatzungen der Dörfer Roderath, Holzmülheim, Bouderath und Buir beglichen wurde; als Siegelzeuge fungierte Johann (Jost) von der Heyden (* um 1505; † nach 1560) zu Nechtersheim (Nettersheim), Herr zu Dalbenden, Amtmann zu Blankenheim.Urkunde vom 29. Juni 1546; Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 54,032 Waldbott v. Bassenheim, Urkunde 209).
Medizinisches Wirken in Köln Die Gräfin lebte später in Köln, wo sie das Haus zum Scherfgin in der Breite Straße bewohnte. Ihr Bruder Friedrich von Wied residierte von 1562 bis 1567 als Erzbischof und Kurfürst in der Domstadt, und ihr Sohn Arnold (1546–1614) war Ende der 1560er Jahre Domherr in Köln.
Hermann von Weinsberg (1518–1597) berichtet von einer lebensbedrohlichen Erkrankung seiner Frau Drutgin Bars († 1573) im Spätsommer und Herbst 1567.Vgl. Leonhard Ennen: Aus dem Gedenkbuch des Hermann Weinsberg. In: Zeitschrift für Kulturgeschichte 3 (1874), S. 489–575, bes. S. 493 (Google-Books) = Liber iuventutis, Blatt 541–543 (Digitalisat der Universität Bonn). Nachdem der Kölner Stadtarzt Bernhard Dessennius Cronenberg (1509–1574)Aus Amsterdam, Studium in Löwen und Italien, Dr. med. in Bologna, Arzt in Groningen und Köln, 1547 als promovierter Arzt immatrikuliert in Köln, Stadtarzt.Vgl. Theodor Gottfried Husemann: Die Kölnischen Pharmakopöen und ihre Verfasser. (Sonderdruck aus der Apotheker-Zeitung 1899). Denter & Nicolas, Berlin 1899, S. 23–44, bes. S. 43 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). nach einer Harnschau am 21. August ihren Tod an der „zerende krenckde“ im kommenden Winter prognostizierte, fürchtete Weinsberg, der Arzt wolle ihn in die Kosten treiben. Er wandte sich deshalb an „die greifin van Widt und Blankenhem, zum SchirfginHaus zum Scherfgin, früher zum Schaitzavel (= Schachtzabel, Schach-Tabula, -Tafel = Schachbrett). uff der Briderstraissen wonhaftich, ein seir erfarne frau in der medicinen, die vil leuten umbsunst half“. Drutgin Bars holte den ärztlichen Rat der Gräfin ein, „schenkte ir zu zeiten raitzichnGeprägte Weinverzehr-Wertmarke des Stadtrates von Köln im Geldwert eines halben Talers. oder ander klein verehrung“, erholte sich und konnte ihr Haus nach 22 Wochen Bettlägerigkeit am 8. Oktober das erste Mal wieder verlassen.Vgl. Jana Madlen Schütte: Medizin im Konflikt. Fakultäten, Märkte und Experten in deutschen Universitätsstädten des 14. bis 16. Jahrhunderts. (diss. phil. Göttingen). Brill, Leiden 2017, bes. S. 1–3.
Die Bibliothek ihres Sohnes Graf Arnold II. von Manderscheid-Blankenheim (1546–1614, reg. 1604–1614), zu dem Hermann von Weinsberg ebenfalls Kontakt unterhielt,Eintrag vom 2. März 1570; Liber iuventutis, Blatt 580 (Digitalisat der Universität Bonn).Vgl. Klaus Stezenbach: Die Straßburger Lautenbücher 1574 und 1586 von Sixtus Kargel. Bretten 2004, S. 20 und S. 79–84 (PDF; 9,35 MB). bestand vorwiegend aus medizinischen Handschriften,Vgl. Alan R. Deighton: Die Bibliothek der Grafen von Manderscheid-Blankenheim. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 26 (1986), S. 259–283; Elisabeth M. Kloosterhuis: Erasmusjünger als politische Reformer. Humanismusideal und Herrschaftspraxis am Niederrhein im 16. Jahrhundert. Böhlau, Wien 2006, S. 317. mit deren Sammlung vermutlich bereits Margarethe von Wied-Runkel begonnen hatte. In Rezeptsammlungen des Pfalzgrafen Reichard von Pfalz-Simmern (Simmern, um 1570)Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 195, Bl. 150). und seines Neffen Kurfürst Ludwig VI. von der Pfalz (Amberg, 1570–1572)Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 192, Bl. 133 und Bl. 258; letzteres zitiert Cod. Pal. germ. 195, Bl. 150). wird die „Gräfin von Wied“ als Rezept-Zuträgerin genannt. Zu einem Rezept furs zittern der hennde heißt es: „Die Greuin von Wida hats Vonn Doctor Jacob Ochs gelernet, dann Hertzog Reichardt von gedachter Greuin“.Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 192, Bl. 258; vgl. Cod. Pal. germ. 195, Bl. 150); Matthias Miller, Karin Zimmermann (Bearb.): Die medizinischen Handschriften unter den Codices Palatini germanici der Universitätsbibliothek Heidelberg, Teil 2,1. Heidelberg 2005, S. 126 und 146. Jakob Ochs († 1575)Vielleicht ein Sohn oder Neffe des Jakob Ochs (Taurinus; zum Ochsen) († 1568) aus Bonn, am 17. Oktober 1535 immatrikuliert in Köln, Dr. jur., erzbischöflicher Kurkölner Rat, ab 1550 Professor für kanonisches Recht in Köln, verheiratet mit Cäcilia Broich und Ursula Rinck († 1563).Die Familie Ochs stammte aus der Apotheke Zum bunten oder roten Ochsen am Bonner Markt; vgl. Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Reichskammergericht, Nr. 1013 - Az. C 514/1320) u. a. war der erste akademisch ausgebildete Mediziner (Dr. med.), von dem bekannt ist, dass er ohne Verbindung zum jülich-bergischen Herzogshof als Stadtarzt in Düsseldorf praktizierte.Erich Wisplinghoff: Mittelalter und frühe Neuzeit – Von den ersten schriftlichen Nachrichten bis zum Ende des Jülisch-Klevischen Erbstreits (ca. 700-1614). In: Hugo Weidenhaupt (Hrsg.): Düsseldorf. Geschichte von den Ursprüngen bis ins 20. Jahrhundert, Bd. 1. Schwann, Düsseldorf 1988, S. 161–445, bes. S. 275–282 und 420f. Bei dem Rezept Fur einen bösen magen Eusserlich zugebrauchen merkte Ludwig VI. von der Pfalz an: „Dise kunst haben wir von Hertzog Reichart Pfaltzgraffen bekhomen. Welche S: G: (= Seine Gnaden) von dero fraw SchwigerReichard war seit 1569 in erster Ehe mit Gräfin Juliana zu Wied-Runkel (1545–1575) verheiratet, einer Großnichte der Margarethe von Wied-Runkel. der Gräfin vonn Widt gelernet“.Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 192, Bl. 133); Matthias Miller, Karin Zimmermann (Bearb.): Die medizinischen Handschriften unter den Codices Palatini germanici der Universitätsbibliothek Heidelberg, Teil 2,1. Heidelberg 2005, S. 116.
Tod in Saverne Nach der Abdankung ihres Bruders Friedrich von Wied als Erzbischof und seinem Tod zog Margarethe von Wied-Runkel Mitte des Jahres 1572Das Todesjahr war 1572, nicht – wie teilweise in der Literatur genannt – 1571; vgl. Johannes Friese: Neue vaterländische Geschichte der Stadt Straßburg. Lorenz und Schuller, Straßburg 1791, S. 302f (Google-Books), u. a. zu ihrem Sohn Johann IV. von Manderscheid-Blankenheim, der 1569 zum Bischof von Straßburg gewählt worden war. Bischof Johann IV., der selbst in seinem Gebiet die katholische Gegenreformation unterstützte, ließ den lutherischen Pfarrer und Superintendenten Ulrich Cubicularius des Grafen Philipp IV. von Hanau-Lichtenberg aus dem 25 km entfernten Pfaffenhoffen in seine Residenzstadt Saverne (Zabern) kommen, um seiner sterbenden Mutter den Wunsch zu erfüllen, das Abendmahl sub utraque specie zu empfangen.Bericht von Johannes Pappus (1549–1610) bei Aloys Meister: Der Strassburger Kapitelstreit 1583-1592. Heitz & Mündel, Straßburg 1899, S. 5 Anm. 2 (Google-Books). Ihr Sohn Johann IV. ließ sie neben seinem Vater in der Manderscheider Grablege – wahrscheinlich in der „St. Margaretha-Kapelle“ der Burg Blankenheim – beisetzen.Vgl. Dagobert Fischer: Geschichte der Stadt Zabern im Elsaß seit ihrer Entstehung bis auf die gegenwärtige Zeit. F. Fuchs, Zabern 1874, S. 33f (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). Die Manderscheider Grablege wurde 1815 aus der – nicht mehr erhaltenen – Burgkapelle in die Krypta der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt verlegt. Zwölf Mitglieder der gräflichen Familie wurden schließlich 1869 hinter den neuromanischen Arkaden in der Wand beigesetzt.
Familie Margarethe von Wied-Runkel heiratete in erster Ehe um 1523 Junggraf Bernhard von Bentheim-Steinfurt (* um 1490/95; † 1528), Sohn von Ewerwin II. (III.) von Bentheim-Steinfurt (1466–1498), Herr zu Wevelinghoven, und Gräfin Adelheid (Aleyd) von Hoya (1475–1513). 1525 nahm ihr Vater Johann III. von Wied-Runkel für seine Tochter Margarethe ein Darlehen bei Graf Wilhelm von Nassau auf.Urkunde vom 28. August 1525; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 170 I Nassau-Oranien (Dillenburger Archiv), Nr. U 3264). Margarethe von Wied-Runkel war bei der Heiratsberedung 1518 die Burg Altena in Schüttorf als Wittum zugesichert worden, nach dem frühen Tod ihres Mannes wurde sie jedoch 1528 abgefunden.Vgl. Heinrich Voort: Zur Geschichte der Burg Altena in Schüttorf. In: Jahrbuch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim 1971. (Das Bentheimer Land 72). Heimatverein der Grafschaft Bentheim, 1970, S. 143–161. Die Ehe blieb kinderlos. miniatur|Arnold I. von Manderscheid, Ölgemälde von Bartholomäus Bruyn d. Ä., 1534 In zweiter Ehe heiratete sie 1534 Graf Arnold I. von Manderscheid-Blankenheim (1500–1548), Sohn von Graf Johann I. von Manderscheid-Blankenheim (1446–1524), Herr zu Gerolstein (Gerhardstein), und (⚬ 1473, ⚭ 1480) Gräfin Anna Margaretha von der Marck-Arenberg († 1542). Das Paar hatte folgende Nachkommen: Hermann von Manderscheid-Blankenheim (1535–1604), 1558 als Kanoniker des Kölner Domstiftes nominiert,Adelsnachweis mütterlicherseits durch die Grafen Johann III. von Nassau-Beilstein, Philipp von Solms-Braunfels (1494–1581), Sebastian II. von Sayn-Homburg (1529–1573) und Hans Gerhard I. von Manderscheid-Blankenheim-Gerolstein (1536–1611) vom 27. August 1558; Historisches Archiv der Stadt Köln (Bestand 210 Domstift, U 2/2548). 1558 immatrikulierte sich „Herm. Comes a Manderscheidt-Virnenburg et Blankenheim“ in Ingolstadt, 1559 in Padua, er resignierte als Domherr, verheiratet seit 1567 mit Juliana von Hanau-Münzenberg (1529–1595), 1584 kaiserlicher Rat Rudolfs II. Mit seiner Volljährigkeit 1560 trat Hermann die Nachfolge seines Vaters als Landesherr an. Odilia von Manderscheid-Blankenheim (1536–1597), verheiratet seit etwa 1561 mit Reinhard II. von Leiningen-Westerburg (1530–1584) in Westerburg.