Heinrich Quade (* 23. September 1866 auf der Fienstorfer Mühle; † 17. August 1945 in RostockSterbeurkunde Nr. 2408/1945, Sterberegister Standesamt Rostock 1940–1949, Stadtarchiv Rostock.) war ein deutscher Maurermeister und Bauunternehmer in Rostock. Im Alter von 75 Jahren begann er seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben, die 2015 veröffentlicht wurden.
Leben Kindheit und Familie Heinrich Quade war das einzige Kind des Erbmüllers Heinrich Quade und dessen Ehefrau Johanna, geb. Galle. Er verbrachte seine frühe Kindheit auf der Fienstorfer Mühle. Die Ansiedlung bestand damals aus einem Wohnhaus, einer Bäckerei, einer Windmühle sowie Scheune und Stall und 180 Morgen Ackerland. Als Heinrich Quade das Schulalter erreichte, unterrichtete ihn zunächst Hilfslehrer Hopfenrath in Thulendorf. 1873 wurde Quade in der Großen Stadtschule in Rostock eingeschult und zu seiner Großmutter mütterlicherseits in Pension gegeben. mini|hochkant|Hartestraße 9 Witwe Friederike Galle lebte in der Hartestraße 9 in Rostock.Vgl. Adressbuch Rostock 1873 Quades Großvater Galle war ursprünglich Damenschneider, hatte dann aber ein Korsettgeschäft eröffnet. Dieses Geschäft wurde nach seinem Tod von Großmutter Friederike mit Erfolg weitergeführt. Dagegen hatte Quades Vater auf der Fienstorfer Mühle große Mühe mit der Landwirtschaft, die wegen der mäßigen Bodenqualität nicht viel einbrachte. Seiner Mühle machten in der Nachbarschaft die Thulendorfer Mühle und eine weitere in Hohenfelde Konkurrenz. Nachdem die Hohenfelder Mühle abgebrannt war, bat Heinrich Quade senior auf dem Gut Groß Lüsewitz, das bisher von der abgebrannten Mühle beliefert worden war, die Brot- und Mehllieferungen übernehmen zu dürfen. Quades Erinnerung nach wurde sein Vater damals sehr gedemütigt.Heinrich Quade: Fährten im Stein. Erinnerungen des Rostocker Baumeisters Heinrich Quade (1866-1945), Verlag Redieck & Schade GmbH, Rostock 2015, ISBN 978-3-942673-65-5, S. 17 1876 verkaufte Heinrich Quade senior die Mühle und zog mit seiner Ehefrau nach Rostock. Johanna Quade übernahm das Korsettgeschäft ihrer Mutter in der Hartestraße 9, während ihr Ehemann fortan als Rentier lebte.Heinrich Quade, ebenda, S. 19
Schulzeit und Rostocker Gesellschaft Vom ersten Schultag blieb Quade unter anderem der Weg an dem damals noch offenen Wallgraben entlang in Erinnerung: „Der jetzige Rosengarten vor der Post war damals ein zum großen Teil noch offener, vielleicht zehn Meter tiefer Wallgraben, noch aus der Befestigungszeit Rostocks stammend. Man war dabei, diesen Graben mit Bauschutt und Müll aufzufüllen.“Heinrich Quade, ebenda, S. 13 Zu den engsten Freunden Heinrich Quades in der Schulzeit gehörte Otto Methling, der später Hofschlossermeister wurde. Ein weiterer Schulfreund Quades war Friedrich Franz Burchard, der siebte Sohn des Kaufmanns, Reeders, Senators und späteren Bürgermeisters von Rostock Peter Johann Friedrich Burchard, der in der Hartestraße 21/22 wohnte.Firma Burchard & Sohn, Kornhandel und Schiffsreederei. Zu Burchard vgl. Adressbuch Rostock 1876 Burchard junior war nach dem Großherzog Friedrich Franz II. benannt, der auch dessen Patenschaft übernommen hatte. Die Familie Burchard gehörte zu den sogenannten Patrizierfamilien Rostocks. Quade bemerkte allerdings: „Mit der Herrlichkeit der „Patrizier“ war es aber Anfang der 60er Jahre aus. Rostock hatte eine Handelsschiffsflotte von 400 Schiffen und damit der Zahl nach die größte der Ostsee. Wir hatten in den 70er Jahren bereits vier Frachtdampfer [...] um 1880 rum vermehrte sich die Dampferflotte nicht nur in Rostock [...] Dadurch wurde die Segelschiffflotte in ganz kurzer Zeit nahezu wertlos [...] Mir ist es nie klar geworden, wie es möglich war, daß die Reeder dies nicht kommen sahen und sich nicht rechtzeitig umstellten [...] Noch Mitte der 70er Jahre war auf den Schiffswerften von Bohn & Burchard, Rickmann, Ludewig noch Großbetrieb [...] Senator P. J. F. Burchard, genannt Pif [...] mußte auch später [...] sein Geschäft aufgeben und lebte dann von seinem Bürgermeistergehalt [...] Wir haben auch später reiche Kaufleute in Rostock gehabt, aber keiner glich den alten „Patriziern“. Diese Gesellschaftsklasse starb aus und ist in ihrer Art in Rostock nicht wieder erstanden.“Heinrich Quade, ebenda, S. 30 ff.
Quade berichtete in seinen Erinnerungen auch von verschiedenen Lehrern an der Großen Stadtschule. Sein Ordinarius in Quinta war Brandt. Ab der Quarta musste Quade die Realschule besuchen und war entsetzt über die Gesellschaft, in der er sich nun befand. Etwa um diese Zeit wechselte die Familie Quade auch den Wohnsitz und zog in die Poststraße 9 Ecke Kleine Bäckerstraße.Vgl. Adressbuch Rostock 1881–1885 In seiner Zeit als Schüler erlebte Quade zwei große Brände in Rostock mit: zuerst brannte das hölzerne Circusgebäude in der Grubenstraße 28 ab,Sogenannter Reitcircus, Reitstall mit Reitschule der Familie Scott, vgl. Adressbuch Rostock bis 1877 1880 dann das Stadttheater am Kuhberg 6.Vgl. Adressbuch Rostock bis 1880 Ein weiteres Ereignis, das in seine Schulzeit fiel, war die 300-Jahr-Feier seiner Schule, anlässlich derer Direktor Krause eine Rede hielt, die mit seinem Standardsatz „Wir haben uns hier versammelt...“ begann. Quade hatte nie bei Krause Unterricht, wurde aber oft Zeuge lautstarker Wutausbrüche dieses Pädagogen, die von Felix Lindner süffisant kommentiert wurden.Heinrich Quade, ebenda, S. 50
Die Familie Quade zog in Quades letzten Schuljahren in die Augustenstraße 1; das Haus blieb etwa zehn Jahre lang im Besitz der Familie.Vgl. Adressbuch Rostock ab 1885 Heinrich Quade teilte sich darin ein Giebelzimmer mit seinem Cousin Gustav Ahrens, der schon vorher zur Familie Quade in Pension gegeben worden war. Ahrens weckte Heinrich Quades Interesse für Politik; sein Held in dieser Zeit war Eugen Richter. Ein Nachbar, der Fotograf Friedrich Geist, war als Verfasser von Knittelversen bekannt, von denen Quade noch im hohen Alter etliche rezitieren konnte.Heinrich Quade, ebenda, S. 61 ff.Fotograf a. D. Friedrich Geist, Alexandrinenstraße 64, vgl. Adressbuch Rostock 1886
Berufsausbildung Bei Maurermeister Carl Heinig, der seit 1877 ein Baugeschäft in Rostock hatte, begann Quade nach dem Ende der Schulzeit das Maurerhandwerk zu erlernen. Auf der Baustelle der Rostocker Aktien-Zuckerfabrik an der Kessiner Chaussee sammelte er erste praktische Erfahrungen.Geschichte der Rostocker Aktien-Zuckerfabrik Wenige Wochen nach Antritt der Lehre feierte Quade in zünftiger Kluft den Einzug des neuen Großherzogs Friedrich Franz III.Quade ging in seinen Erinnerungen davon aus, es habe sich um Friedrich Franz IV. gehandelt. Dieser bestieg aber erst 1897 den Thron. Vgl. Heinrich Quade, ebenda, S. 66 Nach Fertigstellung der Zuckerfabrik im Oktober 1884 wollte Quade auf die Bauschule wechseln, doch sein Lehrherr hielt ihn den Winter über in Rostock fest. Im Frühjahr arbeitete Quade auf der Baustelle der Frauenklinik an der Doberaner Straße. Einige Wochen arbeitete er auch beim Bauunternehmen Carl Pflugk.Vgl. Adressbuch Rostock 1886 mini|Baugewerkschule Eckernförde In den Wintersemestern 1885/86, 1886/87 und 1889/90 studierte Quade an der Baugewerkschule Eckernförde. Die Sommer waren weiterhin praktischer Arbeit auf dem Bau gewidmet; Quade war beim Bau des Bahnhofsgebäudes für die Lloydbahn in Warnemünde beschäftigt, im zweiten Sommer bei einem Fabrikneubau in Spindlersfelde. Quade erkrankte kurz darauf, konnte im Wintersemester 1888/89 nicht weiterstudieren und nahm eine Stelle als Techniker bei einem Unternehmer in Waren an. Danach leistete er seinen Militärdienst ab, den er als Unteroffizier beendete, und kehrte nach Eckernförde zurück. Im Frühjahr 1890 trat Quade zum Examen an und bestand mit dem Prädikat „vorzüglich“. Von 42 Kandidaten erhielten nur drei diese Beurteilung.Peter Genz: Bauen über die Region hinaus. Wachholtz, 2006, ISBN 978-3-529-05335-1, S. 253 ()
Quade trat danach eine Stelle beim Zimmereigeschäft Jargsdorff in Kiel an. Unter anderem hatte er Kalkulationsarbeiten für die Holtenauer Schleuse in Kaiser-Wilhelm-Kanal zu erledigen. Da Quade die Ausbildung, die er in Eckernförde genossen hatte, zu einseitig fand, beschloss er, noch zwei Semester in München zu studieren. Seine Eltern hatten mittlerweile das Rostocker Haus in der Augustenstraße aufgegeben und waren in die Paulstraße gezogen. Von München aus unternahm Quade, der gerne reiste, eine Tour nach Wien und Budapest. Auch seine ersten Ausflüge in die Alpen fanden von München aus statt. Später, 1899, sollte Quade zu den Gründungsmitgliedern der Sektion Rostock des DAV gehören. An das zweite Münchner Semester schloss sich außerdem eine Reise nach Italien an. Danach legte Quade seine Maurermeisterprüfung ab und nahm dann zum 1. Januar 1893 eine Stelle als Bauführer in Dresden an. Dort hatte er den Bau einer Villa für den Millionär de Curry in der Dresdner Neustadt zu betreuen, der bald nach der Fertigstellung des pompösen Gebäudes starb.Heinrich Quade, ebenda, S. 108 ff.Vermutlich ist De Curvy der korrekte Name. Vgl. Adressbücher Berlin und Dresden 1893 und 1894. 1894 arbeitete Quade in Schwerin bei dem Bauunternehmer Lehsten. Da er aber den Eindruck hatte, er solle an dessen ihm unsympathische Nichte verkuppelt werden, gab er die Stelle bald wieder auf und wurde Anfang 1895 Techniker im Stadtbauamt Rostock. Diese Stelle gedachte er als Sprungbrett in seine Selbstständigkeit zu nutzen.
Etablierung Am 1. Dezember 1895 gründete Heinrich Quade seine Baufirma in Rostock, wurde im Januar 1896 in die Innung aufgenommen und erhielt das Bürgerrecht. Einer der ersten größeren Aufträge war das Empfangsgebäude auf dem Bahnsteig für den Zentralbahnhof in Rostock, darauf folgten der Umbau des Bahnpostgebäudes und der Schalterhalle. Mit dem Bau der Villa Lehment brachte Quade seine Belegschaft durch den Winter.Wohn- und Geschäftshaus der Kornbrennerei Conrad Lehment, Kröpeliner Straße 28 (heute 53), Vgl. Adressbuch Rostock 1897 In seinen Memoiren fasste sich Quade hinsichtlich seiner Bauten kurz und verwies auf ein Album Mein Lebenswerk 1896–1926, das er bei seinen Nachkommen offenbar als bekannt voraussetzte.Heinrich Quade, ebenda, S. 117 Sehr kurzlebig war ein Fabrikgebäude auf Gut Teschendorf, in dem Ammoniak aus Torf gewonnen werden sollte. Als sich dieses Unternehmen nicht rentierte, wurden die Fabrikbauten kurzerhand wieder abgerissen. Quade baute ab 1897 unter anderem für den Besitzer des Rostocker Anzeigers Gustav Boldt, den er aus seinem Kegelclub kannte. mini|Villa Zeeck Mit dem Eintritt in die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland wiederum begann Quades lebenslange Freundschaft mit Gustav Zeeck. Dessen Villa baute er 1909 nach Plänen von Paul Korff.Ausgeführte Bauten 1896–1926, in: Heinrich Quade, ebenda, S. 272 ff.Thomas Niebuhr, Die schönste Villa Rostocks ist für 2,5 Millionen zu haben, 1. Juni 2015 auf www.ostsee-zeitung.de
In der Ballsaison 1899/1900 lernte Heinrich Quade die Kaufmannstochter Margarethe Gewecke aus Kirch Grubenhagen kennen, die er am 6. Oktober 1900 in der Dorfkirche Kirch Grubenhagen heiratete. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, von denen aber nur zwei das Kleinkindalter überlebten: Sohn Heinz, 1901 geboren, wurde Architekt; Tochter Eva, Jahrgang 1912, absolvierte das altsprachliche Gymnasium und studierte pro forma ein Semester lang. Sie heiratete den Botaniker Ernst Reinmuth und wurde die Mutter des Theologen Eckart Reinmuth, der später ein Vorwort zu den Lebenserinnerungen seines Großvaters schreiben sollte.
Die junge Familie Quade bezog eine Wohnung in der Friedrich-Franz-Straße 81 (heute: August-Bebel-Straße) in Rostock und lebte dort vier Jahre lang. In dieser Zeit war die Villa für Braumeister Eduard Dietze in der Alexandrinenstraße 6 das wichtigste Bauprojekt.Zu Dietze Vgl. Adressbuch Rostock 1901 und 1905