mini|Der Landsitz Farm Hall
Die Operation Epsilon war eine Geheimdienstoperation im Rahmen der ALSOS-Mission gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Ziel der Operation war es, den amerikanischen und englischen Alliierten Kenntnis über den Stand der deutschen Kernphysikforschung zu verschaffen, insbesondere die Frage zu klären, wie weit Deutschland in der Lage war, eine Atombombe zu bauen.
Im Rahmen der Operation Epsilon wurden kurz vor Kriegsende zehn deutsche Wissenschaftler – acht Physiker und zwei Chemiker – in Gewahrsam genommen und für sechs Monate auf dem englischen Landsitz Farm Hall in der Nähe des Dorfes Godmanchester interniert, wo ihre Gespräche abgehört und protokolliert wurden.
Vorgeschichte Das deutsche Uranprojekt mini|Entdeckung der im Auftrag von Werner Heisenberg vergrabenen Uranwürfel auf einem Acker in Haigerloch mini|Demontage des Uranreaktors unter der Schlosskirche Haigerloch durch Einsatzkräfte der ALSOS-Mission Im Uranprojekt arbeiteten deutsche Wissenschaftler verschiedener naturwissenschaftlicher Forschungsinstitute aus dem Deutschen Reich gemeinsam daran, die Möglichkeiten der Kernenergienutzung zu erforschen. Das Uranprojekt wurde zunächst durch das Heereswaffenamt geleitet und war vor allem auf die Erforschung der militärischen Einsatzmöglichkeiten dieser Technologie ausgerichtet. Da man ab 1942 nicht mehr an die schnelle Realisierung einer militärischen Nutzung glaubte, wurde das Projekt ab Mai 1942 unter die administrative Leitung des Reichsforschungsrates gestellt und der Forschungsschwerpunkt wurde auf die Frage nach dem prinzipiellen Aufbau eines Kernreaktors verlegt. Wissenschaftlich geleitet wurde das Projekt durch Werner Heisenberg, den Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin-Dahlem, wo in einem Bunkerlabor zunächst die Großversuche zur Konstruktion eines Uranreaktors durchgeführt wurden.Helmut Rechenberg: Werner Heisenberg und das Forschungsprogramm des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik (1940–1948). In: Bernhard vom Brocke, Hubert Laitko (Hrsg.): Die Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft und ihre Institute. Das Harnack-Prinzip. De Gruyter, Berlin u. a. 1996, ISBN 3-11-015483-8, S. 245–262.
Ab dem Sommer 1943 wurde das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik schrittweise nach Hechingen und Haigerloch im heutigen Baden-Württemberg verlegt, da der Standort in Berlin durch die drohenden Bombenangriffe zu gefährlich geworden war. Zeitgleich erfolgte die Verlegung des von Otto Hahn geleiteten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in den Nachbarort Tailfingen. Die beteiligten Wissenschaftler versuchten hier, in einem Felsenkeller unter der Haigerlocher Schlosskirche den ersten deutschen Atomreaktor zu konstruieren.Richard von Schirach: Nach dem Ende. Von Haigerloch nach Urfeld. In: Richard von Schirach: Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Atombombe. 5. Auflage. Berenberg, Berlin 2013, ISBN 978-3-937834-54-2, S. 15–22. Der kurz bevorstehende Erfolg wurde durch den Einmarsch französischer Truppen verhindert. Werner Heisenberg ließ die verwendeten Uranwürfel in einem Acker vergraben und das Schwerwasser in die Tanks einer ehemaligen Textilfabrik umlagern, um diese wertvollen Ressourcen vor den Alliierten in Sicherheit zu bringen und nach Kriegsende weiter verwenden zu können. Kurz darauf versenkten Carl Friedrich von Weizsäcker und Karl Wirtz die in einem verlöteten Metallkanister versteckten Forschungsdokumente in der Sinkgrube hinter Weizsäckers Wohnhaus.
Die ALSOS-Mission Die Operation Epsilon war Teil der ALSOS-Mission im Rahmen des Manhattan-Projektes des US-Geheimdienstes. Ziel der von Ende 1943 bis Ende 1945 durchgeführten Mission war es, die Alliierten in die Lage zu versetzen, die von Deutschland ausgehende atomare Bedrohung abzuschätzen und diese dann gegebenenfalls zu neutralisieren. Dazu sollte herausgefunden werden, ob es ein deutsches Projekt zum Bau einer Atombombe gab, welche Wissenschaftler daran beteiligt waren, wie weit die Forschungsarbeiten gediehen waren und wie deren Fertigstellung verhindert werden konnte.
Das ALSOS-Kommando unter der militärischen Leitung von Oberst Boris Pash hatte einen Hauptstützpunkt in Heidelberg eingerichtet.Richard von Schirach: Nach dem Ende. Verhör in Heidelberg. In: Richard von Schirach: Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Atombombe. 5. Auflage, Berenberg, Berlin 2013, ISBN 978-3-937834-54-2, S. 23–26. Nachdem es dem Geheimdienst gelungen war, die am deutschen Uranprojekt führend beteiligten Wissenschaftler zu identifizieren und ihre jeweiligen Aufenthaltsorte zu lokalisieren, wurden diese durch Truppen der ALSOS-Mission in Gewahrsam genommen.
Die zehn Wissenschaftler Zehn Wissenschaftler wurden nach Farm Hall gebracht. Acht von ihnen waren Physiker, zwei waren Chemiker (Otto Hahn und Paul Harteck). Als Friseur und Haushilfe fungierte ein junger Kriegsgefangener, Harry Kramer, der später als Künstler und Kunstprofessor international bekannt wurde.
NameLebensdatenFunktion und Bezug zum UranprojektErich Bagge* 30. Mai 1912 in Neustadt bei Coburg † 5. Juni 1996 in Kiel Bagge war wissenschaftlicher Mitarbeiter im deutschen Uranprojekt am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik. Zwischen 1941 und 1943 entwickelte er die Isotopenschleuse zur Anreicherung von Uran. 80pxKurt Diebner* 13. Mai 1905 in Obernessa† 13. Juli 1964 in Oberhausen Diebner war ab 1939 Leiter des neu gegründeten Referats für Atomphysik bei der Gruppe Wa F I (Physik) des Heereswaffenamtes in Kummersdorf. Von Januar 1940 bis September 1942 war er Geschäftsführer des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik, das in Teilen für das Uranprojekt durch das Heereswaffenamt beschlagnahmt worden war. Ab 1939 baute er eine eigene Forschungsgruppe für Atomphysik an der Heeresversuchsstelle Gottow des Heereswaffenamtes auf. 80pxWalther Gerlach* 1. August 1889 in Biebrich am Rhein† 10. August 1979 in München Gerlach war ab 1943 Leiter der Fachsparte Physik und der Arbeitsgemeinschaft für Kernphysik im Reichsforschungsrat. Ab 1944 war er als Hermann Görings Bevollmächtigter für Kernphysik am Uranprojekt beteiligt. 80pxOtto Hahn* 8. März 1879 in Frankfurt am Main† 28. Juli 1968 in Göttingen Otto Hahn war ab 1928 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie, das am Uranprojekt beteiligt war. Er hatte im Dezember 1938 zusammen mit seinem Assistenten Fritz Strassmann die Kernspaltung des schweren Elements Uran entdeckt, wofür ihm 1945 der Nobelpreis für Chemie des Jahres 1944 verliehen wurde. 80pxPaul Harteck* 20. Juli 1902 in Wien† 22. Januar 1985 in Santa Barbara Harteck war ab 1934 Direktor des Instituts für Physikalische Chemie und Professor an der Universität Hamburg. Mit seinem Institut war er am Uranprojekt beteiligt. 80pxWerner Heisenberg* 5. Dezember 1901 in Würzburg† 1. Februar 1976 in München Heisenberg war von 1942 bis 1945 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik und wissenschaftlicher Leiter des Uranprojektes. Er galt den Agenten der ALSOS-Mission als Schlüsselfigur für die Aufklärung ihrer Fragen.Horst Korsching* 12. August 1912 in Danzig† 21. März 1998 in Hildesheim Korsching arbeitete unter der Leitung von Kurt Diebner und Werner Heisenberg als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik an der Urananreicherung. Er galt als Spezialist für die Isotopentrennung durch Thermodiffusion.Richard von Schirach: Nach dem Ende. Zehn Physiker irren durch Europa. In: Richard von Schirach: Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Atombombe. 5. Auflage. Berenberg, Berlin 2013, ISBN 978-3-937834-54-2, S. 26–40. 80pxMax von Laue* 9. Oktober 1879 in Pfaffendorf† 24. April 1960 in West-Berlin Max von Laue arbeitete bereits seit 1919 am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, seit 1922 als stellvertretender Direktor unter Albert Einstein, für den er sich in der Zeit des Nationalsozialismus einsetzte. 1943 wurde er vorzeitig emeritiert. 80px Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker* 28. Juni 1912 in Kiel† 28. April 2007 in Söcking (Starnberg) Nach seiner Habilitation arbeitete von Weizsäcker ab 1936 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik. Von 1940 bis 1942 arbeitete er am deutschen Uranprojekt, von 1942 bis 1944 hatte er den Lehrstuhl für theoretische Physik an der Reichsuniversität Straßburg inne.Karl Wirtz* 24. April 1910 in Köln† 12. Februar 1994 in Karlsruhe Karl Wirtz arbeitete ab 1937 in der Arbeitsgruppe von Werner Heisenberg am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin. Ab 1941 war er Dozent an der Universität Berlin. Ab 1944 war er Leiter der experimentellen Abteilung im deutschen Uranprojekt.
Die Operation Festnahmen, erste Verhöre, Aufenthalt in Frankreich mini|Boris Pash, der militärische Leiter der ALSOS-Mission mini|Der Physiker Samuel Abraham Goudsmit (rechts) war der wissenschaftliche Leiter der ALSOS-Mission Die meisten der Wissenschaftler wurden zwischen dem 23. April und dem 25. April in Hechingen und Tailfingen durch Einsatzkräfte der ALSOS-Mission festgenommen und anschließend zu ersten Verhören nach Heidelberg gebracht.Otto Gerhard Oexle: Hahn, Heisenberg und die anderen. Anmerkungen zu Kopenhagen‘, ‚Farm Hall‘ und ‚Göttingen‘ (= Vorabdruck Nr. 9 des Forschungsprogramms „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“), Berlin 2003 (PDF; 332 KB).
Am 1. Mai 1945 wurden Carl Friedrich von Weizsäcker, Karl Wirtz, Erich Bagge, Horst Korsching, Otto Hahn und Max von Laue von Heidelberg mit einem Bus nach Frankreich gebracht. Der Bus fuhr unter militärischer Begleitung über Metz, Gravelotte, Verdun und Valmy. In Reims wurde den Wissenschaftlern, bewacht von mit Maschinenpistolen bewaffneten US-amerikanischen Soldaten, die Besichtigung der Kathedrale ermöglicht. Da die Wissenschaftler keine Militärangehörigen waren, wurden sie zwar in militärischen Gewahrsam der US-Army genommen, hatten aber nicht den Status von Kriegsgefangenen. Von den Aufsehern und Bewachern wurden sie stets nur als Gäste bezeichnet.
Werner Heisenberg hatte bereits 1939 das ehemalige Haus Petermann des Malers Lovis Corinth am Walchensee gekauft, in dem seine Frau und die Kinder des Ehepaares während des Krieges lebten, um der Bombardierung Leipzigs zu entgehen. Am Morgen des 20. April 1945 verließ Heisenberg Hechingen, um mit dem Fahrrad die ca. 270 km lange Strecke zu seiner Familie zu fahren. Die notwendige Reiseerlaubnis und einen Marschbefehl hatte er sich selber ausgestellt. Am 2. Mai ließ der US-amerikanische Oberst Boris Pash, der militärische Leiter der ALSOS-Mission, Heisenbergs Haus in Urfeld mit Kettenfahrzeugen, Panzern und Jeeps umstellen und Heisenberg gefangen nehmen. Nach einem Verhör durch Pash wurde Heisenberg am nächsten Tag nach Heidelberg gebracht, wo er durch den wissenschaftlichen Leiter der ALSOS-Mission, den holländischen Atomphysiker Samuel Abraham Goudsmit, ausführlich über den Stand des deutschen Uranprojektes verhört wurde. In dem Verhör gab Goudsmit gegenüber Heisenberg auf dessen Frage nach dem Stand der amerikanischen Atombombenforschung bewusst die falsche Information, die Amerikaner hätten dieses Projekt zu Gunsten praxisnäherer Forschungen, z. B. zur Entwicklung des Radars, vernachlässigt.
Am 7. Mai 1945 verließen die Wissenschaftler per Flugzeug Reims und wurden über einen Zwischenstopp in Paris nach Versailles geflogen. Sie wurden im heruntergekommenen Château du Grand Chesnay im nahegelegenen Le Chesnay untergebracht, das die Amerikaner als Internierungslager nutzten.
Am 9. Mai 1945 trafen Werner Heisenberg und Kurt Diebner, die in einem Jeep dort hingebracht worden waren, im Château du Grand Chesnay ein. Während Heisenberg vor allem von seinen ehemaligen Mitarbeitern und Freunden von Weizsäcker und Wirtz freundlich begrüßt wurde, standen die Mitglieder der Gruppe Diebner ablehnend gegenüber, da sie diesem vorwarfen, er habe sich als Referent des Heereswaffenamtes von der SS vereinnahmen lassen.
Aufenthalt in Farm Hall