mini|Ambroise Paré, 1561 Ambroise Paré (* um 1510 in Bourg en Hersent, heute Teil von Laval (Mayenne); † 20. Dezember 1590 in Paris), latinisiert Ambrosius Par(a)eus, war ein französischer Chirurg. Er galt bis ins 19. Jahrhundert als bedeutendster französischer Militärchirurg und bis heute als Wegbereiter der modernen Chirurgie und Begründer der Gesichtsprothetik. Paré war Chirurg der französischen Könige Heinrich II., Franz II., Karl IX. sowie Heinrich III. und behandelte auch den Herzog Franz von Guise.
Leben mini|Paré (Émile Picault) Nach seiner Ausbildung zum „Barbier-Chirurgien“ (französische Bezeichnung, im Deutschen der historische Beruf des Baders) als Lehrling bei einem Barbier zog er 1529 nach Paris. Dort bildete er sich, als Compagnon chirurgien arbeitend, im Hôtel-Dieu de Paris (1533–1536) weiter aus. Danach war er als Militärchirurg auf den Schlachtfeldern Italiens tätig. Von 1537 bis 1538 war er Chirurg des GeneralobristenNicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 24. René de Montejean und folgte diesem in dessen Armee nach Turin. Nach dessen Tod 1539 ging Paré nach Paris zurück, wo er zwischen 1540 und 1541 den Titel eines maître barbier chirurgien erlangte. 1541 heiratete er.
Ab 1542 war Paré erneut als Feldarzt auf den Schlachtfeldern Frankreichs und Europas unterwegs. So begleitete er mehrere Jahre lang Vicomte René I. de Rohan († 1552), ab 1552 Antoine de Bourbon (den Herzog von Vendôme). Bei der Belagerung von Metz im Jahr 1553 wurde Paré von dem dort in seiner Festung eingeschlossenen Herzog von Guise zur Verwundetenversorgung angefordert.Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. 1945, S. 24–25. 1553 kam Paré bei der Belagerung von Hesdin sogar für kurze Zeit in deutsche Gefangenschaft, aus der er aber, nachdem er dort deutsche Verwundete behandelt hatte, bald nach Paris zurückkehren konnte.
Paré soll erstmals den Phantomschmerz beschrieben haben.Gundolf Keil (unter Mitwirkung von Ralf Vollmuth und anderen): Sogenannte Erstbeschreibung des Phantomschmerzes von Ambroise Paré: „Chose digne d’admiration et quasi incredible“: die „douleur ès parties mortes et amputées“. In: Fortschritte der Medizin. Band 108, 1990, Heft 4, S. 62–66.
Zu seinen Patienten zählten neben einfachen Soldaten und Feldherren auch Könige: 1552 wurde er Chirurgien du Roi des französischen Königs Heinrich II. Am 17. Dezember 1554 wurde er – trotz seiner nichtakademischen Ausbildung – auf Betreiben des Königs als maître en chirurgie sogar in das Collège de Saint Côme, das chirurgische Kollegium der Pariser medizinischen Fakultät, aufgenommen. Im August 1557 betreute er die Verwundeten der Schlacht von Saint-Quentin. Am 1. Januar 1562 wurde Paré erster Chirurg König Karls IX. Noch im selben Jahr begleitete er einen Feldzug der königlichen Armee während der Hugenottenkriege, weitere Feldzüge folgten 1567 und 1570. In der Bartholomäusnacht am 24. August 1572 soll Paré von seinem König Karl IX., der ihn in seinem eigenen Gemach verstecktNicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. 1945, S. 25. haben soll, gerettetGeorg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. (Gewidmet der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie). Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876; Neudruck mit dem Untertitel Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876 und mit einem Vorwort von Rolf Winau: Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1978, ISBN 3-540-08751-6, S. 336–337. worden sein.
Nach 32 Ehejahren starb Parés Ehefrau 1573 und hinterließ eine 13-jährige Tochter. Paré heiratete 1574 erneut; mit seiner zweiten Frau hatte er zwei weitere überlebende Töchter. Sechs andere Kinder Parés starben kurz nach der Geburt oder im Kindesalter.
Werk Zu Parés Zeit wurden Chirurgen eher den Barbieren und Badern als dem Ärztestand zugerechnet. Bei seiner rein praktischen Ausbildung in diesem Handwerk lernte Paré nie Latein und veröffentlichte auch später alle seine Werke zunächst auf Französisch, oft in eher volkstümlichem Stil gehalten. Die französische medizinische Fachsprache verdankt ihm dadurch viele Begriffsprägungen.
In den vielen Schlachten und Belagerungen, die Paré erlebte, wurde er mit Verletzungen durch die neuartigen Feuerwaffen konfrontiert, die auch viele Amputationen notwendig machten. Die herkömmliche Therapie, solche als vergiftet angesehenen Wunden mit Gluteisen oder durch Ausgießen mit siedendem Öl zu kauterisieren, war für die Patienten lebensgefährlich. Paré ersetzte ab 1536Hermann Ecke, Uwe Stöhr, Klaus Krämer: Unfallchirurgie. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Mit einem Geleitwort von Rudolf Nissen. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 204–216, hier: S. 206. oder 1537Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 24. zur schonenden Behandlung der Schusswunden das heiße Öl zunächst durch ein besser verträgliches Gemisch aus Eigelb, Rosenöl und Terpentin.Ambroise Paré: Rechtfertigung und Bericht über meine Reisen in verschiedene Orte. Aus dem Französischen übersetzt und eingeleitet von Erwin H. Acherknecht. Verlag Hans Huber, Bern/Stuttgart 1963, S. 38.Wolfgang U. Eckart: Ambroise Paré. In: Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. Springer, Heidelberg/Berlin 1995; 3., vollständig überarbeitete Auflage, ebenda 2006. Paré beschrieb erstmals den Wundbrand bzw. „Hospitalbrand“.Friedrich Wilhelm Gierhake: Asepsis. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 33–42, hier: S. 37. Bei der Behandlung einer Schussverletzung des Maréchal de Brissac kam Paré 1542 auf die Idee, den Verletzten in die Körperhaltung zurückzuversetzen, die er zum Moment des Schusses innehatte, um die Gewehrkugel besser entfernen zu können. Paré führte nach Schussverletzungen gelegentlich auch Gelenkresektionen (etwa bei dem verletzten Grafen von Mansfeld)Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 25–26. durch. Während der Belagerung von Damvillers im Jahre 1552 führte er die Arterienligatur, welche als Unterbindung großer Gefäße bei Kriegsverletzungen bereits von Galen im 2. Jahrhundert n. Chr. beschrieben wurde,Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildung und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 33. bei Amputationen, was ihm den größten Ruhm einbrachte, wiedervgl. auch Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 18–19 und 25. einVgl. auch J. A. Massard: Damvillers, Mansfeld und Sohn: Ambroise Paré, der Vater der Chirurgie, und Luxemburg. In: Lëtzebuerger Journal. Nr. 74, 17. April 2007, S. 11–12. – damit ersetzte er die Anwendung von StypticaPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 22. und die gefährliche Kauterisierung mit dem Glüheisen durch eine verhältnismäßig einfache, aber effektivere Wundversorgung. Parés Leistungen bei der Entwicklung von Prothesen (auch das Einsetzen einer Augenprothese erwähnte er erstmalsCarl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildung und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 33 und 56.) boten seinen Patienten vorher ungeahnte Möglichkeiten der Rehabilitation: in Zusammenarbeit mit einem kunstfertigen Schmied oder „der kleine Lothringer“ genannten Pariser SchlosserFerdinand Sauerbruch, Hans Rudolf Berndorff: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; zitiert: Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 185. entwickelte er metallene Gliedmaßen (etwa eine bewegliche, nach Art eines Ritterhandschuhs gefertigte „eiserne Hand“), einen Panzer gegen Rückenschäden und künstliche Zähne. An anderen Punkten blieb Paré Traditionalist. So hielt er am Prinzip des seit der Antike für die Wundversorgung propagierten „lobenswerten Eiters“ (pus bonum et laudabile) fest.Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Springer Lehrbuch, Berlin/Heidelberg 1990, S. 120; Geschichte, Theorie und Ethik der „Medizin“. 7. Auflage Springer Lehrbuch, Berlin/Heidelberg 2013, S. 86. Lehrbuch: ISBN 978-3-642-34971-3, Lehrbuch Online: ISBN 978-3-642-34972-0. Geschichte, Theorie und Ethik Medizin 2013 mini|Postumes Bildnis Parés von William Holl (1807–1871) Paré operierte unter anderem Leistenhernien und leistete auch für die Entwicklung der Geburtshilfe Bedeutendes. Er belebte in der Geburtshilfe die Wendung des Fötus auf die Füße bei Beckenendlage neu und zeigte, wie Föten dadurch oft gerettet werden können, anstatt sie zu zerstückeln und Stück für Stück zu entfernen. Sein Assistent und Schwiegersohn Jacques Guillemeau (1550–1613Barbara I. Tshisuaka: Guillemeau, Jacques. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 517.), der auch Parés Werke ins Lateinische übersetzte und veröffentlichte, schrieb später selbst eine Abhandlung über Geburtshilfe.
1545 veröffentlichte Paré die erste Auflage der Méthode de traicter les playes faictes par hacquebutes, einer Abhandlung über die Behandlung von Verwundungen durch Feuerwaffen und Schießpulver, die als Meilenstein der Chirurgiegeschichte gilt. 1561 erschien als erweiterte Ausgabe eines anatomischen Werks von 1550 seine große Anatomie universelle du corps humain (Universalanatomie des menschlichen Körpers). Daneben veröffentlichte er andere gelehrte Abhandlungen über Wundbehandlung und einzelne Krankheiten, etwa die Pest. Aufschlussreiche Einblicke in das Naturverständnis seiner Zeit gibt seine Abhandlung Animaux, monstres et prodiges über Tiere, Monster und Missgeburten.
In seinem Bericht über die Versorgung der Verwundeten der Schlacht von Saint-Quentin beschreibt Paré seine Beobachtungen von Maden innerhalb der Wunden seiner Patienten, von denen sich einige erstaunlich schnell erholten. Obwohl er Letzteres nicht auf die Tiere zurückführte, die er auch nicht als Fliegenlarven, sondern – gemäß dem damaligen Stand der Wissenschaft – als generatio spontanea interpretierte, gilt er heute als einer der Begründer der Madentherapie. W. Fleischmann, M. Grassberger: Erfolgreiche Wundheilung durch Madentherapie, TRIAS Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-8304-3011-6, S. 21–22
Der ersten Ausgabe seiner gesammelten Werke von 1575 folgten zahlreiche Nachauflagen zu seinen Lebzeiten und auch nach seinem Tod. Auch in lateinischer, deutscher, englischer und niederländischer Sprache erschienen Ausgaben seiner Werke.