Die Wilhelm-Leuschner-Straße in Worms ist die direkte Verbindungsstraße zwischen dem Hauptbahnhof und der Innenstadt. Sie ist heute eine Fußgängerzone.

Geografische Lage Die Wilhelm-Leuschner-Straße erstreckte sich ursprünglich vom Obermarkt in westlicher Richtung über das Neutor zum Hauptbahnhof. Mit dem später in den Wallanlagen errichteten Lutherdenkmal und deren gärtnerischer Umgestaltung entstand ein Anlagenring, der den Straßencharakter unterbricht.

Bezeichnung Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hieß der damalige Weg Karmeliter Straße.So: Chr. Brückmann und E. F. Thon: Situationsplan der Stadt Worms mit ihrer nächsten Umgebung. O.O. 1860.Auch in der Schreibweise „Carmeliter Straße“ (vgl. Werner, Abb. 1). Nach 1888 und vor 1890 wurde er in Kaiser-Wilhelm Straße umbenannt, nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich zu Ehren des Politikers und Widerstandskämpfers Wilhelm Leuschner in Wilhelm-Leuschner-Straße. Umgangssprachlich wird sie in Worms immer noch „KW“ (für: Kaiser-Wilhelm-Straße) genannt.Spille, S. 164. Nicht zu verwechseln ist sie mit der heutigen Karmeliterstraße, die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt wurde, zunächst Schulstraße hieß und im Winkel von 90° von der Wilhelm-Leuschner-Straße abzweigt.

Geschichte Vorgeschichte mini|Lage des Karmeliterklosters an der Straße

Die Bebauung von Worms beschränkte sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend auf das Gebiet, das der innere, hochmittelalterliche Mauerring umschloss, ferner die Andreas-Vorstadt im Süden und die Mainzer Vorstadt im Norden.Werner, S. 130. Die Karmeliter Straße trug ihren Namen nach dem früheren Karmeliterkloster, das an diesem Weg lag und in der Folge der Französischen Revolution aufgelöst worden war. Gebäude des Klosters wurden bis weit in das 19. Jahrhundert als Militärlazarett weiter genutzt.Werner, S. 134. Sie lagen wenige Meter westlich und außerhalb des Mauerrings. Dahinter erstreckten sich Gärten und Felder, bevor die Straße in den Liebenauer Weg überging.

Als die Stadt und die Hessische Ludwigsbahn 1852 die endgültige Position des ersten Wormser Bahnhofs festlegten, der 1853 in Betrieb ging, kam dessen Empfangsgebäude ausdrücklich in der Achse der Karmeliter Straße zu liegen.Werner, S. 134.

Erste Phase: Wohnstraße mini|Villa des Kreisrates Pfannebecker, ca. 1890 Die Straße, bis dahin ein nicht ausgebauter Weg, erhielt damit eine herausragende Verkehrsbedeutung für Worms. Entlang der Straße entstanden Neubauten, vor allem einzeln stehende Wohnhäuser.Werner, S. 134. Städtebauliche Lenkungsmaßnahmen gab es für diese Neubebauung nicht. In der Folge entwickelte sich das Straßenbild inhomogen, als zunehmend auch größere, mehrstöckige Gebäude errichtet wurden.Werner, S. 135.

Der Zustand der Straße war zunächst schlecht: Unbefestigt löste sich deren Oberfläche nach einigen Stunden Regen in Matsch auf. Auch eine Beleuchtung gab es zunächst nicht. Aus Geldmangel zögerte die Stadtverwaltung mit Investitionen. So sollten fürs Erste zwei Öllampen – eine an jedem Ende der etwa 800 Meter langen Straße – ausreichen; schließlich wurden es vier. Erst ab 1860 war die Straße gepflastert. Die Stadt musste dazu einen Kredit aufnehmen. Allein der Basalt für die Pflastersteine kostete 8000 Gulden.Werner, S. 141 f. Hilfreich war, dass der KreisratDer Kreisrat (nach heutiger Terminologie: Landrat) war vor Einführung der Kommunalen Selbstverwaltung der staatliche Vorgesetzte des Bürgermeisters. Johann Pfannebecker an der Straße ein Grundstück besaß, auf dem er ein repräsentatives dreigeschossiges Wohnhaus errichtete.Werner, S. 142. Mittelständische Unternehmer und Handwerker siedelten sich hier an. Die Straße entwickelte sich zu einer bevorzugten Wohnadresse der Stadt.Werner, S. 143.

Zweite Phase: Geschäftsstraße mini|Kaiser-Wilhelm-Straße 12 zur Zeit des Jugendstils, 1901 oder kurz danach mini|links|Halterung für die Oberleitung der Straßenbahn am Haus Nr. 24 Ab den 1870er Jahren nahm die Bebauungsdichte zuWerner, S. 152. und am Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich die Kaiser-Wilhelm-Straße in eine Geschäftsstraße. Soweit dazu nicht Neubauten entstanden, wurden die Erdgeschosse der bestehenden Gebäude in Ladenlokale umgebaut.Werner, S. 150 f. Im weiteren Verlauf kam es zu einigen extravaganten Lösungen mit üppigen Dekorationen im JugendstilSo z. B. Nr. 12 (Werner, S. 154 f.); Nr. 23 (Werner, S. 150)., von denen jedoch keine erhalten sind.

Von der Einrichtung 1906 bis zu ihrer Stilllegung 1956 führte die Städtische Straßenbahn durch die KW.Ralph Häussler: Die Wormser Straßenbahn. Sutton Verlag, Erfurt 2012, ISBN 978-3-95400-119-4, S. 9, 40ff (Fotos), 95ff. Als eines der wenigen Zeugnisse des Straßenbahnbetriebs befindet sich an der Fassade des Hauses Nr. 24 noch eine Halterung für die Oberleitung der Straßenbahn.Johannes Götzen: Ein Rückblick mit Wehmut. In: Wormser Zeitung vom 26. Februar 2020, S. 10.

Gegenwart mini|Ein Abschnitt der Wilhelm-Leuschner-Straße im Sommer 2018 Durch die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, den anschließenden Wiederaufbau und folgende Modernisierungsmaßnahmen gab es erhebliche Verluste an historischer Bausubstanz. Mitte der 1970er Jahre wurde die Straße autofrei zur Fußgängerzone umgestaltet. Der dabei errichtete Zierbrunnen an der Einmündung Rathenaustraße wurde 2003 durch den Nibelungenliedbrunnen ersetzt.

Als sich auch in Worms ein erheblicher Teil des Einzelhandels an die Peripherie der Innenstadt verlagerte, fand in der Wilhelm-Leuschner-Straße ein Niedergang statt. Noch 1992 war sie als „eine der wichtigsten Wormser Geschäftsstraßen“ bewertet worden.Spille, S. 164. Ein Teil der Geschäfte schloss inzwischen und es folgten Billiganbieter, Ein-Euro-Läden, Drogerieketten, Telefonshops und Leerstand. Auch die Modernisierung der Fußgängerzone, die weiterhin zu Fuß die kürzeste Verbindung zwischen Bahnhof und Innenstadt ist, konnte diesen Prozess nicht verhindern.

Gebäude Denkmalzone mini|Der Gebäudekomplex Wilhelm-Leuschner-Straße 8, 6 und 4 Die Wilhelm-Leuschner-Straße 4–12 und 14 bilden eine DenkmalzoneSpille, S. 164; . nach dem rheinland-pfälzischen Denkmalschutzgesetz, wobei die Gebäude Nr. 4, 8 und 11 zugleich Einzelkulturdenkmäler sind.Spille, S. 166; .

Einzelgebäude mini|Wilhelm-Leuschner-Straße 2 Nr. 1 wurde als Villa für den Finanzrat Bollermann errichtet, dessen einzige Erbin seine Tochter war. Sie heiratete in die Familie Valckenberg ein, die das Haus bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nutzte.Vgl. Werner, S. 177. Anfang der 1980er Jahre entstand das heutige Büro- und Geschäftshaus, das die einstöckige Ladenzeile aus der Nachkriegszeit ersetzte. Nr. 2 Hier wurde zwischen 1860 und 1867 eine Villa für den Lederfabrikanten Nikolaus Andreas Reinhart, Mitinhaber der Lederwerke Doerr & Reinhart, errichtet.Werner, S. 178–181. Sie wurde ebenfalls im Zweiten Weltkrieg zerstört. An gleicher Stelle wurde 1949 ein zeittypisches Wohn-, Büro- und Geschäftshaus, das „Europahaus“, errichtet, das heute Kulturdenkmal ist.Spille, S. 164; . mini|Pavillons in der Promenade 2A und 2B, zwei Verkehrshäuschen genannte Pavillons, die das Stadtbauamt 1925 südöstlich des heutigen Konrad-Adenauer-Rings in der Grünanlage der Promenade errichten ließ, zählten ebenfalls noch zur Wilhelm-Leuschner-Straße. Sie sind Kulturdenkmäler,. gehören nach der Umwidmung 2013 aber heute zum Parmaplatz. Nr. 3 ist ein Neubau aus den 1970er Jahren. Nr. 4 wurde von dem damals vorwiegend in Mannheim tätigen Architekten Wilhelm Manchot 1884/85Der Bauantrag stammt von 1884, eine Bauinschrift nennt das Jahr 1885. als Wohnhaus für die Bauunternehmer Georg und Friedrich Zucker errichtet.Werner, S. 156 f. Es ist sowohl ein Einzelkulturdenkmal als auch zusammen mit den benachbarten Gebäuden Nr. 5–12 und 14 als Teil einer Denkmalzone Kulturdenkmal.Spille, S. 164, 166; . Im Hinterhof befindet sich ein Gebäude mit einem barocken Portal. Da dieses Hintergebäude 1884 nicht vorhanden war, kann das Portal dort nur zweitverwendet eingebaut worden sein. Eine Datierung des gesamten Hinterhauses ins 18. JahrhundertSo Spille, S. 166. trifft also nicht zu. Nr. 5 wurde von Karoline Boller (Witwe von Aloys Boller) 1890 bei Ludwig Euler beauftragt. Es bildet baulich eine Einheit mit der benachbarten Nr. 7. Aloys Boller hatte hier sein Wohnhaus, sein Büro, ein Grabsteinlager und vielleicht auch eine kleine Werkstatt. Das dreigeschossige Wohnhaus seiner Witwe im Stil der Neorenaissance ist zumindest noch in der Fassade erhalten.Werner, S. 146. Es ist zusammen mit den benachbarten Gebäuden Nr. 4, 6–12 und 14 als Teil einer Denkmalzone Kulturdenkmal.Spille, S. 164; . Nr. 6 wurde ebenfalls von Wilhelm Manchot für Friedrich Zucker 1886 errichtet. Dieses Haus war aber – im Gegensatz zu dem Wohnhaus der Auftraggeber (Nr. 4) – für Vermietung oder Weiterverkauf gedacht und enthielt deshalb im Erdgeschoss Ladenlokale.Werner, S. 158. Es ist zusammen mit den benachbarten Gebäuden Nr. 4, 5, 7–12 und 14 als Teil einer Denkmalzone Kulturdenkmal.Spille, S. 164; . Nr. 7 wurde ebenfalls von Karoline Boller 1890 bei Ludwig Euler beauftragt. Das dreigeschossige Wohnhaus im Stil der Neorenaissance wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und in vereinfachten Formen wieder aufgebaut.Werner, S. 146. Es ist zusammen mit den benachbarten Gebäuden Nr. 5–6 und 8–12 sowie 14 als Teil einer Denkmalzone Kulturdenkmal.Spille, S. 164; . Es bildet baulich eine Einheit mit der benachbarten Nr. 5. In den oberen Stockwerken der Nr. 7 ist allerdings die ursprüngliche Baudekoration weitgehend verloren. Nr. 8 wurde ebenfalls von Wilhelm Manchot für Friedrich Zucker 1886 errichtet. Auch dieses Haus war für Vermietung oder Weiterverkauf gedacht und enthielt deshalb im Erdgeschoss Ladenlokale. Zudem war es das Eckgebäude zur heutigen Karmeliterstraße und wurde auch am dort gelegenen Flügel mit einer prächtigen Außendekoration im Stil der Neorenaissance versehen.Werner, S. 158. Es ist sowohl ein Einzelkulturdenkmal als auch zusammen mit den benachbarten Gebäuden Nr. 4–7, 9–12 und 14 als Teil einer Denkmalzone Kulturdenkmal.Spille, S. 164, 166; .

Nr. 9, ein neoklassizistisches Gebäude, ist zusammen mit den benachbarten Gebäuden Nr. 4–8, 10–12 und 14 als Teil einer Denkmalzone Kulturdenkmal.Spille, S. 164; . Hier befindet sich heute das Café Schmerker. Nr. 10 wurde um 1874 von Johann David Straub errichtet.Vgl. dazu und zur Familie Straub: Til Schrecker: Die Wormser Familie Straub. Acht Generationen im Baugewerbe tätig. In: Pfälzisch-Rheinische Familienkunde 14/9 (2001), S. 442. Für den Eck-Erker, der über die Baufluchtlinie hinausragte, erhielt er aus „gestalterischen Gründen“ eine Ausnahmegenehmigung.Werner, S. 139. Das Gebäude ist zusammen mit den benachbarten Gebäuden Nr. 4–9, 11, 12 und 14 als Teil einer Denkmalzone Kulturdenkmal.Spille, S. 164; . Hier befindet sich heute die Karmeliter Apotheke.