Leo Hilberath (* 11. April 1903 in Remagen; † 1967) war ein deutscher Kommunalwissenschaftler, Volkswirt und Soziologe. Während der NS-Zeit arbeitete er vor allem in der nationalsozialistischen Kommunalwissenschaft und Raumforschung. Hilberath zählte zu jenen Soziologen, die auch in der Diktatur empirische Soziologie beförderten und darin durch offizielle Stellen wie Reichsnährstand, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung und Deutsche Arbeitsfront unterstützt wurden. 1941/42 geriet er in KZ-Haft. Zwischen 1947 und 1955 leitete Hilberath die „Erste deutsche Journalistenschule“ in Aachen gemeinsam mit Carl Max Maedge.Max Horkheimer: Survey of the Social Sciences in Western Germany. A Report on Recent Developments by Max Horkheimer, Foreign Consultant to the Library on Congress. Washington 1952, S. 23.
Leben und Wirken
Studium und Feldforschung Hilberath begann seine berufliche Laufbahn in lokalen Verwaltungen. Anschließend studierte er an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln und erlangte 1927 das Kommunalbeamten-Diplom (PDF) In: Findbuch Zugang 70/SK Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung: Sozial- und Kommunalbeamten-Diplomprüfungen 1913-1929, S. 13, abgerufen am 28. September 2026. sowie später ein Volkswirt-Diplom. Zu seinen Lehrern zählten neben dem Soziologen Leopold von Wiese auch Heinrich Herkner und Erwin von Beckerath.Heinz Maus: Lemma Hilberath, Leo. In: Internationales Soziologenlexikon. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag 1959, S. 220. 1929 wurde Hilberath nach empirischer Feldforschung in der Eifel mit der Studie Der Junggesellenverein in der Eifel. Ein Beitrag zur Soziologie der Männerbünde, Altersklassen und der Geschlechter (Köln 1931) bei Leopold von Wiese promoviert. Zweitgutachter war Christian Eckert.Leo Hilberath: Der Junggesellenverein in der Eifel. Ein Beitrag zur Soziologie der Männerbünde, Altersklassen und der Geschlechter. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln. Selbstverlag. Köln 1931, angehängter Lebenslauf. Hilberath wurde Hochschul-Assistent von Leopold von Wiese, der in dieser Zeit die Abteilung für Soziologie des Forschungsinstituts in Köln leitete. Hans-Willi Wey kommt in seiner historischen Studie zu Mailehen zu der Einschätzung, dass Hilberath mit seiner Untersuchung Kennzeichen sozialen Wandels vor allem im ländlichen Raum recht detailliert beschrieben hatte.Hans-Willy Wey: Mailehen – Erlebnis des 'Überlebten'. Ein Brauch als Medium. Diss., Göttingen 2002, S. 13f. (uni-goettingen.de, PDF)
Hilberath wird zur Kölner Schule der Soziologie gezählt.
Auch in den folgenden Jahren befasste sich Hilberath mit soziologischen Erhebungen. Gemeinsam mit der Volkswirtin Annemarie Wissdorf (* 1902, Deutscher Hausfrauenverband) fertigte er eine Fragebogenuntersuchung zum „Berufs- und Lebensschicksal der Verkäuferin im Lebensmittelhandel“ an. Die zunächst auf der Basis von 4.000 Fragebogen begonnene schriftliche Befragung scheiterte, nachdem die Untersuchung laut Hilberath in der Kölner Lokalpresse skandalisiert worden war. Hilberath und Wissdorf nahmen in der ersten Jahreshälfte 1931 dann mündliche Befragungen vor.Leo Hilberath: Berufs- und Lebensschicksal der Verkäuferin im Lebensmittelhandel. Verlag des Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften. Köln 1934, S. 11f. (=Sozialpolitische Schriften. 4) In der Untersuchung befragte Wissdorf fünfhundert, zum Teil erwerbslose Verkäuferinnen. Die Untersuchung enthielt wesentlich sachliche Angaben über die soziale Herkunft, die Schul- und Berufsausbildung, die Arbeitsverhältnisse und das Einkommen der Befragten. Im Nachwort der erst 1934 veröffentlichten Untersuchungsergebnisse kam Hilberath zu dem Schluss, dass das Kultur- und Freizeitleben der Arbeitnehmerschichten beeinflusst werde müsse und das die Kraft-durch-Freude-Organisation der Deutschen Arbeitsfront dieses nun leiste.Leo Hilberath: Berufs- und Lebensschicksal der Verkäuferin im Lebensmittelhandel. Verlag des Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften. Köln 1934, S. 148.
NS-Raumforschung und Raumplanung Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde Hilberath an der Universität Köln entlassen, weil er als Gefolgsmann des Sozialdemokraten Hugo Lindemann wahrgenommen worden war, der ebenfalls seine Anstellung verlor. Hilberath war dann als Referent und Abteilungsleiter im Kommunalwissenschaftlichen Institut an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin tätig, womit auch Tätigkeiten beim Deutschen Gemeindetag und in der Kommunalabteilung des Reichsinnenministeriums verbunden waren. Spätestens im Laufe des Jahres 1936 arbeitete Hilberath auch der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) zu. Gemeinsam mit der Soziologin Erika Fischer rezipierte er für die RAG-Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung diverse Berichte zum Stand der Raumplanung des Auslandes – unter besonderer Berücksichtigung ihrer sozialwissenschaftlichen Aspekte.Leo Hilberath: Regionalismus und Raumforschung in England. In: Raumforschung und Raumforschung 1. Jg. (1937), S. 504f.; Leo Hilberath: Aus dem amerikanischen Schrifttum. In: „Raumforschung und Raumordnung“ 1.Jg.(1937), S. 217f.; S. 425; Leo Hilberath: Fortschritte und Ergebnisse von Landesplanung und Städtebau in Tennesee-Valley (USA). In: Raumforschung und Raumforschung 4.Jg. (1940), S. 514f. Michael Venhoff nennt den Forschungsbericht Hilberaths an die RAG „Entwicklung und gegenwärtige Lage von Bevölkerung und Wirtschaft in Alt-Jaromierz-Hauland“ (1937).Michael Venhoff: Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) und die reichsdeutsche Raumplanung seit ihrer Entstehung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Hannover: ARL 2000, S. 96. In der RAG-Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung erschienen von Hilberath außerdem Aufsätze zur neu initiierten NS-Verwaltungswissenschaft.Leo Hilberath: Grundlagen und Methoden einer neuen Verwaltungswissenschaft. Ausgangspunkte einer politischen Wissenschaft. In: Raumforschung und Raumordnung 4. Jg. (1940), S. 460–472.; Leo Hilberath: Verwaltungswissenschaft und Raumforschung in ihren Beziehungen zu Raumordnung und Verwaltungspolitik unter besonderer Berücksichtigung der Gegenwartsprobleme. In: Raumforschung und Raumordnung 4.Jg. (1940), S. 174–182. Auch im Rahmen der Kommunalwissenschaft publizierte er.Leo Hilberath: Bibliographie des kommunalen Schrifttums von 1936 und 1937. Bearbeitet im Kommunalwissenschaftlichen Institut an der Universität Berlin. Stuttgart/Berlin 1938 (=Kommunalwissenschaftliche Ausbildung und Forschung. 2); Leo Hilberath: Ausbildung der Kommunalbeamten in Deutschland und England. Stuttgart: Kohlhammer 1938.
Im Jahr 1939 erhielt Hilberath über den Etat der RAG 2.500 Reichsmark für eine Untersuchung zur „Siedlungsstruktur Polens“.Hansjörg Gutberger: Raumentwicklung, Bevölkerung und soziale Integration. Forschung für Raumplanung und Raumordnungspolitik 1930-1960. Wiesbaden: Springer VS 2017, S. 414; Mechtild Rössler: "Wissenschaft und Lebensraum". Geographische Ostforschung im Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Disziplingeschichte der Geographie. Berlin, Hamburg: Reimer 1990, S. 86. Er wurde 1938 auch in dem RAG-Forschungsband Volk und Lebensraum namentlich erwähnt. Als Vertreter der Reichsstelle für Raumordnung (RfR) nahm er an Tagungen des fachwissenschaftlichen Arbeitskreis Zentrale Orte der RAG teil. Womit Hilberath sich bei der RfR/RAG befasste, wird auch durch eine weitere Quelle deutlich. In der 1940 von der RAG (bzw. Paul Ritterbusch) herausgegebenen Bibliographie Der Neue Deutsche Osten heißt es in der Einleitung:„Die vorliegende Bibliographie der neuen Ostgebiete ist aus praktischen Bedürfnissen entstanden. Sie beruht auf umfassenden Material, das im Auftrag der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung unter Anleitung von Staatsarchivrat BelleeHans Bellée, 6. Februar 1889 bis 6. Januar 1960, Archivar (vgl. Archivleitung des Geheimen Staatsarchivs. In: preussischer-kulturbesitz.de) im Preußischen Geheimen Staatsarchiv und in der Publikationsstelle zusammengestellt worden ist. Die Bearbeitung des Materials für den gegenwärtigen Zweck nahm im Auftrag der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung Fräulein Dr. Erika Fischer vor. Für die Ergänzung und Überprüfung des Materials sind wir Herrn Dr. R.A. Klostermann, Herrn Dr. Curt Poralla, Herrn Dr. Leo Hilberath und dem Osteuropa-Institut in Breslau zu Dank verpflichtet. In ihrer gegenwärtigen Form ging die Bibliographie aus den Untersuchungen des kriegswichtigen Ostforschungsprogramms der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung hervor und soll demgemäss in erster Linie für die Zwecke des Neuaufbaus in den Ostgebieten die notwendigen wissenschaftlichen Unterlagen liefern."Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (Hg.): Der neue deutsche Osten. Eine Bibliographie. Leipzig: K.F. Köhler 1940, Vorwort (=Berichte zur Raumforschung und Raumordnung. 6).
Hilberath arbeitete auch an der RAG-Sonderveröffentlichung Die Sudetenländer im Schrifttum. Eine Bibliographie (1941) mit. An der Berliner Universität war die Kommunalwissenschaft vergleichsweise eng mit der Raumforschung verbunden. Der Leiter der dortigen Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung (HAG) war der Kurt Jeserich. Im Dezember 1940 fungierte Hilberath als stellvertretender Leiter der Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der Universität Berlin. Er vertrat in dieser Position nach mündlicher Absprache Harry Goetz - ebenfalls Kommunalwissenschaftliches Institut. Da Hilberath auch als Referent in die Dienste der RfR getreten war, machte RAG-Leiter Paul Ritterbusch den Rektor der Berliner Universität darauf aufmerksam, dass eine Person nicht gleichzeitig Referent der RfR und stellvertretender HAG-Leiter sein könne; zudem war Hilberath nicht habilitiert.Ritterbusch an Rektor Hoppe vom 6. Dezember 1940. In: Archiv der Humboldt-Universität, Rektorat "Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung", Bestand R/S 239, Blatt 90f. Hilberath wurde daraufhin im Juli 1941 durch den Agrarsoziologen und Raumforscher Hans Weigmann abgelöst.
Hilberath geriet zudem anderweitig in die Auseinandersetzungen zwischen der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, der Reichsstelle für Raumordnung und dem Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums (RKF). Eine unbotmäßige Kritik an Konrad Meyer in einem Jahrbuch soll nach der Einschätzung von Michael Venhoff zu Hilberaths Entlassung bei der RfR geführt haben;Michael Venhoff: Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) und die reichsdeutsche Raumplanung seit ihrer Entstehung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Hannover: Akademie für Raumforschung und Landesplanung, S. 50 (=Arbeitsmaterial / ARL. 258). was widersprüchlich ist, weil Meyer von Anfang an eigene Kämpfe mit der Reichsstelle ausfocht. Zudem verteidigte Hilberath Konrad Meyer nach Beendigung des Nationalsozialismus in einem Leserbrief an die Zeitschrift Der Spiegel (1954), indem er Meyers Rolle so darstellte, dass in den von ihm mit herausgegebenen Publikationen (gemeint war in diesem Fall die Zeitschrift Neues Bauerntum) durchaus „sachliche Kritik“ an Heinrich Himmlers „gewalttätigen Eindeutschungen“ im Rahmen der SS-Siedlungspolitik hätte geübt werden dürfen.Leserbrief Dr. Leo Hilberath, Der Spiegel 19/1954 vom 5. Mai 1954, Seite 34. Für Hilberath war darum auch nicht der für ihn „sachlich“ argumentierende Planungsfachmann Konrad Meyer das Problem, sondern „die 150prozentigen Nazis mit ihren überspitzten und zum Teil unmenschlichen Forderungen“. Zu diesen Nazis zählte er den damaligen Agrarwissenschaftler (und ab 1953 Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte) Theodor Oberländer.