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Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne ist ein im Jahr 2017 erschienenes Buch des deutschen Soziologen Andreas Reckwitz.

Reckwitz analysiert spätmoderne Gesellschaften seit den 1970er Jahren. Diese seien nicht mehr von einer sozialen Logik des Allgemeinen gekennzeichnet, wie noch in der klassischen Moderne, sondern durch die systematische Hervorbringung von Einzigartigkeiten, von Singularitäten.

Das Buch erschien 2017 im Suhrkamp Verlag. In den darauffolgenden Jahren wurde es in über vierzehn Sprachen (Stand: 2026) übersetzt. 2021 erschien an der Humboldt-Universität Berlin der Podcast Andreas Reckwitz im Gespräch, in dem Reckwitz in sieben Folgen den Inhalt des Buches darstellt und diskutiert.

In seinem Buch Das Ende der Illusionen aus dem Jahr 2019 knüpft Reckwitz an die Thesen in diesem Buch an.

Aufbau und Inhalt Die Analyse der Gegenwartsgesellschaft erfolgt neben Einleitung („Die Explosion des Besonderen“) und Schluss („Die Krise des Allgemeinen?“) in sechs Kapiteln, wobei Kapitel II bis VI jeweils einzelne Gegenstandsbereiche fokussieren (Ökonomie, Arbeitswelt, Digitalisierung, Lebensführung und das Feld des Politischen).

Die Explosion des Besonderen Reckwitz beginnt in der Einleitung mit einem Panorama von Phänomenen, in denen in der Gegenwartsgesellschaft Einzigartigkeiten prägend wirken: Dies gilt nicht nur für Individuen, Dinge, Orte oder Ereignisse, sondern auch für Kollektive: Projekte und Kollaborationen in der Arbeitswelt, politische Subkulturen, Diaspora-Communities sowie fundamentalistische Gemeinschaften. Diese unterlaufen laut Reckwitz universale Regeln sowie standardisierte Verfahren und kultivieren stattdessen eigene Welten mit eigener Identität (10). Das Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit ist dabei nicht nur ein subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung (9). Dahinter stecke ein grundsätzlicher Strukturwandel der Moderne, der über das Phänomen der Individualisierung hinausgeht: die leitende ,soziale Logik‘ verschiebt sich von Erwartungen des Allgemeinen zu Erwartungen des Besonderen. Damit verknüpft erhielten auch die Ebene der Kultur und ihre Bewertung des Wertvollen (des Singulären) einen wichtigen Stellenwert: die ,Gesellschaft der Singularitäten‘ sei eine ,Valorisierungsgesellschaft‘. Der ökonomische Faktor des Aufstiegs des kulturellen Kapitalismus, die digitale Revolution und der Aufstieg der universitär ausgebildeten neuen Mittelklasse werden als Antriebsfaktoren der Singularisierung eingeführt. Reckwitz betont, dass die Prozesse der Singularisierung sowohl die Errungenschaften der Spätmoderne erklären wie auch ihre Probleme, vor allem in Form gesellschaftlicher Polarisierungen (soziale Ungleichheit, Kulturkonflikte). Er wendet sich daher sowohl gegen ein unkritisches Lob wie auch eine „pauschale kulturkritische Verdammung“ (23) der Spätmoderne.

Kap. I: Die Moderne zwischen der sozialen Logik des Allgemeinen und des Besonderen Reckwitz geht davon aus, dass in der modernen Gesellschaft grundsätzlich zwei gegensätzliche Bewertungssysteme des Sozialen, zwei „soziale Logiken“ des Sozialen miteinander konkurrieren: eine soziale Logik des Allgemeinen und eine soziale Logik des Besonderen.

Zur Bestimmung der Moderne setzt Reckwitz zunächst am Begriff der formalen Rationalisierung an, fasst diesen jedoch praxeologisch: die Moderne kennzeichnet sich durch vier miteinander verbundene Praktiken, die an einem doing generality orientiert sind (28f.):

Praktiken der Beobachtung Praktiken der Bewertung Praktiken der Hervorbringung Praktiken der Aneignung

Rationalisierung als praxeologisch modifizierter Prozessbegriff lässt sich nun sowohl auf die Makro- als auch auf die Mikroebene beziehen, formale Rationalität als übergeordnetes Strukturmerkmal moderner Gesellschaft erscheint so selbst als Resultat eines Prozesses, in dem sämtliche Elemente des Sozialen (Reckwitz unterscheidet hier zwischen Subjekten, Objekten, Zeitlichkeiten, Räumen und Kollektiven) „immer wieder neu rational ,gemacht‘“ (33), d. h. generalisiert, standardisiert und formalisiert werden, um Berechenbarkeit und Effizienz sicherzustellen.

In der Spätmoderne, also seit den 1970er und 80er Jahren, lässt sich Reckwitz zufolge ein gesellschaftlicher Strukturwandel beobachten, der darin besteht, dass die soziale Logik des Allgemeinen mit ihren Praktiken gesellschaftlicher Rationalisierung und Versachlichung, die ihren Höhepunkt in der industriellen ‚organisierten Moderne‘ (ca. 1920 bis 1970) erreichte, ihre Vorherrschaft an die soziale Logik des Besonderen verliert. Zwar verschwindet die Logik des Allgemeinen mit ihrem Drang zur Standardisierung und formalen Rationalisierung auch in der Spätmoderne nicht, allerdings verändert sich ihr Status und ihre Form: sie wird zu einer Hintergrundstruktur zur sozialen Fabrikation von kompetitiven Singularitäten. Die Logik der Singularisierung, „die zugleich eine der Kulturalisierung und der Affektintensivierung ist“ wird strukturbildend für die gesamte Gesellschaft (103). Reckwitz führt einen wertorientierten Kulturbegriff ein, den er von einem allgemeinen weiter angelegten Kulturbegriff unterscheidet. Kultur im starken, wertorientierten Sinne findet sich dort, wo in der sozialen Praxis, jenseits von Nützlichkeit und Funktionalität Wert zugeschrieben wird (79). Die Sphäre der Kultur ist demnach eine der Valorisierung und Entvalorisierung (75ff.).

Der von Reckwitz verwendete Begriff der Singularisierung ist explizit von der Wirtschaftssoziologie Lucien Karpiks und der Kulturanthropologie Igor Kopytoffs beeinflusst. Er bezieht sich auf die philosophisch-soziologische Darlegung eines Verhältnisses zwischen Allgemeinem (Begriff) und Besonderen (Anschauung), wie es Immanuel Kant in Kritik der Urteilskraft diskutiert. Der Begriff lässt sich negativ als Nichtverallgemeinerbarkeit, Nichtaustauschbarkeit und Nichtvergleichbarkeit (51) bestimmen. Singularitäten sind dabei zu unterscheiden von „Exemplare[n] des Allgemein-Besonderen“ (ebd.), also Versionen oder Varianten einer allgemeinen Ordnung, wie auch von Idiosynkrasien, die sich in ihrer Eigentümlichkeit, außerhalb des Sozialen bewegen (49). Vielmehr „handelt es sich um Entitäten, die innerhalb von sozialen Praktiken als besondere wahrgenommen und bewertet, fabriziert und behandelt werden“ (51) und sich in ihrer Binnenstruktur durch Eigenkomplexität und innere Dichte auszeichnen (52). Singularitäten sind keine objektiven Fakten, sondern hängen von Praktiken der Singularisierung ab: Beobachten, Bewerten, Hervorbringen, Aneignen. Singularisiert werden wiederum Dinge/Objekte, Subjekte, räumliche Einheiten (Orte), zeitliche Einheiten (Ereignisse) und Kollektive (Gemeinschaften etc.).

Reckwitz macht drei sich wechselseitig verstärkende Faktoren aus, die diese gesellschaftliche Transformation hin zu einer Gesellschaft der Singularitäten seit 1970/1980 erklären:

das Entstehen einer postindustriellen Ökonomie der Singularitäten die technische Revolution der Digitalisierung und eine vom Lebensstil der neuen Mittelklasse getragene Authentizitätsrevolution (103ff.).

Ein ökonomischer, ein technologischer und ein soziokultureller Faktor wirken so zusammen. Ökonomie und Technologie, die in der industriellen Moderne nur standardisiert haben, singularisieren nun auch: Anfang der 1970er Jahre gerät der industrielle Fordismus in eine Krise und der postindustrielle, kulturelle Kapitalismus ist ein Ausweg daraus. Zeitgleich entsteht nach 1968 eine neue Mittelklasse, für die Werte der Individualität und Authentizität eine wichtige Rolle spielen, die also Singularisierung erwartet. Hinzu kommt die technische Entwicklung der Digitalisierung.

Reckwitz hebt hervor, dass die Prozesse der Singularisierung auf verschiedenen Ebenen in Muster sozialer Polarisierung münden, zwischen anerkannten Singularitäten und jenen, denen dies nicht gelingt. Dies gilt für die Güter auf den ökonomischen Märkten, für Arbeitskräfte, für Lebensstile oder auch für Städte und Regionen. Diese Polarisierungen sind für die Krise der Spätmoderne verantwortlich.

Kap. II: Die postindustrielle Ökonomie der Singularitäten Der Übergang von der industriellen zur postindustriellen Ökonomie ist Reckwitz zufolge nicht allein auf den Wandel der Erwerbsstruktur (Expansion des Dienstleistungssektors) zu beziehen. Vielmehr erstreckt er sich ebenso auf die Ebene der Güter, die Ebene der Produktion und deren Organisationsformen, die Ebene des Konsums sowie auf die Ebene der Märkte (113f.). Während die industrielle Moderne primär auf die Produktion standardisierter, funktionaler Massengüter ausgerichtet war, nehmen die Güter in der postindustriellen Ökonomie mehr und mehr die Form von singulären Affektgütern an, die sich als kulturelle Güter durch narrativ-hermeneutische, ästhetisch-sinnliche, gestalterische, ludische und/oder ethische Eigenschaften auszeichnen und primär in Hinblick auf diese Qualitäten valorisiert werden (125ff.). Neben Dingen haben in der Spätmoderne insbesondere drei weitere Gütertypen an Relevanz gewonnen: mediale Formate, Ereignisse/Events und Dienstleistungen, die in Praktiken der Beobachtung, Hervorbringung, Bewertung und Aneignung zum Gegenstand von Authentizitätsarbeit und im Zuge dessen, und sofern diese gelingt, zu Singularitätsgütern werden (137). Sie alle tragen zur Transformation vom industriellen zum kulturellen Kapitalismus bei.

Die Standardmärkte für funktionale Massengüter der Industriemoderne, die sich auch als Preis- und Leistungsmärkte charakterisieren lassen, verändern so in der Spätmoderne ihre Form und werden „mehr und mehr durch kulturelle Märkte abgelöst“ (147). In der Spätmoderne konkurrieren die Güter primär um Sichtbarkeit und Anerkennung, das Verhältnis von Gütern und Konsumenten bzw. Publikum ist ein affektives, d. h. Singularitätsmärkte sind primär Aufmerksamkeits- und Attraktivitätsmärkte, die von kultureller Valorisierung leben. Für die Singularitätsmärkte ist dabei die Überproduktion von Gütern konstitutiv, zudem sind sie hochgradig spekulativ und ubiquitär. Zum einen lässt sich nach Reckwitz eine allgemeine Kulturökonomisierung des Sozialen beobachten, die immer mehr Segmente der Gesellschaft den Imperativen der Singularitätsmärkte unterwirft – bspw. Bildungsinstitutionen, Partnerschaften, Religionen usf. (152f.). Zum anderen sind diese durch ein hohes Maß an Unsicherheit geprägt, denn „Aufmerksamkeitsströme, gelungene Überraschung und Wertzuschreibung entziehen sich einer Planung und Steuerung“ (161). Aufmerksamkeit und Wertschätzung sind darüber hinaus zumeist sehr asymmetrisch verteilt; die Singularitätsmärkte basieren auf strukturell riskanten und entgrenzten Winner-take-all-Wettbewerben. Sie teilen dabei wesentliche Strukturmerkmale mit dem Feld der Kunst und den creative industries, die dem kulturellen Singularitätskapitalismus der Spätmoderne als „strukturelle Blaupause“ dienen (155).

Kap. III: Die Singularisierung der Arbeitswelt Die Singularisierung der Arbeitswelt betrifft verschiedene Aspekte. Vor allem die Arbeitssubjekte selbst werden in der Spätmoderne singularisiert, gefragt sind nicht allein formale Qualifikationen, sondern ist die Pflege eines originellen, möglichst einzigartigen Profils, also ein in seiner Zusammensetzung jeweils singuläres Bündel aus Kompetenzen, Talenten, Potentialen und Persönlichkeitsmerkmalen, das die Nicht-Austauschbarkeit und Unterscheidbarkeit des Arbeitssubjekts sicherstellt. Die Kompetenz-, Talent- und Potenzialbündel der Subjekte kommen in der singularistischen Arbeitswelt nicht in Form von formal-sachlicher Leistung und allgemeiner Vergleichbarkeit zur Geltung, sondern als Performanz. Das spätmoderne Arbeitssubjekt ist ein „Performanzarbeiter“ (209), das vor einem Publikum seine Einzigartigkeit, ähnlich einer Casting-Konstellation, vor einem Publikum aufführt (210).