mini|CSU-Vorsitzender Horst Seehofer mit der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel im November 2015. Auf dem damaligen CSU-Parteitag in München kam es zu einer öffentlichen Auseinandersetzung, als Seehofer seinen neben ihm stehenden Gast für die Asylpolitik kritisierte. Als bundesweite Ausdehnung der CSU wurde wiederholt diskutiert, ob die Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU) in ganz Deutschland politisch aktiv werden soll. Das würde sowohl die Gründung von Landes- und Ortsverbänden als auch die Teilnahme an Wahlen umfassen.
Bislang ist die CSU nur in Bayern organisiert und aktiv, während die CDU Landesverbände in den übrigen Bundesländern hat. CDU und CSU haben eine gemeinsame Fraktion im Bundestag. Diese Fraktionsgemeinschaft ist möglich, weil die beiden Parteien bei der Bundestagswahl nicht gegeneinander antreten.
Unter dem CSU-Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß sprach man von der Ausdehnung als Vierte Partei. Freilich war die CSU bereits damals die vierte, unabhängige Partei im Bundestag (neben CDU, SPD und FDP). Plan war damals jedoch, dass die CSU auch in anderen Bundesländern organisiert und wählbar sein sollte und auch im Bundestag eine eigene Fraktion haben würde. Die CSU solle bei Wahlen eher konservative, die CDU eher liberale Wähler ansprechen.
Nach der Bundestagswahl 1976 hatte die CSU bereits eine eigene Fraktion angekündigt. Die CDU unter Helmut Kohl drohte daraufhin mit der Gründung eines CDU-Landesverbands in Bayern. Die CSU-Führung lenkte ein, daher blieb es bei einer gemeinsamen Bundestagsfraktion von CDU und CSU.
Die Frage nach einer Trennung von CDU und CSU wurde seit dem Jahr 2015 erneut aufgeworfen. Hintergrund waren die unterschiedlichen Positionen der beiden Parteien in Bezug auf die Asyl- und Flüchtlingspolitik.
Kreuther Trennungsbeschluss Vorgeschichte mini|hochkant|Bundesminister Franz Josef Strauß im Jahr 1968 bei einer Landesversammlung der CSU
Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß strebte gegen die sozialliberale Koalition (1969–1982) eine absolute Mehrheit der Unionsparteien an, anstatt darauf zu hoffen, dass die FDP die Koalition mit der SPD wieder verlassen würde. Nach der verlorenen Bundestagswahl 1972 äußerte Strauß den Gedanken einer vierten Partei. Diese sollte konservative Wähler ansprechen, die die CDU zu liberal fanden. Außerdem könnte sie Strauß bei einer Kanzlerkandidatur unterstützen. Undeutlich blieb, ob die CSU im Einvernehmen mit der CDU nur in bestimmten Wahlkreisen im übrigen Bundesgebiet Kandidaten aufstellen oder in allen Bundesländern und Wahlkreisen eine eigene Organisation aufbauen sollte. CDU-Chef Kohl nahm dies als Drohung ernst und warnte seine Parteikollegen vor einem Auseinanderfallen der Union, weil dann die SPD-FDP-Koalition dauerhaft regieren könne und Kohl seine eigene Kanzlerkandidatur aufgeben müsste.Hans Peter Schwarz: Helmut Kohl. Eine politische Biographie. DVA, München 2012, S. 222.
Strauß hielt Kohl für schwach und unfähig und unterstützte daher eine Kanzlerkandidatur des konservativen CDU-Politikers Karl Carstens. Doch der CDU-Bundesvorstand wählte im Frühjahr 1975 seinen Vorsitzenden Kohl einstimmig zum Kanzlerkandidaten der Union. Kohl war Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und galt damals als eher fortschrittlich. Strauß wurde vor vollendete Tatsachen gestellt.Hans Peter Schwarz: Helmut Kohl. Eine politische Biographie. DVA, München 2012, S. 228. Die Bundestagswahl am 3. Oktober 1976 endete mit 48,6 Prozent für die CDU/CSU. Sie wurde stärkste politische Kraft, doch SPD und FDP konnten gemeinsam weiterregieren. Ministerpräsident Kohl entschied sich, nach Bonn an die Spitze der CDU/CSU-Fraktion zu wechseln. Dort kam es am 7. Oktober zu einem Streit zwischen Kohl und Strauß, da letzterer über das Ergebnis klagte.Hans Peter Schwarz: Helmut Kohl. Eine politische Biographie. DVA, München 2012, S. 248.
Beschlussfassung in der CSU-Landesgruppe mini|Tagungszentrum der CSU in Wildbad Kreuth Kreuther Trennungsbeschluss nennt man den Beschluss der CSU-Landesgruppe, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Deutschen Bundestags nicht fortzuführen. Dies geschah am 19. November 1976 im damaligen Bildungszentrum der Hanns-Seidel-Stiftung in Wildbad Kreuth (Landkreis Miesbach/Oberbayern).
Der Abgeordnete Franz Handlos hatte vorgeschlagen, die Landesgruppe solle eine eigene Bundestagsfraktion bilden. Friedrich Zimmermann und Gerold Tandler waren dafür, ebenso wie Richard Stücklen, der sich Chancen auf das Amt des Bundestagspräsidenten ausgerechnet hatte und übergangen worden war. Peter Schmidhuber und Theo Waigel (damals Vorsitzender der Grundsatzkommission der CSU) lehnten den Vorschlag ab. Offiziell wurde als Absicht ausgegeben, mehr Redezeit im Parlament für eine effektivere Oppositionsarbeit zu erhalten. Strauß hielt sich in der Debatte zurück. Letztlich stimmten 30 von 49 Abgeordneten für die Trennung. Kohl erfuhr davon erst später über die Medien.Hans Peter Schwarz: Helmut Kohl. Eine politische Biographie. DVA, München 2012, S. 249/250.
Gegenmaßnahmen der CDU mini|Franz-Josef Strauß und Helmut Kohl auf dem CSU-Parteitag 1976 in München Bernhard Vogel, der schon als neuer Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz nominiert worden war, bot Kohl darauf an, in Mainz zu bleiben. Doch Kohl nahm den Kampf um die Einheit der Union an. Die CDU hatte für diesen Fall bereits eine Rücklage von zwei Millionen Mark angelegt. Es gab auch schon Organisationspläne für einen CDU-Landesverband Bayern, um der befürchteten Ausdehnung der CSU etwas entgegensetzen zu können. Auf einer CDU-Sitzung am 22. November besprach Kohl das weitere Vorgehen: Man solle versuchen, die CSU-Spitze umzustimmen, aber bereits mit der Drohung einer CDU Bayern.Hans Peter Schwarz: Helmut Kohl. Eine politische Biographie. DVA, München 2012, S. 251. Die konservativen Landeschefs von Baden-Württemberg und Hessen, Hans Filbinger und Alfred Dregger, gingen auf Distanz zu Strauß.
Kohl hatte mittlerweile bekannte CSU-Mitglieder für die CDU Bayern gewonnen. Am 29. November bekräftigte Kohl vor dem CDU-Bundesvorstand die Drohung.Hans Peter Schwarz: Helmut Kohl. Eine politische Biographie. DVA, München 2012, S. 251–254. Die Bundes-CDU bereitete schon eine bayerische Organisationsstruktur vor, mitsamt Spendenaktion, Listen von CDU-Freunden in Bayern sowie einer Zeitschrift „CDU in Bayern“. Für den 15. Dezember plante sie den Start der Gründungskampagne: Auf einem Poster sollte ein Wahlkampffoto von Kohl zu sehen sein. Im März 1977 sollte in Nürnberg der Gründungsparteitag stattfinden. Ab September würde der Landesverband dann CDU-Kandidaten für die bayerischen Kommunalwahlen aufstellen.
CSU-interne Reaktionen Auch in Bayern kam es zu Widerstand gegen die schlecht vorbereitete Revolte der CSU-Spitze. Prominente Vertreter der Partei sprachen sich gegen die Trennung aus und ebenso 111 Kreisvorsitzende. Sie wiesen darauf hin, dass die Parteisatzung der CSU sich auf Bayern beschränke. Schon acht Tage nach dem Beschluss war der Plan einer CSU-Bundestagsfraktion wieder vom Tisch. Strauß aber hielt in einem Sitzungssaal der Hauptverwaltung des Wienerwald-Konzerns in München eine Rede vor Parteifreunden, in der er seinem Rivalen Kohl die Befähigung zum Kanzler absprach (so genannte Wienerwald-Rede).
Ausgang Am 1. Dezember wählten die CDU-Bundestagsabgeordneten Kohl bereits zum Fraktionsvorsitzenden und am 7. Dezember die Mitglieder des Fraktionsvorstandes. Man ging bereits von einer CDU-Fraktion aus, rief die CSU aber auf, auf einem Sonderparteitag im Januar den Trennungsbeschluss zu bedenken. Am 12. Dezember 1976 wurde der Trennungsbeschluss schließlich zurückgenommen, die besondere Eigenständigkeit der CSU aber bestätigt. Am 13. Dezember konnten Kohl und Strauß ihre Einigung bekannt geben, dass die Fraktionsgemeinschaft wiederhergestellt werden würde.Hans Peter Schwarz: Helmut Kohl. Eine politische Biographie. DVA, München 2012, S. 254/256.
Die Auseinandersetzungen ebneten letztlich den Weg zu einer Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß bei der Bundestagswahl 1980. Aber auch Strauß als CDU/CSU-Kandidat verfehlte die absolute Mehrheit. Er verlor sogar 4,1 Prozentpunkte gegenüber 1976. Das stärkte die Position des Fraktionsvorsitzenden Kohl, der zwei Jahre später eine Koalition mit der FDP verwirklichte. Strauß dagegen blieb bayerischer Ministerpräsident.
Der Mythos Kreuth oder Geist von Kreuth als Sinnbild für die Eigenständigkeit der CSU wurde auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder beschworen. Die Landesgruppe tagte dort noch vierzig Jahre lang regelmäßig.
CSU-Gründungen in der ehemaligen DDR Sachsen und Thüringen In den Tagen der politischen unübersichtlichen Wendezeit in der DDR brachte Theo Waigel im Oktober 1989 – noch vor dem Fall der Mauer am 9. November – die Idee einer CSU-Gründung in der DDR ins Spielhttps://taz.de/CSU-will-den-Osten-bekehren/!1264269/ und so gründeten sich im Laufe des Dezembers 1989 neben einer in den nördlichen Bezirken aktiven und am Programm der West-CDU orientierten Freie Demokratischen Union (FDU) zahlreiche, in den sächsisch/thüringischen Bezirken aktive kleine CSU-Verbände bzw. Freundeskreise, so u. a. in Leipzig, dem sächsischen Vogtland und dem heutigen Freistaat Thüringen. Diese Gruppierungen vereinigten sich am Dreikönigstag, dem 6. Januar 1990 zu einer CSU/FDU in der DDR.https://taz.de/Neugegruendete-CSU-in-der-DDR-stoesst-auf-Ablehnung-in-Muenchen/!1760150/https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-322-89927-9_5https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=e9901089-bb6c-1440-69ac-457f55fcb479&groupId=252038https://www.csu-geschichte.de/themen/detail/das-experiment-dsuhttps://www.csu.de/verbaende/ov/hirschau/regionales/januar-2025/erwin-huber-und-werner-schulz-vor-25-jahren-kontrahenten-in-sachen-ost-csu/https://www.sueddeutsche.de/bayern/landespolitik-seehofers-kabinett-besucht-das-bayern-des-ostens-1.2974975https://www.deutschlandfunk.de/viel-mehr-sorge-macht-mir-das-stimmungsbild-an-stammtischen-100.htmlhttps://www.salve.tv/tv/Weltkanal/16110/Eigentlich-wollte-er-nur-die-CSU-in-Thueringen-gruenden
Infolge dieser Entwicklung sah man sich in der bayerischen CSU vor die Frage gestellt, ob man diese Gründung nun unter diesem Namen unterstützen und sich über Sachsen und Thüringen und ggf. darüber hinaus auf das Gebiet der gesamten ehemaligen DDR ausdehnen sollte. Da diese Idee, von Edmund Stoiber und Peter Gauweiler favorisiert, jedoch im Weiteren von CSU-Parteichef Theo Waigel und vor allem unter dem Einfluss von Helmut Kohl, der sich nach anfänglichem Zögern für die Ost-CDU als Partner entschied, keine Unterstützung erfuhrhttps://www.spiegel.de/politik/offene-wunde-a-3321f916-0002-0001-0000-000013507191www.bayern.landtag.de (PDF; 2,98 MB)., wurde von der bayrischen CSU – aber letztlich wohl nur noch als Verlegenheitslösung – die Gründung einer ostdeutschen Schwesterpartei unter dem Namen Deutsche Soziale Union (DSU) initiiert. Dieser schloss sich ein Teil der sächsischen CSU-Mitglieder an, so auch die späteren DSU-Vorsitzenden Joachim Hubertus Nowack und Roberto Rink, dies vor allem unter dem Augenmerk, dass man seitens der Münchener Parteizentrale nicht gewillt war, eine Partei mit dem Namen CSU außerhalb Bayerns in irgendeiner Weise finanziell oder organisatorisch zu unterstützen.