Als Fall Kevin wird ein Vorfall im Bremer Stadtteil Gröpelingen bezeichnet, bei dem ein zweijähriger Junge 2006 von seinem drogenabhängigen Ziehvater getötet wurde. Das Jugendamt Bremen hatte zum Zeitpunkt des Todes die Vormundschaft über den Jungen.
Verlauf
Kevin K. wurde am 23. Januar 2004 im Klinikum Bremen-Nord geboren; er war ein Frühchen und litt an einem Drogenentzug.Untersuchungsbericht der Bremer Bürgerschaft. 2006 Der Ziehvater des Kindes, Bernd K., war bereits mehrfach wegen Körperverletzung vorbestraft. Fall Kevin Chronik eines vermeidbaren Todes. In: Spiegel, 12. Oktober 2006 Im August 2004 griff die Polizei die drogenabhängige Mutter mit ihrem Baby auf. In der Professor-Hess-Kinderklinik wurde festgestellt, dass die Knochen des Babys an mehreren Stellen gebrochen waren; das Kind war mit 7,5 Kilo untergewichtig. Vom 24. bis zum 29. November 2004 war das Kind in der Fremdunterbringung im Hermann-Hildebrandt-Haus.Chronologie In: Antageslicht.de
Kevins Mutter starb im November 2005 an einem Milzriss; gegen den Mann wurde ermittelt, doch ergaben sich keine Hinweise auf ein Fremdverschulden. Nach dem Tod der Mutter setzte sich der Hausarzt des Paares dafür ein, dass der ebenfalls drogenabhängige Partner das Kind behalten könne.Fall Kevin: Bernd K.s hilfreicher Hausarzt. In: Stern, 1. November 2006
Die Senatorin Karin Röpke wurde am 18. Januar 2006 von Bürgermeister Jens Böhrnsen persönlich auf den Fall Kevin aufmerksam gemacht. Röpke sprach mit dem Leiter des Jugendamtes, Jürgen Hartwig, über den Fall. Dieser leitete es an die zuständige Fachabteilung weiter.Fall Kevin: Jugendamt wollte Polizeischutz. In: FAZ, 16. Oktober 2006
Der Amtsvormund, der die Pflegschaft für Kevin ausübte, hatte nach eigenen Angaben im Schnitt 240 Fälle zu betreuen.
Die Leiche des Jungen wurde von der Polizei am 10. Oktober 2006 im Tiefkühlschrank der Wohnung vorgefunden. An diesem Tag versuchten Mitarbeiter des Amts für Soziale Dienste, Kevin in Obhut zu nehmen.Fall Kevin: Vor zehn Jahren schockierte sein Tod ganz Deutschland. In: Weser-Kurier, 10. Oktober 2016Jugendamt versagte im Fall Kevin immer wieder. In: Süddeutsche Zeitung, 19. Mai 2010 Am Körper ließen sich zahlreiche Blutergüsse und 21 Knochenbrüche nachweisen, betroffen waren darunter das rechte Schienbein, der linke Oberschenkel und die Speiche über der linken Handwurzel.Urteil im Fall Kevin "Sie müssen mit dieser Schuld fertig werden". In: Spiegel, 5. Juni 2008 Der Ziehvater gab den Monat Mai als Todeszeitpunkt an.
Kevin wurde im November 2006 auf dem Waller Friedhof bestattet.
Konsequenzen
Karin Röpke trat von ihrem Amt als Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales am 11. Oktober 2006 zurück.
Ende Oktober 2006 wurde von Justizstaatsrat Ulrich Mäurer ein Untersuchungsbericht zum „Fall Kevin“ veröffentlicht, der den zuständigen Ämtern schwerwiegende Fehler nachwies.Fall Kevin: Bericht weist Sozialamt massive Fehler nach. In: Spiegel, 31. Oktober 2006
2008 wurde der Täter zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.
Aufgrund der hohen Fallzahl des betroffenen Sachbearbeiters, der seine Überlastung auch gemeldet hatte, wurde die Fallzahl für einen Amtsvormund 2011 gesetzlich auf 50 begrenzt (Soll-Regelung) ( SGB VIII).Felix Brandhorst: Kinderschutz und Öffentlichkeit: Der „Fall Kevin“ als Sensation und Politikum. Springer-Verlag, 2015 (Auszug)Bundestag: Fallzahl je Mitarbeiter soll auf 50 begrenzt werden. 2011
Im April 2010 beschloss die Bremische Bürgerschaft eine verdachtsunabhängige Pflicht zur Obduktion beim ungeklärten Tod von Kindern unter sechs Jahren.Hans-Otto Burschel: Obduktionspflicht bei Tod eines Kindes 14. April 2010. Mit der 2011 in Kraft getretenen Änderung des Bremer Gesetzes über das Leichenwesen§ 12 Abs. 2 in der Fassung der Bekanntmachung vom 1. März 2011. Brem.GBl. 2011, S. 87. sollten mögliche Misshandlungen aufgeklärt werden.
Prozessbeobachtung Die Bremer Künstlerin Yolanda Feindura erlebte den Fall Kevin ab 2006 als zivile Prozessbeobachterin mit und machte das Geschehen zum Gegenstand zweier Ausstellungen in Bremen – 2008 im Atelierhof, und in der Villa Ichon 2013.
Weblinks
Bericht des Untersuchungsausschusses zur Aufklärung von mutmaßlichen Vernachlässigungen der Amtsvormundschaft und Kindeswohlsicherung durch das Amt für Soziale Dienste. 2006 (PDF; 1,4 MB) ZEIT Podcast: Verbrechen / Fall Kevin: Das Kind im Kühlschrank ZEIT Online 22. Oktober 2019, von Sabine Rückert und Andreas Sentker
Einzelnachweise
Kategorie:Geschichte Bremens im 21. Jahrhundert Kategorie:Kriminalfall 2006 Kategorie:Kriminalfall in Deutschland