mini|240px|Regensburg (1695) Altstadt mit Brückenkopf Stadtamhof mini|240px|Blick von oben auf das Zentrum der Altstadt
Im Jahr 2006 wurde das denkmalgeschützte Ensemble Altstadt Regensburg mit Stadtamhof zum UNESCO-Welterbe erhoben, weil nachgewiesen werden konnte, dass der mittelalterliche Gebäudebestand von Regensburg und die zugehörige Stadtarchitektur noch weitgehend erhalten sind. In der Regensburger Altstadt finden sich rund 960 Baudenkmäler auf 1,8 km². Auch heute ist an den Gebäuden, Plätzen und Gassen der Altstadt die historische Doppelrolle als mittelalterliches Handelszentrum und als frühneuzeitlicher Treffpunkt europäischer Diplomaten erkennbar: Hier tagte von 1663 bis 1803 der Immerwährende Reichstag und befand über eine europäische Politik mit Einfluss auf den gesamten Raum nördlich der Alpen. Somit ist die Altstadt von Regensburg zusammen mit der über die Steinerne Brücke angeschlossenen ehemals bayerischen, nicht zur Stadt gehörigen und erst spät eingemeindeten katholischen Landstadt Stadtamhof ein außergewöhnliches Zeugnis der kulturellen Traditionen, aber auch der Brüche im Heiligen Römischen Reich. Seine Entwicklungsstufen und Abfolge in den gut erhaltenen weltlichen und kirchlichen Bauwerken sind in der ehemals protestantischen Reichsstadt erkennbar. Dieser Artikel soll sowohl die Entwicklung und die Mühen der Erhaltung des Gebäudebestandes als auch die Verluste an Gebäuden schildern.Darstellung Regensburgs auf der deutschen UNESCO-Welterbe-Website, abgerufen am 15. Juni 2018.
Geschichte und Baugeschichte
Überblick Die folgende Übersicht gibt Einblick in die 2000-jährige Geschichte der Stadt Regensburg und betont dabei die Baugeschichte. Sie führt die Stadtentwicklung vor Augen, von den römischen Anfängen im 2. Jahrhundert über die Zeit der Bajuwaren im 5.–8. Jahrhundert über die karolingische Zeit im 9. Jahrhundert bis zur Konsolidierung von Regensburg als Stadt am Beginn des 10. Jahrhunderts durch den Bau der Arnulfinischen Stadtmauer unter Herzog Arnulf I. Danach begann die wirtschaftliche Blütezeit von Regensburg als europaweit agierende Handels- und Bürgerstadt. Das hatte den Bau der Steinernen Brücke zur Folge und die Fortsetzung der Blütezeit mit den Stadterweiterungen und dem Bau der mittelalterlichen Stadtmauern im 12. und 13. Jahrhundert.
Der wirtschaftliche Niedergang der Stadt begann im 14. Jahrhundert und führte am Ende des 15. Jahrhunderts zur kurzzeitigen Übernahme der Stadt durch den bayerischen Herzog, die vom Kaiser wieder aufgehoben wurde. Am Beginn des 16. Jahrhunderts folgte die Vertreibung der Juden, verbunden mit der baulichen Zerstörung des Judenviertels und der baulichen Neugestaltung des Platzes nach Erbauung der Neupfarrkirche, die nach dem Religionswechsel der Stadt als protestantische Kirche genutzt wurde. Am Beginn des 17. Jahrhunderts führten starke Zuwanderungen von Protestanten nach Regensburg nicht nur zum Neubau der protestantischen Dreieinigkeitskirche, sondern auch dazu, dass viele Wohnungen oder Häuser vermietet und dadurch erhalten werden konnten. Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges blieb mit Ausnahme der stark beschädigten Steinernen Brücke der Baubestand der Altstadt erhalten, während die bayerische Vorstadt Stadtamhof bei den Kämpfen um Regensburg völlig zerstört wurde.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg war die Wahl von Regensburg als Standort für den Immerwährenden Reichstag eine Stütze für die wirtschaftliche Konsolidierung der Stadt und stärkte ihre politische Stellung gegenüber dem bayerischen Herzog, dem es im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges nicht gelungen war, die Stadt unter seinen Einfluss zu bringen. Die nun einsetzende Nutzung von vielen der alten, großen Gebäude als Gesandtschaften und als vermietbare Unterkünfte für Familien von Gesandten verhinderte Umbauten und Abbrüche der Häuser.
Nach dem Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reichs und der Auflösung des Reichstages 1803 am Beginn des 19. Jahrhunderts begann für die Stadt erneut eine schwierige Phase. Zwar erlebte die Stadt am Beginn einer 10-jährigen Regierungszeit von Fürstbischof Dalberg organisatorische und bauliche Innovationen, geriet dann aber mit dem Beginn der Napoleonischen Kriege in eine isolierte Sonderstellung. Am Ende dieser kurzen Periode wurde die südliche Altstadt von Regensburg 1809 im Fünften Koalitionskrieg im Laufe der Schlacht bei Regensburg stark, und die bayerische Vorstadt Stadtamhof sogar völlig zerstört.
Die Übersicht soll zeigen, wie es in den folgenden zwei Jahrhunderten möglich wurde, dass 200 Jahre später am Beginn des 21. Jahrhunderts die Ernennung der Stadt zum UNESCO-Welterbe erreicht werden konnte. Am Beginn dieser Phase stand der Wiederaufbau, der auch mit der mühsamen Eingliederung der stark protestantisch geprägten ehemaligen Reichsstadt in das katholisch geprägte Königreich Bayern verbunden war. Die isolierte Lage in der Provinz führte im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts zu einer nur langsam ablaufenden industriellen und wirtschaftlichen Entwicklung. Die zeitweise große Armut der Stadt trug genauso zur Erhaltung des denkmalgeschützten Ensembles bei, wie die glücklicherweise nicht erfolgten großflächigen Zerstörungen im Laufe des Zweiten Weltkriegs.
In der Nachkriegszeit kam es in Regensburg wie auch in anderen Städten zu Verlusten im Denkmalbestand und zu bedrohlichen Entwicklungen im innerstädtischen Verkehr. Jedoch wuchs in den 1970er Jahren in der Bevölkerung ein neues Bewusstsein für Denkmalschutz und Denkmalpflege, initiiert durch Bürgervereine wie die Altstadtfreunde Regensburg. Durch ihren Einsatz konnte das Regensburger und Stadtamhofer Kulturerbe vor vielen verhängnisvollen negativen Eingriffen bewahrt werden. Die damals neu gegründete Universität Regensburg konnte diesen Prozess fachlich begleiten und auch personell unterstützen. Die vielen zugezogenen Studierenden, lernten den Denkmalbestand in der Altstadt kennen oder fanden sogar in renovierten und als Studentenheimen ausgebauten Altbauten Unterkunft in der Altstadt.
Vom römischen Legionslager zur bayerischen Hauptstadt mini|hochkant|Porta Praetoria in Regensburg mini|Plan des Legionslagers, eingefügt in den Grundriss der Altstadt
Die Geschichte Regensburgs begann weit vor unserer Zeitrechnung. Seit der Ausdehnung des Römischen Reichs war die römische Gründung fast zwei Jahrtausende lang von prägender Bedeutung für den bayrischen Donauraum. Die Römer erkannten die topographische Besonderheit der Lage am nördlichen Donaubogen und bauten hier ein besonders gut befestigtes Legionslager. Im Straßengrundriss der Altstadt und in vielen Bauresten zeigt sich heute noch die Lage des Legionslagers.
mini|Herzogshof Ostfassade (2013)
Schon in der Steinzeit wurde der Regensburger Donaubogen besiedelt, denn in der Nähe des nördlichsten Donauteils münden die Flüsse Altmühl, Naab und Regen, die von Norden her einmünden. Als ältester Name einer vorgeschichtlichen Ansiedlung ist der keltische Name Radasbona überliefert. Gegen 90 n. Chr.: Nach der Ausdehnung des römischen Reichs bis zur Donau Errichtung eines römischen Kohorten-Kastells im Bereich des heutigen Stadtteils Kumpfmühl. 179 n. Chr.: Eigentliche Gründung der Stadt als römisches Legionslager Castra Regina (Lager am Regen) der III. Italischen Legion in der Regierungszeit des Kaisers Mark Aurel, nachgewiesen durch eine steinerne Platte mit Bauinschrift, ausgestellt im Stadtmuseum. Überreste von Bauten aus römischer Zeit, wie die Porta Praetoria in der Gasse Unter den Schwibbögen und ein 60 m langer Abschnitt der Römermauer in der Altstadt am Dachauplatz sowie am Ernst-Reuter-Platz sind erhalten, konserviert und heute auch zugänglich. In den folgend±en Jahrhunderten bildeten sich besonders westlich des Legionslagers Vorortsiedlungen und im weiteren Umfeld des Legionslagers auch Landgüter. 6. Jahrhundert n. Chr.: Nach dem Ende der Römerherrschaft wurde Castra Regina als Reganespurc Herzogsresidenz der Agilolfinger und erste bayerische Hauptstadt. Die starken Mauern des Legionslagers boten sich als Schutz für die Stammesherzöge der Agilolfinger an, die ihre Residenz im nordöstlichen Teilbereich des Legionslagers errichteten. 739 n. Chr.: Der hl. Bonifatius stiftete das Bistum Regensburg. Gegen Ende des Jahrhunderts entstand das Kloster St Emmeram. Regensburg wurde Bischofssitz und zog weitere Klöster und Stifte an, die sich hier niederließen, wie z. B. das Stift Niedermünster und das Stift zur Alten Kapelle. 10. Jahrhundert: Unter dem bayerischen Herzog Arnulf I. erfolgte die Stadterweiterung nach Westen: Abbruch der westlichen Mauer des Römerlagers und Bau der Arnulfinischen Stadtmauer unter Einbezug von Kloster Sankt Emmeram.
Wirtschaftliche Blütezeit und Aufstieg zur Reichsstadt mini|Die Steinerne Brücke mini|Sitz des Immerwährenden Reichstags im Alten Rathaus
Diese hochmittelalterliche Epoche der Stauferzeit war die Blütezeit der Stadt, die sich damals zur einzigen „Großstadt“ im altbayerischen Raum entwickelte. 11. und 12. Jahrhundert: Durch einen florierenden Fernhandel, bis nach Paris, Venedig und Kiew erlebte Regensburg eine wirtschaftliche Blüte und wurde eine der wohlhabendsten und einwohnerstärksten Städte im Reich. Dreimal sammelte sich in diesen Jahren ein Kreuzfahrerheer in Regensburg zum Zug ins Heilige Land. 12. Jahrhundert: Der Bau der Steinernen Brücke von 1135 bis 1146, mit der die Altstadt von Regensburg mit dem 1050 erstmals urkundlich erwähnten Ort Stadtamhof verbunden wurde, krönte die Zeit der wirtschaftlichen Blüte. Die Brücke war Ausdruck der Bedeutung und des Reichtums der Bürgerschaft und wurde als „mittelalterliches Bauwunder“ Vorbild für andere Brückenbauten, wie für die Karlsbrücke in Prag. In dieser Zeit entstanden die ersten romanischen und gotischen Bauten des Mittelalters die heute das Gesicht der Altstadt prägen. 1180 wird Heinrich der Löwe von Kaiser Barbarossa auf einem Reichstag zu Regensburg als Herzog von Bayern abgesetzt und die Wittelsbacher wurden zur Herrscherfamilie Bayerns. Sie konnten aber die Entwicklung von Regensburg zu einer unabhängigen Stadt nicht aufhalten. 1259 gaben sie ihre Residenz am Kornmarkt auf und verließen Regensburg, blieben aber nördlich der Brücke in Stadtamhof präsent, um den so wichtigen Flussübergang kontrollieren zu können. Die Rivalität zwischen den Wittelsbachern und der Reichsstadt bestimmte dann jahrhundertelang die Geschichte Regensburgs. 13. Jahrhundert: Nach dem Bau der Brücke setzte sich die Zeit der wirtschaftlichen Blüte fort. 1245 erhielt Regensburg den Status einer freien Reichsstadt, verliehen von Kaiser Friedrich II. Die Stadt mit ca. 20.000 Einwohnern und ca. 2.000 Personen, die eine politische Rolle spielten, blieb weiterhin eine Drehscheibe im Ost-West- und im Nord-Süd-Handel. Die Oberhäupter von ca. 60 Familien bildeten das Regensburger Patriziat. Aus ihnen setzte sich die Stadtregierung zusammen, sie waren die Bauherren der heutigen Denkmäler, der Patrizier-Geschlechtertürme und sie waren der Anreiz dafür, dass in dieser Zeit der reichen Patrizier auch die Bettelordenskirchen und -klöster entstanden, wie die Minoritenkirche und die Dominikanerkirche St. Blasius.
Wirtschaftlicher Niedergang, Reformation, Dreißigjähriger Krieg bis 1653 mini|Neupfarrplatz: Standort des ehemaligen Judenviertels. Vor der Neupfarrkirche: Denkmal für die ehemalige Synagoge
Mit dem Anbruch der Neuzeit und dem Zeitalter der Erkundung der Welt waren durch Veränderungen der weltpolitischen Situationen auch die Fernhandelswege in Europa stark betroffen. Das hatte auch Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Verhältnisse in den miteinander konkurrierenden Städten des Reiches.