Der Kasus [] (Pl.: Kasus mit langem u []) (auch: der Fall) ist eine grammatische Kategorie, das heißt eine Kategorie in der Flexion der nominalen Wortarten. Sie drückt die Abhängigkeit eines Satzteils aus, der von einem Wort regiert wird, oder bezeichnet verschiedene adverbielle Funktionen. Deshalb kann sie genauer auch als eine morphosyntaktische Kategorie bezeichnet werden.
Herkunft der Bezeichnung Die Bezeichnung Kasus geht etymologisch auf das lateinische Wort (‚Fall‘; zu cadere, ‚fallen‘) zurück. Dieses Wort ist eine Lehnübersetzung vom griechischen Wort (‚Fall‘, auch in Bezug auf das Fallen der WürfelFranz Dornseiff: Die griechischen Wörter im Deutschen. Berlin 1950, S. 86.). Der griechische Grammatiker Dionysios Thrax hatte die Nomina als vom Verb ‚abfallend‘ (‚abhängig‘) aufgefasst (etwa wie noch heute in der Dependenzgrammatik) und dies als ptō̂sis bezeichnet.
Begriff Der Ausdruck „Kasus“ ist mehrdeutig.
Morphologischer Kasus In einem engeren Sinne ist mit „Kasus“ der morphologische Kasus gemeint, das heißt die „Kasusmarkierung durch grammatische Morpheme“.Wendung nach Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002, ISBN 3-520-45203-0 (Kasus). In der Morphologie ist der Kasus eine morphologische Kategorie, die durch ein System einander gegenüberstehender Formenreihen gekennzeichnet ist, üblicherweise definiert als
„grammatische Kategorie deklinierbarer Wörter, insbesondere zum Ausdruck syntaktischer Funktionen im Satz.“
Dieser morphologische Kasusbegriff ist auch auf das Deutsche anwendbar, da das Deutsche noch ein ausgeprägtes Flexionssystem der nominalen Wortarten kennt. Im Deutschen werden in der Deklination mit dem Kasus auch zugleich das Genus und der Numerus morphologisch gekennzeichnet. Hinsichtlich der Art der Markierung wird für das Deutsche manchmal zwischen einem reinen Flexionskasus (Beispiel: „Müllers Auto“) und einem Präpositionalkasus (Beispiel: „das Auto von Müller“) unterschieden.Duden: Die Grammatik. 4. Auflage. Rn. 372. Im engeren Sinn ist mit Kasus jedoch Flexionskasus gemeint.
Es gibt verschiedene Mechanismen, wie Wörter einen Kasus erhalten können: Die Zuweisung eines Kasus z. B. durch ein Verb an sein Objekt wird als Rektion bezeichnet. Eine zweite Möglichkeit ist Kongruenz, also z. B. die Übereinstimmung zwischen Substantiv, Adjektiv und Artikel innerhalb eines Objekts. Beispiel: Er bestellte Akk[einen Pfannkuchen] mit Dat[einem kleinen Salat]. Hier regiert das Verb bestellen den Akkusativ an seiner Ergänzung und die Präposition mit den Dativ an ihrer Ergänzung (die Ergänzung als Ganzes ist jeweils eingeklammert). Akkusativ bzw. Dativ zeigen sich dann an mehreren Ausdrücken innerhalb der Akkusativ- bzw. Dativergänzung, dies letztere ist nun die Wirkung der Kongruenzregel. Wie das Beispiel zeigt, ist die Kasusform am Substantiv selbst im Deutschen am wenigsten zu sehen, am eindeutigsten zeigt oft der Artikel den Kasus.
Aus dem Griechischen stammt die Einteilung in (Nominativ, Vokativ oder Nominativ) und Casus obliquus (Genitiv, Dativ, Akkusativ, Ablativ oder Genitiv, Dativ, Akkusativ, Vokativ, Ablativ).
Weitere Einteilungen sind die in lexikalischen und strukturellen Kasus (so in der generativen Syntax) und in syntaktischen und semantischen Kasus.Im Einzelnen vergleiche Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002, ISBN 3-520-45203-0 (Kasus).
Typischerweise trägt ein Wort nur eine einzige Kasusmarkierung, in einigen Sprachen gibt es jedoch auch Wörter mit zwei und mehr Kasusmarkierungen (Suffixaufnahme).
Abstrakter Kasus Unabhängig von einer morphologischen Realisierung kann man den Kasus abstrakt definieren als „grammatische Kategorie der nominalen Wortarten …, die der grammatischen Organisation des Satzes dient, indem die syntaktische Rolle von Substantivgruppen gekennzeichnet wird.“Nach Gadler: Praktische Linguistik. 3. Auflage. (1998), S. 179 (dort wird aber nicht explizit vom abstrakten Kasus gesprochen)
Dieser Kasusbegriff bietet sich „für nicht flektierende Sprachen wie dem Englischen und Französischen (an), in denen syntaktische Funktionen hauptsächlich durch Wortstellung bzw. Satzstruktur kodiert werden.“Formulierung von Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002, ISBN 3-520-45203-0 (Kasus), dort jedoch ohne ausdrückliche Unterscheidung zwischen einem morphologischen und abstrakten Kasusbegriff. Ein abstrakter Kasusbegriff wird in der Sprachvergleichung verwendet.
Tiefenkasus im Sinne der Kasusgrammatik Die Kasusgrammatik bezeichnet mit „Kasus“ (Tiefenkasus) die „semantisch/thematischen Relationen/Rollen“Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002, ISBN 3-520-45203-0 (Kasusgrammatik). bzw. die „abstrakte logisch-semantische Relation zwischen Nominalphrase und Verb“.Ulrich: Linguistische Grundbegriffe. 5. Auflage. (2002)/Kasus
Das System der Kasus in der deutschen Sprache
Das Kasussystem im Standarddeutschen
Die deutsche Sprache kennt vier morphologische (durch Wortformen des Substantivs und Artikels markierte) Kasus: den Nominativ, 1. Fall, Wer/Was-Fall den Genitiv, 2. Fall, Wes(sen)-Fall den Dativ, 3. Fall, Wem-Fall den Akkusativ, 4. Fall, Wen/Was-Fall.
Beispielsweise ist in dem Satz „Die Frau gibt ihrem Bruder den Hut ihres Mannes.“ Die Frau das Subjekt (im Nominativ), ihrem Bruder das Dativ-Objekt (= Ergänzung im Dativ), den Hut das Akkusativ-Objekt (= Ergänzung im Akkusativ) und ihres Mannes das Genitiv-Attribut (= Ergänzung im Genitiv).
In der Regel findet bei Neutra und bei stark deklinierten Maskulina höchstens noch im Genitiv Singular und im Dativ Plural immer eine Kasus-Beugung, d. h. eine Veränderung der Wortform durch das Anhängen einer Endung an den Wortstamm bzw. den Pluralstamm, statt. Der Dativ Singular der starken Maskulina und Neutra wurde im 20. Jahrhundert oft noch flektiert: der Mann → dem Manne. Obwohl diese Form der Flexion heutzutage nicht mehr obligatorisch, sondern nur noch optional ist, erhält sich dieser Stand in vielen Redewendungen: Im echten Manne ist ein Kind versteckt: Das will spielen. (Friedrich Nietzsche); außerdem bleibt sie bei zahlreichen Substantiven – und besonders deren Wortverbindungen – üblich: dem Tode (nahe, geweiht …) ist beispielsweise wesentlich gebräuchlicher als dem Tod. Schwache Maskulina sowie alle substantivierten Adjektive und Partizipien haben auch in anderen Kasus Flexionsendungen (des Menschen, den Boten, mit der Schönsten, für den Gebildeten). Der Verlust der Endungen ist wiederum Ursache für den Zusammenfall gleichlautender Kasus, wie im Englischen und Niederdeutschen (siehe unten). Das Deutsche scheint auf dem Wege zu sein, auch den Genitiv als Objekt-Kasus („ich schäme mich seiner“) zu verlieren (Sprachdrift). Bei den nicht mehr durch Endungen gekennzeichneten Fällen zeigen die Artikel den Kasus des entsprechenden Wortes an.
Kasus in den deutschen Dialekten Allgemeines In vielen deutschen Mundarten ist das Kasussystem einfacher als im Hochdeutschen. So kommt der Genitiv in den deutschen Mundarten oft nur noch in festen Redewendungen vor. Er wird in der Regel durch eine Kombination von Präposition und Substantiv ersetzt. Beispiel: das Haus meines Vaters wird ersetzt durch das Haus von meinem Vater oder durch meinem Vater sein Haus.
In einigen Dialekträumen fallen Nominativ und Akkusativ zusammen, in anderen Dativ und Akkusativ (dieser Gemeinschaftskasus heißt dann Akkudativ oder Objektfall). In manchen Gegenden bleibt die Unterscheidung zwischen allen drei Kasus erhalten, in anderen verschwindet die Unterscheidung zwischen allen drei Kasus vollständig, sodass dort ein Einheitskasus aus Nominativ, Dativ und Akkusativ entsteht.
Bei den Kasus in den deutschen Mundarten muss man zwischen den einzelnen Wortarten (Artikel, Adjektiv, Substantiv und Personalpronomen) und zwischen den drei grammatischen Geschlechtern (Genera) unterscheiden. Zum Beispiel verhält sich beim bestimmten Artikel die männliche Form (hochdeutsch der) anders als die weibliche und die sächliche Form (die bzw. das).
Das Kasussystem im Alemannischen Das Alemannische ist ein Dialektverbund der oberdeutschen Sprache, die sehr wenige Fälle kennt. Hier werden die Fälle anhand eines Luzerner Dialekts demonstriert. Es gibt keine einheitliche Angabe der Fälle im Alemannischen, da sie in den verschiedenen Dialekten teilweise sehr unterschiedlich sein können. Tatsächlich ist in konservativen alemannischen Dialekten das Kasussystem mitunter noch sehr viel besser erhalten, etwa im Walliserdeutschen.
Substantive Kasus maskulin feminin neutrum Nominativ/Akkusativ de Maa (der Mann/den Mann) d’Frau (die Frau) s’Chind (das Kind) Dativ am Maa (dem Manne) de Frau (der Frau) am Chind (dem Kinde)
Die Formen des Nominativs und des Akkusativs sind in allen Genera identisch. Im Dativ wird als Artikel „am/de“ verwendet. Das Wort selbst verändert sich nicht.
Der Genitiv muss gesondert aufgeführt werden. Da ein Genitiv eigentlich gar nicht existiert, entfallen die wenigen Verben, die im Standarddeutschen noch ein Genitivobjekt fordern, (z. B. „bedürfen“, „gedenken“ oder „sich rühmen“) im Alemannischen oder werden mit entsprechenden Präpositionen aufgeführt.
Beispiel: Ursprungssatz (Standarddeutsch): „Ich schäme mich seiner.“ Alemannisch: „Ich schäme mich wäg ihm.“ Einheitliche Übersetzung: „Ich schäme mich seinetwegen/wegen seiner.“
Wird der Genitiv in einem Genitivattribut gefordert, wird er wie folgt angegeben:
Genus des Bezugswortes maskulin feminin neutrum maskulin am Maa si(n) de Frau ire am Chind si(n) feminin am Maa sini de Frau iri am Chind sini neutrum am Maa sis de Frau ires am Chind sis Plural (m., f. o. n.) am Maa sini a de Frau iri am Chind sini
Er setzt sich also zusammen aus dem Dativ, auf den ein Possessivpronomen folgt. In der ersten Spalte ist angegeben, welches Genus das nachfolgende Wort hat. Je nachdem ändert sich auch das Possessivpronomen. Im Plural gibt es nur ein Possessivpronomen, weshalb die Genera im Plural nicht mehr einzeln aufgeführt sind. Diese Form eines Genitivs, der ja eigentlich gar keiner ist, kann nur auf Genitivattribute angewendet werden. Als Genitivobjekt ist sie nicht zu gebrauchen. Sie existiert auch im Standarddeutschen, wird aber heute nur noch sehr selten verwendet. So ist sie zu übersetzen (das Genus des Bezugswortes ist jeweils in Klammern angegeben): Am/Im Maa sis Buech (n.) liit am Bode. Dem Mann sein Buch liegt auf dem Boden.
A/I de Frou ires Chind (n.) esch 3-jährig. Der Frau ihr Kind ist 3-jährig.
Am/Im Chind sini Mueter (f.) chouft i. Dem Kind seine Mutter kauft ein.
Außerdem existiert im Alemannischen eine zweite Form. Auch diese Form ist im Standarddeutsch vorhanden und wird auch heute öfter gebraucht.
maskulin feminin neutrumvom Maa vo de Frou vom Chind
Diese Form eines rekonstruierten Genitivs setzt sich aus der Präposition „von“, dem Artikel (bei maskulinen und neutralen Substantiven miteinander verschmolzen) und dem eigentlichen attributiven Substantiv zusammen. Das Bezugswort steht vor dem „Genitiv“. Das Genus und der Numerus des Bezugswortes spielen in diesem Fall keine Rolle. Diese Form ist so zu übersetzen: D’Schwöschtere vom Maa heissed Erika ond Jasmin. Die Schwestern vom (= von dem) Mann heißen Erika und Jasmin.
Das Kasussystem im indogermanischen Sprachraum