Behn Meyer ist ein 1840 in Singapur als Überseehandelshaus gegründetes Familienunternehmen, das heute Produkte der Spezialchemie entwickelt, herstellt und distribuiert. Sitz ist Hamburg, der Schwerpunkt der Tätigkeiten liegt in Südostasien. Die Gruppe verfügt in mehr als 14 Ländern Asiens, Europas und Nordamerikas über 28 Niederlassungen, 38 Lagerhäuser und mehrere Produktionsstätten.
Geschichte Von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg Theodor August Behn erreichte Singapur am 5. Juli 1839 als Supercargo eines Bremer Handelshauses, für das er Geschäfte abwickelte. Dort handelte er auch auf eigene Rechnung und nutzte geschäftliche Chancen, die der Ausbruch des Ersten Opiumkrieges bot.Sieveking: Die Anfänge, S. 189. Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 54–61. Kleinsteuber: Merchants, S. 20 und S. 41 f. Sein Freund Valentin Lorenz Meyer kam am 1. November 1840 in Singapur an. Dieser Tag gilt als Gründungsdatum von Behn, Meyer & Co.Sieveking: Die Anfänge, S. 191–193. Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 69. Kleinsteuber: Merchants, S. 51. Es war das erste deutsche Handelshaus in Singapur.Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 69. Yacob: Trans-generational renewal, S. 4. Kleinsteuber: Merchants, S. 51.
Zeitleiste der Unternehmensentwicklung 1840 Gründung von Behn, Meyer & Co. in Singapur 1857 Gründung von Arnold Otto Meyer in Hamburg 1906 Arnold Otto Meyer fungiert als Holding und steuertdie Geschäfte von Hamburg aus 1914 Die Gruppe ist größtes deutsches Überseehandelshausund größte deutsche Schifffahrtsagentur in Südostasien 1929 Die Weltwirtschaftskrise trifft die Gruppe schwer 1939 Der Zweite Weltkrieg beschränkt die Handelsmöglichkeiten erheblich 1945 Verlust aller Vermögenswerte in SüdostasienWiederaufnahme des Handels von Hamburg aus 1953 Wiederaufnahme des Handels in Jakarta 1955 Wiederaufnahme des Handels in Singapur 1965 Eröffnung eines Büros auf Jamaika 1997 Bau der ersten Produktionsstätte und desersten Lagers in Malaysia (Nord-Borneo) 1998 Gründung der Behn Meyer Europe GmbH 1999 Gründung der Performance Additives 2000 Umbenennung der Holding in Behn MeyerDeutschland Holding AG & Co. KGGründung der Behn Meyer Holding AG 2011 Eröffnung einer Produktionsstätte in den USAÜbernahme von Flexsys (Italien) 2014 Behn Meyer Agricare eröffnet eineProduktionsstätte in den Ost-Malaysia 2016 Übernahme von Intracare (Niederlande)
Das Unternehmen handelte im Auftrag anderer Häuser (Kommissionsgeschäfte) und auf eigene Rechnung. Eine Hauptrolle spielten Produkte der Region wie China-Zimt, Ingwer, Kampfer, Anis, Seidenwaren, Tee, Porzellan, Kaffee, Indigo, Sạppanholz, Tabak, Manilahanf, Pfeffer, Muskatnüsse, Gambir, Sago, Büffelhörner, Muscheln, Guttapercha, Rattan oder Reis.Sieveking: Die Anfänge, S. 194 f. Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 94. Kleinsteuber: Merchants, S. 51, S. 54 und S. 62. Außerdem wurden europäische Waren in südostasiatischen Häfen verkauft, wobei Kohle aus England für den südostasiatischen Schiffsverkehr besonders wichtig wurde.Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 93. Kleinsteuber: Merchants, S. 63.
1848 verließ Valentin Lorenz Meyer Singapur in Richtung HamburgSieveking: Die Anfänge, S. 208. Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 105. und schied Ende 1849 aus der Teilhaberschaft aus.Sieveking: Die Anfänge, S. 190 und S. 208 f. Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 106. Kleinsteuber: Merchants, S. 57 und S. 64. An seiner Stelle erhielt sein Bruder Arnold Otto Meyer einen Minderheitsanteil am Unternehmen und ging nach Singapur.Sieveking: Die Anfänge, S. 209. Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 103–106. Kleinsteuber: Merchants, S. 65. Mitte 1852 kehrte Behn ebenfalls nach Hamburg zurück und vertrat dort die Geschäftsinteressen von Behn, Meyer & Co.Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 107. Am 8. Mai 1857 traf auch Arnold Otto Meyer in Hamburg ein, um dort am 1. Juni 1857 das Unternehmen gleichen Namens zu gründen.Sieveking: Das Haus Behn-Meyer & Co. in Singapore, S. 123. Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 128 f. Yacob: Trans-generational renewal, S. 1. Bereits ein Jahr später gefährdeten die Folgen der Wirtschaftskrise von 1857 Behn, Meyer & Co. existenziell. Zunächst kümmerte sich Arnold Otto Meyer in Hamburg um die Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit von Arnold Otto Meyer und Behn, Meyer & Co. 1862 ging er noch einmal für zwei Jahre nach Singapur und trieb von dort die Geschäfte voran.Sieveking: Das Haus Behn-Meyer & Co. in Singapore, S. 123–127. Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 137–146. Kleinsteuber: Merchants, S. 70–73.
Vorsichtige, aber stetige Geschäfte sorgten bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges für das Wachstum beider Unternehmen, wobei Arnold Otto Meyer viele Jahrzehnte lang keine Geschäfte auf eigene Rechnung vornahm, sondern als Agent, Zahlstelle und Einkäufer für Behn, Meyer & Co. auftrat.Kleinsteuber: Merchants, S. 73–75. 1906 ging die Kontrolle des Unternehmens Behn, Meyer & Co. jedoch auf Arnold Otto Meyer über. Von nun an wurden die Geschicke der Gruppe von der Elbmetropole aus bestimmt.Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 99–101. Yacob: Trans-generational renewal, S. 5. Kleinsteuber: Merchants, S. 94 und S. 151.
Das Unternehmen expandierte in den ersten eineinhalb Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Büros und Niederlassungen wurden in vielen Ländern Südostasiens eröffnet,Siehe hierzu Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 129 ff. Yacob: Trans-generational renewal, S. 6. Kleinsteuber: Merchants, S. 91. so 1900 in Manila (Philippinen), 1901 in Sandakan (Nord-Borneo) sowie in Batavia (Niederländisch-Indien), 1906 in Zamboanga, Ilo Ilo und Cebu (alle Philippinen) sowie 1907 in Bangkok (Siam). Bis 1914 zählte die Gruppe elf Niederlassungen in Südostasien und im Fernen Osten einschließlich Hongkong, Kanton und Shanghai. Zu diesem Erfolg trugen neben dem Handel die Schifffahrtsagenturen bei, die Behn, Meyer & Co. betrieb.Kleinsteuber: Merchants, S. 86. Weitere wichtige Geschäftszweige waren die Plantagenwirtschaft (Beteiligung am Straits und Sunda Syndikat),Siehe Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 117–120. Kleinsteuber: Merchants, S. 229–233. das Versicherungswesen und das Zinn-Geschäft.Yacob: Trans-generational renewal, S. 7. Bei Kriegsausbruch 1914 war die Gruppe das größte deutsche Handelshaus in SüdostasienKleinsteuber: Merchants, S. 29 und S. 74. und betrieb dort zugleich die größte Schifffahrtsagentur.Helfferich: Zur Geschichte, Band I, S. 147.
Erster Weltkrieg, Zwischenkriegszeit, NS-Zeit, Zweiter Weltkrieg Durch den Ersten Weltkrieg verlor Behn, Meyer & Co. Gebäude und Vermögen in Singapur, Malaya und den Philippinen, weil die Behörden der Kriegsgegner sie beschlagnahmten und versteigerten. Die Verluste beliefen sich auf 12 Mio. Reichsmark.Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 138–143 und S. 155. Yacob: Trans-generational renewal, S. 2 und S. 7. Kleinsteuber: Merchants, S. 104 und S. 106. Viele Mitarbeiter wurden interniert, einige verloren während des Krieges ihr Leben.Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 138–140, S. 143, S. 156 und S. 165. Kleinsteuber: Merchants, S. 104, S. 110 und S. 171.
In den 1920er Jahren gelang es, eine starke Position in Südostasien zurückzugewinnen. Ausgangspunkte waren nach Ende des Krieges die Gründung eines Unternehmens nach niederländischem Recht in Amsterdam und das operative Geschäft in Niederländisch-Indien durch die N.V. Straits Java Trading Co.Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 143, S. 156 und S. 165. Kleinsteuber: Merchants, S. 109 und S. 198. Nach Überwindung der Nachkriegsprobleme verfügte die Gruppe wieder über 14 Niederlassungen in Südostasien.Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 168. Ihr gelang es, das Recht zur Alleinvertretung namhafter Unternehmen zu erlangen. Derartige Agenturen bestanden beispielsweise für die I.G. Farben,Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 162. Yacob: Trans-generational renewal, S. 8. Kleinsteuber: Merchants, S. 113 und S. 227. die Beiersdorf AG,Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 162 f. Yacob: Trans-generational renewal, S. 8. Kleinsteuber: Merchants, S. 113. die Humboldt-Deutzmotoren AG,Yacob: Trans-generational renewal, S. 8. Kleinsteuber: Merchants, S. 227. für Agfa, für die Brauerei Beck,Kleinsteuber: Merchants, S. 65, S. 123 und S. 227. die Elbschloss-Brauerei,Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 163. Kleinsteuber: Merchants, S. 113. die Württembergische Metallwarenfabrik,Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 163. Kleinsteuber: Merchants, S. 113. die Gruschwitz Textilwerke oder für Ford in Niederländisch-Indien.Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 162. Kleinsteuber: Merchants, S. 113, S. 216 und S. 219 f.
1925 übernahm Arnold Otto Meyer die überseeischen Export-Handelsgesellschaften des Hugo-Stinnes-Konzerns. Dadurch bekam die Gruppe Marktzugänge in Südafrika, Südamerika (Argentinien, Kolumbien und Chile) sowie in China.Helfferich: Zur Geschichte, Band II, S. 157. Kleinsteuber: Merchants, S. 123, S. 127–137. Siehe auch Gerald D. Feldman: Hugo Stinnes. Biographie eines Industriellen. 1870–1924. Aus dem Englischen übersetzt von Karl Heinz Siber. Beck, München 1998, S. 946, ISBN 3-406-43582-3.
Die Weltwirtschaftskrise traf das Unternehmen schwer. 1929 verfügte es über ein Eigenkapital von 14 Mio. Reichsmark, die Eigenkapitalquote lag bei 36 Prozent. Diese Werte schmolzen in der Krise rasch zusammen, weil weltweit Im- und Exporte abnahmen. Das Eigenkapital belief sich Ende 1932 auf nur noch 2 Mio. Reichsmark bei einer Bilanzsumme von 16 Mio. Reichsmark, die Schulden des Unternehmens hatten zu diesem Zeitpunkt eine Höhe von 14,5 Mio. Reichsmark.Kleinsteuber: Merchants, S. 168 und S. 182 f.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten stützte der Staat notleidende Übersee-Handelshäuser durch Scheinbeteiligungen: Beteiligungen wurden nicht eingezahlt (und der Staat damit zum Kommanditisten), sondern in Form von Wechseldiskont-Fazilitäten bereitgestellt. Faktisch wirkten diese Instrumente als staatliche Sicherheit für Kreditgewährungen.Kleinsteuber: Merchants, S. 183 f. Der Preis für diese Unterstützung stellte sich als hohe Zinsbelastung der Unternehmensgruppe dar, deren Geschäfte durch die NS-Autarkiepolitik belastet blieben. Eine Sanierung kam bis 1939 nicht mehr zustande. Die Abwicklung der Kreditlasten reichte bis weit in die Nachkriegszeit hinein und gelang erst 1958/1962.Kleinsteuber: Merchants, S. 185–187.
Zu einem Kennzeichen der NS-Wirtschaftspolitik und Teil der nationalsozialistischen Judenverfolgung wurden „Arisierungen“. Arnold Otto Meyer erwarb 1938 die Gerbstoff-Abteilung des 1877 in Hamburg gegründeten Unternehmens Blau & Schindler der jüdischen Eigentümer Ernst Blau und Theodor Schindler,Liste der jüdischen Firmen, die arisiert wurden. Aufgestellt nach Unterlagen der Industrie- und Handelskammer. In: Ina Lorenz, Jörg Berkemann: Die Hamburger Juden im NS-Staat 1933 bis 1938/39, Band VI — Dokumente, Wallstein Verlag, Göttingen 2016, S. 62, ISBN 978-3-8353-1811-3.Verzeichnis jüdischer Unternehmen, die 1938/39 «arisiert» oder liquidiert wurden. In: Frank Bajohr: . 2. Auflage, Christians, Hamburg 1998, S. 350, ISBN 3-7672-1302-8. die gezwungen waren zu emigrieren und nach England gingen. Laut der von Behn Meyer beauftragten Unternehmenschronik von Fritz Kleinsteuber zahlte Arnold Otto Meyer den gewünschten Kaufpreis, übernahm die Angestellten und machte eine neue eigene Abteilung für Gerbstoffe auf.Kleinsteuber: Merchants, S. 196.