Das Erbe der Nazis ist eine fünfteilige Dokuserie der ECO Media TV-Produktion für das ZDF aus den Jahren 2015 und 2016.

Inhalt 1945–1960 – Davon haben wir nichts gewusst Als Experten und Zeitzeugen kommen in dieser Folge zu Wort: Philipp Gassert (Historiker der Universität Mannheim), Uwe Danker (Historiker des Institutes für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte), Edgar Wolfrum (Historiker der Universität Heidelberg), Klaus-Detlev Godau-Schüttke (ehemaliger Richter und Buchautor), Sönke Neitzel (Historiker der Universität Potsdam), Ernst-Wilhelm Stojan (ehemaliger Kommunalpolitiker), Philipp Marti (Historiker und Buchautor), Helmut Opferkuch (ehemaliger Kriminalsekretär).

Die Dokumentation beginnt mit der Beschreibung der Situation Deutschlands zum Kriegsende, als das Land in Trümmern lag, der sogenannten Stunde Null. In Flensburg wurde die letzte Reichsregierung von den Siegern verhaftet. Die fast acht Millionen Mitglieder der NSDAP tauchten ab. Die Deutschen sahen sich als Opfer Hitlers, des Krieges und der Alliierten. Das Land war aber nicht nur physisch zerstört, sondern auch moralisch ruiniert. Die Deutschen wurden nun mit den Verbrechen des Nationalsozialismus konfrontiert. Im Sommer 1945 wurden Anwohner von Weimar von US-Soldaten zum KZ Buchenwald gebracht, damit sie sahen, was dort geschehen war.Vgl. Der Spiegel: KZ-Zwangsbesichtigung 1945. Konfrontation mit der Hölle, vom: 23. Februar 2018; abgerufen am: 24. Oktober 2018 Viele Deutsche zeigten sich entsetzt davon, was in deutschem Namen verbrochen worden war. Die deutsche Gesellschaft bestand aus Millionen Parteimitgliedern, Wehrmachts- und SS-Leuten. Für die Alliierten bestand das Problem, wie sie mit diesen Millionen Menschen umgehen sollten. Die Briten wollten in Norddeutschland die Gesellschaft radikal von den Nationalsozialisten säubern und verhafteten daher 90.000 Deutsche, die beispielsweise als Funktionsträger wie Bürgermeister oder als Ortsgruppenleiter dienten. In allen drei Besatzungszonen wurden insgesamt 182.000 Menschen verhaftet. Die Schuldigen sollten von den Unschuldigen getrennt werden. Jeder erwachsene Deutsche musste sich bereitwillig überprüfen lassen. Ein Fragebogen mit über hundert Fragen musste während eingeleiteter Entnazifizierungsverfahren beantwortet werden. Diesem Entnazifizierungsfragebogen konnten Entlastungszeugnisse, so genannte Persilscheine, beigelegt werden. Dieses umfangreiche Verfahren war verhasst. Die große Mehrheit der auf diese Weise genauer überprüften Personen wurde als Mitläufer eingestuft. Nach amerikanischen Schätzungen hätten aber eigentlich fünf Millionen NS-Täter angeklagt werden müssen. Doch die Alliierten benötigten Verwaltungskräfte, Produzenten und Bauern für den Aufbau des Landes.

Während der seit 1945 durchgeführten Nürnberger Prozesse wurden zumindest 180 Personen angeklagt, darunter führende Nationalsozialisten wie Rudolf Heß, Hermann Göring, Wilhelm Keitel. Viele belastete Nationalsozialisten wurden in Nürnberg verhört, unter diesen beispielsweise auch Werner Heyde, ein Mitverantwortlicher des Massenmordes an Behinderten. 1947 entkam Werner Heyde während eines Transportes den amerikanischen Bewachern und tauchte in Schleswig-Holstein unter. Er fand Arbeit als Sportarzt in der Sportschule in Flensburg-Mürwik. Heyde war nicht der einzige NS-Verbrecher, der nach Schleswig-Holstein kam. Vor 1933 war die bäuerlich geprägte Provinz Schleswig-Holstein die einzige Provinz mit absoluter Mehrheit der NSDAP. In den letzten Kriegstagen gingen viele NS-Verbrecher nach Flensburg, denn dort befand sich im Vorort Mürwik die letzte Reichsregierung.Vgl. Rattenlinie Nord 1946 lebten in Schleswig-Holstein 1,5 Millionen Einheimische und 1,2 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene. Die Überprüfung dieser Personen gestaltete sich schwierig. Das Ergebnis der Entnazifizierung in Schleswig-Holstein zeigte sich Ende der 1940er Jahre: Von 406.000 Beschuldigten galt kein einziger als Hauptschuldiger oder Schuldiger, als Belastete galten gerade einmal 2.217, als Mitläufer ganze 66.500 und als Entlastete 206.000. Die restlichen Verfahren wurden eingestellt. Die Alliierten gaben die politische Säuberung, zur Auslöschung des Nationalsozialismus aus der Mitte der Gesellschaft, in deutsche Verantwortung, da sie keine Siegerjustiz etablieren wollten. Es herrschte eine Schlussstrichmentalität. Hunger und Wohnungsnot mussten bekämpft werden. Eine Studie von 1951 stellte fest, dass nur drei von hundert erwachsenen Deutschen die Entnazifizierung positiv bewerteten. Im Dezember 1950 endete in der Bundesrepublik Deutschland die Entnazifizierung durch einen Bundestagsbeschluss.Vgl. GEO Epoche. Entnazifizierung: Ein Volk vor Gericht, abgerufen am: 25. Oktober 2018 1950 bestand die neue bürgerliche Regierung in Schleswig-Holstein durchweg, außer einem Minister, aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern. Wie im Wahlkampf versprochen beschloss die Regierung Schleswig-Holsteins im März 1951 das Gesetz zur Beendigung der Entnazifizierung. NS-Beamte durften gemäß diesem Gesetz wieder im Staatsdienst eingesetzt werden. In keinem anderen Bundesland waren so viele belastete Nationalsozialisten wieder in „Amt und Würden“ gebracht worden. 1959 wurde Werner Heyde, der unter dem Namen Fritz Sawade untergetaucht war, enttarnt. Die Affäre zog bundesweite Kreise. Bevor er gerichtlich verurteilt werden konnte, nahm sich der inhaftierte Werner Heyde das Leben. Ein Kieler Untersuchungsausschuss stellte fest, dass mindestens achtzehn Medizinerkollegen, Juristen und hohe Beamte des Bundeslandes von dessen wahrer Identität gewusst hatten und dem Steckbrief und Haftbefehl nicht nachkamen. Keiner dieser Mitwisser wurde zur Verantwortung gezogen. Die DDR verfilmte später „Die Affäre Heyde-Sawade“. Ein weiterer bekannt gewordener Fall war der von Herta Oberheuser, Lagerärztin im Frauen-KZ Ravensbrück, die an den Häftlingen grausame Experimente durchgeführt hatte. Sie war im Nürnberger Ärzteprozess zu einer zwanzigjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Nach fünf Jahren war sie vorzeitig entlassen worden und führte anschließend eine Privatpraxis. Erst nach internationalen Protesten verlor sie ihre ärztliche Zulassung.

mini|In der Dokumentation wird die Mürwiker Sportschule zweifach gezeigt, während der Verhaftung der letzten Reichsregierung und als Ort, an dem Werner Heyde praktizierte. Der Hitlergegner Konrad Adenauer, der von den Nationalsozialisten inhaftiert worden war, wurde 1949 der erste Bundeskanzler der jungen Bundesrepublik. Adenauers politischer Kurs war bestimmt von christlichen Werten sowie Antikommunismus. Der Kalte Krieg hatte begonnen. Der Koreakrieg (1950–1953) schürte in der deutschen Bevölkerung Ängste vor einem Dritten Weltkrieg. Auch nach rechts grenzte Adenauer seine Partei, die CDU, scharf ab. Er verhielt sich aber dennoch pragmatisch im Umgang mit der Geschichte seines Volkes. Die Zukunft war ihm wichtiger. Im Deutschen Bundestag waren in den 1950er Jahren zeitweise bis zu 26,5 % der Abgeordneten ehemalige NSDAP-Mitglieder. Im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft waren bis zu 22,5 % der Beamten ehemalige NSDAP-Mitglieder. Im Auswärtigen Amt hatten bis zu 42,3 % der dort tätigen Beamten eine NS-Vergangenheit. Im Bundesinnenministerium waren bis zu 66 % der hohen Beamten ehemalige NSDAP-Mitglieder. Der enge Berater Adenauers, Hans Globke, war beispielsweise schon während des Nationalsozialismus ein hoher Staatsbeamter. Damals hatte er einen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen verfasst. Er hatte jedoch in dieser Zeit auch Kontakt zum Katholischen Widerstand gegen Hitler gehalten. Bei der Entnazifizierung war er als unbelastet eingestuft worden. Unter Konrad Adenauer wurde Globke Staatssekretär und Leiter des Kanzleramtes. Adenauers Strategie war, dass er die ehemaligen Nationalsozialisten unter der Prämisse, dass sie die Demokratie stützten, beteiligte. Adenauer benötigte zum Regieren Experten. Der Anteil der ehemaligen NSDAP-Mitglieder in wichtigen Funktionen stieg deutschlandweit im Laufe der 1950er Jahre. Für den Aufbau des Staates wurden überall Experten benötigt, so dass viele ehemalige NS-Beamte und Richter erneut in hohe Positionen gelangten. Unbelastete Experten erhielten offenbar kaum Chancen. Von den sechzig Hochschullehrern, die an der Universität Heidelberg von den Nationalsozialisten entfernt worden waren, erhielten beispielsweise nur vier ihre Lehrstühle zurück. Es gab nur geringe Bemühungen von den deutschen Institutionen, die Entlassenen wieder zurückzuholen, denn die Posten waren neu besetzt worden.

Anfang der 1950er galten Aufbruch und Aufschwung als wichtiger. Diskussionen hinsichtlich der Vergangenheit wurden von Vielen als lästig empfunden. Die Wirtschaftswunderzeit begann. Der Wohnungsbau kam in Gang, Neubausiedlungen entstanden und Behelfsunterkünfte verschwanden. Frauen können sich wieder modisch kleiden. Im westdeutschen Kino wurden Heimatfilme gezeigt. 1950 kam beispielsweise der Kassenschlager Schwarzwaldmädel in die Kinos. Der „Sehnsuchtsfilm“ zeigte den Stadtbewohnern das unzerstörte Deutschland, mit idyllischen Landschaften, eine Heimat, welche die Schönheit trotz des Krieges nicht verloren hatte. Kritische Filme wurden kaum publiziert, sie wurden ungern gesehen. Die beliebten Heimatfilme prägten die Urlaubsziele der Deutschen. Auslandsurlaub war kurz nach dem Krieg noch nicht üblich. In den 1950er Jahren verbrachten auch immer mehr Deutsche ihren Urlaub auf der Insel Sylt und dem dortigen Westerland. Als sich Westerland zu einem Touristenmagneten entwickelte, war Heinz Reinefarth Bürgermeister des Ortes. Über den beliebten Bürgermeister kursierten Gerüchte hinsichtlich seiner NS-Vergangenheit. Während des Warschauer Aufstandes befehligte der SS-General Reinefarth sämtliche zur Niederschlagung eingesetzten SS-Verbände und gab den Befehl zu Massenerschießungen. Seitdem galt er in Polen als Henker von Warschau. Nach dem Krieg wurde er nicht zur Verantwortung gezogen. Ein Hamburger Spruchgericht sprach ihn 1948 von jeglicher Schuld frei. Er bestritt seine Rolle während des Aufstandes, stellte sich als ein „Gentleman-Nazi“ dar, der, entgegen seinen eigenen Absichten, durch den Krieg die SS-General-Position erreichte. 1957 besuchten zwei angebliche Augsburger den Bürgermeister Reinefarth, um Filmaufnahmen zu machen. Was Reinefarth nicht wusste: Die beiden Filmleute, die ihn interviewten, kamen aus der DDR. Die DEFA stellte noch 1957 den Kurzfilm Urlaub auf Sylt fertig, der sich mit Reinefarths Vergangenheit beschäftigte. Seit dem Jahr 1945 befanden sich auf Sylt, wie im übrigen Land Schleswig-Holstein, sehr viele Flüchtlinge.Vgl. Flüchtlinge in Schleswig-Holstein nach dem Zweiten Weltkrieg Das Stimmgewicht dieser Flüchtlinge erwies sich in den Wahlen als bedeutsam. Der ebenfalls „vertriebene“ Reinefarth wurde bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein 1958 für den Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten in den Schleswig-Holsteinischen Landtag gewählt und wurde so der einzige SS-General in einem deutschen Parlament. Bis zu seinem Tod blieb der NS-Kriegsverbrecher Reinefarth straffrei. Seit 2014 erinnert eine Gedenktafel am Rathaus von Westerland an die Verbrechen Reinefarths.