mini|Reproduktion einer frühneolithischen Höhlenmalerei einer Jagdszene mit Pfeil und Bogen in der Cova dels Cavalls, Tírig, Provinz Castellón, Spanien

Der Artikel Geschichte des Bogens in Europa beschreibt die historische Entwicklung des Bogens (Waffe) von den frühesten archäologischen Belegen bis in die Neuzeit.

Bögen der Steinzeit Alt- und Mittelsteinzeit mini|Nachzeichnung eines frühneolithischen Felsbildes: Jagdszene mit Pfeil und Bogen in der Cova dels Cavalls (vgl. Foto oben)

Das früheste Auftreten der Bogenwaffe kann lediglich über steinerne Pfeilspitzen validiert werden, entsprechende Hinweise sind jedoch umstritten. Die ältesten Steinspitzen, deren Interpretation als Pfeilspitzen plausibel sein könnte, stammen aus dem Abri Sibudu (Provinz KwaZulu-Natal, Südafrika) und sind etwa 64.000 Jahre alt. In Europa gibt es seit dem Solutréen (etwa 22.000 bis 18.000 v. Chr.) gestielte Spitzen aus Feuerstein, die wahrscheinlich Pfeilspitzen waren.L. Pericot Garcia: La cueva del Parpallo. Madrid 1957.Ulrich Stodiek, Harm Paulsen: Mit dem Pfeil, dem Bogen. Oldenburg (Isensee-Verlag), 1996, S. 37–38. Sie können als ältester indirekter Beweis für die Existenz des Bogens gewertet werden. Es handelt sich um gestielte Spitzen, die auf nicht erhaltenen Holzschäften von etwa einem Zentimeter Dicke aufgesetzt waren, sofern die Schulter der Spitzen als Maß für die Dicke der Pfeilschäfte steht. Alternativ können dies aber auch Spitzen für Speere sein, die mit der Speerschleuder geworfen wurden. Die älteste gefundene Speerschleuder stammt aus demselben Zeithorizont wie die Stielspitzen von Parpalló (etwa 18.000 v. Chr.). Da auch Speere meist aus sich nach oben verjüngenden Sprossen (Schösslingen) gefertigt wurden (bei Pfeilen spricht man von „getaperter“ Schaftform), konnten diese an der Spitze ebenfalls sehr schlank sein.

Das älteste als Bogen interpretierte archäologische Fundstück stammt aus einer Kiesgrube in Mannheim-Vogelstang aus der Zeit des älteren Magdaléniens. Das rund 40 cm lange Fragment eines Kiefernholz-Stabes (Pinus sylvestris) wurde mittels der Radiokohlenstoffmethode (14C) auf ein Alter von 14.680 ± 70 BP datiert (entspricht kalibriert 16.055 ± 372 v. Chr.).kalibriert mit CalPal online (abgerufen am 18. Januar 2014) Der komplette Bogen hatte eine Länge von etwa 110 cm. Einige Veränderungen der Holzoberfläche wurden als Bearbeitungsmerkmale gedeutet: So besitzt eine Seite des Fragments eine geglättete Oberfläche und die Abweichung an einer Seite wurde ausgeglichen. Eine randlich gelegene Druckstelle wird von den Autoren als Nocke für die Bogensehne gesehen. Anhand von Rekonstruktionen wird die Leistung auf etwa 25–30 englische Pfund Zuggewicht geschätzt (11 bis 13 kg), was Reichweiten von bis zu 80 m ermöglicht.

Darüber hinaus gibt es aus dem späten Magdalénien eine mögliche Bogendarstellung auf einer gravierten Kalksteinplatte aus der Grotte des Fadets, Département Vienne (Frankreich).Henri Breuil: Une visite à la grotte des Fadets à Lussac-le-Châteaux (Vienne). Bulletin A. F. A. S. Paris, 1905, S. 358.Jean Airvaux, André Chollet: Figuration humaine sur plaquette à la grotte des Fadets à Lussac-les-Châteaux (Vienne). Bulletin Societe Prehistoire Francaise 82 (1985), S. 83–85. Die Ritzung ist jedoch nicht so eindeutig, dass die Interpretation als gesichert gelten könnte.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit gibt es steinerne Pfeilspitzen in Form der so genannten Federmesser. Diese waren bei den Federmesser-Gruppen während der ersten Wiederbewaldung am Ende der Weichsel-Eiszeit in Gebrauch. Die ältesten archäologischen Bodenfunde und damit zweifelsfreien Belege für den Bogen stellen komplett erhaltene Pfeile aus dem Stellmoor dar (Ahrensburger Kultur, etwa 10.000 v. Chr.).Alfred Rust: Die alt- und mittelsteinzeitlichen Funde von Stellmoor. 1943. Vom Ausgräber Alfred Rust wurden zwei ebenfalls dort gefundene Kiefernholzfragmente als Teile von Stabbögen interpretiert.Alfred Rust: Die alt- und mittelsteinzeitlichen Funde von Stellmoor. 1943, S. 192–193; Tafel 97/98 Rust schreibt, dass es sich um Kernholz relativ dicker Stämme handelt, dieses aber außen zur Splintholzzone hin liegt. Die Jahrringe beider Stücke liegen etwa drei Millimeter auseinander. Die Interpretation als Bogenfragmente bleibt unsicher, zumal die Stücke inzwischen verschollen sind. Rekonstruktionen mit Druckholz der nordischen Kiefer beweisen die Schussfähigkeit einer solchen Waffe, obwohl Kiefer gemeinhin nicht als gutes Bogenholz bekannt ist.Ragnar Insulander: Der Bogen von Stellmoor – Der älteste der Welt? Traditionell Bogenschiessen, Heft 16/2000, S. 38–39. Alternative Deutungen der beiden Stücke von Stellmoor bestehen zum Beispiel mit Bootsspanten oder Schlittenteilen, wofür die Verwendung von Kiefernholz plausibel wäre.G. Burov: Die mesolithischen Schlittenformen in Nordosteuropa. In: Den Bogen spannen… (Festschrift für B. Gramsch zum 65. Geburtstag). Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 20, Beier & Beran, Weissbach 1999.

Die ältesten unzweifelhaften Bogenfunde stammen aus dem nordischen Mesolithikum. Sie waren aus Ulmen gefertigt. Die beiden ältesten Exemplare stammen aus Holmegård auf Seeland (Dänemark). Da die fünf nachfolgend aufgelisteten Bogenfunde recht ähnlich konstruiert und dimensioniert sind, wird diese Form des Flachbogens mit D-förmigem Querschnitt als mesolithischer Standardtyp angesehen.C. A. Bergman: The Development of the Bow in Western Europe: A Technological and Functional Perspective. In: G. L. Peterkin, H. M. Bricker, P. Mellars (Hrsg.): Hunting and Animal Exploitation in the Later Palaeolithic and Mesolithic of Eurasia. Archaeological Papers of the American Anthropological Association 4 (1993). S. 95–105. Holmegård IV, Seeland (Kongemose-Kultur, ca. 6000 v. Chr.): Dabei handelt es sich um zwei Flachbögen aus Ulmenstämmchen (Bergulme), wovon einer vollständig und einer etwa zur Hälfte erhalten ist.G. Rausing: The Bow: Some Notes on ist Origin and Development. Acta Archaeologica Lundensia 6, C. W. K. Gleerups, Lund 1967, S. 49. Die Innenseiten der Bögen sind flach, die Außenseiten gerundet. Die Griffpartien sind deutlich eingezogen. Die Originallängen betragen 154 cm beim vollständigen Exemplar und werden bei dem halb erhaltenen auf 184 cm geschätzt. Ageröd V, Südschweden (im Atlantikum, 14C-Datierung 6860–6540 BP): Ein Flachbogen aus Ulme (Ulmus sp.), ca. 170 cm lang; ein Flachbogen aus Eberesche bzw. Vogelbeerbaum (Sorbus aucuparia), fragmentarisch noch 61,7 cm erhalten; ein Stabbogen.L. Larsson: Ageröd V: An Atlantic Bog Site in Central Scania. Acta Archaeologica Lundensia 12, C. W. K. Gleerups, Lund 1983, S. 57–59. Nach Bergman sei der Stabbogen weniger effizient und seiner Spekulation nach möglicherweise von Jugendlichen gebaut worden.C. A. Bergman: The Development of the Bow in Western Europe: A Technological and Functional Perspective. In: G. L. Peterkin, H. M. Bricker, P. Mellars (Hrsg.): Hunting and Animal Exploitation in the Later Palaeolithic and Mesolithic of Eurasia. Archaeological Papers of the American Anthropological Association 4, 1993, S. 98–99. Ringkloster, Dänemark: Bogen aus der Ertebølle-Kultur, Datierung 5400–3550 v. Chr. Tybrind vig, Dänemark: Bogen aus Ulmenholz, ca. 160 cm lang, Ertebølle-Kultur, Datierung 4600–3200 v. Chr.S. H. Andersen: Tybrind Vig: A submerged Ertebolle settlement in Denmark. In: J. M. Coles, A. J. Lawson (Hrsg.): European Wetlands in Prehistory. Clarendon Press, Oxford 1987. Es handelt sich um ein weitestgehend komplett erhaltenes Exemplar. Der Bogen hat einen runden Rücken und einen flachen Bauch. Die Tips sind unterschiedlich ausgeformt, was auf die Verwendung einer Spannschnur hindeutet.mini|Tips an einem Bogen im Tybrind-Vig-Stil

Der Flachbogen mit D-förmigem Querschnitt (auch „Propeller-Typ“ genannt) war bis in die Bronzezeit geläufig. Der Bogen von Møllegabet II (Dänemark) (Ertebølle-Kultur) hat als einziger Mesolithbogen im Gegensatz dazu schmale und hohe Wurfarmenden, bei denen sich die äußeren Wurfarmenden nicht mitbogen. Parallel dazu gab es mesolithische Fallenbogen aus dem Vis-Moor (Republik Komi, Nordwestrussland), die meist kein Flachbogendesign aufweisen. Es handelt sich um insgesamt 31 meist einfach und mit geringem Aufwand gebaute Stabbogen aus Nadelhölzern, die in fest installierten Bogenfallen eingesetzt wurden. Die Radiokohlenstoffdatierung beträgt etwa 6000 v. Chr.G. Burov: Der Bogen bei den mesolithischen Stämmen Nordosteuropas. Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 14/15, 1980, S. 373–388.Leif Steguweit: Bogenfallen – Aus der Trickkiste der Steinzeit. In: Traditionell Bogenschiessen 21, 2001, S. 21–24. (PDF-Download)

Jungsteinzeit Zwei Bogentypen prägten die Jungsteinzeit Mitteleuropas: Zum einen Bogen mit hohen Querschnitten, zum anderen der „propellerförmige Typ“.J. Junkmanns: Pfeil und Bogen. Herstellung und Gebrauch in der Jungsteinzeit. Museum Schwab, Biel 2001.J. Junkmanns: Jungsteinzeitliche Bogen. In: Das Bogenbauer-Buch. A. Hörnig, Ludwigshafen 2001, S. 47–55. Als bevorzugtes Bogenholz wurde nun Eibe verwendet. Trotz der bäuerlichen Wirtschaftsweise behielten Pfeil und Bogen stets eine Bedeutung als Statussymbole, wie Grabbeigaben der ältesten Ackerbau-Kultur in Mitteleuropa (der so genannten Linienbandkeramik) zeigen. Keine Bodenfunde, aber Abbildungen von Recurvebogen (bei sehr wahrscheinlicher Kompositbauweise) gibt es bereits seit dem Frühneolithikum auf Felsbildern in Spanien.M.-S. Hernández Pérez, P. Ferrer Marset, E. Catalá Ferrer: Arte rupestre en Alicante. Alicante (Centre d’Estudis Contestans), 1988.Leif Steguweit Belege für Recurve-Bogen in der europäischen Jungsteinzeit. In: Volker Alles (Hrsg.): Reflexbogen. Geschichte und Herstellung. Angelika Hörnig, Ludwigshafen 2009, S. 10–25. Auch Felsbilder im algerischen Tassili zeigen jungsteinzeitliche Bogenjäger.Jörg W. Hansen: Tassili. Felsbildkunst in den westlichen und südlichen algerischen Tassilis. Somogy èditions dárt, Paris 2009, ISBN 978-2-7572-0251-7.

In das Jungneolithikum (etwa 4300 v. Chr.) datieren die Funde vom Schnidejoch,Tages-Anzeiger (21. August 2008): Neue Funde im Eis – älter als Ötzi die komplette Bogenausrüstung der Gletschermumie Ötzi stammt aus dem Spätneolithikum und ist etwa 3300 v. Chr. gefertigt worden.

Auch Gräber der endneolithischen Glockenbecherkultur zeigen in Form von so genannten Armschutzplatten und Pfeilspitzen aus Feuerstein, dass die Bogenausstattung zu den wichtigsten Waffen zählte. Eine Ausstattung mit Pfeilen und Armschutzplatte wurde im Grab des Bogenschützen von Amesbury entdeckt.

Eines der wenigen erhaltenen Exemplare aus dem Endneolithikum ist der Meare-Heath-Bogen. Es handelt sich um ein einzelnes Exemplar aus Eibenholz, das im Juni 1961 in den Somerset Levels in England gefunden wurde. Im Vergleich zu anderen Bögen sind dessen Wurfarme sehr breit und verlaufen bis kurz vor den Tips weitestgehend parallel. Zusätzlich sind sie mit Lederbändern umwickelt. Das Alter wird auf etwa 2700 v. Chr. geschätzt. Das ungewöhnliche Design, das dem Prinzip moderner Bögen teilweise stark widerspricht, deutet grundsätzlich darauf hin, dass es sich um eine rein zeremonielle Waffe handeln könnte. Dennoch haben mehrere Nachbauten gezeigt, dass der Bogen prinzipiell funktional ist.Stuart Prior: Recreating the Neolithic Meare Heath Bow – Reassessing the past through Experimental Archaeology. In: Journal of the Society of Archer-Antiquaries. Bd. 43, 2000, S. 44–48.

Der Kurzbogen entwickelte sich wahrscheinlich mit und in den Steppenreiterkulturen. Auf antiken Darstellungen sowie in den Kurganen finden sich erste Belege. Wegen der im Vergleich zum Langbogen ungünstigeren mechanischen Verhältnisse haben sie zurückgebogene Bogenenden (Recurves) und Sehnen-/Hornverstärkungen (Kompositbogen).

Bögen der Antike Bronze- und vorrömische Eisenzeit