Die ältesten erhaltenen Tonaufnahmen Dänemarks bilden die Ruben-Sammlung – insgesamt 154 einzigartige Aufzeichnungen auf Phonographenwalzen, die in Kopenhagen in den Jahren 1889–1895 mit Thomas Edisons verbessertem Phonographen aufgenommen wurden. Die Aufnahmen entstanden unter der Leitung von Groß-Kaufmann Gottfried Moses Ruben (1837–1897), daher der Name der Sammlung. Ruben hatte zusammen mit seinem Geschäftspartner, dem Instrumentenbauer Theodor Valdemar Cornelius Knudsen (1844–1920) die alleinige Vertretung für die Edison Manufacturing Company in ganz Skandinavien. Bei Phonographen-Vorführungen konnte ein zahlendes Publikum ausgewählte und meist aktuelle Aufnahmen mit zeitgenössischen dänischen Schauspielern, Sängern und Musikern hören. Somit sind die Aufnahmen insgesamt ein Audio-Zeugnis für das Kopenhagener Theater- und Musikleben in der ersten Hälfte der 1890er Jahre.
Diese fast in Vergessenheit geratene Sammlung dänischen Kulturerbes wird in der Königlich dänischen Bibliothek, Aarhus (ehemalig Staatsbibliothek) aufbewahrt und wurde 2007 digitalisiert. 127 der Walzenaufnahmen wurden nachfolgend restauriert und 2015 online gestellt.
Die Geschichte der Sammlung Die Produktionsgeschichte 1889–1895 mini|Edisons Phonographen-Stand auf der Weltausstellung in Paris 1889 Edisons verbesserter Phonograph wurde in Europa zum ersten Mal bei der Weltausstellung in Paris im Mai 1889 vorgestellt. Generalkonsul Gottfried M. Ruben brachte ihn einige Monate später in Zusammenarbeit mit der Firma Cornelius Knudsen nach Dänemark.
Die erste Vorführung des Phonographen fand auf Schloss Fredensborg am 28. September 1889 statt. Hier konnte die königliche Familie das neue Gerät erleben. In den darauffolgenden Monaten wurden Vorstellungen für die Presse, die Mitglieder des Industrieverbandes sowie andere Verbände veranstaltet. Schließlich wurde der Phonograph, der seit seiner Ankunft im Lande geräuschreduzierenden Verbesserungen unterlaufen war, am 23. Februar 1890 einem öffentlichen Publikum vorgestellt. Der Phonograph war für die damalige Zeit ein hochentwickeltes und teures Gerät. Die Vorführungen waren nicht billig, käuflich erworben wurde so ein Gerät nur von wohlhabenden Privatpersonen und Geschäftsleuten. Meistens wurde der Phonograph bei anderen Unterhaltungs-Veranstaltungen oder Ausstellungen vorgestellt. Zum Beispiel wurde er mehrere Male im Tivoli ausgestellt, unter anderem in Verbindung mit einer Gemäldeausstellung.
Das Interesse für den Phonographen hielt bis Mai 1882 an, danach ebbte es aus, bis 1894 ein neues Modell erschien. Der neue Phonograph war eine verbesserte und vereinfachte Ausgabe des Edison-Phonographen. Er wurde zunächst bei der Weltausstellung in Chicago 1893 vorgestellt und kam im Februar 1894 nach Dänemark.
Durch die Verbesserungen wurde die Bedienung des Gerätes einfacher, und die neue Technik ermöglichte eine konstante Umdrehungsgeschwindigkeit der Walzen sowohl beim Aufnehmen als auch beim Abspielen. Dieses neue Modell trug zur Verbreitung des Phonographen und der Tonaufnahmen bei. Man versuchte auch den Phonographen für Büroarbeit als Diktiergerät für Briefe, die man dann anschließend auf einer Schreibmaschine schreiben musste, zu vermarkten. In erster Linie war der Phonograph jedoch eine Attraktion und wurde zum Beispiel auf „Den Frie Udstilling“ (deutsch: Der freien Ausstellung) auf dem Rathausplatz in Kopenhagen und später als Phonographenautomat im Tivoli und im Zoologischen Garten ausgestellt.
Obwohl der Neuigkeitswert des Phonographen nach und nach abnahm, stellte Ruben seine Phonographenaufnahmen weiterhin bei neuen Gelegenheiten aus. Er gab zum Beispiel eine Vorstellung mit Aufnahmen von Liedern mit dem Opernsänger Peter Schram, als dieser gerade verstorben war. Eine einzige dieser Aufnahmen ist heute als Teil der Ruben-Sammlung bewahrt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Phonograph billiger und noch leichter zu bedienen. Somit wurde er für einen breiteren Teil der Bevölkerung erschwinglich und fand seinen Weg in viele dänische Stuben.Steen Kaargaard Nielsen, Claus Byrith: Danmarks ældste lydoptagelser – Edisons fonograf i 1890'ernes København, Aarhus Universitetsforlag, 2017, ISBN 978-87-7124-965-1
In den Händen von Hegermann-Lindencrone 1935–1990 Die frühesten Überspielungen von Phonographenwalzen auf Schellackplatten Nach Gottfried Rubens Tod im Jahre 1897 verblieb ein Teil seiner Sammlung in der Obhut der Familie. Anfang 1936 schenkte der Sohn Victor Gottfried Nathan Ruben (1876–1942) dem Journalisten und Schallplattensammler Knud Alexander Berling Hegermann-Lindencrone (1907–1994) drei Kisten mit je (bis zu) 48 Walzen. Später erweiterte Hegermann-Lindencrone seine Sammlung mit drei weiteren Kisten. Diese stammten aus dem Bestand, den Gottfried Ruben der Polytechnischen Lehranstalt (heute Dänemarks Technische Universität) seinerzeit übergeben hatte.
Anlässlich des 70. Geburtstags des berühmten dänischen Tenors Vilhelm Herold (1865–1937) im Jahre 1935 hatte Hegermann-Lindencrone sechs Walzen auf drei Schallplatten überspielt. Herold hatte sowohl Schallplatten aufgenommen, die immer noch erhältlich waren, als auch Phonographenwalzen. Jedoch waren die ersten Aufnahmen auf Phonographenwalzen 1935 nicht mehr aufzutreiben. Die überspielten Walzen stammten aus den Jahren 1901–1903.
Nachdem die Ruben-Sammlung 40 Jahre lang in Vergessenheit geraten war, gab Hegermann-Lindencrone im Jahre 1936 ein Schellackplatte mit Überspielungen ausgewählter Aufnahmen heraus. Diese rückten die Ruben-Sammlung wieder in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.
Die Sammlung heute Digitalisierung und Restaurierung durch die Staatsbibliothek mini|Das Archeophon, Statsbiblioteket zu Aarhus 1990 wurde Hegermann-Lindencrones Phonographen-Sammlung der Staatsbibliothek in Aarhus zum Kauf angeboten. Die Sammlung bestand aus ca. 80 Ruben-Walzen, hauptsächlich mit Sprech- und Gesangaufnahmen. 2007 erwarb die Bibliothek von einem privaten schwedischen Sammler ca. 70 Walzen, hauptsächlich Instrumentalaufnahmen. Darüber hinaus hat das dänische Revuemuseum der Bibliothek drei Walzen übergeben. Zwei Walzen befinden sich wissentlich noch in Privatbesitz.
2004 erwarb die Staatsbibliothek ein sogenanntes Archeophon, welches als Spezialanfertigung in begrenzter Anzahl von dem Franzosen Henri Chamoux gebaut wurde. Mit diesem Gerät wurde mit der Digitalisierung der dänischen Phonographenwalzen begonnen. Das Gerät ist so konstruiert, dass die zerbrechlichen Wachswalzen möglichst schonend abgespielt werden können. Gründe für den schlechten Zustand der Walzen sind unter anderem unpassende Aufbewahrung (zu warm, zu feucht) und nicht sachgemäßes Abspielen durch frühere Besitzer Wegen der Zerbrechlichkeit sollten die Walzen möglichst nur ein Mal zum Digitalisieren abgetastet werden. Im Oktober 2007 wurde einer von Europas führenden Experten für das Digitalisieren von Phonographenwalzen, Franz Lechleitner, nach Aarhus eingeladen. Im Laufe einer Woche digitalisierte er die Ruben-Walzen. Die Tonsignale vom Archeophon wurden in einer Auflösung von 24 Bit und mit einer Abtastrate von 96 kHz digitalisiert.
Herausforderungen beim Überspielen Insbesondere zwei Problemstellungen haben das Digitalisieren kompliziert, erstens in Verbindung mit der analogen Drehzahl und zweitens bei der digitalen Nachbehandlung der Überspielungen.
Drehzahl: Da es in den 1890ern noch keine Standardwerte für Drehgeschwindigkeit bei Walzen gab, sind die genauen Drehzahlen, die bei der Aufnahme der Walzen angewandt wurden, nicht bekannt. Während des Digitalisierungsverlaufes musste diese von Walze zu Walze erwogen werden. Claus Byrith und Steen Kaargaard Nielsen stellten fest, dass die Drehzahl wahrscheinlich bei ca. 100 bis ca. 150 Umdrehungen pro Minute liegt (dies ergibt eine tonale Abweichung von ungefähr einer Quinte).
Die Drehzahl hat eine besondere Bedeutung für die ersten 80 Walzen, die hauptsächlich Gesang und Rede beinhalten. Es ist nämlich unmöglich genau zu wissen, wie diese Stimmen sich angehört haben, da es keine vergleichbaren Aufnahmen mit den betreffenden Künstlern gibt.
Digitale Nachbehandlung: Hier sind hauptsächlich folgende Probleme aufgetreten; erstens große Knackse (von Rissen und Kratzern auf den Walzen), zweitens Geknister (welches mit den Geräuschen beim Braten mit der Bratpfanne vergleichbar ist) und schließlich Rauschen oder Sausen im Hintergrund der eigentlichen Tonaufnahme.Vortrag von Claus Byrith, Statsbiblioteket, 26. Oktober 2016
Inhalt der Sammlung mini|links|hochkant|Olaf Poulsen, bei einem Gastspiel in Stockholm 1890 fotografiert Oper und Schauspiel am Königlichen Theater mini|Ausschnitt einer Szene aus „Genboerne“ mit Olaf Poulsen als Leutnant von Buddinge 18 Walzen aus der Ruben-Sammlung konnten als Aufnahmen von Oper, Schauspiel oder Gesang identifiziert werden, wo die ausführenden Künstler dem königlichen Theater angehörten. Einzelne Walzen können aufgrund der sogenannten Schlussankündigung des ausführenden Künstlers genau datiert werden. Dies ist zum Beispiel der Fall bei Olaf Poulsen in der Rolle als Leutnant von Buddinge im Singspiel Genboerne (deutsch: Die Nachbarn von gegenüber) von Jens Christian Hostrup. Poulsen kündigt abschließend an: „Olaf Poulsen, September 1894.“ Die Mehrzahl der Walzen ist jedoch undatiert, stammt aber mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Zeit zwischen 1890 und 1895, was aufgrund von Zeitungsberichten, Annoncen oder Konzertprogrammen bestätigt werden kann.
Bei drei der 18 Walzen handelt es sich um Aufnahmen von dänischen Opernsängern, unter ihnen Peter Schram und Niels Juel Simonsen, die Arien aus Mozarts Don Juan bzw. Gounods Faust vortragen. In beiden Fällen sind diese ins Dänische übersetzt worden. Besonders ersterer ist interessant, da Schram aller Wahrscheinlichkeit nach der am frühesten geborenen Mozartsänger ist, von dem eine Tonaufzeichnung erhalten ist. Während Schram seine Arien à Capella vorträgt, wird Simonsen von einem unbekannten Pianisten begleitet. mini|Zwei Arien aus Don Juan mit Peter Schram
Neben den international bekannten Opern wurden auch Auszüge von mehreren dänischen Schauspielen aufgenommen. Diese Aufnahmen vertreten ein zentrales Dramarepertoire der nationalen Bühne – sie enthielten Stücke von Ludvig Holberg, Adam Oehlenschläger und Jens Christian Hostrup. Unter den Schauspielern bei den Aufnahmen befinden sich die bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten des Kopenhagener Kulturlebens um 1890, genannt seien z. B. Louise Phister, Ludvig Phister, Olaf Poulsen und Emil Poulsen. links|mini|hochkant|Viggo Lindstrøm, 1890 (Die Königliche Bibliothek)
Vaudeville und Lustspiel mini|Harald Kolling singt „Parnassets Direktor“ aus dem Vaudeville „Redaktionssekretæren“ Zur Ruben-Sammlung gehören auch eine größere Anzahl Aufnahmen von Schauspielern aus aktuellen Vaudevilles und Lustspielen des späten 19. Jahrhunderts, die an den drei Privattheatern Casino, Folketeatret und Dagmarteatret aufgeführt wurden. Genannt seien Aufnahmen von Marius Berggreen und Harald Kolling in Verkleidungsrollen aus dem sehr beliebten Vaudeville „Der Redaktionssekretär“, welcher 1863 am Folketeatret Premiere hatte und bis 1897 164 Mal aufgeführt wurde, sowie Auszüge aus „Jeppe vom Berge“ mit Otto Zink als Jeppe. Zink war übrigens der erste Schauspieler, der diese Rolle außerhalb der Nationalbühne spielte, die sonst das Alleinrecht für das Stück besaß.
mini|Viggo Lindstrøm telefoniert mit fünf seiner Charakterdarstellungen