Wackersdorf (Arbeitstitel: Sturschädel) ist ein deutscher Spielfilm von Oliver Haffner aus dem Jahr 2018 mit Johannes Zeiler in der Rolle des Schwandorfer Landrats Hans Schuierer, der gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf kämpft.
Handlung In den 1980er-Jahren plant die bayerische Staatsregierung die Errichtung einer nuklearen Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in der Gemeinde Wackersdorf in der Oberpfalz. Dem Landkreis Schwandorf, mit steigenden Arbeitslosenzahlen, soll dadurch ein wirtschaftlicher Aufschwung beschert werden. SPD-Landrat Hans Schuierer steht politisch unter Druck, er soll Perspektiven für die Bevölkerung schaffen. Daher ist er zunächst von der Idee vom Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (WAW) begeistert. Vereinzelte Proteste gegen das Vorhaben ignoriert er zunächst.
Erst als der Freistaat Bayern ohne rechtliche Grundlage mit Gewalt gegen Proteste einer Bürgerinitiative vorgeht, die sich für den Schutz der Natur in ihrer Heimat einsetzt, beginnt Schuierer langsam zu zweifeln und fängt an, Nachforschungen anzustellen, ob die Anlage wirklich so harmlos ist, wie von der Strauß-Regierung behauptet wird.. Abgerufen am 6. Juni 2018.filmstarts.de: Wackersdorf. Abgerufen am 6. Juni 2018.
Er liest Bücher zum Thema und diskutiert mit der Bürgerinitiative gegen die WAA. Da die Entscheidung über die Genehmigung der Bauanträge bei ihm als Landrat liegt, sieht er sich in einer starken Position. Die bayerische Staatsregierung bringt jedoch ein Gesetz durch, das die Landräte entmachtet („Lex Schuierer“). Die örtliche SPD und der Bürgermeister von Wackersdorf wenden sich von ihm ab.
In einer Rede am WAA-Bauzaun sagt Schuierer, Franz Josef Strauß habe wohl bei seinen Besuchen bei autoritären Herrschern gelernt und er betreibe eine „Demokratur“. Die bayerische Landesregierung fordert daraufhin eine Entschuldigung von Schuierer und als er diese verweigert, strengt die Regierung ein Disziplinarverfahren gegen ihn an.
Es werden Originalfilmszenen von den Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gezeigt.
Am 26. April 1986 ereignet sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. 1989 wird der Bau der WAA eingestellt.
Produktion und Hintergrund Die Dreharbeiten fanden vom 5. Oktober bis zum 14. November 2017 an Originalschauplätzen im Landkreis Schwandorf, in der Stadtbücherei Regensburg und in München statt. Produziert wurde der Film von der Münchner if... Productions, beteiligt waren der Bayerische Rundfunk und Arte, unterstützt wurde die Produktion vom Deutschen Filmförderfonds, dem FilmFernsehFonds Bayern und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Für das Kostümbild zeichnete Christian Röhrs verantwortlich, für den Ton Marc Parisotto, für das Casting Stephanie Maile, für das Szenenbild Renate Schmaderer und für die Maske Dana Bieler. Die Mutter der Darstellerin Anna Maria Sturm, die Politikerin Irene Maria Sturm aus Schwandorf, war eine namhafte Anti-WAA-Aktivistin.Die Kämpferinnen von Wackersdorf. Artikel vom 10. September 2018, abgerufen am 11. September 2018.KinoKino: Wackersdorf Drehbericht, kinokino vom 9. November 2017 auf YouTube, 4 Min
Verwendetes Archivmaterial Wackersdorf verquickt gedrehte Spielfilmszenen und Archivmaterial miteinander und versucht die Zeit der 1980er in der Bildsprache wiederaufleben zu lassen. Der Film bindet den Super-GAU von Tschernobyl 1986 mithilfe von Archiv-Einblendungen der „Tagesschau“ ins fiktive Geschehen ein.Tagesschau vom 29. April 1986 - tagesschau.de„Wackersdorf“ zeigt ein inneres Dilemma. Der neue WAA-Film erzählt von den Anfängen der Proteste. Er will Fiktion sein – und kann doch von der Realität nicht lassen. in Mittelbayerische Zeitung vom 13. Juni 2018 Daneben ist der legendäre Wahlkampfauftritt des Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß in Schwandorf 1986 in zwei Einblendungen zu sehen.Strauß in Schwandorf: Grüne Gefahr (NDR-Panorama 1986, 7 Min.)1:45: "Wir können für eine vorausschaubare Zukunft auf die Kernenergie nicht verzichten, weil es für sie keinen Ersatz gibt. Wer Ihnen was anderes sagt, der lügt Sie an oder er versteht nichts von den Dingen. Natürlich, man kann auf alles verzichten. Man kann in einem Zelt wohnen und sagen, wir brauchen kein Haus mehr. Man kann mit dem Rad fahren und sagen, wir brauchen kein Auto mehr. Man kann mit dem Segelschiff fahren und sagen, wir brauchen keinen Flugverkehr mehr, aber das ist doch keine Zukunftsgestaltung. Das ist doch der Marsch in die Vergangenheit."1:46: "Wenn Sie einen Funken demokratischer Disziplin, einen Funken von menschlichem Anstand, einen Funken von normalen Verhaltensweisen hätten, dann würden Sie jetzt ihr Maul halten, statt versuchen uns dauernd zu stören." Auch der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann wurde mit einem kurzen Statement eingebunden.
Veröffentlichung Die Premiere erfolgte am 29. Juni 2018 im Rahmen des Filmfests München, wo die Produktion die Reihe Neues Deutsches Kino eröffnete und mit dem Bayern 2 und SZ Publikumspreis ausgezeichnet wurde.. Abgerufen am 8. Juli 2018.BR.de: Wackersdorf-Film feiert Premiere beim Filmfest München. Artikel vom 6. Juni 2018, abgerufen am 17. September 2019.Filmfest München: Wackersdorf. Abgerufen am 7. Juni 2018. Der Film kam am 20. September 2018 in die deutschen und am 21. September 2018 in die österreichischen Kinos.
Auf Arte wurde der Film am 5. Juni 2020 erstmals ausgestrahlt. 2022 erschien das Filmportrait Hans Schuierer: Der Mann gegen die Atomanlage in der Arte-Dokumentarfilmreihe Nach einer wahren Geschichte, das sich Ausschnitten des Films bedient.Hans Schuierer: Der Mann gegen die Atomanlage, Arte 2022 auf YouTube, 27 Min
Rezeption Jana Wolf befand in der Mittelbayerischen Zeitung, dass die Schwäche des ansonsten packenden Filmes sei, dass er keine klare Entscheidung zwischen historischer Dokumentation und fiktiver Überformung treffen würde. „Es scheint, die Macher wollten beides vereinen: sich sowohl die Schlagkraft des Widerstands vor 30 Jahren filmisch zu eigen machen, als auch die künstlerische Freiheit der Fiktion beibehalten. Diese Rechnung geht am Ende nicht ganz auf.“„Wackersdorf“ zeigt ein inneres Dilemma. Artikel vom 13. Juni 2018, abgerufen am 11. September 2018.
Sascha Westphal schrieb in der Wochenzeitung der Freitag von einer „äußerst kenntnisreichen und bewundernswert detailgetreuen Rekonstruktion eines gesellschaftlichen Konflikts“.Sascha Westphal: Ein Funke Anstand. In: der Freitag vom 20. September 2018, S. 19
Andreas Fischer bezeichnete den Film im Weser Kurier als „klugen Film von Willkür und Widerstand, von Gehorsam und Zivilcourage“, der differenziert, facettenreich und äußerst spannend von den Atomprotesten erzählen würde. Die historischen Szenen am Bauzaun der WAA aus der Tagesschau zeigten, wie wichtig es sei, „zu zweifeln, mutig zu sein und für demokratische Werte aufzustehen. Damals wie heute.“
Heribert Prantl: „Es ist ein grandioser Film, ein Heimatfilm im besten Sinn des Wortes, ein Film über den kleinen Widerstand, der manchmal ein großer ist.“Prantls Blick: Von Wackersdorf nach Hambach in: Süddeutsche Zeitung vom 30. September 2018
Auszeichnungen und Nominierungen 2018: Förderpreis Neues Deutsches Kino – Nominierungen in den Kategorien Regie, Produktion und Drehbuch. Artikel vom 18. Juni 2018, abgerufen am 18. Juni 2018. 2018: Filmfest München – Bayern 2 und SZ Publikumspreis 2019: Preis der deutschen Filmkritik 2018 – Nominierung in der Kategorie Bester Darsteller (Johannes Zeiler)Nominierungen für den Preis der deutschen Filmkritik 2018 stehen fest. Artikel vom 23. Januar 2019, abgerufen am 23. Januar 2019. 2019: Bayerischer Filmpreis 2018 – SonderpreisBayerischer Filmpreis in München: Gewinner bekanntgegeben. Artikel vom 25. Januar 2019, abgerufen am 25. Januar 2019. 2019: Fajr International Film Festival 2019 – Silver Simorgh for Best ScriptFajr International Film Festival 2019 Winners. Abgerufen am 7. Februar 2020. 2019: Deutscher Filmpreis 2019 – Auszeichnung in der Kategorie Beste FilmmusikDeutscher Filmpreis: Wackersdorf. Abgerufen am 20. März 2019.Deutscher Filmpreis für Musik in BR-Koproduktion „Wackersdorf“. Artikel vom 3. Mai 2019, abgerufen am 4. Mai 2019. 2019: Deutscher Schauspielpreis 2019 – Nominierung in der Kategorie Schauspieler in einer Hauptrolle (Johannes Zeiler) 2019: Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz (Oliver Haffner) Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) verlieh dem Film das Prädikat besonders wertvoll.
Theateradaption Am 12. März 2022 hatte eine Theateradaption des Films am Stadttheater Amberg Premiere. Das Landestheater Schwaben hat den Film von Oliver Haffner für die Bühne angepasst und auch Schulmaterial dazu erstellt.Theaterpädagogische Materialmappe - Wackersdorf (PDF; 15 MB) - Junges Landestheater Schwaben
Siehe auch Film- und Tondokumente über die WAA Wackersdorf Atomlos durch die Macht – Doku-Film 2019 mit Trailer-Ausschnitten aus Wackersdorf (2018)
Weblinks
/ / Film über Wackersdorf: Gespräch mit Regisseur Oliver Haffner Was Sie schon immer über Wackersdorf wissen wollten – Siegmar Warnecke im Gespräch mit Oliver Haffner, ArtfrontNews auf YouTube (93 Min.) Filmpädagogische Begleitmaterialien zu dem Film Wackersdorf (PDF; 0,7 MB) auf Vision Kino Wackersdorf - Presseheft (PDF; 0,7 MB) – Alamode Filmdistribution 2018 auf Deutschland summt! Blick zurück nach vorn: "Wackersdorf" -- GEP-Filmshow 2018 auf YouTube, 7 Min. ARD alpha Doku: Atom-Streit in Wackersdorf - Die Geschichte einer Eskalation 8. März 2021, 44 Min.
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 2018 Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Kernenergie im Film Kategorie:Historienfilm