Eugen Ewig (* 18. Mai 1913 in Bonn; † 1. März 2006 ebenda) war ein deutscher Historiker, der die Geschichte des frühen Mittelalters erforschte. Er lehrte als Professor für Geschichte an den Universitäten Mainz und Bonn und galt der Fachwelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als bester Kenner der Merowingerzeit.

Da er nach dem Zweiten Weltkrieg als einer der wenigen deutschen Mediävisten betrachtet wurde, die nicht von nationalsozialistischem Gedankengut beeinflusst worden waren, konnte er eine wichtige Mittlerfunktion im Aussöhnungsprozess zwischen Deutschland und Frankreich übernehmen. Ewig gelang 1958 die Gründung der Deutschen Historischen Forschungsstelle in Paris, aus der 1964 das Deutsche Historische Institut Paris hervorging.

Leben Herkunft und Jugend Eugen Ewig wuchs in einem katholischen Elternhaus auf. Er war der Sohn des Kaufmanns Fritz Ewig, der schon 1924 verstarb, und dessen Frau Eugenie Ewig, geborene Mälchers. Von 1919 bis 1931 besuchte er das humanistische Beethoven-Gymnasium in Bonn; in seine Schulzeit fielen Ereignisse wie die Rheinlandbesetzung, die Hyperinflation und die Wirtschaftskrise. Zu seinen Lehrern gehörte der Romanist und Kulturphilosoph Hermann Platz, der ihn in Französisch unterrichtete. Vermutet wurde, dass Ewigs späteres Interesse für den lotharingischen Raum und für die Rheinlande auf den Einfluss von Platz zurückging.Ulrich Pfeil: Eugen Ewig – »Créer un ordre transnational«. Von einem Mittler zwischen Deutschland und Frankreich. In: Ders. (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris und seine Gründungsväter. Ein personengeschichtlicher Ansatz. München 2007, S. 293–322, hier: S. 305 (online). 1931 erwarb Ewig die Hochschulreife. Nach einem Ferienkurs in Dijon veränderte ein Aufenthalt in Paris seine Einstellung zu Frankreich wesentlich: „Mein von der Jugendbewegung geprägtes Weltbild wurde zwar nicht ganz verdrängt, aber erheblich korrigiert und relativiert durch das Erlebnis der französischen Metropole“.Zitiert nach: Ulrich Pfeil: Eugen Ewig – »Créer un ordre transnational«. Von einem Mittler zwischen Deutschland und Frankreich. In: Ders. (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris und seine Gründungsväter. Ein personengeschichtlicher Ansatz. München 2007, S. 293–322, hier: S. 296 (online). Seither war Ewig ein Liebhaber Frankreichs und der französischen Kultur.

Studium in Bonn (1931–1937 bzw. 1938) An der Universität Bonn studierte Ewig von 1931 bis 1937 Geschichte, Deutsch, Romanistik (Französisch) und Philosophie. Zu seinen Studienfreunden zählten Paul Egon Hübinger und Theodor Schieffer. Ewig war beim KStV Langemarck BonnJahrbuch des Kartellverbandes der katholischen Studentenvereine Deutschlands (K.V.). 29. Jahrgang, 1931, S. 315. aktiv und damit Mitglied im Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine, im katholischen Jungmännerbund sowie im Bonner Kreis.Album des Bonner Kreises 1854–1960. Bonn 1960, S. 64 (Nr. 588). In der ersten Hälfte seiner Studienzeit lag sein Schwerpunkt auf den Hauptfächern Geschichte und Germanistik. Zunächst wurde Wilhelm Levison sein maßgeblicher akademischer Lehrer, später Ernst Robert Curtius. Curtius prägte Ewigs Frankreichbild und verstärkte dessen aufkeimendes Interesse für Frankreich noch. Von seinem jüdischen Lehrer Levison, der infolge der Nürnberger Gesetze seines Amtes enthoben wurde, erhielt er als dessen letzter Schüler in Deutschland noch das Dissertationsthema.

Ewig wurde 1936 mit einer ideengeschichtlichen Arbeit über den Kartäuser Dionysius, einen spätmittelalterlichen Theologen und Mystiker, zum Dr. phil. promoviert.Eugen Ewig: Die Anschauungen des Karthäusers Dionysius von Roermond über den christlichen Ordo in Staat und Kirche. Bonn 1936. Das Werk des Dionysius, das in moderner Druckform 41 Bände umfasst, wurde systematisiert und geistesgeschichtlich eingeordnet. Die Dissertation lag quer zum herrschenden Zeitgeist; die Fragestellung entzog sich den Moden der deutschen Mediävistik der Jahre nach 1933. Der Satz in der Dissertation „Lichtlos und trübe ist die Gegenwart, wenn man sie an den Maßstäben der Vergangenheit mißt“Eugen Ewig: Die Anschauungen des Karthäusers Dionysius von Roermond über den christlichen Ordo in Staat und Kirche. Bonn 1936, S. 5. verdeutlicht einen pessimistischen Konservatismus und steht im Widerspruch zur zeitgenössischen Kraft- und Aufbruchsideologie der Nationalsozialisten.Reinhold Kaiser: Eugen Ewig. Vom Rheinland zum Abendland. In: Ulrich Pfeil (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris und seine Gründungsväter. Ein personengeschichtlicher Ansatz. München 2007, S. 199–220, hier: S. 201. (online). Da Levison 1935 von den Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem Amt gedrängt worden war, übernahm 1936 der Neuzeithistoriker Max Braubach die Prüfungsformalien. 1936 erschien die 80 Seiten umfassende Dissertation. Wie Schieffer und Hübinger erhielt Ewig den Kontakt zu seinem nach England emigrierten Lehrer Levison aufrecht.

Nach der Promotion ermöglichten ihm niederländische Freunde einen dreimonatigen Aufenthalt in Paris, danach war Ewig zwei Jahre Hilfsassistent am Historischen Seminar in Bonn. Im Januar 1938 legte er das Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen in Geschichte, Deutsch und Französisch ab. Aufgrund der politischen Verhältnisse wollte er jedoch nicht Lehrer werden. Für kurze Zeit übernahm er als Nachfolger Paul Egon Hübingers das Amt des Bücherwarts am Historischen Seminar.

Tätigkeit als Archivar in Berlin, Breslau, Metz Ewig hatte als Schüler Levisons, als politisch Liberaler und als überzeugter Katholik ohne jede Bindung an die NSDAP in der Zeit des Nationalsozialismus keine Chance auf eine akademische Laufbahn. Schieffer und Hübinger, andere Schüler Levisons, entschlossen sich, am Institut für Archivwissenschaft eine dreisemestrige Archivausbildung zu durchlaufen. Ewig wollte ihrem Beispiel folgen. Ein Jahr lang bewarb er sich vergeblich um die Aufnahme im Institut für Archivwissenschaft und geschichtswissenschaftliche Fortbildung in Berlin-Dahlem. Er selbst vermutete, dass seine Aktivitäten im katholischen Jugendbund den Nationalsozialisten verdächtig erschienen.Katja Wojtynowski: Das Fach Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz 1946–1961. Gründung und Ausbau des Historischen Seminars, des Instituts für Alte Geschichte und der Abteilung Osteuropäische Geschichte am Institut für Osteuropakunde. Stuttgart 2006, S. 83. Schließlich wurde er doch noch am Dahlemer Institut angenommen und absolvierte ab April 1939 die Archivausbildung. Im selben Jahr verfasste er mit Die Wahl des Kurfürsten Josef Clemens von Köln zum Fürstbischof von Lüttich, 1694 seinen ersten größeren wissenschaftlichen Aufsatz. Er erschien in den Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein, die von den Nationalsozialisten als „klerikales Organ“ bezeichnet und 1944 verboten wurden.Eugen Ewig: Die Wahl des Kurfürsten Joseph Clemens von Cöln zum Fürstbischof von Lüttich 1694. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein. Band 135, 1939, S. 41–79. Das Zitat bei: Ulrich Pfeil: Eugen Ewig – »Créer un ordre transnational«. Von einem Mittler zwischen Deutschland und Frankreich. In: Ulrich Pfeil (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris und seine Gründungsväter. Ein personengeschichtlicher Ansatz. München 2007, S. 293–322, hier: S. 305. (online). 1940 schloss Ewig die Archivausbildung mit dem Staatsexamen ab.

Offenbar dachte er in dieser Zeit an einen Eintritt in die NSDAP, um seine Verbeamtung nach der Archivausbildung zu beschleunigen. Er unterzeichnete die Aufnahmepapiere, doch blieb dies folgenlos. In den Beständen finden sich keine Hinweise auf eine Mitgliedschaft Ewigs in der NSDAP.Ulrich Pfeil: Eugen Ewig – »Créer un ordre transnational«. Von einem Mittler zwischen Deutschland und Frankreich. In: Ulrich Pfeil (Hrsg.): Das Deutsche Historische Institut Paris und seine Gründungsväter. Ein personengeschichtlicher Ansatz. München 2007, S. 293–322, hier: S. 298. (online). Das Referendariat brachte ihn 1941 nach Breslau. Im März 1941 wurde er als Staatsarchivassessor zur Wehrmacht eingezogen, ein Herzfehler befreite ihn vom Militärdienst.

Durch Vermittlung des Reichsarchivrats Wilhelm Kisky wurde Ewig noch im selben Jahr in das lothringische Staatsarchiv Metz versetzt. Dort wurde er Stellvertreter des Archivdirektors Aloys Ruppel. Während seiner Tätigkeit in Metz entstand 1943 der Beitrag über die „Deutschordenskommende Saarburg“ (1943).Eugen Ewig: Die Deutschordenskommende Saarburg. In: Elsaß-Lothringisches Jahrbuch. Band 21, 1943, S. 81–126. Ewig verwertete für die beiden in seiner Metzer Zeit entstandenen Arbeiten die Bestände des Stadtarchivs Erkelenz, des Staatsarchivs Wien und des Archivs Metz.

Nach Problemen mit der lothringischen Zivilverwaltung kehrte Ruppel im November 1942 nach Mainz zurück. Seit 1943 war Heinrich Büttner Ewigs Vorgesetzter im Metzer Archiv. Nachdem Büttner zur Wehrmacht eingezogen worden war, übernahm Ewig die kommissarische Leitung. Seine Amtsführung brachte ihm wertvolle französische Verbindungen wie die zu Robert Schuman ein. Im Staatsarchiv Nancy wertete Ewig 1943 die Landbeschreibung des Herzogtums Lothringen von 1585/86 aus. Seine Arbeiten entsprachen nicht der von der Gauleitung erwarteten politischen Linientreue und wurden daher entweder umgeschrieben oder gar nicht erst veröffentlicht. 1943 verfasste Ewig für die Lokalbeilage zur NSZ Westmark den Aufsatz Metz und das Reich im Mittelalter. Die Redaktion entfernte alles, „was der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung und der Germanisierungspolitik in Lothringen widersprach […]. Lothringische Eigenständigkeit und Freiheitsliebe, Metzer Autonomie und Sonderstellung sollten der Vergessenheit anheimfallen“.Wolfgang Freund: Volk, Reich und Westgrenze. Deutschtumswissenschaften und Politik in der Pfalz, im Saarland und im annektierten Lothringen 1925–1945. Saarbrücken 2006, S. 373. Ewig war in dieser Zeit mit Forschungen zur romanisch-germanischen Sprachgrenze betraut. Die „Gauleitung Westmark“ wollte diese zur Legitimierung deutscher Ansprüche auf Lothringen und weitere Gebiete im Westen nutzen. In der Anfang 1944 vorgelegten Abhandlung über „Die Verschiebung der Sprachgrenze in Lothringen im 17. Jahrhundert“ konnte Ewig nachweisen, dass seit etwa 1663 das nach dem Dreißigjährigen Krieg entvölkerte Land von Frankreich aus wieder besiedelt wurde. Er wandte sich jedoch gegen die von Nationalsozialisten vertretene These, Ludwig XIV. habe „aus nationalen Gesichtspunkten“ eine ethnische Politik mit der Folge einer gezielten Nordverlagerung der deutsch-französischen Sprachgrenze betrieben; Motive dieser Art hätten den „Staatsmännern der Zeit im allgemeinen fern gelegen“.Eugen Ewig: Die Verschiebung der Sprachgrenze in Lothringen während des 17. Jahrhunderts (Ms.), 23.2.1944. Vgl.: Rudolf Schieffer: Der Mediävist und sein Oeuvre. In: In memoriam Eugen Ewig: (18.05.1913 – 01.03.2006). Reden gehalten bei der Akademischen Gedenkfeier am 1. Dezember 2006 im Festsaal der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Bonn 2007, S. 32–39, hier: S. 34.