Sony Music Publishing LLC (bis 2021 Sony/ATV Music Publishing LLC) ist ein US-amerikanischer Musikverlag der Sony Corporation und heute das größte Musikverlagsunternehmen der Welt mit etwa 4 Millionen Songs (d. h. etwa 2 Millionen mehr als vor der Verwaltungsübernahme von EMI Music Publishing).Stand: 31. März 2018, Jahresbericht der Sony Corporation zum Geschäftsjahr 2018; Die Zahl beinhaltet den Sony/ATV-Katalog mit 2,3 Millionen Songs und den EMI-Katalog mit 2,06 Millionen Songs. Der Umsatz liegt bei mindestens 1,25 Milliarden US-Dollar jährlich.
Geschichte Geschichte des ATV Das Association Television (ATV) war eine britische Fernsehgesellschaft, gegründet am 24. September 1955 von Lew Grade. Zwanzig Jahre später war ATV durch den Erwerb von Firmenanteilen zu einem Entertainment-Mischkonzern mit den Geschäftslinien Musikindustrie, Musikverlag und Filmproduktion expandiert.
Mit dem Erwerb eines 50-%-Anteils der britischen Plattenfirma Pye Records vom 23. Oktober 1958 stieg ATV in die Musikindustrie ein.Pye Records Deal. In: Financial Times, London, 23. Oktober 1958, S. 1 Anfang Juni 1966 erwarb ATV einen 50-%-Anteil an den Musikverlagen New World Music und Jubilee Music (Tochterfirmen der englischen Chappell & Co.) und expandierte ins Musikverlagsgeschäft.ATV Goes into Music Publishing, Financial Times London vom 3. Juni 1966, S. 9 Einen Monat später kaufte ATV für 2,1 Millionen £ die Plattenfirma Pye Records auf und führte sie (inklusive Welbeck Music) als eigene Tochterfirma weiter.ATV Buying up Pye Records for £2.1m. In: Financial Times, London, 13. Juli 1966, S. 1
mini|Paul McCartney und John Lennon versuchten 1969 eine Mehrheitsbeteiligung am Northern-Songs-Katalog zu erreichen
Anfang 1969 verkaufte Dick James und seine Partner ihre Anteile am Northern-Songs-Katalog mit 251 Beatles-Songs an ATV, ohne John Lennon und Paul McCartney darüber zu informieren oder ihnen die Chance zum Kauf zu geben. Die Northern Songs Ltd war 1963 von Dick James (Musikverleger), Brian Epstein (Musikmanager) sowie den Songwritern John Lennon und Paul McCartney zur Herausgabe des Lennon/McCartney-Songkatalogs gegründet worden und seit 1965 ein Börsennotiertes Unternehmen. Nachdem Epstein 1967 verstorben war, hatten Lennon und McCartney ihr Verlagsgeschäft mit Dick James jedoch neu zu verhandeln versucht. Lennon und McCartney versuchten eine Mehrheitsbeteiligung am Northern Song-Katalog für sich herauszuhandeln, aber ihr Versuch, die Kontrolle über ihre eigenen Songs zu gewinnen, Teil eines langen und erbitterten Kampfes, scheiterte. Lew Grades finanzielle Macht, ihr Gegner in diesem Bieterwettkampf, stellten sicher, dass der Northern-Songs-Katalog unter die Kontrolle von Großbritanniens ATV kam. Allen Klein (dann de facto Beatles-Manager) versuchte zwar, mit Apple Corps einen Deal auszuhandeln, dem Associated Television das „Juwel der Musikbranche“ abzukaufen, aber auch sein Versuch scheiterte.
Im Jahr 1970 formte ATV ein gemeinsames Verlagsunternehmen mit Kirshner Entertainment mit dem Titel ATV-Kirshner Music.ATV, Kirshner Organize Global Publishing Co.; Maclen In Fold. Billboard Magazine vom 22. August 1970, S. 7 Der befristete Partnerschaftsvertrag lief 1972 aus, als sich gerade ATV Music formte, um alle ATV Verlagsinteressen zu vereinen, inklusive die Northern Songs. ATV Music blieb durch die 1970er Jahre hindurch ein erfolgreiches Unternehmen in der Musikindustrie, insbesondere wegen der weltweit täglich in den Medien gesendeten und von vielen Bands „gecoverten“ und auf Veranstaltungen gespielten Northern Songs. Lennon und McCartney wurden Mitverleger, deren Verträge mit Northern Songs 1973 ausliefen.
Während ATV Music erfolgreich war, geriet die Mutterfirma der Fernsehgesellschaft, heute bekannt als Associated Communications Corporation (ACC), in finanzielle Schwierigkeiten. Von 1978 bis 1981 sanken ACCs Gewinne wegen großer Verluste im Filmgeschäft und die Aktienkurse fielen dramatisch. Grade stellte den Northern-Songs-Katalog zum Verkauf und erhielt Rückmeldung von einigen Kaufinteressenten: Paul McCartney und Lennons Witwe Yoko Ono boten 21 Millionen britisches Pfund für den Northern-Songs-Katalog. Lew Grade wollte ATV Music jedoch als Ganzes verkaufen und lehnte das Angebot der beiden Ende November 1981 ab.John Moore: McCartney Fails to Regain All His Yesterdays. In: Financial Times, London, 20. November 1981, S. 38Peter Jones: Beatle Catalog Hopefuls Hit 'All Or Nothing’ Snag. In: Billboard-Magazine, 12. Dezember 1981, S. 45 Zwei Monate später legte der australische Geschäftsmann Robert Holmes à Court, der bereits Anteile an ACC erworben hatte, ein Übernahmeangebot auf. Grade trat als Vorsitzender zurück und wurde durch Holmes à Court ersetzt.Holmes à Court, Michael Robert Hamilton (1937–1990). Australian Dictionary of Biography, Online Edition, Melbourne University Publishing, The Australian National University; abgerufen am 2. Januar 2018 Nachdem Holmes à Court die Kontrolle über ACC hatte, stand ATV Music auch nicht mehr zum Verkauf.West Coast Publishers Keep Things Happening. In: Record World Magazine, 27. Februar 1982, S. 8
Verkauf von ATV Music an Michael Jackson 1985 180px|mini|Michael Jackson kaufte ATV Music am 10. August 1985 Im April 1982 nahm der afroamerikanische Sänger Michael Jackson in den Cherokee Studios Hollywood Say Say Say für Paul McCartneys Pipes of Peace-Album auf. Jackson blieb bei McCartney zu Hause. Eines Abends holte Paul McCartney ein dickes, gebundenes Notizbuch mit all den Songs heraus, bei denen er die Verlagsrechte besaß. Jackson riss die Augen auf und betrachtete sich das Notizbuch genau. Er fragte nach, wie man Songs kauft und für was sie genutzt werden.Robert Hilburn: The long and winding road. In: Los Angeles Times, 22. September 1985. McCartney erklärte ihm, dass der Musikverlag ein Weg sei, viel Geld zu machen.
Wer einen Musikkatalog mit berühmten Songs besitzt, die weltweit täglich in den Medien gesendet und von vielen Bands „gecovert“ und auf Veranstaltungen gespielt werden, kann damit Millionen verdienen, ohne auch nur einen Finger rühren zu müssen. In der Regel gehen 50 % der Einnahmen pro gespielten Song an den Verleger (die Besitzer der Nutzungsrechte) und die anderen 50 % an den Komponisten und den Texter (die Urheber). Einer der begehrtesten Kataloge der Musikindustrie war damals schon der ATV-Music-Katalog. Er war der „Juwel der Musikbranche“. Im September 1984 befand er sich unter den zehn wertvollsten Musikkatalogen der Unterhaltungsbranche und bestand damals aus mehreren kleinen Katalogen mit insgesamt rund 4.000 Songs von renommierten Künstlern. Darunter befand sich auch der Northern-Songs-Katalog mit 251 Beatles-Songs. Um an einen solch gefragten Katalog heranzukommen, braucht man viel Geld, Geduld, Verhandlungsgeschick, Beziehungen und Glück.
Der Kauf des ATV-Kataloges war auch für Michael Jackson und seinen gewieften Musikanwalt John G. Branca kein einfaches Unterfangen. Bert Reuter, der den Kauf von ATV Music für Holmes à Court abgewickelt hatte, erklärt, man habe Paul McCartney das Vorkaufsrecht eingeräumt, aber Paul habe zu der Zeit nicht gewollt. Als Gentleman und Freund ließ Michael Jackson Paul McCartney auch den Vortritt und gab ihm zweimal die Gelegenheit, auf seine eigenen Songs zu bieten, aber McCartney war dazu nicht bereit. Er war der Meinung, der Katalog sei noch too pricey (zu teuer).J. Randy Taraborrelli: Michael Jackson: The Magic & the Madness. Birch Lane Press, New York 1991; Neuauflage 2003, S. 335–338Jack Doyle: Michael & McCartney, 1990s–2009. In: The Pop History Dig, 7. Juli 2009 Auch Yoko Ono, John Lennons Witwe, wollte nicht. Erst als Michael Jackson durch seinen Anwalt John Branca hatte abklären lassen, dass die beiden nicht mitbieten wollten, gab er ihm grünes Licht – allerdings sehr still und leise. Nach einem langen Ringen blieb nur noch ein letztes hartnäckiges Mitbietergespann übrig: Charles Koppelman und Martin Bandier, die Gründer der Entertainment Company in New York. Die beiden Herren meinten es besonders ernst und überboten Michael Jackson um 2,5 Millionen US-Dollar. Koppelman und Bandier hatten die Music Corporation of America um finanzielle Unterstützung gebeten. Der Präsident von MCA Records Irving Azoff war Michael Jacksons Anwalt John Branca aber noch einen Gefallen schuldig (Branca hatte Azoff 1984 zu einem lukrativen Job als Fachberater bei der millionenschweren Victory-Tour von The Jacksons verholfenTaraborelli (1991), S. 336), und so bat dieser ihn, dafür zu sorgen, dass Koppelman und Bandier nicht unterstützt wurden. Es gelang Branca, Azoff zu überzeugen, und Michael Jackson lag wieder vorne im Rennen. Da er schnell und ohne Probleme 47,5 Millionen US-Dollar aufbringen konnte und dabei auch noch dem Wunsch des Verkäufers – Robert Holms à Court – nachkam, ihn kurz (im Oktober 1985) in Perth, Australien zu besuchen, willigte dieser schließlich ein.In Perth trat Michael Jackson kurz im Fernsehen bei Channel 7 Telethon auf, um für Spenden für das Princess Margaret Children’s Hospital aufzurufen.Robert Hilburn: The long and winding road. In: Los Angeles Times, 22. September 1985. Branca legte den Vertrag so an, „dass Michael acht Jahre lang eine jährliche Abschreibung über 5 Millionen US-Dollar geltend machen konnte; insgesamt also 40 Millionen US-Dollar.“Taraborelli (1991), S. 550 Für Martin Bandier und Charles Koppelman, die den Katalog schon sicher in ihrem Besitz glaubten, war dies ein bitterer Schlag. John Branca drehte ihnen kurz vor ihrem Ziel einfach den Geldhahn zu.
Am 10. August 1985Taraborrelli (2004), S. 335–338 wurde in der Geschichte der Musikindustrie ein neues Kapitel geschrieben, denn das „Juwel der Musikbranche“ ging – aufgrund des hohen Preises ganz untypisch – an eine Einzelperson, und das auch noch an einen afroamerikanischen Entertainer. Im Gegensatz zu den Mitstreitern hatte der schmächtige, knapp 28-Jährige keine akademische Ausbildung vorzuweisen, und dennoch bewies er hier jedem, dass alles möglich ist, wenn man nur fest daran glaubt und daran arbeitet. Für die etablierte weiße Businesswelt voller Juristen und Wirtschaftsprüfer war dies wortwörtlich der schwärzeste Tag in der Musikgeschichte. Michael Jacksons finanzielle Macht begann für sie zu einem Problem heranzuwachsen und wurde für manche zu einem Dorn im Auge. Sein Leben war schon vor dem Kauf des Katalogs nicht einfach gewesen, aber jetzt wurde es für ihn in jeder Hinsicht richtig ungemütlich.
Während Michael Jackson auf der Thriller-Erfolgswelle schwamm und gemeinsam mit seinem Anwalt John Branca den genialsten Coup der Musikbranche landete, fühlte sich Paul McCartney von ihm hintergangen. McCartney, der es zu Anfang seiner Karriere aus Unwissenheit verpasst hatte, seine eigenen Songs zu sichern, galt zum betreffenden Zeitpunkt als einer der reichsten Musiker der Welt. Er ärgerte sich nach dem Verkauf von ATV Music an Michael Jackson maßlos über dessen „Unverschämtheit“. Yoko Ono hingegen betrachtete den Verkauf von ATV Music (mit dem Northern-Songs-Katalog) an Michael Jackson als einen Segen: „Geschäftsleute, die selbst keine Künstler sind, haben nicht die Sichtweise, wie Michael Jackson sie hat. Er liebt die Songs. Er sorgt sich sehr um sie.“ Dem fügte sie hinzu, dass falls sie die Northern Songs besäßen, es Streit geben würde. Das brauche weder McCartney noch sie. „Falls Paul die Songrechte bekommen hätte, würden die Leute sagen: ‚Paul hat schließlich John bekommen‘. Und hätte ich sie bekommen, würden sie sagen: ‚Oh, die Dragon Lady schlägt wieder zu‘.“ Laut Branca war Jacksons Kommentar dazu: „Wenn er [McCartney] nicht 47,5 Millionen in seine eigenen Songs investieren wollte, braucht er mir jetzt nichts vorzujammern. […] Er muss damit jetzt klar kommen.“Zitiert nach dem CNN-Interview von 2011 mit John Branca.
Finanzielle Basis für humanitäre Projekte 1985 bis 1995