mini|Glattregulierung beim Greifensee Die Laufwasserkraftwerke an der Glatt nutzten das Wasser der Glatt vom Greifensee () 38,5 Kilometer flussabwärts durch das Zürcher Unterland bis zur Mündung () in den Rhein bei Rheinsfelden fast durchgehend.
Frühindustrialisierung mini|Aktie der Gesellschaft für Nutzbarmachung der Wasserkräfte an der Glatt 1890 Das relativ starke Gefälle im Unterlauf der Glatt ab Niederglatt () wurde bereits im Mittelalter wirtschaftlich genutzt, um Wassermühlen zu betreiben. Ab dem 15. Jahrhundert übte die Stadt Zürich die Hoheit über die Glatt aus (1462 Glattordnung im Stadtbuch). Im 16. Jahrhundert delegierte der Rat die Flussaufsicht an zwei sogenannte Glattvögte. 1593 erfolgte der erste Korrektionsversuch der mäandrierenden Glatt. Im 17. Jahrhundert wurde versucht, die häufigen Überschwemmungen, die oft Zerstörungen an den Wasserwerken verursachten, durch Begradigung des Flusses zwischen Wallisellen und Oberglatt zu verhindern.
1807 bestanden vom Greifensee bis zum Rhein 13 Mühlen. Ab 1816 kam die industrielle Nutzung der Wasserkraft auf, vornehmlich durch Spinnereien. Die mechanische Krafterzeugung wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Wasserrädern auf die effizienteren Turbinen umgestellt.
Die grossen Überschwemmungen durch die Glatt von 1876, 1878 und 1881 führten dazu, dass 1876 das zürcherische Gesetz über Flusskorrektionen angenommen wurde und mit Hilfe des Bundes der Fluss zwischen 1878 und 1895 durchgehend korrigiert wurde.
Die Glattkorrektionen ermöglichten bis 1900 eine Steigerung auf 18 Wasserwerke, wovon acht Mühlen sowie Spinnereien, Zwirnereien, Webereien und das Elektrizitätswerk Herrenwies in Hochfelden.
Ab 1890 wurden die Turbinen mit Generatoren versehen und die mechanische Energie durch Elektrizität ersetzt. Um 1900 erreichten die Wasserwerke für die Stromerzeugung am unteren Glattlauf eine Leistung von 1500 kW.
Im Jahr 1936 wurden mit dem Gesetz über die Tieferlegung der Glatt die Voraussetzungen für eine endgültige Abhilfe gegen Überschwemmungen geschaffen. Die Tieferlegung des Flusses von Niederglatt bis zur Einmündung erfolgte in den Jahren 1975 bis Anfang der 1980er Jahre. Nach der Korrektion Niederglatt-Rhein 1975 verschwanden die Wasserwerke endgültig.Geographisches Lexikon der Schweiz. 1902.
Geschichte der Wasserkraft im Zürcher Unterland mini|Glattfelden um 1900, von links: Zwirnerei, Weberei, Spinnerei, Licht- und Kraftwerk Die Greifenseewuhr-Gesellschaft wurde 1890 als Interessenverband der Wasserrechtsbesitzer an der Glatt gegründet. Sie wurde 1937 in eine Genossenschaft umgewandelt und 1980 aufgelöst. 1891 liess sie beim Glattabfluss ein Regulierungsstauwehr errichten, mit dem der See bei Niederwasser um einen Meter gestaut werden konnte. Durch die Korrektion der Glatt und das Wehr wurde der mittlere Pegel des Sees um rund 80 Zentimeter gesenkt. Der Abfluss sollte bei niedrigem Wasserstand 2 m³ per Sekunde betragen, damit die Industriebetriebe an der Glatt in trockenen Zeiten über ausreichend Wasser verfügen konnten.Staatsarchiv Zürich StAZ: Glattprotokolle 16. bis 18. Jahrhundert, Archiv der Greifenseewuhr-Genossenschaft.
Die Obere Mühle in Dübendorf (Oberdorf) wurde erstmals 1368 erwähnt. 1821 wurde an der Stelle des Vorgängerbaus das heutige Mühlegebäude errichtet. 13 Jahre später kam das heute noch bestehende Wasserrad hinzu. 1962 wurde die Mühle aus finanziellen Gründen stillgelegt. Der Gebäudekomplex bestand aus dem Haupthaus, der Senfmühle, der alten Schmitte, dem Ökonomiegebäude und der 1978 abgebrannten Scheune. Seit 1990 wird die Mühle von der Stiftung Obere Mühle als Kulturzentrum betrieben.Das sind wir. Geschichte. In: Website der Oberen Mühle Dübendorf.
Die denkmalgeschützte untere Mühle Birchlen in Dübendorf (Unterdorf) wurde 1806 gebaut und 1836 auf der anderen Glattseite die neu gebaute «alte Spinnerei Homberger» (vorher Hanhart). Die Mühle Birchlen wird von einem Zuppingerrad (∅ 4,20 m, Breite 4,50 m) angetrieben. 1864 erlaubte der Regierungsrat dem Besitzer Homberger & Cie. anstatt der bisherigen vier Wasserräder (zwei links am Kanal für die Mühle, das dritte rechts für die Dreschmaschine, das vierte oberhalb rechts am Kanal für die Säge) ein einziges grosses Wasserrad neben dem Mühlegebäude zu erstellen.Staatsarchiv Kanton Zürich 1864
Die Chemische Fabrik Flora AG begann 1900 in Dübendorf Riechstoffe herzustellen und wurde 1945 in Esrolko AG umgetauft. 1948 kaufte Givaudan den Aromenhersteller Esrolko.Züri Ost vom 18. März 2008: Aromen für die ganze WeltTages-Anzeiger vom 19. Juli 2010: Hightech-Firma – oder StinkfabrikGivaudan Dübendorf AG, 2000: 100 Jahre Givaudan in Dübendorf. Ein Jahrhundert für Geruch und Geschmack
Die Seiden- und Baumwollzwirnerei Zwicky & Co im Neugut, Wallisellen (1840–2001), und die ebenfalls am Fabrikkanal der Glatt gelegene Herzogenmühle bildeten die Eckpfeiler der Industrialisierung Wallisellens. Ab 1851 wurde ein neuer, erweiterter Fabrikkanal gebaut, um die Wasserkraft der Glatt nutzen zu können. Glatt und Chriesbach versorgten mittels einer Turbine den Betrieb der Zwicky & Co mit Energie. Die Absenkung der Glatt wegen des Autobahnbaus von 1973 führte zum Verlust der Wasserkraft im Neugut.
Die 1293 erstmals erwähnte Herzogenmühle (1817–1923, seit 1894 zu Wallisellen gehörend) bildete einen wichtigen und volkswirtschaftlich bedeutenden Teil der Grundherrschaft des Grossmünsterstifts in Schwamendingen. Im 18. Jahrhundert konnte der Betrieb dank der gut erschlossenen Wasserkraft der Glatt um eine Sägerei, Schleiferei, Hanf- und Flachsstampferei und eine Tabakfabrik erweitert werden. Nach dem Brand von 1808 wurde sie zu einer Baumwollspinnerei umgebaut und später eine Stofffärberei und -druckerei eingerichtet. Mit dem Tod des letzten Fabrikanten Emil Zuppinger wurde der Betrieb 1923 eingestellt. 2009 wurde in der Herzogenmühle von der Herzogenmühle Wasserkraft AG eine Kleinkraftwerkanlage mit einem mittelschlächtigen Wasserrad (5,2 Meter Durchmesser, Fallhöhe 2,6 Meter) in Betrieb genommen, das 30 Haushalte mit jährlich 150'000 kWh Ökostrom versorgen kann.Die Herzogenmühle. In: Website des Ortsmuseums Schwamendingen.Neulandforum vom 25. November 2015: Die neue Kraft des WassersTages-Anzeiger vom 21. August 2009: Walliseller Strom wird teurer
Die Mühle Opfikon befand sich etwas ausserhalb des Dorfes Opfikon gegen die Glatt hin und war mit dem 1325 erwähnten Fronhof verbunden. Das Wasserrad wurde von einem Seitenbach der Glatt und einem damit verbundenen Weiher gespiesen.Geschichte. Vom Kommen und Gehen der Geschlechter. In: Website der Gemeinde Opfikon.
Die Mühle Glattbrugg wurde 1303 erstmals erwähnt. Nach Abschluss der Glattkorrektion 1890 ersetzten Turbinen die alten Mühleräder und dienten von 1894 bis 1912 der Kunstseidenspinnerei Lehner sowie von 1912 bis 1970 der Teppichfabrik Hauser.Opfikon Geschichte: Mühle GlattbruggStaatsarchiv Zürich: Liegenschaften der Kunstseidenfabrik Lehner. Situationsplan Glatt-Gebiet Nr. 57
Die Mühle Oberglatt wurde 1817 vom Staat Zürich im Rahmen einer Glattkorrektion gekauft. Weil sie nachteilig auf den Wasserstand der Glatt eingewirkt hatte, wurde sie abgebrochen. In: Website der Gemeinde Oberglatt.
Die Mühle Hofstetten gehörte im 14. Jahrhundert den Herren von Rümlang. Sie wurde um 1817 ebenfalls vom Staat gekauft. Er liess die Mühle neu erbauen, deren Gefälle absenken und neue Wässerungskanäle neben der Mühle erbauen, bevor er sie wieder verkaufte. Gleichzeitig wurde das Glattbeet von Hofstetten bis Niederglatt neu ausgegraben.Staatsarchiv Zürich: Ankauf der Mühle Hofstetten 1881
Die Mühle Rümlang diente als Getreide- und Lohmühle, Säge, Hanfreibe, Oele und Relle. In der Mitte des Mühlekanals befand sich die Aalstube, wo Aale angeschwemmt wurden, wenn der Müller die Schleusen öffnete. Im 18. Jahrhundert wurden Aale aus der Glatt als Delikatesse bis an den Wiener Hof exportiert.Gefangen in der Aalstube. In: Website der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich zum Jubiläumsjahr 1998 «150 Jahre Bundesstaat». Im 19. Jahrhundert stellten Mühle und Sägerei die wichtigsten Arbeitgeber im Dorf dar. 1908 wurde die Genossenschaft Elektrizitätswerk Rümlang gegründet. Die Mühle brannte 1911 nieder, und die Sägerei wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aufgegeben.
Das Augustinerkloster Sankt Martin am Zürichberg (Zürich-Fluntern) vermachte 1411 dem Müller Ulrich Folkhart die Mühle Niederglatt als Lehen und half ihm finanziell beim Wiederaufbau. Folkhart verpflichtete sich dafür, zwei funktionierende Mühlen und eine Relle mit Mühlehaus, Rädern, Mahlsteinen, Kett und Wuhr zu errichten.Verleihung der Mühle in Niederglatt und Hilfe beim Wiederaufbau. 1411. Staatsarchiv des Kantons Zürich.
Der Baumwollhändler J. G. Blum von Winterthur kaufte 1835 die Spinnerei Oberhöri. Das Turbinenhaus wurde 1874 an der Glatt erbaut. Die Spinnerei wurde 1889 von der Spinnerei Blumer in Freienstein erworben. 1892 wurde eine elektrische Turbine von Rieter eingebaut. Die Kanäle wurden 1979 aufgefüllt, und das Turbinenhaus wurde 1986 abgebrochen.Urs Zimmermann, Charlotte Kunz, Kurt Bolt, Heidi Dütsch-Schmid: Baumwolle und Wasserkraft. Wie die Textilindustrie ins untere Glattal kam. In: Neujahrsblatt Bülach. Nr. 32, 1988.
Die Spinnerei Jakobstal (1819–1983) siedelte sich am Glattlauf bei Bülach an. 1889 wurde sie von der Spinnerei Blumer in Freienstein gekauft.Gemeinde Hochfelden. Geschichtliches. In: Website der Gemeinde Hochfelden.Gemeinde Bülach vom 2. November 2014: Anfrage bezüglich alte Spinnerei Jakobstal mit Bildmaterial
Die Baumwollzwirnerei Hochfelden wurde 1868 (Stilllegung 1962) in Hirslen, Hochfelden gebaut und elektrifiziert. Dort stand früher die Sägerei Hirslen, die vom Glattwasser über Mühlräder angetrieben wurde.Bülach Ansichtskarten: Hochfelden
Die Martinsmühle in Hochfelden wurde im 13. Jahrhundert vom Zisterzienserkloster Wettingen erworben. Mit der Glattkorrektion 1975 bis 1981, bei der das Flussbett 100 m nach Osten verschoben wurde, wurde der Dorfkern umgestaltet.
Die ersten Kraftwerke wurden vom Zürcher Ingenieur Conrad Arnold um 1889 an der Glatt geplant (Burenwisen und Herrenwies). Die Konzessionen erteilte der Kanton 1889 und die Gemeinde Bülach 1891.
1890 wurde die Gesellschaft für Nutzbarmachung der Wasserkräfte an der Glatt AG, Herrenwies, gegründet. Das erste Kraftwerk Herrenwies in Hochfelden nutzte 12 Meter Gefälle. Das Wasser der Glatt wurde nördlich von Hochfelden in einen Kanal abgeleitet, der am Waldrand des Strassbergs westlich der Glatt entlang zur Stromerzeugung im Elektrizitätswerk Herrenwies im Einfang diente. Das zweite Werk Herrenwies lieferte von 1890 bis 1910 Strom über eine Überlandleitung an die Maschinenfabrik Oerlikon. 1916 entstand daraus die elektro-chemische Industrie Herrenwies (ab 1940 Kunstharzfabrik Gebrüder Stüdli, die «Bakelit» herstellten).
Das Kraftwerk Burenwisen in Glattfelden nutzte 7 Meter Gefälle und lieferte 1891 erstmals Strom nach Bülach. Die 1896 gegründete Gesellschaft für Elektrizität AG in Bülach verkaufte das Werk später an die EKZ. Das Kraftwerk wurde 1976 stillgelegt. Es ist heute das EKZ-Museum Stromhaus.
Die Spinnerei und Weberei AG (SWG) in Glattfelden der Zürcher Familie Syz, die eine grosse Weberei in Dietikon besass, entstand auf einem ehemaligen Müllerareal. Dazu gehörten die 1855 errichtete Spinnerei an der Strickstrasse und die 1867 entstandene Weberei. Die Weberei wurde 1981, die Spinnerei 1983 geschlossen. 1896 wurde die Baumwollzwirnerei J. Salzmann-Däniker gebaut (1964 geschlossen).Hans-Peter Pflüger: Industrielle Textilherstellung im ausgehenden 20. Jahrhundert in der Schweiz und in Deutschland. Der Schrumpfungsprozess anhand von Fallbeispielen. Diss. Univ. Konstanz 2015 (PDF; 4,47 MB).