Die Lohner-Werke, auch Lohnerwerke, waren ein in Wien ansässiges Unternehmen des Fahrzeugbaues.
Übersicht Die Firma Lohner war industrieller Hersteller von Fuhrwerken, Kraftfahrzeugen, Flugzeugen und Straßenbahnen und zu Zeiten der Donaumonarchie ein k.u.k Hoflieferant. 1971 wurde das Unternehmen vom kanadischen Bombardier-Konzern aufgekauft.
In den Jahren 2010 bis 2022 produzierte die von Andreas Lohner neu gegründete Firma Lohnerwerke Elektrofahrräder und Elektromotorräder.
Bombardier setzte nach der Übernahme den Bau von Schienenfahrzeugen in Wien-Floridsdorf fort. 2008 wurde die Produktion in ein neues Werk in Wien-Donaustadt übersiedelt, 2021 wurde Bombardier Transportation von Alstom übernommen, das Wiener Werk ist dessen globales Kompetenzzentrum für Straßen- und Stadtbahnen.https://www.alstom.com/de/alstom-oesterreich
Am alten Standort der ehemaligen Lohnerwerke wurde eine Wohnhausanlage errichtet.
Geschichte mini|Der Gründer Jacob Lohner, links sitzend, vermutlich ein Jahr vor seinem Tod mini|Luxuskutsche von Lohner vmtl. um 1910 mini|Altes Briefpapier mit dem Logo von Jacob Lohner & Comp. vor 1918, unten das Logo der Lohnerwerke ab 1918 Gegründet wurde das Unternehmen am 18. März 1821 von Heinrich Lohner (1786–1855), einem Wagnermeister, der vor der Einziehung in die Französische Rheinarmee aus Deutschland geflüchtet war und dem Sattlermeister Ludwig Laurenzi, dessen Namen die Firma anfangs trug.Österreichisches Biographisches Lexikon: Laurenzi, Ludwig (1788–1859), Fabrikant Sie fassten die bisher einzelnen Wagenbaugewerbe in einer Fabrik zusammen.
Sein Sohn Jacob Lohner (1821–1892) entwickelte sich zu einem Wagenfabrikant von Weltruf, spezialisiert auf Luxus- und Ambulanzwagen. Er arbeitete zuvor bei Ludwig Laurenzi († 1859). Nach der Meistererkennung schlossen sich Ludwig Laurenzi sowie die Gesellschafter Jacob Lohner und Josef NeussRoßau 172; heute: Berggasse 17. laut Firmenbuch im Jahre 1850 zu „L. Laurenzi und Comp.“ zusammen. Die K. K. landesprivilegi(e)rte Wagen-Fabrik, Servitengasse 86 (heute: ON 20 und 22), firmierte nach dem Ausscheiden von Neuss als „Laurenzi und Lohner“.
Im Jahr 1857 heiratete Jacob Lohner Louise, die Tochter von Ludwig Laurenzi. Ihr Sohn Ludwig wurde ein Jahr später in 1858 geboren. Nachdem Ludwig Laurenzi im Februar 1859 starb, übernahm Jacob Lohner das Unternehmen. Auf einer Skandinavienreise wurde er am 21. April 1860 per Dekret zum königlich schwedischen Hoflieferanten ernannt.
Jacob Lohner und sein Schwager Josef Brauner, ebenfalls im Wagnergewerbe, schlossen sich am 31. Juli 1868 unter dem neuen Unternehmensnamen (Firma) „Jacob Lohner & Comp.“ zusammen. Mittlerweile produzierte das Unternehmen fabrikmäßig 300 bis 500 Wagen pro Jahr. Ab dem 21. August 1876 durfte Lohner die allerhöchste Auszeichnung eines k. u. k. Hof-Wagenlieferant führen, er war zudem königlicher Hoflieferant von Schweden, Norwegen und Rumänien. Eine Innenstadtniederlassung befand sich zu jener Zeit auf dem Kollowratring 8 (heute: Schubertring 8).
Das Gelände in der Servitengasse 19 wurde mit der Zeit zu klein, die zunehmenden Exporte erforderten eine größere Betriebsstätte als im 9. Wiener Gemeindebezirk vorhanden war. Im Jahr 1873 wurden bereits 10.000 Fahrzeuge produziert. Daher wurde die Fabrik nach der Wiener Donauregulierung in das damals selbstständige Floridsdorf verlegt, das eine Betriebsfläche von 30.000 m² anbot. Das Direktionsgebäude blieb jedoch im 9. Bezirk in der Porzellangasse 2 beheimatet.
Jacob Lohner schied im Jahr 1886 aus dem Unternehmen aus und sein Sohn Ludwig Lohner (1858–1925) übernahm die Leitung. Im Jahr 1892 erhielt dieser den Hoflieferantentitel, am 17. Februar 1893 besuchte Kaiser Franz Joseph I. das Fabriks-Etablissement. Unter der Führung Ludwig Lohners wurden die Lohnerwerke die größte Pferdewagenfabrik in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Im Jahr 1897 durfte Lohner erstmal Benzin-Motorwagen (Automobile) in Betrieb setzen, später wurden Elektroautos serienmäßig produziert. Ab 1909 wandte sich Ludwig Lohner dem Flugzeugbau zu und wurde damit rasch in Österreich-Ungarn führend.
Lohner war neben Carl Marius und Sebastian Armbruster während der Regierungszeit von Kaiser Franz Joseph die vom Wiener Hof am häufigsten beauftragte Wagenfabrik. Am 15. Januar 1918 wurde die Firma in „Lohnerwerke GmbH Wien“ geändert.
Nach dem Untergang der Donaumonarchie wurde der Bau von Flugzeugen von den Siegermächten untersagt, weswegen sich die Lohnerwerke nach einem anderen Betätigungsfeld umsehen mussten und fanden diesen im Bau von Straßenbahnwagen. Damit ging das Wachstum wieder für kurze Zeit aufwärts, bis das Werk im Zuge der Weltwirtschaftskrise Jahr 1934 ganz geschlossen werden musste. Nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich wurde es allerdings wieder eröffnet.
Übernahme durch Bombardier und Alstom Im Jänner 1970 erwarb der kanadische Bombardier-Konzern, nach intensiven Verhandlungen mit der Familie Lohner, die Lohnerwerke und damit auch alle in ihrem Besitz befindlichen Rotax-Aktien. Die Lohnerwerke, Rotax und Bombardier waren bereits vorher durch enge Kooperationen verbunden. So hatte Rotax zum Beispiel das weitbekannte Schneemobil „SkiDoo“ unter Lizenz gebaut. In der Folge der Übernahme wurden die Unternehmen zuerst in Rotax, dann in Bombardier-Rotax GmbH umbenannt. Das in Oberösterreich in Gunskirchen ansässige Motorenbauunternehmen Rotax wurde im Jahr 2003 als Teil von Bombardier Recreational Products unabhängig vom Bombardier Konzern.
Das ehemalige Lohnerwerk in Wien blieb nach der Übernahme durch Bombardier weiterhin ein wichtiger Lieferant der Wiener Straßenbahn, für welche bis in die 90er des 20. Jahrhunderts DUEWAG-Lizenzbauten gefertigt wurden. In den 1990er Jahren entwickelte Bombardier mit dem niederflurigen Typ T für die Wiener U6 ein U- und Stadtbahnfahrzeug, das die Basis für die Baureihe Bombardier Flexity Swift darstellt. Zur Jahrtausendwende wurde mit dem Cityrunner ein gänzlich neues Fahrzeugkonzept entwickelt, aus dem ab dem Jahr 2009 der Bombardier Flexity 2 hervor ging.
Das ehemalige Wiener Lohnerwerk blieb weiterhin auf die Konstruktion und Herstellung von Light-Rail-Schienenfahrzeugen (Straßenbahnen) spezialisiert und agierte zunächst unter dem Namen Bombardier Wien Schienenfahrzeuge (BWS), später als Bombardier Transportation Austria GmbH. Im Jahr 2008 übersiedelte der Betrieb in ein neu errichtetes Werk in der Hermann-Gebauer-Straße in Wien-Donaustadt.Bombardier Transportation feiert 5 Jahre am Standort Donaustadt. Pressemitteilung, Bombardier Transport, 27. November 2013. Das alte Werk in der Donaufelder Straße in Floridsdorf wurde gänzlich abgetragen und an dessen Stelle eine Wohnhausanlage errichtet.
Im Jänner 2021 wurde Bombardier Austria Teil des französischen Schienenfahrzeug-Herstellers Alstom, der die Schienenfahrzeugsparte von Bombardier erwarb. Das Werk in Wien mit rund 700 Mitarbeitern wurde Teil einer eigenständigen Regionalorganisation von Alstom, für Deutschland, Österreich und die Schweiz (D-A-CH).
Gescheiterte Neugründung Im Jahr 2010 entschied Andreas Lohner nach vierzigjähriger unternehmerischer Unterbrechung der Familie eine Neugründung der Lohnerwerke vorzunehmen. Der Fokus der Lohnerwerke GmbH & Co KG mit Sitz in Wien wurde auf den Zweiradbau gelegt. Zum Produktportfolio gehörten ein Roller sowie ein Fahrrad mit elektrisch angetriebenem Motor. Im Juli 2022 wurde allerdings die Liquidation des Unternehmens bekannt gegeben – Produktion und Vertrieb wurden eingestellt.
Erzeugnisse
Automobilbau mini|Der Lohner-Porsche mixte, eines der ersten Hybridfahrzeuge der Welt Als erster Österreicher erkannte Lohner die Bedeutung des Automobilbaus und begann ab dem Jahr 1897 mit fabrikmäßigem Bau von Automobilkarosserien. Mit zwei Fahrzeugen nahm er von Mai bis Oktober 1898 an der Collektivausstellung österreichischer Automobilbauer im Rahmen der Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläumsausstellung teil, auf der die vier ersten im damaligen Österreich gebauten Automobile gezeigt wurden (darunter auch der Wagen von Siegfried Marcus aus den Jahren 1888/89 und der Nesselsdorf Präsident).
Da zunächst kein brauchbarer Motor zur Verfügung stand, entwickelte er mit dem jungen Ingenieur Ferdinand Porsche einen Elektroantrieb. Der Lohner-Porsche war die Sensation der Weltausstellung 1900 in Paris. Ab 1901 arbeitete man an einem gemischten Antrieb (Benzin/Strom (Hybridantrieb)), dem Mixte-Wagen.Porsche und nicht Toyota ist der Hybrid-Pionier in FAZ vom 10. August 2010, Seite T4.
In der Zeit nach 1900 begann Lohner auch O-Busse, sowie Karosserien für die Unternehmen Gräf & Stift und Steyr zu bauen, die keine eigenen fertigen konnten.
Flugzeugbau mini|Modell des Lohner-Pfeilfliegers (im Heeresgeschichtlichen Museum) 1909 begannen die Lohnerwerke mit dem Flugzeugbau. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges stellte Lohner 685 Land- und Wasserflugzeuge her. Am Anfang standen einige Prototypen, später (ab ca. 1912) bauten sie 36 Exemplare der weiterentwickelten Etrich Taube und ihre erfolgreichen Eigenentwicklungen, den Lohner Pfeilflieger und die Lohner Flugboote (z. B.: Lohner Type L), ein Land-/Wasserflugzeug mit 350 PS. Lohner war in Österreich-Ungarn einer der wichtigsten Flugzeugproduzenten und -entwickler.
Der Waffenstillstand von Villa Giusti beendete am 3. November 1918 den Ersten Weltkrieg. In der Folge verbot der Vertrag von Saint-Germain den Flugzeugbau im Deutsch-Österreich, auch verlor Lohner mit Kriegsende wichtige Absatzmärkte und musste sich fortan auf den Karosseriebau beschränken.
Straßenbahnfahrzeuge mini|Wiener Straßenbahntriebwagen Type T aus dem Jahr 1954, unter Verwendung eines Fahrgestells aus dem Jahr 1900 mini|Wiener Straßenbahntriebwagen Type E1 nach Duewag-Lizenz Mit dem Straßenbahnbau begannen die Lohnerwerke nach dem Ersten Weltkrieg, als der Flugzeugbau untersagt wurde. 1926 bekamen die Werke den Auftrag, Straßenbahnwagen für die Wiener Verkehrsbetriebe zu bauen.
Neben der Maschinen- und Waggonbau Fabrik AG Simmering und der Grazer Maschinen- und Waggonbau-Aktiengesellschaft (die später zur Simmering-Graz-Pauker AG fusionierten) waren die Lohnerwerke die wichtigsten Lieferanten für Straßenbahnbetriebe in ganz Österreich.
Seit den 1950er-Jahren zählten die Wiener Lohnerwerke zu den mittelgroßen Straßenbahnproduzenten. Exporterfolge gelangen allerdings erst seit den 1990er-Jahren unter der Ägide der Bombardier-Rotax GmbH. In den Werken gefertigte Fahrzeuge verkehren unter anderem in Brüssel, Croydon, Eskişehir, Graz, Innsbruck, Köln, Linz, Saarbrücken, Stockholm und Wien. Bis in die 1990er-Jahre baute Bombardier-Rotax für Wien und andere Städte Österreichs nach Lizenzen des deutschen Straßenbahnherstellers Düwag.
Motorroller Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Ära der Moped- und Rollerproduktion. Das Wiener Unternehmen zeichnete sich als Pionier des Rollerbaus in Österreich aus. Der wohl bekannteste Roller von Lohner war der L 125. Auch Mofas, wie die Baureihe Sissy, genießen heute noch Kultstatus.Friedrich F. Ehn: Lohner Roller und Moped. Gnas 2003 Er hatte als einziger einen ILO-Motor und keinen Rotax. Sonst waren die Motorroller von Lohner bestückt mit den von Rotax unter Lizenz gebauten Fichtel-&-Sachs-Motoren. Im Jahr 1959 wurde die Aktienmehrheit am Rotax-Motorenwerk in Gunskirchen durch die Lohnerwerke übernommen.
Lohner L 98