mini|Marga d’Andurain (1947) Marga d’Andurain (* 29. Mai 1893 in Bayonne; † 5. November 1948 in der Bucht von Tanger), geboren als Jeanne Amélie Marguerite Clérisse, war eine französische Abenteurerin, die knapp ein Jahrzehnt ihres Lebens im Nahen Osten, vor allem in Palmyra, verbrachte und in dieser Zeit ohne Erfolg versuchte, als erste westliche Frau nach Mekka zu gelangen.

In den Fokus der europäischen und US-amerikanischen Presseöffentlichkeit geriet sie, als sie Ende 1946 in Nizza unter dem Vorwurf verhaftet wurde, ihren Patensohn und Neffen vergiftet zu haben, ein zweites Mal dann zwei Jahre später, als sie auf ihrer Jacht in der Bucht von Tanger ermordet wurde. In dieser Zeit wurden ihr plakative Begriffe zugedacht, die ihr Leben im Nahen Osten beschreiben sollten:Drôle de mère, S. 395–397. „Nachahmerin de Brinvilliers“,„émule de Brinvilliers ?“ (France-Soir, 25. Dezember 1946), bezogen auf die Giftmörderin Marie-Madeleine de Brinvilliers (1630–1676) „Spionin und Doppelagentin“,„espionne et agent double“ (Franc-Tireur, 26. Dezember 1946) die „Mata Hari in den Schatten stellt“,„éclipse … Mata Hari“, La Presse, 31. Dezember 1946 „Amazone der Wüste“,„amazone des sables“ (La Presse, 31. Dezember 1946) „Ex-Königin von Palmyra“,„ex-reine de Palmyre“ (Le Parisien Libéré, 26. Dezember 1946). „Abenteurerin der 20 Verbrechen“,„aventuriére aux vingt crimes“ (L’Aurore, 26. Dezember 1946) „Giftmörderin“.„empoinneuse“ (L’Aurore, 25. Dezember 1946)Zudem bei Morató (2009): “Espía, amante de Larence de Arabia, aventurera” – „Spion, Geliebte von Lawrence von Arabien, Abenteurerin“, sowie später im Text: „En la recepción del hotel Zenobia, donde antaño se habían alojado ilustres huéspedes […] el encargado me habló de su antigua propietaria, una tal „condesa Margot, que hacia 1916, durante la revuelta árabe, había sido secretaria personal y espía al servicio de Lawrence de Arabia“. – „An der Rezeption des Hotels Zenobia […] erzählte mir der Manager von seinem früheren Besitzer, einer gewissen „Gräfin Margot“, die 1916 während der Arabischen Revolte, persönliche Sekretärin und Spion im Dienst von Lawrence von Arabien war.“ Diese Behauptung ist chronologisch unmöglich, da Marga d’Andurain das Jahr 1916 in Bayonne verbrachte, wo sie ihr zweites Kind erwartete. Auch ohne den Verweis auf 1916 bleibt die Geschichte unglaubwürdig: Lawrence von Arabien verließ den Nahen Osten 1921, Marga d’Andurain beschloss erst 1925 nach Kairo zu ziehen. Es wurde vergebens erwartet, dass sie nach ihrer Verhaftung für eine ganze Reihe von Todesfällen in ihrer Umgebung zur Verantwortung gezogen werde, zu denen ihr bislang nichts nachzuweisen war.

Leben

Marga Clérisse, die Tochter von Maxime Clérisse, Magistrat und Richter in Bayonne, und Marie Diriart, Maxime Ernest Clérisse (1841–1925), Marie Diriart (1858–1931) heiratete retours, s. Quellen 17-jährig am 13. Februar 1911 in Bayonne den zwölf Jahre älteren Pierre d’Andurain. Marie Joseph Édouard Pierre d’Andurain * 12. September 1881 in Lyon, Sohn von Marie Édouard Joseph Jules d’Andurain (1842–1907) und Julie Marguerite Chanard de La Chaume (1859–1941) Der Hochzeit folgte eine monatelange Reise durch Spanien und Nordafrika, Am 13. November 1911 lebte das Ehepaar in Algerien (s. retours) bis finanzielle Gründe eine Heimkehr erforderten. 1912 reiste das Ehepaar zur Aufnahme einer Pferdezucht nach Argentinien,Pierre reiste im Sommer. Am 20. Dezember 1912 lebte das Ehepaar in Buenos Aires (s. retours) die wieder aufgegeben wurde, als Pierre sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zur Armee meldete, aus der er später wegen Krankheit entlassen wurde. Tatsächlich aber wohl nach einer Befehlsverweigerung, die aufgrund der Beziehungen der Familie nicht zu einem Kriegsgerichtsprozess führte Nach dem Krieg erfolgten mehrere Versuche (insbesondere Margas), sich in Frankreich eine Existenz aufzubauen, Am 12. September 1923 lebte das Ehepaar in Paris (s. retours). „… ihr Vater [hatte] die Verbindung mit einigem Zögern akzeptiert, denn obwohl die Suche nach dem Adelsprädikat von seiner Seite ein Familienbildungsprogramm war, bedauerte er die Tatsache, dass sein zukünftiger Schwiegersohn ‚ohne Beruf‘ war. Marga entdeckte bald, dass dies keine vorübergehende Anomalie war, sondern ein Lebensentwurf. Denn wenn er in den Augen seiner jungen und bockigen Frau auch viele Qualitäten hatte – groß, sehr schöner Mann, leutselig, passionierter Reiter – hatte Pierre jedoch Schwierigkeiten, sich vorzustellen, dass es notwendig sei, zu arbeiten. Für einen Mann seiner Herkunft hat das Geldverdienen etwas Erniedrigendes. Das Paar begann das Leben damit, sich auf die Großzügigkeit der Familien zu verlassen, aber sehr schnell wurde es notwendig, sich dem Offensichtlichen zu stellen: es wurde notwendig, ein Leben zu erfinden, in dem die Abwesenheit von Arbeit es ermöglichen würde, ‚seinen Rang zu halten‘.“ (Julie d’Andurain, übersetzt) 1925 dann – Marga hatte durch den Tod ihres Vaters geerbt – beschloss das Ehepaar, mit seinen beiden Söhnen (Jean-Pierre, * 1911, und Jacques, * 1916in Tlemcen bzw. Bayonne) erneut das Land zu verlassen.

Die Familie landete im November 1925 in Alexandria und ließ sich in Kairo nieder, wo Marga ein Schönheitszentrum für reiche Europäerinnen und Ägypterinnen eröffnete, nachdem das Ehepaar sich den Grafentitel zugelegt hatte, der sie während ihres Aufenthalts in den arabischen Ländern begleitete und dazu diente, beruflich und gesellschaftlich höchste Kreise zu erreichen. Eine Reise zwei Jahre später aus dem britisch beherrschten Ägypten über Haifa, Jerusalem und das Tote Meer ins französisch regierte Syrien und dort nach Damaskus und Palmyra, die Marga mit einer Bekannten unternahm, dazu Colonel W. F. Sinclair, ein Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der britischen Armee in Haifa, führte zu dem Verdacht, dass Marga eine Spionin in britischen Diensten (sowie Sinclairs Geliebte) sei, den sie nie wieder loswurde. Die Berichte der in Palmyra stationierten französischen Offiziere über Marga und Sinclair wurden Georges Catroux (1877–1969) vorgelegt, seinerzeit Colonel und Chef des Nachrichtendienstes in Beirut; einige Monate nach dieser Reise starb Sinclair (Énard, S. 148) Diese Reise führte dazu, dass Marga d’Andurain mit ihrer Familie nach Palmyra umzog, anfangs, um dort einen neuen Versuch zur Pferdezucht zu unternehmen,Die beiden Söhne wurden auf Privatschulen gegeben, Jacques studierte später auf der Amerikanischen Universität Beirut, Jean-Pierre wurde zu einem Onkel nach Indochina geschickt dann aber, um das einzige zivile Gebäude in Palmyra zu übernehmen, ein von Fernando de ArandaFernando de Aranda (1876–1969), spanischer Diplomat und Architekt, genannt el arquitecto de Damasco gebautes Hotel, dem sie den Namen Hôtel Zenobie Bezogen auf Zenobia, die um 270 von Palmyra aus über weite Teile des Nahen Ostens gaben: Ihr Kundenkreis bestand vor allem aus Archäologen, weniger aus Touristen. Kurz nach dem Umzug ließ Marga sich scheiden,Am 12. November 1928 in Damaskus (s. retours) lebte aber weiterhin mit Pierre zusammen.

Fünf Jahre später, im Frühjahr 1933, entwickelte Marga die Idee, als erste Europäerin nach Mekka zu reisen, dies mit einem Mehari aus ihrer Umgebung, Soleiman el Dekmari als islamischem Ehemann, der so auf ihre Kosten und gegen eine Bezahlung am Ende des Unternehmens in seine Heimat zurückkehren konnte. Sie trat zum Islam über, Sie nahm dabei den Namen Zeinab bent Mohamed El Mouladj an (s. retours) und ging eine Scheinehe mit Soleiman ein (den sie als „le mari passeport“ bezeichnete) und reiste mit ihm über Beirut und Port Said auf einem Pilgerschiff auf die arabische Halbinsel. Sie kam jedoch nur bis Dschidda, da man ihr für den Besuch Mekkas eine zweijährige Wartezeit nach dem Übertritt zum Islam abverlangte. Als Soleiman allein weiterreiste,„Er wurde nach Mekka geschickt, um von König Abdelaziz eine Ausnahmegenehmigung zu erbitten… Schließlich kehrt Süleyman aus Mekka zurück, ohne die Sondererlaubnis für seine Frau bekommen zu haben“ (Énard, S. 151) wurde Marga in einen Harem gebracht (den des Untergouverneurs von Dschidda), als einzigem Ort, an dem sich eine Frau ohne männliche Begleitung in Ehren und Sicherheit aufhalten konnte. Sie sah ihr Vorhaben scheitern und es gelang ihr, Kontakt mit dem französischen Konsul aufzunehmen, der ihr jedoch erklärte, für sie nichts tun zu können, da sie mit der Heirat die französische Staatsbürgerschaft zugunsten der ihres Ehemannes aufgegeben habe. Lediglich wenn sie Witwe sei, könne man verhandeln, sie zu ihrer Familie in Frankreich zurückzubringen.

Soleiman starb kurz nach seiner Rückkehr und beschuldigte dabei vor Zeugen seine Frau, von ihr durch Medikamente vergiftet worden zu sein, die er seit Beginn der Pilgerreise einnahm. Daraufhin wurde Marga am 21. April 1933 inhaftiert.„Am 30. Mai meldete die Beiruter Tageszeitung L’Orient-Le Jour ihren Tod durch Erhängen.“ (Énard S. 152). Es wurde kein Gift gefunden, eine Autopsie unterblieb. Gabriel Dardaud, Trente ans au bord du Nil, Paris, Lieu Commun, 1987, S. 36 Dem Gericht genügten jedoch die Anschuldigungen Soleimans nicht, Marga wurde nach 63 Tagen freigelassenDrôle de mère, S. 181, anders: retours, wo eine Verurteilung wegen Mordes vermerkt ist und durfte das Land verlassen.Jacques d’Andurain gibt in Drôle de mère, S. 182ff., an, im Auftrag seiner Mutter vor ihrer Abreise nach Dschidda in einer Beiruter Apotheke Gift besorgt zu haben, mit dem (angeblich) ein großer Hund getötet werden sollte, aber auch ein Mensch getötet werden konnte – und nennt sogar den Namen des Apothekers: Pierre Gemayel, den späteren Politiker und Vater von zwei Staatspräsidenten des Libanon.

Sie reiste nach Bayonne und logierte sich dann für zwei Wochen Mitte August im Hôtel du Rocher in Biarritz ein. Am 1. September 1933 schrieb der Präfekt des Départements Basses-Pyrénées in Pau den Unterpräfekten in Bayonne an: es gebe eine intervention bezüglich Madame Clérisse – über den Innenminister (zu dieser Zeit Camille Chautemps). Marga sei von einem arabischen Gericht wegen Mordes verurteilt worden, sie mache ihrer Familie große Unannehmlichkeiten wegen ihrer Anwesenheit, sie solle aus dem Land entfernt werden. Am 11. September antwortete der Präfekt dem Minister (genauer: dem Deuxième Bureau), dass Madame Clérisse vom 12. bis 21. August unter dem Namen d‘Andurain aus Bayonne kommend im Hôtel du Rocher gewohnt habe, dass ihre Anwesenheit nicht aufgefallen sei und anscheinend keine Gefahr für die öffentliche Ruhe dargestellt habe; ihre Anwesenheit habe lediglich der Familie missfallen, die bei verschiedenen Persönlichkeiten vorstellig geworden sei. (s. retours) Im Mai 1934 erschien eine von ihr verfasste Artikelserie in der Zeitung Le Courrier de Bayonne unter dem Titel „Mektoub“, im Intransigeant unter dem Titel „Sous le voile de l’Islam“.Drôle de mère, S. 157; die Artikel wurden 1947 in überarbeiteter Form unter dem Titel „Le Mari Passeport“ als Buch publiziert (s. Quellen).

Nachdem sie in den Nahen Osten zurückgekehrt war, heiratete sie am 5. Dezember 1936 in Beirut erneut ihren ersten Ehemann.s. retours Dieser wurde gut drei Wochen später, am 28. Dezember 1936, in Palmyra zum Todesdatum s. retours mit 17 Messerstichen getötet,Drôle de mère, S. 256ff., „stabbed to death“ (Life Magazine, 27. Januar 1947, S. 115), aber: „starb an einer Vergiftung“ („Ihre Freundschaft hieß – Tod“ in: Der Spiegel, 4. Januar 1947) wobei das Motiv unklar blieb und kein Täter ermittelt wurde.„Obwohl Marga und ihr Sohn ein Komplott französischer Offiziere vermuten (und es anzeigen), bei denen offenbar alle Fäden zusammenlaufen, geht man von einem Racheakt der Familie Süleymans aus.“ (Énard S. 154) Fast unmittelbar danach verließ sie den Nahen Osten für immer.