mini|Houria Bouteldja (2016) Houria Bouteldja (* 5. Januar 1973 in Constantine, Algerien) ist eine franko-algerische Politaktivistin und Sprecherin der Parti des Indigènes de la République (PIR),Funktionsbeschreibung Houria Bouteldjas auf der Website der PIR die sich als antirassistische Kämpferin gegen Islamophobie und Neokolonialismus bezeichnet. Sie ist Gegenstand vieler Kontroversen.

Biographie Houria Bouteldja studierte angewandte Fremdsprachen (Englisch und Arabisch) in Lyon. Seit 2001 ist sie Mitarbeiterin des Institut du monde arabe in Paris, wo sie für die Raumvergabe zuständig ist.Anne-Sophie Mercier: „La Politique du PIR“, Le Canard enchaîné, 15. Nov. 2017, S. 7.

Im Jahr 2003 war sie an der Gründung des Kollektivs „Les Blédardes“ („Bled“ ist ein populäres Wort unter Immigranten für das Heimatland oder das Heimatdorf) beteiligt. In einem anderen Kollektiv, „Une école pour tous et toutes“ („Eine Schule für alle – Schüler und Schülerinnen“), bekämpfte sie das Gesetz über das Zeigen religiöser Symbole in öffentlichen Schulen,„Pétition contre l’interdiction du voile à l’école“ (Archiv), lmsi.net, 15. März 2004 da sie das Verbot, den Schleier zu tragen, als „neokoloniale“ PraxisHouria Bouteldja: oder gar als „neue Dreyfus-Affäre“Houria Bouteldja, Catherine Grupper, Laurent Lévy, Pierre Tévanian: „Le voile à l'école: une nouvelle affaire Dreyfus“, Jan. 2004 betrachtet.

Im Januar 2005 war Bouteldja eine der Initiatorinnen des Aufrufs,„Appel pour les assises de l’anticolonialisme postcolonial: Nous sommes les Indigènes de la République!“, in: Jérémy Robine: „Les "indigènes de la République": nation et question postcoloniale“, cairn.info, 2006 der die „Indigene Bewegung der Republik“ („Indigènes de la République“) ins Leben rief und deren Sprecherin sie wurde. Die „Indigenen der Republik“ stellen sich als eine Bewegung dar, die die koloniale Vergangenheit Frankreichs anprangert, gegen die Diskriminierung der „Nachkommen der kolonialisierten Bevölkerung“ und ganz allgemein gegen die rassistische und kolonialistische Ideologie kämpft, von der sie glauben, dass sie die gegenwärtige Sozialpolitik des französischen Staates prägt.Romain Bertrand: „La mise en cause(s) du «fait colonial»“, in: „Politique africaine“, Éditions Karthala, 2006/2 (Heft-Nr. 102)

Im Jahr 2014 erhielt sie den Preis „Kampf gegen Islamophobie“ von der „Islamic Human Rights Commission“, einer gemeinnützigen Organisation, die sich gegen die „Verletzung muslimischer Rechte“ einsetzt und als islamistische Vereinigung „nahe der Hamas und als Brückenkopf zur khomeinistischen Lobby“ gilt, wie mehrere Journalisten und Aktivisten, darunter Caroline Fourest, berichten.Caroline Fourest: „Éloge du blasphème“, hier im Kap. Brouiller l’alerte; Grasset, Paris, 2016

Bei der Ernennung von Fadela Amara, Präsidentin von Ni putes ni soumise (einer Vereinigung, die gegen den Sexismus in den französischen Vorstädten kämpft), zur Staatssekretärin für Stadtpolitik im Juni 2007, erklärte sie, es handle sich um eine „Förderung von Islamophobie und Rassismus“.

Im November 2017 lud die Universität von Limoges Houria Bouteldja zu einem Seminar über postkoloniale Studien ein, das wegen seiner kontroversen Positionen eine Debatte auslöste. Nachdem der Präsident der Universität, Alain Célérier, sich positiv über die Einladung geäußert hatte, zog er sie letztendlich zurück und wies auf die „Gefahr einer Störung der öffentlichen Ordnung“ hin. Die Ministerin für das Hochschulwesen, Frédérique Vidal, forderte daraufhin die Universitäten auf, „wachsam zu sein“.Marie-Estelle Pech: „Quand un antiracisme dévoyé s'immisce dans l'éducation“, Le Figaro, 25./26. Nov. 2017, S. 11

Juristische Affären Nachdem sie am 10. Mai 2010 wegen rassistischer Beleidigung aufgrund der Verwendung des Begriffs „souchien“Rassistisch-migrantische Beleidigung gegen autochthone Franzosen; deutsch etwa „Drecksköter“ (wörtl. Unterhund) angeklagt wurde, wurde sie am 25. Januar 2012 freigesprochen.

Am 24. Oktober 2012 wird sie vor dem Institut du monde arabe von einem Mann mit Farbe besprüht. Zu dieser Tat bekannte sich am darauf folgenden Tag die jüdische Ligue de défense juive (LDJ).„La porte-parole des indigènes de la république agressée à Paris“, Libération, 25. Okt. 2012 Der Attentäter Daniel Benassaya, Webmaster der LDJ, wurde im Mai 2016 zu sechs Monaten Haft mit Bewährungsstrafe und 8.500 Euro verurteilt., Le Courrier de l’Atlas, 31. Mai 2016

Politische Positionen Houria Bouteldja beschreibt sich selbst als antirassistische Aktivistin, die sich gegen Islamophobie und Neokolonialismus engagiert; sie ist dabei ihrerseits Gegenstand zahlreicher Kontroversen. Sie wird insbesondere beschuldigt, antisemitisch, homophob, sexistisch, kommunitaristisch und rassistisch zu sein.Vgl. „La dérive identitaire de Houria Bouteldja“, Libération, 24. Mai 2016

In einem Artikel mit dem Titel „Les habit neufs du doriotisme“ prangerte sie 2006 die ihrer Meinung nach „national-populistischen Neigungen einer bestimmten Anzahl von Akteuren der französischen Linken“ an, wobei sie namentlich auf die Redaktion von Charlie Hebdo zielte.Houria Bouteldja et Omar Benderra: , oumma.com, 23. Feb. 2006

Während sie behauptet, „ambivalente Gefühle“ gegenüber dem umstrittenen Komiker Dieudonné zu haben, der regelmäßig wegen seines Antisemitismus kritisiert wird, lobt sie seine „Haltung des Widerstands gegen die weiße Welt“ und die „Zionisten“.Gilles-William Goldnadel: „Petit rappel de la litanie raciste d'Houria Bouteldja à une Insoumise amnésique“, lefigaro.fr, 7. Nov. 2017

Im November 2011 unterzeichnete sie ein Manifest, in dem die Unterstützung, die Charlie Hebdo nach dem Brandanschlag auf seine Räumlichkeiten erhielt, angeprangert wurde.

Im Jahr 2016 veröffentlichte Bouteldja das Buch „Les Blancs, les Juifs et nous – Vers une politique de l’amour révolutionnaire“ („Die Weißen, die Juden und wir – Zu einer Politik der revolutionären Liebe“), das heftige Kontroversen auslöste. Verschiedene Medien und politische Beobachter warfen Houria Bouteldja vor, rassistische und homophobe Meinungen zu vertretenBruno Rieth: „Indigènes de la République: Thomas Guénolé démontre le racisme, la misogynie et l’homophobie de Houria Bouteldja“, Marianne, 21. März 2016 und innerhalb einer rein kommunitaristischen Logik zu argumentieren.Jack Dion: „Houria Bouteldja ou le racisme pour les nuls“; marianne.net, 9. April 2016 Der Chefredakteur von Le Monde diplomatique, Serge Halimi, wirft ihr vor, dass sie die Linke dazu aufruft, „alles – soziale Dominanz, männliche Dominanz, Verfolgung sexueller Minderheiten – dem Kampf gegen die weiße 'Hegemonie' unterzuordnen“. Und dies auf der Grundlage einer „theoretischen Reflexion, die letztlich nur eine einzige Variable beinhaltet, nämlich 'Westen' gegen 'Indigene', symmetrisch konzipiert in Blöcken, die fast immer homogen, solidarisch und unveränderlich sind“.

Nach Halimis Ansicht werden in dieser Konzeption „alle historischen Leuchttürme des jahrhundertealten Kampfes um die Emanzipation des Menschen (Rationalismus, Gewerkschaftsbewegung, Sozialismus, Feminismus, Internationalismus) von den Strömen des Essentialismus und der Religion hinweggefegt“.Serge Halimi: „Ahmadinejad, mon héros“, Le Monde diplomatique, August 2016

Polemik zur Verwendung des Wortes „souchien“ In der Fernsehsendung „Ce soir (ou jamais!)“, zu der Bouteldja oft eingeladen wurde, erklärte sie in der Ausgabe vom 2. Juni 2007:

Houria Bouteldja behauptete,Vgl. im Folgenden Houria Bouteldja: „Sur une polémique qui ne cesse pas de rebondir – Petite leçon de français d’une sous-sous-chienne aux souchiens malentendants“, indigenes-republique.fr (PIR), 7. Juli 2007 sie habe unmissverständlich von „souchiens“ gesprochen, einer grammatikalisch korrekten Wortschöpfung, die aus dem Ausdruck „Français de souche“ (etwa: gebürtiger Franzose) und nicht von „sous-chiens“ (etwa: Unter-Hunde) konstruiert wurde. Infolge der zunehmenden Kontroverse hat sie diesen Punkt mehrfach geklärt, insbesondere in einem eigenen Artikel mit dem Titel „Petite leçon de français d' une sous-sous-chienne aux souchiens mal audiants“ („Kleine Französisch-Lektion einer Unterunterhündin für die schwerhörigen Souchiens“).

Die Wochenzeitschrift Marianne nahm als erstes Medium an der Polemik am 28. Juni 2007 mit einem Beitrag teil mit dem Titel „Une petite leçon de racisme“ („Eine kleine Lektion in Sachen Rassismus“). Für den Autor ist der Begriff „souchien“ eine getarnte Beleidigung, die absichtlich mit dem gleichlautenden „sous-chien“ spielt. Indem sie sich selbst als „Unterunterhündin“ bezeichnete, wies Bouteldja die Anwürfe zurück. Sie habe mit der Neuschöpfung „souchien“ nur die autochthonen Franzosen oder die „Weißen“ bezeichnen wollen.Vgl. vorangegangene FN zum Bouteldja-Artikel in indigenes-republique.fr

Als der Minister Brice Hortefeux fast ein Jahr später erneut versicherte, dass Bouteldja „die Franzosen als Unterhunde behandelt“ und versprach, nicht zuzulassen, dass solche Ausdrücke straflos ausgesprochen würden,Vgl. Éric Mandonnet und Laurent Chabrun: „Sarkozy n'a pas la nature d'un Machiavel“, L’Express, 28. Mai 2008 bekräftigte ein Kommuniqué des Parti des Indigènes de la République, PIR, dass es sich um falsche Anschuldigungen handle.Vgl. „Hortefeux s'en va en guerre. Contre le racisme? Non… Contre le MIR!!!“, Indigènes de la République, 30. Mai 2008

Die Alliance générale contre le racisme et pour le respect de l’identité française et Chrétienne („Allianz gegen den Rassismus und für den Respekt der französischen und christlichen Identität“; Agrif), die als rechtsextrem eingestuft wird, reichte am 10. Mai 2010 in Toulouse eine Klage gegen Bouteldja wegen rassistischer Beleidigung ein. Am 25. Januar 2012 verlieren die Agrif und Bernard Antony den Prozess, und Houria Bouteldja wird freigesprochen., Libération, 25. Jan. 2012 Das Strafgericht Toulouse begründete sein Urteil folgendermaßen: „Der Ausdruck ‚Français de souche‘ war im offiziellen Sprachgebrauch üblich und bezeichnete im Ausland lebende französische Siedler und Expatriates, insbesondere in Algerien“, „wurde aber ab den 1980er Jahren auf neorassistischer Basis im Rahmen der Politisierung des Themas der Einwanderung instrumentalisiert“. Das Tribunal erinnert jedoch daran, dass der Begriff „Français de souche“, auf dem der Ausdruck „souchien“ basiert, mit respektablen Konnotationen einhergehe.

Die Zivilkläger und die Staatsanwaltschaft haben daraufhin Berufung eingelegt. Für den Generalanwalt des Berufungsgerichts ist der Begriff „souchien“ eine „rassistische Beleidigung“.

Houria Bouteldja wurde am 19. November 2012 vom Beschwerdegericht in Toulouse freigesprochen;„Houria Bouteldja relaxée en appel“, Le Figaro, 19. November 2012 die Kassationsklage von Agrif wurde am 14. Januar 2014 abgewiesen.„Chambre criminelle, 14 janvier 2014, 12-88.282, Inédit“, Cour de cassation, Légifrance

Der Begriff „souchien“ wird insbesondere von der rechtsextremen Gruppe Jeunesses Nationalistes („Nationalistische Jugend“, 2011 von Alexandre Gabriac (geb. 1990) gegründet) verwendet, die dazu aufruft „die Rebellion der Souchiens auf die Straße zu bringen“,, Le Monde, Droites extrêmes, 28. September 2012. mit dem Slogan: „Bouteldja, du bist im Arsch! Die Souchiens sind auf der Straße.“

Naher Osten In der TV-Sendung „Ce soir (ou jamais!)“ verkündete sie:

In derselben Sendung sprach sie sich gegen die „zionistische Lobby“ aus. Auf einem Foto posierte Bouteldja lächelnd neben einem Schild mit der Aufschrift: „Die Zionisten in den Gulag“.Bruno Rieth: „Indigènes de la République: Thomas Guénolé démontre le racisme, la misogynie et l’homophobie de Houria Bouteldja“, Marianne, 21. März 2016

Anlässlich des Marsches der „Indigenen Völker der Republik“ am 8. Mai 2008 antwortete sie, befragt zur Präsenz von Schildern mit dem Bildnis des Hamas-Gründers Ahmad Yasin:„Marche contre la république raciste et colonisatrice“, Houria Bouteldja im Video (Dailymotion, 3 min.), 8. Mai 2008