Lichtnahrung oder Breatharianismus ist eine Bezeichnung für ein wissenschaftlich widerlegtes und potenziell tödliches esoterisches Konzept, wonach die für das Leben notwendige Energie aus „feinstofflicher Energie“ gewonnen werden soll. Dadurch soll es möglich sein, ohne feste und flüssige Nahrung zu überleben. Wissenschaftlich betrachtet sind solche Behauptungen falsch. Vertreter dieser Vorstellung ignorieren die biologische Tatsache, dass Menschen ebenso wie alle anderen Säugetiere und Tiere generell heterotrophe Organismen sind und damit organische Substanzen und Wasser zum Aufbau des Körpers benötigen. Zudem kann Licht nicht zur Photosynthese genutzt werden, da chemische Verbindungen aus der Umgebung aufgenommen werden müssen. Die angeführten Erklärungsversuche basieren auf Fehlvorstellungen hinsichtlich der für das Überleben notwendigen Menge an Energiezufuhr, der tatsächlich zugeführten Nahrungsmenge, Vernachlässigung der zugeführten Nahrungsenergie in Flüssigkeiten oder unbewusste Nahrungsaufnahme beispielsweise beim Schlafwandeln.Vgl. Berit Uhlmann: Darben ohne Narben? „Sie sind in der Fastenzeit wohl gelitten: Legenden von Asketen, die nur von Luft und Glauben leben. Doch wie lange kann der Mensch tatsächlich hungern?“ sueddeutsche.de vom 4. Februar 2008 Ein dauerhafter Verzicht auf feste und flüssige Nahrung führt aufgrund biologischer Gegebenheiten zwangsläufig zum Tod.

Geschichte

Berichte über Menschen, die angeblich keine oder nur sehr wenig Nahrung zu sich nahmen, gibt es seit Jahrhunderten. So soll der Schweizer Einsiedler Niklaus von Flüe (1417–1487) angeblich in den letzten 19 Jahren seines Lebens außer Wasser und der Eucharistie nichts zu sich genommen haben. Im 19. Jahrhundert waren in Europa Hungerkünstler populär, die längere Nahrungslosigkeit öffentlich zur Schau stellten. Die bekanntesten Vertreter dieser „Kunst“ waren Giovanni Succi und Wilhelm Bode alias Ricardo Sacco. Berichte über Betrugsfälle führten im 20. Jahrhundert zu einer nachlassenden Popularität des Schauhungerns.Peter Payer: Wiener Zeitung, 14. Dezember 2001.

Die Lichtnahrung wurde vor allem durch die Australierin Ellen Greve, die sich selbst Jasmuheen nennt, bekannt. Sie behauptet, seit 1993 keine Nahrung im herkömmlichen Sinne mehr zu benötigen, jedoch aus gesellschaftlichen Gründen und in sehr geringen Mengen ab und zu eine Kleinigkeit zu essen. In einem von ihr vorgeschlagenen 21-tägigen „Lichtnahrungsprozess“ soll sich der Körper angeblich darauf einstellen, keinerlei feste Nahrung und Flüssigkeit mehr zu benötigen, sich also nur noch von „Licht“ zu ernähren. Dieser 21-tägige „Lichtnahrungsprozess“ sieht unter anderem vor, dass sieben Tage lang durchgehend weder gegessen noch getrunken, an den folgenden vierzehn Tagen nur getrunken werden soll. Nach Beendigung der 21 Tage könne wieder normal gegessen werden. Es soll von diesem Zeitpunkt an durch den Prozess und mit Hilfe von „Energiewesen“ möglich sein, auf „feststoffliche“ Nahrung zu verzichten. Bislang ist es Greve nicht gelungen, ihre Thesen zu beweisen. Sie konnte 1999 in einem Selbstversuch unter kontrollierten Bedingungen keinen Beweis dafür erbringen, dass die postulierte Aufnahme von „Lebensenergie“ feststoffliche Nahrung ersetzen kann. Das Experiment wurde nach vier Tagen aufgrund der fortschreitenden Dehydratation und des deutlichen Gewichtsverlustes abgebrochen.Fernsehdokumentation über den Selbstversuch von Jasmuheen, australische Version der Fernsehsendung 60 Minutes, 1999

Durch Anwendung von Greves Theorien kamen bereits mehrere Menschen zu Tode.Zitat: … In her book 'Living on Light', Jasmuheen tries to animate people worldwide to follow her drastic nutrition rules in order to boost their quality of life. Several deaths have been reported as a fatal consequence … P. Heusser, U. Wolf, H.M. Vonwiller, N. Messerli, K. Laederach-Hofmann: Nutrition with 'light and water'? In strict isolation for 10 days without food - a critical case study. Forsch Komplementmed. 2008 Aug;15(4):203-9. PMID 18787329. A. Wolfsgruber: Licht, Luft und Leichen. In: Focus 29, 1999Tom Walker und Judith O'Reilly: 3 Todesfälle im Zusammenhang mit dem 'Lichtnahrungs-Kult. In: The Sunday Times vom 26. September 1999 (englisch) In ihrem ersten Buch distanziert sich Greve von jeglicher Verantwortung gegenüber gesundheitlichen Schäden. Ab dem Jahr 2004 empfahl sie jedoch statt des 21-tägigen „Lichtnahrungsprozesses“ die „Sanften Wege zur Lichtnahrung“. Die Umstellung von feststofflicher Nahrung auf feinstoffliche Lebensenergie soll dabei nur sehr langsam über Jahre hinweg verlaufen.

In den Jahren 2003 und 2010 sorgten die Berichte über die Untersuchung des indischen Yogis Prahlad Jani für weltweite Schlagzeilen. Jani gab an, seit Jahrzehnten weder zu essen noch zu trinken. Die beiden Untersuchungen wurden von Kritikern als unwissenschaftlich bezeichnet,Guardian: India's man who lives on sunshine sie wurden nicht wissenschaftlich publiziert.

Im September 2010 erschien der österreichische Dokumentarfilm Am Anfang war das Licht, der Lichtnahrung thematisiert. Der Filmemacher Peter-Arthur Straubinger besucht im Film Menschen, die behaupten, sich von Licht zu ernähren, befragt Esoteriker, Ärzte und Wissenschaftler und sucht nach Erklärungen, wie Lichtnahrung funktionieren könnte. Entgegen der etablierten Wissenschaft vertritt der Film die Auffassung, Lichtnahrung als Phänomen existiere tatsächlich. Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, aufgerufen am 10. Oktober 2010 In den österreichischen Medien wurden der Film und die Aussagen Straubingers kontrovers diskutiert. Kritiker bewerten den Film als antiaufklärerisch und manipulativDer Standard: So wertvoll wie ein kleiner Fake, 22. September 2010diepresse: Schwere Kost Lichtnahrung, 18. September 2010 und werfen Straubinger einen unverantwortlichen Umgang mit dem Thema vor. ORF, 24. September 2010.

Todesfälle Im März 1997 starb ein damals 31-jähriger Münchner nach einer radikalen Fastenkur an einem Kreislaufkollaps.

Eine 53-jährige Neuseeländerin starb im Juni 1998 nach einer Woche Fasten an einem Schlaganfall, verursacht durch den Flüssigkeitsverlust.

Die 48-jährige Australierin Verity Linn wurde im September 1999 von Wanderern tot an einem See mit ausgemergeltem Körper gefunden. Aus ihrem Tagebuch ging hervor, dass Linn einen Lichtnahrungsprozess absolviert hatte.

Im April 2012 berichtete der Tages-Anzeiger über den Fall einer Schweizerin, die nach dem Betrachten des Films Am Anfang war das Licht beschloss, sich von Licht zu ernähren und infolgedessen verhungerte.Hugo Stamm: Vom Licht ernährt bis in den Tod. In: Tages-Anzeiger vom 25. April 2012

Wie Recherchen des NDR ergaben, verstarb Ende 2017 ein 22-jähriger Deutscher auf der Karibik-Insel Dominica, der schon vor seiner Abreise gefastet hatte. Zeugenberichten zufolge habe er dort erneut tagelang gefastet und Familie und Freunden mitgeteilt, sich von Licht ernähren zu wollen. Er wurde, kurz bevor er starb, unbekleidet auf einer Lichtung im Regenwald von einem Einheimischen gefunden, konnte aber von diesem nicht gerettet werden. Die oberste Staatsanwältin der Insel bestätigte, dass er vor seinem Tod gefastet habe und dass dies wahrscheinlich zu seinem Tode geführt habe.Hristio Boytchev, Christian Deker: Die Lichtnahrung, Panorama – Die Reporter auf NDR.de, 12. März 2019NDR-Recherche: Deutscher wollte sich offenbar von Licht ernähren – jetzt ist er tot, focus.de, 13. März 2019Deutscher "ernährte" sich nur von Licht und starb, kurier.at, 13. März 2019

2024 starb das Baby eines russischen Rohkost-Influencers, nachdem er die Ernährung des Babys unter Zwang auf Lichtnahrung umstellte. Das Stillen des Säuglings durch die Mutter wurde vom Vater verhindert, wodurch es in einem Alter von etwa einem Monat verhungerte.

Medizinische Bewertung Der von Greve vorgeschlagene 21-tägige „Lichtnahrungsprozess“ sieht vor, sieben Tage lang weder zu essen noch zu trinken. Offensichtlich und aus medizinischer Sicht nachgewiesen ist das Risiko groß, dabei zu verdursten. Ab dem dritten Tag ohne Flüssigkeitszufuhr steigt das Risiko der tödlichen Dehydratation, so dass mit Schädigungen der Niere bis hin zum Nierenversagen gerechnet werden muss.Rolf Degen: Den Löffel ganz abgeben! In: Tabula. Zeitschrift für Ernährung. Nr. 2 (April 2003), S. 10 f.; PDF online Wie viele Tage gänzlich ohne Wasser überlebt werden können, ist vom Grundumsatz und der Umgebungstemperatur abhängig. Komapatienten, bei denen die Zufuhr von Wasser und Nahrung unterbrochen wurde, überlebten zwischen 10 und 14 Tagen.Scientific American: How long can a person survive without food?, 8. November 2004 Der in einer Zelle vergessene Häftling Andreas Mihavecz überlebte 18 Tage ohne feste und flüssige Nahrung. Nur die Feuchtigkeit an den Wänden der Zelle diente ihm als minimale Wasserquelle.Beamte vergaßen Häftling in der Zelle: Verurteilt, Hamburger Abendblatt, 6. November 1979

Nach Aussagen von ExpertenW. Siegenthaler: Klinische Pathophysiologie. Thieme, Stuttgart 2006, ISBN 3-13-449609-7. kann ein gesunder Erwachsener etwa 50 bis 80 Tage der Nahrungslosigkeit bei ausreichender Wasserzufuhr überstehen, bei adipösen Menschen kann sich dieser Zeitraum weiter verlängern. Aus Beobachtungen an Hungerstreikenden ist bekannt, dass diese nach 50 bis 60 Tagen der Nahrungslosigkeit den Hungertod starben.

Greve behauptet im Rahmen ihrer „Lichtnahrungslehre“, dass es nicht nötig sei, Nahrung oder Flüssigkeit zu sich zu nehmen, sobald sich der Körper in einem mehrwöchigen Umstellungsprozess an die vermeintliche „Lichtnahrung“ gewöhnt habe. Ein Beweis für diese Hypothese konnte bislang nicht angeführt werden. Beobachter berichten zudem davon, sie beim Essen gesehen zu haben. Greve bestreitet dies selbst nicht. Anhänger ihrer Lehre, die in Deutschland großen Zuspruch fand,Face behind food-free teaching. Aufgerufen am 5. Juni 2010. nehmen zwar nach eigenen Angaben keine feste Nahrung zu sich, ernähren sich aber stattdessen von flüssiger Nahrung. Prinzipiell ist es möglich, über einen sehr langen Zeitraum hinweg die zum Leben notwendigen Nährstoffe und Nahrungsenergie über Flüssigkeiten (Fruchtsäfte, Milch, Suppen, „Astronautenkost“) zu sich zu nehmen. Dies wird beispielsweise bei der Ernährung mit einer Magensonde auch bei bewusstlosen oder komatösen Patienten bis zu mehrere Jahre lang in Kliniken oder am Wohnort praktiziert. Der völlige Verzicht auf Trinkwasser führt jedoch innerhalb weniger Tage zu einer lebensbedrohlichen Situation, wie Greve 1999 während eines von Kamerateams überwachten Selbstversuchs selbst erlebte, als sie zunehmend dehydrierte. Zudem verlor sie durch den Nahrungsentzug an Gewicht und erlitt Sprachstörungen.